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Ijelirbuch
der
jreliirnkranklieiteii
für
Aerzte und Studirende
Dr. C. Wernicke,
Privat-Docent an der Universität J>er!iii.
Band II.
KASSEL & BERLIN.
Verlag- von Theodor Fiscliei-
1881.
(.i^lle X2.ecli.te rrcr'beli.a.lteia..)
Druek von Gebr. GotÜislft m K&sse].
Vorwort zimi zweiten Bande.
Die allgemeine Pathologie dei- Herderkrankungen, welche ich
hiermit dem ärztlichen Publikmii miterbreite, setzt sich die Aufgabe,
die Symptome localer Gehirnaifectionen unter den wechselnden Be-
dingungen, welche aus der Verschiedenheit der Krankheitsprocesse
resultiren, darzustellen und in ihrer Gesetzmässigkeit nachzuweisen.
Sie beschäftigt sich also vorzüglich mit denjenigen Wirkungen
einer localen Affection, welche A'ariable sind, während es Gegen-
stand einer speciellen Pathologie sein w^ird, die unabänderlich an
die Läsion eines bestimmten Ortes gebundenen Symptome nachzu-
weisen und der Reihe nach alle Localitäten des Gehirns in
dieser ihrer Wirkungsweise kennen zu lehren. In gewissem Sinne
hat unsere erste Aufgabe die Erledigung der zweiten zur Voraus-
setzung, denn wir können gar nicht daran denken, sie anzugreifen,
so lange es noch zweifelhaft ist, ob überhaupt die Localität eines
Herdes einen Einfluss auf die zu beobachtenden Symptome besitzt
und ob dieser Einfluss bei gleicher Lage des Herdes ausnahmslos
der gleiche sei. Mit einem Worte: Die „Theorie der Localisation",
dieses Schlagwort, welches jetzt fast in jeder Arbeit wiederkehrt,
sie darf für uns nicht Theorie , die Frage der Localisation keine
Frage mehr sein; es ist das Factum der Localisation, welches für
unsere Arbeit die nothwendige Unterlage bildet.
In der Anerkennung dieses Factums sind wir den Traditionen
zweier Vorgänger, B o u i 1 1 a u d ' s und B r o c a ' s treu geblieben, mit
welchem Rechte, soll der Inhalt dieses Bandes beweisen. Es wird
daraus hervorgehen, .wie weit wir von dem Standpimkt eines be-
freundeten Forschers*) entfernt sind, welcher sich wohl des historischen
*) Cf. H. Muiik. Ueber die Functionen der Gro.sshivnrinde. Berlin 1881.
Vorwort.
JY Vorwort.
Zusammenhanges nicht bewusst ist, wenn er als leitenden Gedanken
seiner Untersuchungsreihe angiebt, die Localisation der Hirnfunctionen
sei für ihn ein physiologisches Postulat gewesen. Bekämpfen doch
noch heute nicht minder scharfsinnige Physiologen, die dasselbe
Desiderat verspüren, aufs heftigste die Localisation und erklären
sie für eine Irrlehre.
Wer einigermaassen den Gang der öifentlichen Meinung unter
den Aerzten verfolgt hat, dem kann nicht entgangen sein, dass der
erste Rückschlag gegen die trostlose Lehre von Flourens von
dessen Landsleuten Bouillaud und Broca*) ausgegangen ist, und
dass namentlich der Letztere mit seinem Befunde einer ganz circum-
scripten Läsion bei Kranken, welche durch einen Schlaganfall ihr
Sprachvermögen eingebüsst hatten, einen nachihaltigen Eindruck
hervorbrachte. Dass eine einzige solche Thatsache, sobald sie sich
als gesetzmässig herausstellte, über das Princip entschied, konnte
keinem Einsichtigen zweifelhaft sein. Dies war auch der wesent-
liche Grund, weshalb sie die allgemeine Aufmerksamkeit erregte
und zeitweilig den dominirenden Gegenstand der Discussion bildete.
Das Resultat freilich dieser Debatte , in welcher namentlich
Trousseau den gegnerischen Standpunkt vertrat, gehört zu den
unerfreulichsten Erscheinungen in der Geschichte der Wissenschaft;
es war ein ganz fruchtloses, das die Gegensätze verschiedener,
sich anscheinend widersprechender Thatsachen unversöhnt bestehen
lassen musste. Dass jene Widersprüche nur scheinbar waren, war
erst nachzuweisen, nachdem diirch anatomische Forschungen
Meynert's eine klarere Vorstellung von dem Bau des Gehirns
und von den möglichen Functionen seiner Rindenschicht ge-
wonnen war.
Bis dahin war jede, auch die abenteuerlichste Vorstellung von
den Functionen des Grosshirns , selbst die Gall'sche Organologie,
erlaubt, und gegenüber dem unendlich complicirten Fasergewirre,
mit dem man es zu thun zu haben glaubte, konnte fast jede be-
liebige Vermuthung mit demselben Recht erwarten, dass sie sich
bestätigen werde. Meynert**) dagegen hat gezeigt, dass mit dem
Bau des Gehirns nur eine einzige ganz bestimmte Auffassung seiner
Functionen vereinbar ist, die ich hier in kurzen Worteii wiederzugeben
suchen will. Ich knüpfe dabei an ein Beispiel an, dessen sich Meynert
*) Cf. Th. I. S. 200—203.
**) Cf, Th. I. §. 17,
Vorwort. V
in seiner Vorlesung zu bedienen pflegte. Es wirke ein sensibler
Reiz, z. B. ein angenäherter Finger auf die Lidhaut des Kindes
ein, so erfolgt vermittelst eines eingeschalteten Centralorganes, einer
Ganglienzellenstation, eine Reflexbewegung, das Auge wird ge-
schlossen. Derselbe Vorgang geht später nicht vor sich, ohne dass
die Grosshirnrinde als Organ des Bewusstseins daran Theil nimmt.
Es gelangt von dem sensiblen Reiz gleichzeitig eine Empfindung
E in eine sensible Partie des Grosshirns und bleibt dort als Erin-
nerungsbild der Empfindung deponirt, und von der stattgefundenen
Reflexbewegung erhält das Grosshirn ebenfalls eine Nachricht B,
eine Empfindung des Bewegungsvorganges , von welcher ein Erin-
nerungsbild , die Bewegungsvorstellung , ebenfalls zurückbleibt.
Wird später der Finger dem Auge wieder genähert, so vermag das
Kind willkürlich das Auge zu schliessen, und dieser Vorgang ge-
schieht so, dass der Erregungsvorgang von E aus vermittelst einer
praeformirten Faserleitung E B auf B übertragen , mit anderen
Worten, dass von dem Erinnerungsbilde der Empfindung aus durch
eine präformirte Associationsbahn die Bewegungsvorstellung erweckt
wird, welche mm im Stande ist, vermittelst einer besonderen centri-
fugalen Leitung dieselbe Zellengruppe zu innerviren, die auch
zur Auslösung des Reflexvorganges diente, so dass nun dieselbe
Bewegung spontan erfolgt. In diesem Sinne betrachtet Meynert
die Bewegungsvorstellungen als die Ursache und den Ausgangsort
von Bewegungen. Diese können einmal spontane oder Willensbe-
wegungen sein, wenn sie auf der Bahn der Association ausgelöst
werden. Andrerseits kann aber irgend ein anderer Reiz, z. B. der
eines pathologischen Processes an derselben Stelle angreifen , es
entsteht dann eine Bewegung von dem Anschein der spontanen
Bewegung, ohne dass dieselbe dem Individuum selbst motivirt er-
scheint , und dies ist der Begriff der maniacalischen Bewegung*).
Es ist allgemein anerkannt, dass die Bewegungen gewisser Geistes-
kranken, welche unter dem Einfluss eines unbewussten Bewegnngs-
dranges zu geschehen scheinen, nicht treffender characterisirt werden
können , als es in dieser Weise durch M e y n e r t geschehen ist.
Die Anschauung , dass die Bewegungsvorstellungen die Ausgangs-
orte der Bewegungen darstellen, liegt auch den Hirnwägungen**)
*) Cf. Meynert. Beiträge zur Theorie der maniaealisclien Bewegung-sersi-hei-
imngeii. Arc-li. f. Psych. U. 1870.
**) Cf. W er ni che. Deraphasische Symptuiueiicomplex. Breslaul874. Ö. 6. Aum.
VI ^'orwort.
Meyuerts zu Grunde, welche derselbe bei der progressiven Paralyse
angestellt hat. Bei dieser Form der Geistesstörung ist ganz con-
stant eine progressive Beeinträchtigung der Motilität anzutreffen, es
kommen schliesslich Lähmungen zu Stande , die durch den Verlust
von Bewegungsvorstellungen bedingt sind. Auf Grmid wesentlich
solcher Wägungen gelangte Mejnert als erster zu dem bestimmt
formulirten Satze, dass der vordere Theil des Gehirns motorisch, der
hintere sensorisch sei, was von F r i t s c h und H i t z i g *) in ihrer ersten
Arbeit ausdrücklich anerkannt worden ist. Eine glänzendere Bestätigung
konnte der Standpunkt Mejnert's nicht finden, als die Entdeckung
der genannten Autoren von der electrischen Erregbarkeit des Gross-
hirns in einem gewissen, im Allgemeinen mehr vorn gelegenen Gebiete.
Die eigenthümliche Form**) der Bewegungen, welche man nun im
Stande war, von der Hirnwinde aus künsthch hervorzurufen , ent-
sprach genau den von Mejnert entwickelten Vorstellungen. Die
Grosshirnrinde ist demnach, um den Fundamentalsatz der Mevnert-
schen Lehren noch einmal hervorzuheben, der Sitz von Erinnerungs-
bildern, und zwar sensorischen Erinnerungsbildern in einem hinteren
sensorischen Gebiete , motorischen Erinnerungsbildern oder Be-
wegungsvorstellmigen in einem vorderen, motorischen Gebiete. Von
welcher Tragweite diese Gesichtspunkte waren, erwies sich alsbald
bei ihrer Anwendung auf den speciellen Fall der Aphasie***).
Zunächst liess sich der Defect, welchen Broca schilderte
mid Aphemie nannte , nun leicht verstehen , er bestand in
einem Ausfall der beim Sprechen in Beti-acht kommenden
Bewegungsvorstellungen oder, wie Broca es treffend definirt
hatte, in dem Verlust „de la memoire des mouvements neces-
saires pour arti euler les mots". Hierin zeigte sich das Punctum
saliens jener Discussion. Der Erfolg wäre Broca gesichert gewesen,
wenn er diese Definition schärfer vertheidigt und energischer die Ver-
suche T r 0 u s s e a u ' s , alle möglichen Formen von Sprachstörung
der Broca'schen Aphemie zu substituiren , zurückgewiesen hätte.
denn immer wieder wurde die Erfahrung bestätigt, dass Kranke,
welche in der von Broca geschilderten Weise ilu' Sprachvermögen
verloren, auch eine Zerstörung der von Broca aufgewiesenen Windung
zeigten. Die vereinzelten Ausnahmen, welche auch dann noch bestehen,
*) Arch. f. Anatomie und Physiologie v. Reichert nucl dii Bois-Rey-
moud. 1870.
**) Cf. Th. I. S. 198.
***) Cf. "\Y ernicke. Der aphasische Symptomencomplex. Breslau 1874.
Voiwoit. YII
bleiljen, wo der Verlust der Sprache mit Zerstörungen tieferer Stellen
zusammenfällt, erweisen sich, wie wir sehen werden'^), als Bestäti-
gungen der Regel, indem sie dadurch erklärt werden, dass noth-
wendiger ^Yeise die B r o c a ' sehe Windung durch leitende Fasermassen
mit tieferen Centren verknüpft sein muss und dass deren Zerstörung
denselben Effect haben muss, wie die der B r o ca ' sehen Windung selbst.
Das Princip der Localisation war somit gesichert, indem
sich die Beobachtungen Broca's bestätigten und eine be-
stimmte Form der Sprachstörung wirklich immer mit der
Läsion einer ganz umschriebenen Stelle oder der von ilir ausgehenden
Leitungsfasern zusamiueniiel. Zugleich ersah man an einem solchen
speciellen Falle, was man unter den Bewegungs Vorstellungen zu ver-
stehen hatte. Denn hier ging durch ihren Verlust eine Reihe von
complicirten , aufs Feinste abgestuften und mühsam erlernten Com-
binationen von Muskelwirkungen der Sprachorgane verloren, olme
dass anderweitige gröbere Verrichtungen derselben Organe gelitten
hatten. Dass damit ein ganz bestimmter Lihalt für den Begriff der
Bewegmigsvorstellung gewonnen war, wird man nicht in Abrede
stellen wollen . wenn man auch den tiefen Einblick in ihre Genese
noch vermisste, welchen uns später Munk"^^) eröffnet hat. Xuu zerfiel
aber die Grosshirnrinde nach Mejnert in zwei grosse Territorien,
von denen nur das eine , mit Bewegungsvorstellungen besetzte und
deshalb motorische, für die Broca'sche Aphasie in Betracht kam.
Das andere, sensorische, beherbergte die Erinnerungsbilder der Sinnes-
empfindungen, und irgendwo mussten auch die durch den Acusticus
zugeleiteten ein zu praesumirendes centrales Ausbreitimgsgebiet
dieses Nerven im Grosshirn einnehmen. Aus diesem Gesichtspunkte
gelang es, bei anderen Kranken, die ebenfalls eine aphasische Sprach-
störung zeigten, einen nicht minder umschriebenen Functions ausfall,
den Defect der acustischen Erinnerungsbilder, zu statuiren. Der
neue Zustand*"^*), welchen man bei diesen Kranken beobachtete, war
ebenso ein umschriebener Gedächtnissdefect , wie der von Broca
als Aphemie benannte Zustand. Diese Kranken vermochten die Laute
ihrer Muttersprache nicht wieder zu erkennen, obwohl sie sie vernahmen,
das Gedächtniss dafür war weggewischt und sie verstanden sie eben so
wenig, wie eine fremde Sprache, die man noch nicht erlernt hat.
*) Cf. S. 174 und 182 dieses Bandes.
**) Cf. Th. I. §. 20.
***) Cf. Wer nicke 1. c. S. 39—46
VIII Vorwort. ^
Und wie man allmählich, wemi man nur hört, im Stande ist, eine
fremde Sprache verstehen zu lernen, so lernten auch diese Kranken
wieder das Verständniss ihrer Muttersprache, der Defect wurde wieder
ausgeglichen, aber die Ausdrücke, die ihnen nicht gelehrt wurden
oder die sie zufällig zu hören keine Gelegenheit hatten , blieben
ihnen unverständlich, wie die Vocabeln einer fremden Sprache.
Dass man es hier wirklich mit einem Defecte der acustischen Er-
innerungsbilder zu thun hatte, war unzweifelhaft nach der
Auskunft, welche intelligente Kranke über ihren Zustand gaben.
Die Beobachtung in dieser Richtung war nicht ganz ohne Schwierig-
keit, denn dieser Defect machte sich auch bei der sprachlichen Aeusse-
rung störend bemerkbar , so dass eine besondere , von der
Broca' sehen durchaus verschiedene Form der Aphasie resultirte.
Von dieser musste man abstrahiren, um den eigentlich zu Grunde
liegenden Defect zu erkennen. Als anatomisches Substrat des Defectes
fand sich damals eine circumscripte Zerstörung im Schläfelappen*). Bei
dieser Sachlage hielt ich mich für berechtigt, analoge Erscheinungen
auf anderen Sinnesgebieten, die in Folge eines Schlaganfalls schon
früher und auch von mir mehrfach beobachtet worden waren, z. B.
das nicht Wiedererkennen vermittelst des Gesichtssinnes, in derselben
Weise als Defect der optischen Erinnerungsbilder zu deuten und
eine verschiedene Localisation der sensorischen Erinnerungsbilder
überhaupt je nach den Sinnesnerven als zweifellos zu betrachten.
So stand die Frage von der Localisation auf kliniscliem Gebiete,
als Munk**) seine erfolgreichen Experimente an Hunden und später
an Affen begann. Auch er beobachtete den Ausfall der acustischen
Erinnerungsbilder nach Exstirpationen im Schläfelappen und benannte
denselben Zustand, den ich vom Menschen beschrieben hatte, beim
Hunde als Seelentaubheit. Aber weiter gelang es ihm auch , den
Ort zu bestimmen , dessen Extirpation den analogen Zustand im
Gebiete des Gesichtssinnes zur Folge hatte, er erzeugte Seelenblind-
heit durch Läsionen im Hinterhauptslappen. Daran schloss sich
eine Reihe glänzender Ergebnisse, welche sämmtlich bewiesen, dass
verschiedene Oertlichkeiteu des Gehirns verschiedene Functionen
haben, sowie dass dieselben Functionen bei verschiedenen Thieren
*) Cf. Kahler und Pick: Beiträge zur Pathologie und path. Anatomie
des Centralnervensystems I. Prager Vierteljahrsschrift, 141. Bd., und: Zxvc
Geschichte der Worttaubheit. Prager Ztschr. f. Heilkunde. I. Bd., 1. H.
**) Cf. Th. I. §. 20.
Vorwort. IX
der gleichen Gattung immer an ungefähr gleiche Gehirnstellen ge-
bunden sind. Und immer waren es Erinnerungsbilder, welche mit
Exstirpationen der Grosshirnrinde verloren gingen.
Es war somit die klinische Localisation , welche dem
Thierexperiment voranging und die leitenden Gesichtspunkte für
dasselbe abgab, und Vf. ist überzeugt, dass diese leitenden Gesichts-
punkte niemals einem anderen, als dem intelligentesten Versuchs-
objecte, dem Menschen, hätten abgewonnen werden können. Ein Be-
weis dafür ist der Widerstand, welchen das Localisationsprincip noch
jetzt bei denjenigen Physiologen findet, welche ihre Thiere nicht
unter denselben Gesichtspunkten beobachten konnten, weil ihnen die
maassgebenden Erfahrungen am Menschen fremd geblieben waren.
Die bedeutendsten Vertreter dieser der Localisation feindlichen
Richtung sind bekanntlich Goltz und Brown-Sequard, zwei
um die Pathologie des Nervensystems auf's Höchste verdiente For-
scher, die auf etwas verschiedenen Wegen zu demselben Ergebniss,
dass eine Localisation nicht bestehe, gelangten, und in der öffent-
lichen Meinung um so bereitwilliger Anklang finden mussten , als
es an einer allgemeinen Pathologie der Herderkrankungen des Ge-
hirns, d. h. einer Theorie ihrer Wirkungsweise, noch vollständig
fehlte. Abgesehen von einigen Andeutungen Griesingers*)
und ein paar Aufsätzen des Vfs. **) war bisher noch gar nicht
der Versuch gemacht worden, denjenigen Erscheinungen, welche
man , ohne etwas zu präjudiciren, als N e b e n w i r k u n gen
bezeichnen kann, welche die genannten Physiologen aber als Hem-
mungswirkungen betrachten, je nach der Verschiedenheit des
pathologischen Processes in ihrer Gesetzmässigkeit kennen zu lernen.
Und doch ging die Ueberzeugung aller Kliniker***) dahin, dass
solche Nebenwirkungen bestanden und auch nicht der Gesetzmässig-
keit entbehrten ; doch schien es so schwierig, diesen Gegenstand zu
tractiren , dass man vorzog , mit den darin liegenden Fehlerquellen
weiter zu arbeiten. Man muss anerkennen , dass wirklich ein
Fortschritt durch dieselben nicht vollständig verhindert wurde^
und bekanntlich verdanken wir namentlich C h a r c o t und
*) Diagnostische Bemerkiingen über Hirnkrankheiten. Arch. d. Heilk. I.
**) Cf. Wer nick 8. Erkr.ankiing der inneren Kapsel. Breslau 1875. Die
Theorie des apoplectischen Insultes etc. Dtsch. med. Wochenschr. 1879 , Nr. 27
und 28. Zur Symptomatologie der Hirntumoren. Ibidem 1880, Nr. 28 und 29.
***) Man vgl. z. B. Nothnagel, Klinische Mittheilungen etc. Dtsch. Arch.
für klin. Med. 1876.
X Vorwort.
seinen Schülern*) eine Reihe von Thatsachen, deren Werth
für die Localisation dauernd gesichert erscheint. Aber leider
schlich sich ebenso in Folge der Vernachlässigung dieser Fehler-
quelle eine Anzahl von Irrthümern ein, die mit derselben Autorität
wie die richtigen Thatsachen verkündet wurden und geeignet waren,
die Geltung auch dessen, was richtig war, in Frage zu stellen. Ich
brauche nur daran zu erinnern, dass jene Autoren nicht Anstand
nahmen, das alltägliche Factum zu leugnen, dass Convulsionen und
halbseitige Lähmung durch Herderkrankungen beliebigen Sitzes auch
ausserhalb der sogenannten motorischen Zone verursacht werden
können, dass sie die Betheiligung der Sensibilität bei Erkrankungen
dieser Zone und überhaupt alle Herderscheinungen bei Herden im
Occipital - und Schläfelappeii in Abrede stellten , und dergl. mehr.
Dass die Zahl dieser Irrthümer nicht noch viel grösser war , hatte
nur darin seinen Grund, dass das Material, welches den französischen
Forschern zu Gebote stand, ein sehr bedeutendes war, und dass es
sich somit um eine Statistik mit grossen Zahlen handelt, bei welchen
die Fehler sich gegenseitig ausgleichen und unter Umständen ein
annähernd richtiges Ergebniss resultiren kann. Dass darin nicht
etwa eine Aufmunterung liegt, auf demselben statistischen Wege
fortzufahren, wird Jeder anerkennen, dem an dem Verständniss des
einzelnen Falles gelegen ist, da gerade im einzelnen Falle der Rück-
schluss aus den summarischen Ergebnissen fehlerhaft sein und eine
der häutigen Ausnahmen vorliegen kann. Unsere Absicht geht ge-
rade dahin , den einzelnen Fall in seiner individuellen Schattirung
zu verstehen und den zahlreichen Complicationen, welche die Natur
meistens bietet, mit Bewusstsein gegenüber zu stehen. Denken wir
nur daran, dass die ganz reineii Fälle bei Organerkrankungen jeder
Art die selteneren zu sein pflegen, so dass das Majoritätsprincip
unmöglich darauf anwendbar sein kann. Von den best bekannten
und verstandenen klinischen Bildern, wie beispielsweise den Stenosen
der Herzostien, würde man deshalb eine sehr irrthümliche Vorstellung
erhalten, wenn man sie der Majorität der Fälle entnehmen wollte.
So wird es auch mit dem Gehirn ein vergebliches Bemühen sein,
den wahren Zusammenhang der Erscheinungen zu ermitteln, so
*) Man vergl. namentlich Charcot und Pitres, Contribution k Tetiide
des localisations dans l'ecorce des hemispheres dn cerveaii. Revue mensuelle
de med. et de cliirargie, 1877.
Vorwort. XI
lange man sich nicht den Weg zum Verständniss des einzehien
Falles gebahnt hat.
Die Versuche, den genamiten Fehlerquellen aus dem Wege zu
gehen, Avelche man in neuerer Zeit gemacht hat, dürfen wohl als
verunglückt gelten. So ist man ziemlich allgemein der Ansicht,
dass die Tumoren für die Localisation nicht in Betracht zu ziehen
seien, als ob dieselben sich nicht ebenso gesetzmässig in ihren
Wirkungen wie alle andern Herderkrankungen verhalten müssten.
Von Blutungen und Erweichungen will Nothnagel*), der be-
deutendste und gründlichste Vertreter dieser Bestrebungen, nur die-
jenigen gelten lassen, welche den Character alter und stationärer
Herde an sich tragen , alle übrigen sollen zu irgend welchen
Schlüssen bezüglich der Localisation nicht berechtigen. Nun kann
zwar der frische Herd einen grösseren Functionsausfall bewirken
wie der alte , und er thut es häufig , aber durchaus nicht immer,
wofür eine grosse Zahl von Belägen in diesem Buche beigebracht
ist. Aufgabe des Klinikers ist es demnach , die Umstände festzu-
stellen, von denen dieses verschiedene Verhalten abhängt. Es ge-
nügt nicht, einen beliebigen Termin von mindestens 6 — 8 Wochen
(Nothnagel) festzusetzen, um diesen dann bald einzuhalten, bald
weit darunter zu gehen. Das Willkürliche, was solchen Vorsichts-
maassregeln anhaftet, zeigt sich eben darin, dass sie gar nicht fest-
gehalten werden können und festgehalten worden sind. Nehmen
wir selbst an, Nothnagel hätte den viel gerechtfertigteren Termin
von 2 Jahren gewählt und streng beobachtet, so geht doch aus
dem Inhalt dieses Bandes hervor, dass auch dann noch gewisse
Widersprüche, z. B. betreffs des Sehhügels, bestehen geblieben wären.
Wir werden dadurch in der Meinung bestärkt, dass das richtige
Princip und überhaupt ein Princip nicht darin liegen kann , dass
man irgend einen Zeitpunkt fixirt und ganz willkürlich annimmt, dass
von ihm ab alle Nebenwirkungen verschwunden sein sollen.
Bei der Hirnblutung handelt es sich um die Ruptur einer
Gehirnarterie. Das arterielle Blut strömt aber unter einem erheb-
lichen Drucke, den man mindestens auf 150 mm Quecksilber ver-
anschlagen kann, während die weiche Gehirnsubstanz nur unter
einem positiven Drucke von 10 mm Wasser, dem der Cerebro-
spinalflüssigkeit, steht. Es ist die Gefässwand, welche das Gehirn
*) Cf. Nothnagel. Topische Diagnostik der Gehirnkrankheiten. Berlin, 1879.
Einleitung.
XIT Vorwort.
vor dem heftigen Sliock des andringenden Blutes schützt ; wird
sie durchbrochen, so macht er sich mit voller Gewalt geltend
und gleicht einem Stosse, der gegen eine annähernd flüssige Masse,
die nur ungenügend ausweichen kann, geführt wird. Die Gewalt
dieses Stosses wird je nach der Höhe des in der Arterie herrschenden
Druckes und dem Querschnitt des rupturirten Gefässes verschieden
sein können und in dem Maasse, als sich diese beiden Factoren
ändern, modificii't werden. Meist jedoch erweist sie sich als ziem-
lich beträchtlich, die traumatische Wirkung desselben auf das Ge-
hirn ist in Folge dessen nur selten auf Ort und Stelle der Blutung
oder ihre nächste Nachbarschaft beschränkt, meist erstreckt sie sich
sehr weit und findet erst mit dem Binnenraume einer Hemisphäre
ihre Begrenziing. Ja diese Wirkung kann sich noch weiter er-
strecken und zu einer vorübergehenden Schädigung der anderen
Hemisphäre und der in der hinteren Schädelgrube gelegenen Organe
führen. So entsteht ein Durchschnittsbild der Gehirnblutung : die
unter apoplectischem Anfalle eintretende Hemiplegie , welche also
auf der Schädigung einer ganzen Hemisphäre beruht. Aus diesem
Grunde ist der Ort der Blutung zunächst nicht von Belang, von
jedem Ausgangspunkte kann bei genügender Höhe des Traumas
der gleiche Effect, die Unterdrückung der Function einer Hemi-
sphäre, zu Stande kommen. Erst im weiteren Verlaufe stellt sich,
wenn das Leben erhalten bleibt, die Wichtigkeit der Oertlichkeit,
von der die Blutung ausging, heraus Zunächst verschwinden die
Zeichen der Läsion an den entferntesten Punkten , also, wenn sie
vorhanden waren, die Symptome von Seiten der anderen Hemi-
sphäre und der hinteren Schädelgrube , dann gehen in der durch
die Oertlichkeit bedingten Reihenfolge die übrigen Symptome zurück
und sie reduciren sich schliesslich auf dasjenige Quotum von
Functionsstörungen , welches durch die definitiv zerstörte Nerven-
masse am Orte der Blutung selbst und ihrer nächsten Nach-
barschaft bedingt wird. So gestaltet sich die Rückbildung der
Herdsymptome je nach dem Ausgangspunkte verschieden und es
bleibt als direct verursacht bald dieses, bald jenes Herdsymptom
zurück. Die Herdsymptome müssen demnach als directe und in-
directe unterschieden wei-den, im Anfang sind beide vorhanden und
bilden zusammen das oben gezeichnete Durchschnittsbild der Hirn-
blutung. Ist das Trauma nicht so bedeutend, so entstehen andere,
weniger vollständige Gruppirungen von directen und indirecten
Vorwort. XIII
Herclsymptomen, und dann fehlt meist auch das Zeichen einer
ausgedehnten Mitleidenschaft des Grosshirns, der apoplectische
Insult. Für die Frage der Localisation kann man das Auftreten
des Insultes als Unterscheidungsmerkmal verwerthen, wonach zwei
Reihen von Fällen zu sondern sind, von denen die einen weit mehr
Nebenwirkungen erwarten lassen als die anderen, ohne dass jedoch
bei den ohne Insult eintretenden die Nebenwirkungen gänzlich
fehlen oder bei den mit Insult behafteten eine Gesetzmässigkeit in
der Art dieser Wirkungen vermisst würde.
Mit der acut einsetzenden G e h i r n e r w e i c h u n g verhält es sich
sehr ähnlich. Auch hier führt der Vorgang, welcher die Erweichung
verschuldet, nämlich die plötzliche Gefässverstopfung, zu einer ver-
breiteteren traumatischen Schädigung des Gehirns — auf welche.
Weise, kann hier unerörtert bleiben. Entsteht die Erweichung
unter anderen Bedingungen, wo dieses Trauma nicht Statt hat, so
fehlen auch die Nebenwirkungen, und hier bildet den Gegensatz
zu dei- acut einsetzenden Erweichung durch Embolie die chronische,
progressive Erweichung, deren Wirkungen sich genau nur soweit
erstrecken, als die anatomischen Veränderungen der Gehirnsubstanz.
Zwischen beiden Gegensätzen finden sich manigfache Zwischen-
stufen. Auch bei der Erweichung prägt sich die grössere Ver-
breitung der traumatischen Wirkung in dem Insult aus, und auch
hier Avird das Auftreten des Insultes ein allgemeinstes Merkmal
abgeben , wonach die Fälle in solche mit umschriebeneren
Symptomen und in solche mit erhebhchen Nebenwirkungen
zu scheiden sind. In den Fällen letzterer Art resultirt
wieder ein Durschnittsbild von directen und dazu summirten in-
directen Herdsymptomen, worin die Hemiplegie nur das auffälligste
Symptom ist, meist aber der Functionsausfall den grössten Theil
einer Hemisphäre oder die dazu gehörigen Leitungen betrifft. Fehlt
der Insult, so ist die vorhandene Gruppirung der Symptome von
vorn herein besser verwerthbar, und bei der chronischen Erweichung
deckt sich sogar die Localität vollkommen mit den Symptomen.
Dies ist anscheinend gar nicht der Fall bei einer Reihe von Herd-
symptomen, welche durch den Vorgang der Embolie hervorgerufen
werden, ohne dass eine herdförmige Erweichung zu Stande kommt,
indem noch rechtzeitig eine Ausgleichung der durch die Embolie
gesetzten Circulationsstörungen erfolgt. Diese Symptome sind also
passagere, und ihr Kennzeichen ist, dass eine sich mit den Symp-
XIV Vorwort.
tomen deckende Erweichung nicht gefunden Avird, falls etwa der
Tod noch während des Bestehens derselben aus anderweitigen Ur-
sachen erfolgt.
Die entwickelte Auffassung findet darin eine Bestätigung, dass
fast alle Autoren die Hemiplegie einerseits , die Blutung und Er-
weichiuig andererseits als von einander imtrennbare Dinge behandelt
haben , während doch, ganz abgesehen von jeder Localisations-
theorie, in Aller Meinung fest stand . dass eine Hemiplegie nur
A'on der Verletzung bestimmter Orte abhängen könnte und
nicht von der Art und Weise, wie eine derartige Verletzung zu
Stande kommt. Schwere Hemiplegien pflegten die Autoren ohne
Weiteres mit schwerer Hirnblutung oder Hirnerweichung zu identi-
ficiren, und man sprach von Graden der Hemiplegie, die eigentlich
Grade in der Schwere der bezeichneten Krankheitsprocesse be-
deuteten. Es ist anerkannt, dass in den sogenannten schweren
Fällen von Hemiplegie das Bild ein ganz gleichförmiges ist und in
emem Functionsausfall aller motorischen und sensiblen Leistungen
der betreffenden Hemisphäre besteht. — Von vorurtheilslosen
Klinikern ist auch anerkannt, dass der Ort der Gehirnläsion dabei
verschieden sein kann und es wesentlich auf die Schwere der Läsion
ankommt, welche von H. Jackson*) z. B. in der Ausdehnung und
Plötzhchkeit der Läsion gefunden wird.
Ein grosser Theil der gegen die Localisation gemachten Einwen-
dungen wird durch diese Auffassung erledigt, so namentlich ein Theil der
von Brown-Sequard mit anerkennenswerther Ausdauer unverdrossen
immer wieder ins Feld geführten klinischen Thatsachen. Es muss zuge-
geben werden und steht mit dem Princip der Localisation in gar
keinem Widerspruch, dass z. B. rechtsseitige Hemiplegie und
Aphasie von jedem beliebigen Orte der linken Hemisphäre aus ent-
stehen kann, wenn derselbe durch eine schwere Blutimg oder einen
acuten Erweichungsprocess zerstört ist, denn bei diesen Processen
kann der rechtsseitigen Hemiplegie mit Aphasie immer nur die
Bedeutung beigelegt w^erden, dass irgend ein Ort der linken
Hemisphäre befallen ist.
Die experimentellen Thatsachen, welche Goltz**) mit nicht ge-
ringerer Beharrlichkeit und Energie gegen die Localisation ins Feld
*) Brit. med. Journ. Jiily 15. 25. 1874.
**) Ueber die Verrichtungen des Grosshirns. Pflüger's Arch., 13. Bd. 1876.
14. Bd. 1877. 20. Bd. 1879.
Vorwort. XV
führt, haben eine frappante Aehnlichkeit mit den oben geschilderten,
welche in Folge schwerer Hirnblutung mid Erweichung beim ^Menschen
regelmässig zu beobachten sind. Von dieser Aehnlichkeit hätte
Goltz längst frappirt sein müssen, wenn er von den That-
saclien der Pathologie Notiz genommen hätte, und es ist aufs
Höchste zu bedauern, dass dieselben dem geistvollen Forscher
unbekannt geblieben sind. Beschränkte er sich mit seinen Exstir-
pationen auf eine Hemisphäre, so sah er fast regelmässig zunächst
eine vollständige Hemiplegie der anderen Seite zurückbleiben. Die
Thiere erschienen ausserdem auf dem gekreuzten Auge blind"^), die
Haut der ganzen Körperseite gefühllos, kurz, alle Functionen der
betreffenden Hemisphäre, die der Prüfung zugänglicli waren, schienen
zunächst verschwunden. Nach einiger Zeit aber begann eine Restitution
von diesen Defecten, die so lange fortschreitet, bis ein stationärer
Zustand erreicht wird, welcher nun Jahre lang unverändert anhalten
kann. Die Defecte, welche so zurückbleiben, sollen bei allen Thieren
ungefähr dieselben sein, ganz gleich, an welcher Stelle die Operation
vorgenommen wurde. Sie bestehen in einer eigenthümlichen Seh-
störung des gekreuzten Auges, die Goltz zuerst beobachtet hat
und so auffasste, dass die Thiere mit diesem Auge Alles verwaschen,
wie in Nebel gehüllt und ohne Farbenschattirung „grau in grau"
sehen- ganz objectiv lässt sie sich so beschreiben, dass die Thiere
zwar sehen, aber das Gesehene nicht wiedererkennen und nicht richtig
beurtheilen. Ausserdem war eine stumpfere Empfindung auf der
gekreuzten Seite nachzuweisen und die Thiere glitten mit den ge-
kreuzten Gliedmaassen leichter aus. Es waren aber immer ausge-
dehnte Verletzungen des Grosshirns, welche in diesen Fällen voran-
gegangen waren. Sobald die Exstirpationen nicht so umfangreich
waren, begegnen wir Beobachtungen, welche mit den eigenen Angaben
von Goltz in vollem Widerspruch stehen So unterschied sich ein
kleiner Hund, bei dem sich die Operation auf den linken Hinter-
hauptslappen beschränkte, nach einiger Zeit in Nichts von einem
normalen Thier, d. h. also, er bot nicht die vorher geschilderten
Sensibilitätsstörungen an der gekreuzten Körperhälfte. Weiter heisst
es: „unmittelbar nach der Operation war dieser Hund vollständig
blind auf dem rechten Auge. Noch heute, fünf Wochen nachher,
kann er mit Hülfe des rechten Auges nicht Fleisch als solches
*) Trotz der Semi-Deciissation , ein Verhalten, wofür erst Munk die Er-
klärung gegeben hat. Cf. Th. I. §. 20.
XVI Vorwort,
waliruelimen". Es war also liier ausscliliesslicli eine Sehstörung
zurückgeblieben .
Bei einseitigen Operationen war keine Störung der Intelligenz
zu beobachten, dieselbe stellte sich aber ein und die Hunde wurden
blödsinnig, sobald auch auf der anderen Seite das Grosshirn ver-
stümmelt worden war. In Folge dessen bezeichnet Goltz als
wichtigstes Ergebniss seiner Untersuchungen den Nachweis, dass die
Grosshirnrinde in allen ihren Abschnitten Organ der höheren
psychischen Functionen , namentlich auch derjenigen Thätigkeiten
ist, aus Avelchen wir auf Intelligenz schliessen". Diesen Erfolg würden
wir als minimal und in keinem Verhältniss zu dem Aufwände von
Arbeit und Scharfsinn stehend betrachten, der dazu erforderlich war.
Mit der Diagnose des Blödsinns bei seinen Hunden ist gar nichts
gethan, denn es ist jetzt gerade das Bestreben der Psychiatrie, den
Blödsinn in seine Componenten zu zerlegen, wozu die eigenen Be-
obachtungen von Goltz sich verwerthen lassen. Es ist auch nicht
anzunehmen, dass ein so scharfsinniger Forscher sich das Zustande-
kommen des Blödsinns bei seinen Thieren anders vorstellen könnte,
als dass es durch eine Summation des Operationseffectes auf der
einen zu dem der anderen Hemisphäre entstanden ist. Bestand
wirklich keine Intelligenzstörung vor der ersten Operation, so konnte
sie sicher auch nach der zweiten Operation nicht zu Stande kommen,
die ja nur dasselbe noch einmal leistete. Nichts liegt näher, als
die Folgerung, dass die dauernden Störungen, welche Goltz nach
Verletzung einer Hemisphäre beobachtete, wirklich Addenden der-
jenigen Summe darstellen , die als Blödsinn imponirt , mit einem
"Worte, dass sie Theilerscheinungen des Blödsinns sind und auf der
Zerstörung einer grossen Reihe von Erinnerungsbildern beruhen.
Beschäftigen wir uns näher mit den doppelseitigen Verstümme-
lungsver»uchen und betrachten wir das Schlusserg ebniss , zu
welchem Goltz gelangt. Der Hund ist tief blödsinnig. „Erzeigt
eine abgestumpfte Empfindung und eigenthümliche Störungen des
Sehvermögens, des Gehörs, Geruchs und Geschmacks. Die gering-
fügigen Störungen der Bewegung, welche er darbietet, werden durch
den Blödsinn und die Stumpfheit der Empfindungen hinreichend
erklärt." Hier wird also der Blödsinn schon weiter zur Erklärung
anderer Erscheinmigen benutzt, ein wahrer Circulus vitiosus! War
der Substanzverlust Jiicht so gross, so waren die Thiere weniger
blödsinnig. „Keines dieser Thiere hat den Gebrauch eines Sinnes
Vorwort. XVII
dauernd und vollständig eingebüsst. Keines ist an einem Theile
seines Körj^ers empfindungslos, keines ist blind oder taub. Alle
können noch riechen imd schmecken." Die Bewegungen sind zwar
plump und ungeschickt, aber nur in Folge des Blödsinns und der
Emplindungsstörung. Ein solches Thier war nach einander vier
Operationen unterworfen worden, und zwar galten dieselben der soge-
nannten motorischen Zone am 21. Februar und 26. April, den beiden
Hinterhauptslappen am 25. September und 8. November 1877. Im
Mai 1879 wird von ilim constatirt, dass seit einem Jahre keine Ver-
änderung mehr eingetreten war. Es heisst dann von ihm etwa tblgender-
maassen: „Wochenlang nach der letzten Operation schien das Thier
vollständig blind. Für die gewöhnlichen Prüfungsmittel scheint er nocli
jetzt blind. Beleuchtet man ihm plötzlich das Auge durch reilectirtes
Sonnenlicht mit Hülfe eines Spiegels, so di-eht er nicht den Kopf, während
die Pupille sich gut verengert." Blind wäre er aber nur dann, wenn
seine Handlungen in keiner Weise durch Netzhautbilder bestimmt
würden, während von diesem Thiere constatirt wurde, dass es ge-
wöhnlich im Käfig sitzend dem Fenster den Rücken kehrte, als ob
ihm das Licht unangenehm wäre, und dass es grossen Hindernissen,
die sich möglichst stark gegen die Nachbarschaft abheben mussten,
aus dem Wege ging. Man wird daraus folgern, dass der Hund nicht
absolut blind war, dass noch irgend ein Rest seiner Retinae fungirte.
Anders schliesst Goltz: „Er geht also ähnlich, wie ein Schlaf-
wandler. Was er sieht, bringt in ihm keine Gremüthsbewegung
hervor " Wenden wir uns zu den Störungen des Oehörs.
Der Hund hörte auf den Namen „Frech". „Jetzt kann man einen
Frosch mit demselben Erfolge anreden, wie ihn. Er dreht sich weder
um, noch lässt er durch irgend eine Kopfbewegung merken, dass
er den Anruf beachtet hat. Der bekannte Pst-Laut, auf welchen
Hunde so gern hören. Pfeifen, beliebige Schmeichelworte lassen ihn
völlig stumpf. Knallt man mit der Peitsche, so äussert er keine
Furcht, spitzt aber die Ohren. Auf sehr lautes Anschreien antwortet
er in ähnlicher Weise." Der Hund bellte einmal mit, als die anderen
bellten, und war durch lautes Schreien zu erwecken. Goltz folgert,
„dass das Thier eine eigenthümliche Hörstörung zeigt, für die uns
ein kurzes Wort fehlt". Gewiss, dieselbe Störung des Nichtwieder-
erkennens der Gehörseindrücke, welche der Vf. beim Menschen als
sensorische Aphasie geschildert hat, und die Munk nachher mit dem
Namen Seelentaubheit bezeichnete. Aber ausserdem war der Hund
XVni Vorwort.
doch jedenfalls in hohem Grade taub. Wenden wir uns zum Haut-
o-efiilil, so finden wir angegeben, dass der Hund in eine Schale mit
kaltem Wasser trat und lange darin stehen blieb. Massiger Druck auf
die Pfoten lässt ihn gleichgültig; man kann die Wirbelsäule tief ein-
biegen, bevor ein Widerstand sich geltend macht; man kann selbst
den Hodensack ziemlich derb zerren. Die Motilitätsstörungen sind
nicht minder ausgeprägt, denn der Hund tritt über den Rand des
Tisches, bleibt mit jeder Pfote auf einer Unterlage stehen, die sich
langsam senkt (Fallthür-Versuch), und zeigt besonders grosses Unge-
schick auf unebenem Boden. Auf einer Treppe verfehlt er die Stufen
und kugelt öfters mehrere Stufen herab. Auf die AfFectionen des
Geschmacks und Geruchs wird es nicht nöthig sein , einzugehen.
Wir resumiren : Ein solcher Hund ist fast blind, sehr taub, die Be-
wegung und das Hautgefühl ist eben so hochgradig gestört.
Bei grossen Verstümmelungen ist dieser Befund gewiss nicht
wunderbar, er ist aber nur bei den allergrössten Verstümmelungen zu
beobachten. Bei kleineren Zerstörungen müsste man, wenn wirklich nur
die Masse der grauen Substanz in Betracht käme, wie Goltz behauptet,
eine der Art nach identische, dem Grade nach geringere Störung aller
bezeichneten Functionen erwarten. Statt dessen finden wir beispiels-
weise folgende Angabe : Eine Hündin wurde erst auf der einen,
dann auf der anderen Seite operirt und erschien vom 26. Mai bis zum
16. Juni vollständig blind; dann kehrte das Sehvermögen allmählich
wieder. Im stationären Zustande vermochte sie Fleisch auch in
unmittelbarer Nähe nicht als solches zu erkennen. „Bedrohte man
sie mit der Peitsche, so äusserte sie keine Spur von Furcht, verkroch
sich dagegen ängstlich, wenn man mit der Peitsche knallte." Es
wird dann ausdrücklich constatirt, dass bei Thieren, die fast voll-
ständig blind erschienen, eine Beeinträchtigung des Hörvermögens
kaum zu bemerken war. Von einem anderen Hunde, welcher beider-
seits eine grosse Zerstörmig des Hinterhauptlappens erlitt mid nur
40 Tage weiter beobachtet wurde, heisst es wörtlich: „Dieses Thier
hatte bis zu seinem Tode eine hochgradige Sehstörung, war indess
nicht blind." „Eine Abstumpfung der Empfindung, die in der ersten
Zeit nach der Operation deutlich merkbar war, konnte kurz vor
dem Tode des Thieres nicht mehr nachgewiesen werden." Bei einem
anderen Hunde heisst es mehrere Monate nach der Operation, welche
die beiden Schläfelappen betroffen hatte : „Das Thier war allerdings
Schalleindrücken gegenüber stumpf, aber durchaus nicht taub.
Vorwort. XIX
Daneben zeigte es deutliche Sehstörung und Stumpfheit der
Empfindung. "
Schon diese drei Beispiele wären doch genügend, um darzuthun,
dass das Princip der Localisation am Grosshirn besteht, denn sie
wären gar nicht zu begreifen, wenn die Gehirnsubstanz wirklich
überall gleichwerthig wäre, wie Goltz annimmt. Es könnte dann
niemals erfolgen, dass ein Thier ausschliesslich nui' eine Sehstörung
zeigt und keine anderweitigen Symptome, dass ein anderes Thier
ausser der Sehstörung noch eine Empfindungsstörung , aber keine
Gehörsstörung aufweist , dass endlich ein drittes Thier von dem
letzteren Verhalten, das oft beobachtet wurde, eine Ausnahme macht
und wirklich eine erhebliche Stumpfheit des Gehörs hat, und zwar
gerade, nachdem an den Schläfelappen operirt worden ist, die sonst
niemals zum Angriffspunkt gewählt wurden. In Folge dessen ist
Goltz zu einem Compromiss genöthigt, bei welchem er allerdings
nicht alle Zugeständnisse macht, die man nach seinen eigenen An-
gaben erwarten sollte. Er sagt nämlich: „Unter meinen Be-
obachtungen spricht für eine Localisation der Grosshirnfunctionen
nur die Erfahrung, dass Thiere mit Verlust der Hinterhauptslappen
weniger stumpfe Empfindung, keine Plumpheit der Bewegungen,
dagegen dauernd eine erheblichere Sehstörung zeigen, als andere
Hunde, welche eine gleich grosse Verletzung beider Scheitellappen
erlitten." „Eine Handhabe zur Construction von circumscripten
Centren bietet jene Thatsache jedenfalls nicht, da wir uns ja daran
zu erinnern haben, dass ein Thier nach Verlust der Scheitellappen
keineswegs empfindungslos, ein solches mit gleichem Verlust am
Hinterhauptlappen durchaus nicht dauernd blind wird." Wie wir
sahen, war das letztere fast blind und bot gar keine Empfindungs-
störung dar.
Was demnach Goltz beobachtete, war immer analog der
Hirnblutung der Ausfall umschriebener Functionen, der je nach
der Operationsstelle verschieden war, aber ausserdem noch eine
Reihe von anderen Functionsstörungen, die theils vorüber gingen,
theils auch dauernd waren. Die vorübergehenden führt er auf die
Einwirkung der Operation zurück, imd zwar findet er eine Mit-
leidenschaft der unmittelbaren Umgebung der Wunde selbstver-
ständlich. Ausserdem aber werde auch oft der ganze übrige Rest des
Grosshirns unmittelbar nach der Operation dui'ch Fernwirkung ausser
Function gesetzt. Als Beweis für die Betheiligung der Oblongata
XX Vorwort.
hebt er hervor, dass die Thiere in den ersten Tagen nicht
selten Schluckbeschwerden haben. Bei sehr vielen Thieren trat
während der Durchspülnng plötzlich Stillstand der Athmiing und
des Herzschlages, also völliger Scheintod, ein. In manchen Fällen
dauerte der Stillstand der Athmung viele Minuten hindurch fort.
Aehnliclie Erscheinungen von Seiten derOblongata finden wir auch bei
schwerer Gehirnblutung oder Hirnerweichung. Diese Aehnlichkeit
wird aber nicht mehr befremden, wenn man den Operationsmodus
in Betracht zieht, dessen Groltz sich in den meisten Fällen bediente.
Er machte entweder eine oder mehrere Trepanationsöffnungen über
der betreffenden Hemisphäre, oder, nach seiner späteren Schilderung,
er deckte einen möglichst grossen Theil des Schädeldaches oberhalb
derselben ab und Hess dann vermittelst einer Canule, die mit einer
Druckpumpe in Verbindung gesetzt war, also unter erheblichem
Drucke, einen Wasserstrahl auf die Gehirnsubstanz einwirken. Wie
deletär dieses Verfahren auf entfernte Gehirntheile wirkte, zeigen die
eben gemachten Angaben über den unmittelbaren Effect der Operation.
Es ist daraus zu schliessen, dass das Trauma, welches das Gehirn
der Thiere auf diese Weise erfährt, noch viel bedeutender ist , als
selbst in schweren Fällen von Hirnerweichung und Hirnblutung;
es ist daher auch nicht zu verwundern, dass die indirecten Herd-
symptome, welche danach zuriickblieben, in den meisten Fällen einer
dauernden Schädigung der ganzen beti'offenen Hemisphäre ent-
sprachen. In anderen Fällen aber, die wir schon hervorgehoben
haben, erfolgte in der That auch eine Rückbildung der Symptome,
die sich je nach dem Ausgangsorte, d. h. der operirten Localität,
verschieden gestaltete.
Auch bei dem Operationsverfahren, welches Goltz (Ueber die
Verrichtungen des Grosshirns. Vierte Abhandlung, Pflüger's Arch.,
26. Bd. 1881) in neuerer Zeit angewandt hat, seit er „zur gründ-
lichen Untersuchung der Localisationsfrage" weiterschritt, erscheint
ein den angegriffenen Ort weit überschreitendes Trauma nicht aus-
geschlossen. Goltz erkennt dies selbst an, indem er annimmt,
„dass die Verwundung einer Hirnhälfte in ihren Folgen dauernd
einen grösseren Abschnitt ausser Function setzt, als grob anatomisch
aus den Grenzen der Verwundung zu ersehen ist" und von der
„luibeabsichtigten Ausbreitung der Verwundung" spricht. — Diese
Arbeit hat für uns ein weit geringeres Interesse, da sie nicht, wie
die früheren , auf einem Operationsverfahren basirt , welches den
Vonvort. XXI
Mechanismus der Gehirnblutimg getreu widerspiegelt und fast einer
experimentellen Behandlung der Frage der Hirnblutung gleichkommt.
Es soll deshalb nur auf einige der neuen Versuche eingegangen und
untersucht werden, wie weit sie Goltz berechtigen können, auf seinem
alten Standpunkte zu verharren, Dass bei sehr ausgedehnten Ver-
stümmelungen jetzt dasselbe erreicht wird, wie durch die frühere
Methode, ist selbstverständlich. So gleicht denn das am meisten
verstümmelte Thier, dessen Gehirn in Taf. I, Fig. 1 seiner Ab-
handlung abgebildet ist, im AVesentlichen dem schon früher aut
S. XVII geschilderten Thiere, mu' ist es noch blödsinniger. Aber
„beide Thiere waren wesentlich nur noch wandernde, fressende und
saufende Reflexmaschinen". Bei kleineren Zerstörungen waren auch
die Ausfallserscheinungen geringer. Der Hund mit (dui'chaus nicht
totaler, wie Goltz behauptet) Zerstörung beider Hinterhauptslappen,
dessen Gehirn auf Taf. II, Fig. 3 abgebildet ist, zeigte dauernd
erhebliche Störung des Sehvermögens und fixirte nicht mit den
Augen. Gehör, Geruch und Geschmack waren abgestumpft. Er
war in massigem Grade blödsinnig. Seine Handlungen hatten durch-
weg den Charakter der Zerfahrenheit. Weiterhin heisst es aber :
„Speise und Trank nahm er mit demselben Geschick zu sich, wie
ein unversehrter Hund. Auch verstand er es geschickt , Knochen
mit beiden Vorderfüssen zu fassen und zu bearbeiten. Selbst auf
glattem Boden glitt er niemals aus. Eine bemerkenswerthe Ab-
stumpfung der Hautempfindung war nicht vorhanden." Dem gegen-
über verhält sich ein zweiter Hund, der an den beiden vorderen
Quadranten operirt worden ist (Taf. IL Fig. 4 d. Abb.), folgender-
maassen. Beim Gehen und Laufen keine Asymmetrie. „Er konnte
sich auf den Hinterbeinen emporrichten und selbst Sprünge thmi,
doch waren diese sehi' plump. Auch wenn er einen Knochen be-
arbeitetete, verfuhr er dabei ziemlich ungeschickt , indem er es nicht
verstand, den Knochen mit den Pfoten genügend festzuhalten. Die
Hautempfindung war bei ihm wohl überall stumpf und vielleicht
rechts stumpfer als links", aber unzweifelhaft, „dass er stärkeren
Druck an jeder Stelle der Haut auf der rechten Körperhälfte mit
Aeusserungen des Unwillens beantwortete. Nach der ersten Operation
sah er auf beiden Augen sehi' schlecht, so dass er bei Gehversuchen
wiederholt anstiess, aber diese Störung glich sich bald aus. Zwei
Monate nach der zweiten Operation Hess sich kaum feststellen, ob
er auf Gesichtseindrücke anders antworte, als ein gesunder Hund.
XXII Vorwort.
El- konnte hingeworfene Fleischstücke leicht auffinden und äusserte
Furcht, wenn er mit der Peitsche bedroht wurde", was beides bei
dem vorher citirten Hunde nicht der Fall war. Nach dieser Schil-
derung wird es dem Leser ergehen wie mir, und er wird es unbe-
greiflich finden, dass Goltz zu folgendem Ergebniss der Vergleichung
beider Hunde gelangt:
„Ein der beiden hinteren Quadranten der oberen Grosshirnrinde
beraubter Hund ist blödsinniger, als ein vorn operirtes Thier, Ge-
sicht, Gehör, Geruch und Geschmack sind bei ihm stumpfer.
Bei einem Hunde, der beide vorderen Quadranten verloren hat,
sind die höheren Sinne weniger stumpf, dagegen ist seine Haut-
empfindung stumpfer. Mit letzterem Umstände hängt es wohl
zusammen, dass seine Bewegungen plumper sind, als die des vorn
operirten Thieres."
Wir hatten aber gesehen, dass nach der eigenen Schilderung
von Goltz bei dem ersten Hunde die der motorischen Zone zu-
kommenden, bei dem zweiten die den Occipitallappen zukommenden
Erscheinungen im stationären Zustande vollständig fehlten. In den-
selben Widersprüchen bewegt sich Goltz auch weiterhin; wir
haben wohl nicht nöthig, darauf noch näher einzugehen. Nur das
sei noch im Interesse der Sache bemerkt, dass Abbildungen, wie
die Figg. 2, 3 und 5 seiner Abhandlung keinesfalls den Schluss
gestatten, dass die ganze veränderte Partie der Hirnoberfläche auch
ganz zerstört sei, dass vielmehr die Möglichkeit nicht ausgeschlossen
ist, dass grosse Partien der darin eingeschlossenen Hirnrinde noch
gut fungirten. In der That lassen sich die Ergebnisse von Goltz
fast durchweg als Bestätigung der von Munk erhaltenen Resultate
auffassen, und es war deshalb keine zu grosse Zumuthung, die
Westphal*) den Physiologen machte, wenn er in Munk's Ver-
suchen gesicherte Errungenschaften der Physiologie erblickte. Wenn
Goltz hofft, dass diejenigen, deren kritisches Centrum nicht mit
einem unheilbaren blinden Fleck behaftet ist", jene Zumuthung nach
seiner Abhandlung ablehnen werden, so verkennt er die Bedeutung
eines unserer zuverlässigsten Forscher, dessen vorwiegend kritische
Begabung zu allgemein anerkannt ist, um ihn nicht gegen den Ver-
dacht zu schützen, dass er vorschnell seine Zustimmung zu etwas
Neuem äussern könnte.
Wir stellen also , um unseren Standpunkt zu präcisiren,
die vorübergehenden und die dauernden Functionsstörungen ganz
*) Charite-Annalen, VI. Jahrgang. Zur Frage von der Localisation etc.
Vorwort. XXTII
auf gleiclie Linie und können einen principiellen Unterscliied
in der Art, wie sie zu Stande kommen, nicht zulassen. Das
Trauma wirkt an Ort und Stelle am stärksten ein und zerstört
daselbst am sichersten, es wirkt aber ebenso nur mit abnehmender
Intensität erst auf die nähere, dann auf die entferntere Nachbarschaft.
Die Rückbildung der Symptome geschieht gesetzmässig und in der
umgekehrten Reihenfolge.
Ganz anders stellt sich bekanntlich Goltz den Vorsrans; vor.
Die vorübergehenden und die dauernden Erschemungen haben nach
ihm eine wesentlich verschiedene Bedeutung , die ersteren beruhen
auf einer Hemmungswirkung und nur die letzteren, die dauernden,
sind sogenannte Ausfallserscheinungen, d. h. sie repräsentiren den
Functiousausfall der zerstörten Gehirnpartien. Wir könnten uns
nun darauf beschränken, für die Ausfallserscheinungen den Nachweis
geführt zu haben, dass sie auch nach Goltz' eigenen Versuchen
localisirt sind, und dass der Irrthum, sie seien nicht localisirt, nur
darauf beruhen kann, dass die ganze Masse einer oder eventuell beider
Hemisphären durch das Trauma eine dauernde Schädigung erfahren
hat, ganz analog den auch bei der Hirnblutung und Erweichung
mitunter zu beobachtenden indirecten und dennoch dauernden Herd-
symptomen. Aber das Interesse, welches die Goltz' sehen Versuche
für die Lehre von der Hirnblutung wegen der grossen Aehnlichkeit
in der Art der traumatischen Einwirkung f.uf das Gehirn haben,
rechtfertigt ein Eingehen auf die Deutung der vorübergehenden Symp-
tome als durch Hemmung hervorgebrachter. So wie für Brown-
Sequard der Stich in den vierten Ventrikel den Fundamentalversuch
darstellt, nach Analogie dessen alle Erscheinungen am Nervensysteme
zu erklären seien, so lässt sich Goltz durch einen Gesichtspunkt
leiten, den ein bestimmtes Experiment, die Durchsclmeidung des
Halsmarkes an Warmblütern, an die Hand giebt. Bald nach dieser
Operation sind die Reflexe an den Hinterextremitäten erloschen, die
letzteren selbst erscheinen absolut gelähmt und hängen schlaff herab.
Auch Blase und Mastdarm sind gelähmt, die Fähigkeit zu Erectionen
ist erloschen. Bleibt aber das Thier am Leben und ist von der
Operation vollständig hergestellt, so kehren die Reflexe und die
anderen genannten Thätigkeiten mit Ausnalime der willkürlichen
Beweglichkeit wieder, und es lässt sich 8 Wochen nach der Operation
an den Hinterextremitäten eine Reihe rhythmischer Bewegungs-
erscheinungen constatiren, die beim Erheben des Thieres durch die
XXIV Vorwort.
Dehnung der Muskulatur ausgelöst werden und ihr Centrum im
Rückenmark haben müssen, da ja das letztere vom Gehirn getrennt ist.
Kneift man das Thier in den Schwanz, so hören diese rythmischen
Bewegungen auf, der sensible Reiz bewirkt eine Hemmung des
reflectorischen Mechanismus. In analoger Weise, folgert Goltz, sei
die Wirkung der Durchsclmeidung aufzufassen : Ein von der Durch-
schneidungsstelle ausgehender Reiz hemmt zeitweilig die Thätigkeit
des Reflexmechanismus und der anderen Centren, und dieselben
treten erst nach Aufhören dieser Hemmung wieder in Erscheinung,
Es sind also nur die dauernd zurückbleibenden Störungen als Aus-
fallserscheinungen, die vorübergehenden dagegen als Hemmungs-
erscheinungen zu betrachten. Man sieht, dass es doch mindestens eine
Petitio principii ist, wenn Goltz diese Resultate ohne Weiteres
auf das Gehirn überträgt und nun die totale Blindheit, welche er
wochenlang nach Verstümmelung beider Hinterhauptslappen be-
obachtete, auf eine Hemmung der Sehfunction zurückfülirt. Wenn
eine Mitleidenschaft der Nachbarschaft der Wunde für ihn selbst-
verständlich ist, so genügt sie allein schon, um die vorübergehende
Blindheit in dem gewählten Beispiele genau nach Art der bei der
Blutung und Erweichung am Menschen zu machenden Evfalmingen
zu erklären. Giebt er diese Mitleidenschaft zu und erklärt nur die
Fernwirkungen auf entferntere Gehirnpartien oder das ganze Gross-
hirn durch das Princip der Hemmung, so bedient er sich zweier
Erklärungsprincipien, wo eins, das der traumatischen Wirkung, voll-
ständig ausreichend und nach seinem Operationsverfahren doch ge-
wiss am nächsten liegend ist.
Eine andere Frage ist, welche Centren denn eigentlich durch
den von der Operationswunde ausgehenden Reiz gehemmt werden
sollen, um beispielsweise die halbseitige Störung der Motilität zu er-
klären. Es sind hier zwei verschiedene Vorstellungen möglich. Nach
der einen, die, wie es scheint, von Goltz getheilt wird, liegen die
eigentlich bewegenden Centren im Kleinhirn und Mittelhirn, und der
Wille wirkt auf die Muskulatur nur vermittelst derselben. Nach der
anderen Vorstellung wirkt der Wille durch eine directe, ununter-
brochene Bahn auf die grossen motorischen Zellen der Vorderhörner
des Rückenmarkes, und jene anderen Bewegungscentren des Mittel-
und Kleinhirns haben mit dem Willen gar nichts zu thun. Die letztere
Anschauung ist jetzt die allgemein acceptirte, und sie steht allein
mit den anatomischen und klinischen Thatsachen in Einklang. Stellen
Vorwort. XXV
wir uns zunächst auf diesen Standpunkt, so könnte eine hemmende
Einwirkung nur die sogenannten motorischen Zellen betreffen. In
der That wird mitunter bei Hirnblutungen in der ersten Zeit nach
dem Anfalle ein Symptom beobachtet, welches für diese Deutung
spricht, es können nämlich die Reflexe auf der gelähmten Seite und
unter Umständen sogar auch auf der anderen vermisst werden. Diese
Erscheinung geht jedoch immer sehr bald vorüber, spätestens nach
einigen Tagen, und es bleibt dann nur eine geringe Ab-
schwächung der Reflexe auf der gelähmten Seite zurück. Auch nach
einseitiger Durchspülung des Grosshirns sah (Jr o 1 1 z in der ersten
Zeit nach der Operation die Reflexe vollständig fehlen: Auch auf
stärksten Druck zogen die operirten Thiere die Pfoten der gelähmten
Seite nicht zurück. Aber in beiden Fällen bleibt doch die Lähmung
viel länger bestehen als die Unterdrückung der Reflexe, sie kann
also unmöglich dui'ch die gehemmte Function dieser Zellen erklärt
werden. Die Annahme einer Hemmungswirkung ist also mit der
allgemein herrschenden Vorstellung unvereinbar. Stellen wir uns
aber auf den Boden der anderen von Goltz vertretenen Ansicht, so
müssen wir verlangen, dass dauernde Lähmungen^, solche , welche
den Charakter von Ausfallserscheinungen tragen , durch Läsionen
des Grosshirns überhaupt nicht entstehen; in den Versuchen von
Goltz scheint dies ja auch wirklich nie vorgekommen zu sein.
Dem stehen aber Thatsachen der menschliclxen Pathologie entgegen,
die so unzweifelhaft sind, dass z. B. Br o wn - S 6quard genöthigt
ist, sie ausdrücklich anzuerkennen ; in diesem Buche wird man zahl-
reiche Beläge dafür finden. Nun könnte man sagen, dass unter
Umständen die vom Grosshirn ausgehende Hemmung der eigentlich
motorischen Centren im Kleinhirn und Mittelhirn eine dauernde sein
kann. Damit können wir uns vollständig einverstanden erklären,
indem wir dann das erreicht haben, was wir uns zu beweisen vor-
nahmen, dass nämlich der Unterschied zwischen Hemmungs- und
Ausfallserscheinungen ein durchaus willkürlicher ist und dass in
der That kein qualitativer, sondern nur ein gradweiser Unterschied
in den Herdsymptomen besteht. Ob man die Lähmung einer
Function immer als Hemmung derselben auffassen will, kann für
uns ganz gleichgültig sein, nur darum handelt es sich, ob die vor-
übergehende Lähmung einer Function und die dauernde Lähmung
derselben als zwei qualitativ verschiedene Vorgänge aufgefasst
werden sollen.
XXVI Yoruort.
Dass eine Hemmung im eigentlichen Sinne des Wortes bei den
Verletzungen des Grosshirns mit in's Spiel kommt, soll gar nicht in
Abrede gestellt werden. Sie zeigt sich zunächst in der schon oben
erwähnten Erscheinung einer vorübergehenden Unterdrückung der
Reflexe auf der gelähmten Seite. Aber man kann noch viel weiter
gehen, ohne dass unser Princip gefährdet wird. Bekanntlich *)
können Kaninchen und Hunde sich noch aufrecht erhalten und auf
äussere Keize fortbewegen, wenn ihnen das Grosshirn abgetragen
ist und nur die Sehhügel mit den dahinter gelegenen Gehirntheilen
erhalten geblieben sind. Das Thier stellt dann eine Maschine vor,
welche den Mechanismus des Stehens und Gehens noch enthält.
Dass das Grosshirn für diesen Mechanismus nicht erforderlich ist,
stimmt auch mit der Beobachtung, dass er noch vollständig im
Gange blieb auch nach den grössten Verstümmelungen des Gross-
hirns, die Goltz unternahm. In diesem Falle waren nur alle
feineren, im Dienst des Willens erfolgenden Bewegungen dauernd
vernichtet. A priori konnte man nichts Anderes erwarten, denn
Bewegungen, zu denen das Grosshirn gar nicht nöthig ist, können
nicht durch Zerstörung des Grosshirns gelähmt werden. In der
ersten Zeit aber nach der Operation sclieint eine solche Lähmung
wirklich zu erfolgen, die Angaben von Goltz sind in dieser Hin-
sichtunzweideutig. In dieser Thatsache mag vielleicht ein Hemmungs-
vorgang mit Recht gefunden werden, wir wollen dies ganz dahin
gestellt sein lassen, wenn uns auch die Annahme, dass jene subcorti-
calen Centi-an direct unter dem Trauma gelitten haben, eben so plau-
sibel erscheint. Beim Menschen ist fi-eilich diese Art von Hemmungs-
wirkung nicht erst in Betracht zu ziehen, hier sind, wie die Erfahrung
lehrt, die aufrechte Haltung und die Fortbewegung nicht solchen
Mechanismen überlassen , sondern diese Bewegungen stehen aus-
schliesslich unter der Herrschaft des Grosshirns, wie sie denn auch
bekanntlich erst mühsam erlernt werden müssen.
Wir recapituhren : Die von Goltz sogenannten Ausfalls-
erscheinungen sind nach seinen eigenen Angaben localisirt , in-
dem eine Reihe von Functionsstörungen, die je nach dem ange-
griffenen Orte verschieden sind, noch zu einer Zeit bestehen
können, wo andere Functionsstörungen schon ausgeglichen sind.
*) Cf. Schiff. Lehrbucli der Muskel- und Nerveuphj^siologie. Lahr
1858 — 59, S. 331 — 342. Die dort vertretenen Anschauungen über die Function
des Grosshirns können zum grossen Theil noch jetzt als zutreffend gelten.
^'orwort. XXVII
Für die vorübergelienclen Erscheinungen lässt sich aus seinen
eigenen Angaben zum grossen Theil dasselbe nachweisen. Eine
Hemmungswirkung in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes lässt
sich mu' ganz vorübergehend beobachten, für die grosse Reihe der
Erscheinungen, welche Goltz so auslegt, ist sie nicht nachzu-
weisen, ihre Annahme beruht vielmehr auf der durch nichts gereclit-
fertigten Voraussetzung, dass eine Verletzung des Grehirns auf alle
übrigen Gehirntheile denselben Einfluss üben müsste, wie eine Durch-
schneidung des oberen Rückenmarkes auf gewisse im Lendenmnrk
befindliche reflectorische Centren.
Wir mussten der Frage der Hemmungswirkmig näher treten,
um einer falschen Auffassung der bei der Hirnblutung vorkommenden
indirecten Herdsjmptome rechtzeitig zu begegnen. Denn wir brauchen
wohl nicht ausdrücklich noch als unseren Standpunkt zu betonen,
was aus dem Vorstehenden längst für den Leser hervorgegangen
sein mnss, dass nämlich ein wirklicher Widerspruch zwischen den
Thatsachen der menschlichen Pathologie imd der Experimental-
ergebnisse an so hochstehenden Säugethieren, wie der Hund ist,
undenkbar ist. Wir haben einen solchen auch nirgends zu finden
vermocht, wenn wir den einen Funkt ausnehmen, dass beim Hunde
wirklich, wie auch Goltz angiebt, die groben maschinenmässigen
Bewegungen, wie das Gehen, Laufen u. dergl., gar nicht an das
Bestehen des Grosshirns geknüpft sein mögen.
Noch viel grösseres Gewicht aber erlangt die Frage der Hem-
mung, wenn wir nun dazu übergehen, die Gründe, mit denen
Brown - S equard*) das Localisationsprincip bekämpft, zu Avider-
legen. Auch dieser Forscher hat ein Experimentum crucis : ein Stich
ins Corpus rectiforme bringt nacli ihm die verbreitetsten und mannig-
faltigsten Störungen des Nervensystems hervor, die anscheinend auf
einem Function sausfall beruhen, in Wirklichkeit aber Hemmungs-
wirkung durch den Reiz des Stiches sind ; in derselben Weise sollen
alle Functionsausfälle in den verschiedenen Formen der Lähmung
Anaesthesie, Amaurose und Aphasie auf einer Reizung und dadurch
geübter Hemmung anderer Centren beruhen. Die Hemmung kann
sich dauernd geltend machen. Er treibt dieses Princip so weit, dass
er ihm zu Liebe seinen berühmten Versuch, der zu der Aufstellung
"^■j Anaesthesia, amaurosis , aphasia as defects of brain disease. Dublin
Journ. of med. sc. Jan. — March 1877. Ferner: A lecture on the appearance
of paralysiä on the side of a lesion in the brain. Lancet, Jan. 1, 15 u- 29. 1876.
XXVIII Vorwort.
des klinischen Bildes der spinalen Hemiplegie geführt hat, selbst
discreditirt und in anderer Weise deutet. Nach halbseitiger Durch-
schneidung des Rückenmarkes entsteht bekanntlich eine Lähmung
auf der gleichen und Anaesthesie auf der gekreuzten Körperhälfte.
Frülier hatte Br own- S equard daraus gefolgert, dass innerhalb
des Rückenmarkes die motorischen Fasern gleichseitig, die sensiblen
gekreuzt verliefen. Jetzt deutet er den Versuch folgendermaassen:
Der Reiz des Schnittes hemmt die Bewegung auf der gleichen, die
Sensibilität auf der gekreuzten Körperseite. An. diesem Beispiel
lässt sich aufs Schlagendste ein principieller Fehler illustriren, der
durch die ganze Beweisführung ß r o w n - S e q u a r d's hindurchgeht :
der, dass er zu viel beweist. Die Hemmung einer Function hat zur
Voraussetzung, dass diese Function noch möglich ist; so hat auch
die Deutung Brown-Sequard's zur Voraussetzung, dass die Bahn
der Motilität für die gleiche und der Sensibilität für die gekreuzte
Körperhälfte nicht durch den Schnitt selbst durchtrennt, also dass
sie in der je entgegengesetzten Seitenhälfte des Markes enthalten
ist. B r 0 w n - S e q u a r d muss also seinem Princip zu Liebe supponiren,
dass die betreffenden Bahnen doch vorhanden und localisirt sind, aber
entgegengesetzt verlaufen. Man sieht, dass sein neues Princip dadurch
nicht besser gewahrt wird. Wir brauchen nur die Alternative auf-
zustellen, einmal die naheliegende Annahme, dass die Bahn, welche
den Functionsausfall zeigt, durch den Schnitt selbst durchtrennt
worden ist, das andere Mal die Nothwendigkeit , eine durch den
Schnitt nicht betroffene Bahn anzunehmen, blos zu dem Zwecke,
dass sie gehemmt werden könne, um ad ocolus zu demonstriren, zu
welchen Consequenzen die ausnahmslose Anwendung des Princips der
Hemmung führt.
Noch befremdlicher werden wir berührt, wenn Brown -
S equard allen Ernstes versichert, es gebe gewährleistete Fälle, wo
ein Tractus opticus total oder das Chiasma zum grössten Theil zer-
stört gewesen sei, ohne dass eine Sehstörung daraus resultirte. Aber
leider lässt es sich nicht verkennen , dass auf solchen angeblichen
Thatsachen sich seine Theorie aufgebaut hat, nach welcher eine
Gesetzmässigkeit in der Wirkung localer Zerstörungen des G-eliirns
überhaupt nicht bestelle und deshalb eine Erklärung gefunden werden
müsse, die die verschiedenartigsten Wirkungen desselben Eingriffes
möglich erscheinen lässt. Eine solche Erklärung ist ihm die durch
einen Reiz gesetzte Hemmungswirkung, und er behauptet von der-
Vorwort. XXIX
selben, dass sie sich auf die verschiedenartigste, regelloseste Weise
geltend machen könne. Freilich miiss er Ausnahmen von dieser
Regellosigkeit anerkennen. Sein eigener Versuch der halbseitigen
Rückenmarksdurchschneidung liat, wie er anerkennt, regelmässig den
gleichen Effect. Dasselbe erkennt er für die grosse Majorität der
Fälle an bezüglich der Läsionen des hinteren Gebietes der inneren
Kapsel (C h a r c o t) und der B r o c a ' sehen Windung. Von 10 Fällen
dieser Art haben mindestens 8 immer den gleichen Effect, dies git-bt
er zu, aber die 2 übrigen Fälle seien vollkommen hinreichend, um
zu beweisen, dass eine gesetzmässige Localisation, wie man sie be-
hauptet hat, nicht existire, sondern eine Theorie wie die seinige
erforderlich sei, die allen Möglichkeiten den Spielraum gewährt, aber
freilich nun nicht mehr im Stande ist, zu erklären, warum die grosse
Mehrzahl jener Fälle immer ein übereinstimmendes Bild darbieten.
Die viel näher liegende Annahme , dass in jenen Ausnahmefällen
entweder nicht dieselbe Localität zerstört oder der Krankheitsprocess
an sich kein zerstörender gewesen sei, oder dass noch andere modi-
ficirende Einflüsse, die aber der Gesetzmässigkeit nicht entbehrten,
dabei ins Spiel kommen mögen , wird von ihm ganz ausser Acht
gelassen.
Es ist unmöglich, auf alle Einzelheiten einzugehen, welche
Brown- Sequard gegen die Localisation ins Feld führt, nur die
wichtigsten Gesichtspunkte mögen hier Erwähnung finden. Der ehie
ist schon oben angedeutet worden, wie von den Nebenwirkungen
der Hirnblutung und Erweichung die Rede war. Es ist dort aus-
einander gesetzt worden, dass unter Umständen bei diesen Affec-
tionen jeder Gehirntheil zum Ausgangspunkt derselben Erscheinungen,
des Symptomencomplexes der Hemiplegie und event. Aphasie werden
könne. Die eine grosse Reihe von Fällen Br o wn- S equard be-
wegt sich in diesem Gedankengange und findet in den von uns er-
örterten Principien ihre volle Erklärung.
Eine zweite viel spärlichere Reihe von Thatsachen dient ihm zum
Beweise, dass bei Zerstörung gewisser Gehirnpartieen die dabei zu er-
wartenden Symptome nicht eingetroffen seien. Z. Th. begegnen wir hier
derselben Beweisführung, die auch von Charcot und «einen Schülern
so oft mit Unglück angewandt worden ist, nämlich die Verwerthung
solcher Symptome , die in den betreffenden Krankengeschichten
entweder gar nicht beachtet worden, oder nur mit ganz allgemeinen
R(.'dcwcndungen Erwähnung gefunden haben. Es ist dasselbe Princip,
XXX Vorwort.
nach welcliem Charcot versicliern konnte, dass die sogen, motorisclie
Zone mit dem Gefülil und der Hinterliauptslappen mit dem Sehen nichts
zu thun haben, nach dem auch Bvown-Sequard versichern konnte,
dass durch Zerstörung eines Tractus oder des grössten Theiles des
Chiasma opticum das Sehen nicht beeinträchtigt werde. Andere
hierher gehörige Fälle sind solche , bei welchen erfahrungsmässig
ein blosse Verdrängung der Gehirnsubstanz häufig vorkommt, wie
bei den Tumoren und selbst Abscessen, wieder andere gehören zu
denen, deren Localität ganz ungenau wiedergegeben ist.
In dem Aufsatze, der das Vorkommen von Amaurose unter den
wechselndsten Bedingungen der Oertlichkeit beweisen soll, betrifft die
grössteZahl der angeführten Fälle Hirntumoren, bei welchen bekanntlich
die Stauungspapille oder Neuritis optici zu den häufigsten Erscheinungen
gehört. Durch diese Affection, welche bekanntermaassen von der
Localität des Tumors vollständig unabhängig ist, erklären sich
sämmtliche von B r o w n - S e q u a r d verwertheten Beobachtungen, es
erklärt sich sogar die von ihm hervorgehobene merkwürdige Er-
scheinung, dass der sonst langsam ablaufende Process des Tumors zu
plötzlicher Erblindung, die wieder vorübergehen kann, Anlass giebt;
denn diese Erscheinungen sind bekannte Eigenthümlichkeiten der
Neuritis optici. Nirgends finden wir eine Andeutung darüber, ob
in den citirten Fällen eine Stauungspapille bestanden oder gefehlt
habe , und da die meisten Beobachtungen aus der voropthalmosko-
pischen Zeit stammen , so ist auch jede Vermuthung darüber voll-
ständig müssig. Aber gewiss können solche Fälle nicht zum Be-
weise dienen.
Einen grossen Werth legt Brown - Sequard auf die
mangelnde Constanz in der gekreuzten Wirkung der Herd-
erkrankungen; es ist ihm gelungen, über 200 Fälle der Art zu-
sammen zu tragen, in welchen die Hemiplegie und die Gehirner-
krankung auf derselben Seite sich befanden. Man mag diese Zahl
gelten lassen, da sie von der Seltenheit dieses Vorkommnisses viel-
leicht eine richtige Vorstellung giebt, oder man mag sie auf den
sechsten Theil reduciren, wie dies von anderer Seite *) geschehen ist,
indem man einen strengeren kritischen Maassstab an das über-
kommene Material der Fälle anlegt; in jedem Falle ist diese Zahl
so klein im Verhältniss zu der nach vielen Tausenden zählenden
Menge von beobachteten Hemiplegien, dass sie nicht über das Ver-
*) Cf. Nasse, AUgem. Ztschr. f. Psych. 36. Bd.
Vorwort. XXXI
liältniss hinausgeht, welches Flechsig*) an einer allerdings noch zu
kleinen Zahl für das Fehlen der Pyramidenkreuzung ermittelt hat.
Wenn wir nur annehmen , dass ein solcher Fall auf alle 200
Fälle zu rechnen sei, so werden wir immerhin das Vorkommniss
für den einzelnen Fall im Auge behalten müssen. Aber diese An-
nahme genügt, um dann eine weitere grosse Reihe von anscheinenden
Widersprüchen zu erklären , so wenn ausnahmsweise bei Herder-
krankungen der Brücke die Lähmung der Extremitäten und die
Totallähmung des Nervus facialis auf derselben Seite beobaclitet
wird, oder wenn bei demselben Sitz des Herdes die Motilität und
die Sensibilität nicht auf derselben, sondern auf entgegengesetzten
Körperhälften gelähmt sind. Dazu kommen, wie schon Ferrier**)
verwerthet hat, die anderen möglichen, von Flechsig nachge-
wiesenen Varietäten der Pjramidenbahnen , wodurch in der That
sehr mannigfaltige Gruppirungen von Lähmungen ermöglicht werden.
Anstatt in solchen Combinationen der Symptome einen Widerspruch
gegen die Localisation zu erblicken , werden wir im Gegentheil
bestrebt sein müssen, sie künftighin diagnostisch zu verwerthen
und daraus das Fehlen der Pyramidenkreuzung und Varietäten der-
selben schon bei Lebzeiten vorauszusagen.
Dass alle diese Fälle durch das Fehlen der Pyramiden-
kreuzung zu erklären seien, glaubt Brown-Sequard aus einem
ganz besonderen Grunde ablehnen zu müssen. Nach ihm haben
nämlich die Pyramiden gar nicht die ihnen zugeschriebene Be-
deutung als Bahnen des Willens für die motorischen Zellen des
Rückenmarkes, sie dienen im Gegentheil zur Uebertragung der
Hemmung, welche vom Gehirn aus auf das Rückenmark erfolgen
kann , sie sind eine Quelle des Unheils , deren Beseitigung in
Krankheitsfällen wünschenswerth wäre. Diese Behauptung steht
mit allen sonstigen Erfahrungen über die Wirkungen der Herd-
erkrankungen des Gehirns in Widerspruch, und dabei stützt
sie sich nur auf zwei höchst fragmentarische Beobachtungen
Vulpians***), bei denen das Bestehen erheblicher Paresen nicht
ausgeschlossen ist, während der anatomische Process in einer
Sclerose der Pyramiden bestand. Nun ergiebt bekannthch das
typischste Beispiel der Sclerose, die graue Degeneration der Hinter-
*) Leitungsbahnen im Geliirn und Rückenmark. Leipzig 1876.
**) The localisation of cerebral disease. London 1878. S. 11.
***) Lecjons sur la physiologie du Systeme nerv. Paris 1866. S. 493.
XXXII Vorwort.
stränge bei Tabes dorsabs, dass sieb immer eine mebr oder weniger
grosse Zabl wobl erbaltener Markfasern selbst in den am stärksten
veränderten Partien vorfindet ; wie viel davon in den Fällen V u 1 p ian's
erhalten Avaren, vermögen wir nicht zu beurtlieilen , aber wir ver-
mutben, dass die erlialtene Fnnctionsfäbigkeit, wenn sie nur genauer
dem Grade nach bestimmt worden wäre , einen ziemlich genauen
Maassstab dafür abgegeben baben würde.
Es mag sein, dass nacb Abzug aller bisher bebandelten
Categorien von Beispielen noch ein verschwindend kleiner Bruch-
tlieil übrig bleibt, der dadui'ch nicht erklärt wird, und den
man nun als wirkliche Gegenbeweise der Loca;lisation zu be-
trachten hätte*). Aber wir fürchten nicht zu weit zu gehen,
wenn wir für diesen , wie gesagt , verschwindend kleinen Bruch-
theil eine ganz andere Deutung für richtig halten , die näm-
lich, dass es mangelhafte oder selbst falsche Beobachtungen
sind. Wer erfahren hat, wie häufig in der Literatur eine Ver-
wechselung bei Angabe der betrofi"enen Körper- oder Gehirn-
hälfte anzutreffen ist, wie häufig ferner selbst bei neueren Beobach-
tungen anatomische Befunde berichtet werden, die aus. vollständig
falscher Beurtheilung der Topographie des Gehirns hervorgehen,
der wird mit uns der Ansicht sein, dass wir damit keinen besonders
schweren Vorwurf gegen diese meist älteren Beobachtmigen aus-
sprechen wollen. Uebrigens sollen gewisse missverständliche Ein-
wände gegen die Localisation noch im Folgenden Erwähnung
finden.
Wir glaubten diese eingehende Widerlegung der von Goltz und
B r o w n - S e qu a r d gemachten Einwände gegen die Localisation nicht
nur dem Leser, sondern auch der Bedeutung der beidenForscher, denen
die Nervenpathologie manche wesentliche Bereicherung durch grund-
legende Thatsachen verdankt, schuldig zu sein. Wenden wir uns
nun zu einem ganz anderen Gegenstande von vorwiegend prac-
tischer Bedeutung. Es handelt sich um die Frage, ob in dem-
selben Sinne, wie eine bestimmte Hirnpartie immer der Repräsen-
tant einer bestimmten Function ist, ob ein bestimmtes Herdsymptom
immer für die Läsion einer bestimmten Gehirnstelle verwerthet
werden darf. Dass es in der Theorie nicht anders sein kann, be-
-darf keines besonderen Beweises; auch lassen wir die Frage, ob
*) Von irrtlaiünlicheu Citateu, wie z. B. dem eines Falles von Eostan,
jjamollissement du cerveau, p. 36, sehen wir selbstverständlich ab.
voTwoa-i, xxxnr
wii'klicli die betreifende GreliimstBlle lädirt ist, ganz unberührt und
besckäftigen uns nur mit der practischen Aufgabe , in wie
weit ein Herdsymptom zu der Erwartung berechtigt, dass man
■eine Herderkrankung und eine grob nachweisbare Zerstörung
«der Gehirnsubstanz finden w^erde. Hier ist nun zunächst an die
passageren Herdsymptome zu erinnern , von welchen schon oben
bei Gelegenheit der Hirnerweichung kurz die Rede war. Sie mögen
in den meisten Fällen vorgelegen haben, in denen die Section ein
ganz negatives Ergebniss hatte, in Fällen also z. B., wo eine
Hemiplegie bei Lebzeiten beobachtet, eine entsprechende Verände-
rung des Gehirns aber nicht gefunden wurde.
Abgesehen davon sind es die beiden Allgemeinerkrankungen
des Gehirns , die Meningitis und die progressive Paralyse , deren
Verhältniss zu den Herdsymptomen man kennen und berücksichtigen
muss, um nicht jeden Augenblick ähnlichen Enttäuschungen ausge-
setzt zu werden , wie die sind , zu denen die passagere Hemiplegie
Anlass geben kann. Man muss wissen , dass fast jedes Herd-
symptom , besonders aber solche , die von der Hirnrinde ausgehen,
bei diesen beiden Krankheiten vorkommen können , ohne dass man
eine entsprechende grob nachweisbare Herderkrankung des Gehirns
zu erwarten berechtigt ist. Nicht als ob diese Erkrankung wirklich
fehlte, sondern die Verhältnisse liegen hier so, dass in der That grosse
Gebiete des Gehirns und besonders seiner Oberfläche tief erkrankt
sind ; innerhalb dieser Erkrankung aber sind es Unterschiede des Grades,
welche das Auftreten dieses oder jenes Herdsymptomes bedingen, also
Unterschiede, die gewiss zu finden sein werden, wenn einmal die all-
gemeine Anerkennung der Localisation dazu geführt haben wird, dass
man an den richtigen Stellen nachsieht, die aber bisher fast stets über-
sehen worden sind und übersehen werden mussten, weil sie nicht so-
augenfällig sind, um den groben Befund einer Herderkrankmig gegen-
über der diffusen Erkrankung aller anderen Stellen zu ergeben. Es kann
sich sogar ereignen, dass die auffälligsten Veränderungen an solchen
Stellen getroffen werden, welche mit den bei Lebzeiten beobachteten
Symptomen in keiner Beziehung stehen; häufige Beispiele dafür
geben die Rindenadhäsionen der Pia bei der progressiven Paralyse
und die Ansammlungen grösserer Eitermengen an gewissen Stellen der
Pia 'bei der Meningitis oder die Einbettung des Chiasma in Massen
gelatinösen Exsudates , ohne dass Stauungspapille oder erhebliche
XXXIV Yorwort.
Sehstörung zu beobachten war. Alle Beobachtungen der Art, welche
den Zusammenhang solcher Veränderungen mit irgend welchen Herd-
syraptomen dartlmn sollen, sind ohne alle Bew^eiskraft, und eben so
wird es das erste Gebot der Vorsicht sein müssen, wenn man irgend
ein Herdsymptom zur Diagnose einer Herderkrankung verwerthen
will, dass man das diagnostische Bemühen dahin richtet, festzustellen,
ob etwa eine dieser beiden häufigen Allgemeinerkrankungen des
Gehirnes vorliegt. Erst nach Ausschluss dieser Fehlerquellen wird
man im Stande sein , aus dem Symptom auf eine Herderkrankung
in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes zu schliessen und eine
solche bei der Section zu erwarten.
Zum Schlüsse dieser Bemerkungen bin ich genöthigt, noch ein-
mal an die Bestimmung dieses Buches zu erinnern und auf mein
Vorwort zum ersten Bande zurückzugreifen. Nach meiner dortigen
Aeusserung über die Unzulänglichkeit des Materials, das für meine
Aufgabe zu Gebote stand, wird man nicht erwarten, dass ich mich
der Selbsttäuschung hingebe, mehr als die allerersten Anfangsgründe
einer Pathologie des Gehirns bringen zu können. Von der Unzu-
länglichkeit meiner Leistung kann niemand mehr durchdrungen sein
als ich, schon deshalb nicht, weil ich Grund habe zu glauben, dass
kein Anderer vorher die Schwierigkeiten des Unternehmens klar
genug erkannt hat. Schwierigen physikalischen Problemen , die
eine besondere Vorarbeit erfordert hätten , sah ich mich mit unzu-
reichenden Kräften gegenübergestellt. Aber es schien mir geboten,
den Schwierigkeiten nicht auszuweichen, wie es bisher geschehen ist,
sondern endlich einmal ihnen entgegenzugehen, selbst auf die Gefahr
des Misslingens hin. Wollte ich es nicht thun , so blieb mir keine
andere Wahl, als auf die Beendigung meiner Aibeit, die schon zu
lange in statu nascenti begriffen war, auf weitere Jahre hinaus zu
verzichten. Ermuthigt wurde ich durch das Bewusstsein, einen
festen Punkt unverrückbar im Auge gehalten zu haben : die That-
sächlichkeit des vorliegenden klinischen Materials. Diese irgendwo
meiner Auffassung zu Liebe angetastet zu haben, wird mir niemand,
vorwerfen können. An dieser absoluten Grösse musste sich bewähren,
ob meine Vorstellungen von der Mechanik der Blutungen und Er-
weichungen die richtigen waren ; und ich hatte die Genugthuung,
Vorwort. XXXV
in viel grösserem Maasse, als ich nach der Beschaffenheit des
Materials erwarten durfte, die bisher immer vermisste Ueherein-
stimmung der Beobachtungen unter einander sowohl, als mit den
Daten der Anatomie und den Ergebnissen des Thierexperiments zu
statuiren.
Berlin, im November 1881.
Der Verfasser.
Tnlialtsverzeiclmiss.
Dritter Tlieil.
Allgemeine Pathologie der Herderkrankimgeu.
I. Abschnitt.
Seite
Die Hirnblutung', Haemor rhagia cerebri 3 — 109
§. 35. Aetiologie und anatomischer Befund 3 — 15
§. 36. Symptome der traumatischen Blutung 15 — 20
§. 37. Der apoplectische Insu.lt 20 — 39
§. 38. Der apoplectische Insult (Fortsetzung) 39 — 50
§. 39. Die Herdsymptome der Hirnblutung 50 — 61
§. 40. Casuistik zum vorigen Paragraphen 61 — 102
Linsenkern 64
Innere Kapsel 64
Stirnlappen 66
Schläfelappen • . 67
Hinterhauptslappen 68
Motorische Eegion 72
Seilhügel 77
Hirnschenkel 83
Doppelseitige Hirnblutung 86
Pens 92
Kleinhirn 96
Oblongata 102
§. 41. Diagnose, Prognose, Therapie der Hirnblutung . . . . . 102 — 109
II. Abschnitt.
Die Hirnerweichung, En cephalomalacie 110 — 251
§. 42. Aetiologie 110—124
§. 43. Anatomischer Befund 124 — 130
§. 44. Symptome und Verlauf 130 — 149
§. 45. Die chronische Gehirnerweichung 149 — 164
§. 46. Die Herdsymptome der Gehirnerweichung 164 — 229
Stirnlappen 167
Motorische Eegion 169
Schläfelappen 177
Seite.
Occipitallappen . • 186
Stammganglieii 196
Hirnscheukel 203
Doppelseitige Er\\ eichuugsherde 205
Pons 213
Kleinhirn 216
Ohlongata 5—219
§. 47. Die acute, hämorrhagische Poliencephalitis superior . . . 229 — 242
§. 48. Diagnose, Prognose, Therapie der Hirnerweichnng .... 242 — 246
§. 49. Anhang über die Gefässversorgung des Gehirns 246 — 251
Dritter Theil.
Wernicke, Lehrbuch der Gehirnkraukheiteu.
Dritter Theil.
Allgemeine Pathologie der Herderkrankungeii.
I. Abschnitt.
Die Hirnblutung, Haeniorrhagia cerebri.
§. 35. Aetiologie und anatomischer Befund.
Sielit man von den Blutungen ab, welche in schon vorhandene
Veränderungen der Gehirnsubstanz, wie Erweichungen , sclerotische
Herde und Tumoren, stattfinden, so giebt es nur zwei wichtigere
directe Ursachen der Hirnblutungen: das Trauma und die soge-
nannten Miliaraneurysmen der Gehirn-Arterien.
a. Trauma. Je nach der Art des einwirkenden Trauma's
treten die Folgen desselben bald mehr am knöchernen Schädel und
der ihn auskleidenden Dura, bald mehr am Gehirn selbst zu Tage.
Es kommt 1) zu Blutungen zwischen Innenfläche des Schädels und
die abgelöste Dura, häufig bei Schädelfractur, aber auch ohne eine
solche, durch Bersten eines grösseren Arterienastes, z. B. eines
Zweiges der Art. meningea media oder dieser selbst. Die Los-
lösung der Dura erstreckt sich verschieden weit, mit Vorliebe nimmt
sie die mittlere Schädelgrube und überhaupt Theile der Basis ein
und enthält schwarze, geronnene Blutmassen, stellenweise bis zu
einer Dicke von mehreren Cm. Die Hirnoberfläche ist in ent-
sprechender Ausdehnung abgeplattet und comprimirt.
2) Zu Blutungen in den Sack der Dura. Diese sind stets
mehr gleichmässig über einen grösseren Theil der Hirnoberfläche
verbreitet, bekleiden bisweilen in dünner Schicht wie eine Kappe
die Aussenfläche der Pia einer ganzen Hemisphäre in gleichmässiger,
jedoch an der Basis sich verdünnender Schicht dunkel geronnenen
Blutes. Nach Ablösung derselben zeigt sich die Pia unversehrt
oder auch stellenweise blutig imbibirt, die Hirnoberfläche com-
primirt aber ohne Verletzung. Dieser Befund ist gewöhnlich mit
Schädelfractur complicirt ; in seltenen Fällen liegt ihm Ruptur eines
1*
4 WeRNTCKE, Lehrbiich der Geliirukrankheiten.
Sinus diirae matris zu Grunde, entweder mit gleichzeitiger Scliädel-
fractur, oder selbst ohne eine solche. Gallen der*) berichtet ein
Beispiel jeder Art. Davon abgesehen findet man die Quelle
der Blutung wohl meist in den Venenstämmchen der Dura mater,
3) Blutungen in den Sack der Pia: Submeningeal- (Sub-
araclmoideal-) Blutungen, häufig mit Zerstörungen am Gehirn selbst
verbunden. An irgend einer Stelle der Oberfläche finden sich die
Windungen in einen blutigen Brei verwandelt und die Submeningeal-
blutung bildet um dieses Centrum der Zerstörung einen bald aus-
gedehnteren bald kleineren Hof, der sich mit den Furchen folgenden
Ausläufern verliert. Ist der Process zur Heilung gekommen, so
findet man nach Jahren die Dura, Pia und die Hirnoberfläche in
einer bestimmten Ausdehnung durch Narbengewebe mit einander
verwachsen, ein Befund, der nach Todd**) einen häufigen Aus-
gang der Schädeltraumen darstellt. Andere Male erstreckt sich die
Verwachsung nicht auf die Dura.
Es kommen auch Combinationen dieser verschiedenen Befunde
vor. Bezüglich des sub 3 aufgezählten ist es nöthig, auf den Ent-
stehungsmechanismus etwas gena.uer einzugehen.
Dur et***) spritzte Hunden durch eine Trepanationsöffnung des
Schädels eine gewisse Menge Flüssigkeit unter einem erheblichen Drucke
in den Schädelraum und erzeugte dadurch alle der sogenannten Com-
motio cerebri eigenthümlichen Erscheinungen. Da die Verletzungen,
welche er an den Gehirnen solcher Thiere fand, minimal und zu
geringfügig waren, um die Schwere der Erscheinmigen zu erklären,
so steigerte er die Flüssigkeitsmenge bis zu einem Grade, welcher
sofortigen Tod erzeugte (etwa 100 Gr. Wasser, das er sogleich
wieder ausfliessen Hess). Die Autopsie dieser Thiere ergab Zer-
reissungen der Wände des 3. Ventr., Aquäd. Sylvii, 4. Ventrikels
und des Centralkanals mit entsprechenden Blutmigen. Die Zer-
reissmigen Hessen eine von innen nach aussen wirkende Gewalt er-
kennen und wiesen auf Ueberströmen der in den Hirnventrikeln
befindlichen Cerebrospinalflüssigkeit dui'ch den Aquäd. Sylv. in
den 4. Ventrikel u. s. w. hinein. Durch die eingespritzte Flüssig-
keit selbst konnten diese Läsionen nicht hervorgebracht sein. Denn
abgesehen davon, dass sie nur an die freie Oberfläche des Gehirns
*) The anatomy of brain shocks. St. Barth. Hosp. Eep. III n. V.
**) Clinic. lectures on paralysis etc. London 1856.
***) M. H. Duret. Notes sur la physiologie pathologique des traumatisraes
cerebraux. Gaz. med. 49, 50, 61. 1877.
WerNICKE, Lehrbuch der Gehiriikraiikheiteu. ö
eingespritzt wurde, also keinesfalls in die Ventrikel gelangen konnte,
hatte auch Einspritzung von an Ort und Stelle gelatinirenden
Flüssigkeiten denselben Effect. Es Hess sich also nur annehmen,
dass durch den plötzlich auf die Hirnoberfläche geübten Druck der
Inhalt der Seitenventrikel ausgepresst und zu einem Ausweichen in
in den 3. und 4. Ventrikel veranlasst wurde. Dafür sprach , dass
die Stellen, welche diesem Ausweichen einen grösseren Widerstand
entgegen setzten, wie der Aquaed. Sylv., das Foramen Magendii
(die Oeffnung des 4. Ventrikels in den Subarachnoidealraum, vgl.
Bd. I, S. 130), und der Eingang in den Centralkanal des Rückenmarkes
die Lieblingssitze der Läsionen, Blutungen durch Zerreissung der Ge-
fässe, waren. Auch von einem Seitenventrikel in den andern wird
die Flüssigkeit verdrängt. Durch ein vorher angebrachtes Trepan-
loch fühlte man bei Lijection links die rechte Hemisphäre sich an-
pressen. Sämmtliche Effecte der Injectionen Hessen sich nun auch
durch Schläge auf den Kopf hervorbringen. Der Sitz der Läsionen
aber varriirte je nach ihrer Apj)licationsstelle und entsprach immer
denjenigen Orten, welche dem Anprall der verdrängten Cerebrospinal-
flüssigkeit am meisten ausgesetzt waren. Namentlich gilt dies für
die Bewegung der in den Piamaschen enthaltenen Cerebrospinal-
flüssigkeit. Die oberflächlichen Blutungen mit begleitender Zerstörung
der Windungen, welche gekreuzt von dem Trauma auftreten und immer
als Folgen eines Contrecoup aufgefasst wurden, finden dadurch eine
genügende Erklärung.
Wenn auch aus den Versuchen Dur et' s unzweifelhaft hervor-
geht , dass das Trauma bei Weitem localisirter wirkt , als die
experimentelle Injection von Flüssigkeiten, so werden doch immer
2 Reihen von Erscheinungen bei traumatischer Einwirkung auf
den Schädel aus einander zu halten sein :
1) die augenblickliche Commotion, d. h. die schweren Erschei-
nungen, welche in Folge der den 4. Ventrikel treffenden Ver-
letzungen mehr oder weniger vorübergehend auftreten müssen, und
2) die örtlich beschränkten, in ihrer Lage durch den Ort der
einwirkenden Gewalt bestimmten Zerstörungen der Hirnoberfläche,
welche, wenn einmal entstanden, sich annähernd wie ebenso locali-
sirte spontan entstandene Hämorrhagien verhalten werden.
Zwischen beiden Ersclieinungsreihen wird nothwendig eine ge-
wisse Abhängigkeit bestehen müssen. Denn es ist klar, dass die
in den 4. Ventrikel abfliessende Flüssigkeit nur gleichsam einen
Zweigstrom der allgemeinen Flüssigkeitsbewegung darstellt. Je
6 Wernicke, Lehrbuch der Gehirukraukheiteu.
heftiger, bei localisirtem Trauma, dieser Zweigstrom anprallt und
je heftiger so die bedrohlichen Symptome der Commotion erzeugt
werden, desto intensivere und extensivere locale Zerstörungen wird
man auch an der der Einwirkung des Trauma's gegenüberliegenden
Gehirnregion erw^arten müssen. Die grosse Verschiedenheit der
einwirkenden Traumen bedingt natürlich auch Moditicationen dieses
Verhältnisses.
So müssen Traumen, welche ihrer Natur nach nicht den oben
geschilderten Versuchsbedingungen entsprechen , selbstverständlich
nicht in Vergleich gezogen werden , wie die meisten perforirenden,
namentlich die Schussverletzmigen. Andere , wie die meisten
Schädelfracturen , gehören zwar im Allgemeinen hierher, werden
jedoch oft noch durch Zerreissungen der Dura oder grösserer, sei
es arterieller, sei es venöser Gefässtämme so complicirt, dass es un-
möglich wird, beide Erscheinungsreihen von einander zu trennen.
Für viele Fälle wird es seine Geltung behalten, dass Traumen, die
nur unerhebliche Conmiotionserscheinungen bewirkten, auch schwerere
localisirte Rindenläsiouen nicht zur Folge haben. Und man
wird andererseits die Erfahrmig machen , dass sehr schwere
Commotionserscheinungen von den gewöhnlichen Allgemeinerschei-
nungen und indirecten Herdsymptomen der Hirnblutmig gefolgt
werden, um schliesslich erhebliche dauernde Defecte , directe Herd-
symptome, zu hinterlassen.
b) Die sogen. M i 1 i a r a n e u r y s m e n der kleineren Hirnarterien
sind diesen eigenthümlich und kommen an anderen Arterien so
gut wie gar nicht vor.
Die Kenntniss ihrer Bedeutimg als fast ausschliessliche Ursache
der spontanen Hirnblutung verdanken wir Charcot und
B 0 u c h a r d , *) welche sie in 77 Fällen jedesmal nachweisen konnten.
Ausser im Gehirn fand Nothnagel ein solches in der Darmwand, wo
es Aulass zu einer Blutung gegeben hatte, und Liouville fand sie in
der Retina, im Oesophagus und im Herzen.
Wenn auch gewöhnlich an ein gewisses Alter gebunden, sind
sie doch nicht in der Weise, wie etwa der atheromatöse Process
nm- als senile Veränderungen der Gehirngefässe aufzufassen. Sie
sind vielmehr bei Erwachsenen vom 20. Jahre ab in jedem Alter
gefunden worden , in dieser frühen Zeit allerdings nur ausnahms-
weise und in solchen Fällen, welche an Hirnblutung zu Grmide ge-
gangen waren. Aber auch im Greisenalter sind sie zwar constant
*) Arch. de physiologie I, 1868, S. 114.
WERNICKE, Leliibue'li der Geliiiiikraiikheiteii. «
in solchen Gehirnen, welche frische oder alte Blutherde aufzuweisen
haben, jedoch bei solchen, welche davon keine Spuren haben,
sehr selten.
Heschl*) giebt, übrigens ohne den gesetzmässigen Zusammenhang mit
der Hirnblutung zu vermuthen , über das Vorkommen dieser Gebilde im
Pens folgende Zahlen.
Er fand sie :
Bei 140 Individuen zwischen 40 und 50 Jahren 5 mal
„ 133 „ „ 50 „ 60 „ 5 „
„ 83 „ „ 60 „ 70 „ 3 „
„ 38 „ „ 70 „ 80 „ 2 „
Unter 800 Individuen vor 40 Jahren fand er sie dagegen nur 1 mal, bei
bei einem im dritten Decennium stehenden Manne. M ey n er t*'"^) beobachtete
sie ebenfalls bei einem 24jährigen Manne und Charcot bei einem 20jäh-
rigeu. Nach Durand Fardel***) ist auch die Gehirnblutung bis zum
40. Jahre nur selten, nachher häufig und gradweise zunehmend. Die
Blutungen bis zu 80 Jahren vertheilen sich nach diesem Autor so auf
die verschiedenen Altersstufen, dass nur Vi60 vor dem 20. Jahre, ^/t der-
selben bis zum 40. Jahre und ^/t zwischen dem 40. und dem 80. sich
ereignet haben.
Die miliaren Aneurysmen kommen oft, zuweilen sogar in be-
trächtlicher Zahl, ohne jede atheromatöse Entartung der basalen
Arterlen oder ihrer Aeste vor, ebenso wie letzterer Process sehr
oft in ausgesprochenstem Maasse vorhanden ist, ohne dass sich nur
ein einziges Miliaraneurysma im Gehirne findet. Beide Processe
sind vielmehr unabhängig von einander, ohne sich jedoch gegen-
seitig auszuschliessen. Sie können zusammen vorkommen und thun
dies häufig.
Wie schon erwähnt wurde, waren in der Char c o t'schen Zusammen-
stellung von 77 Blutungen die miliaren Aneurysmen ausnahmslos vorhanden,
der atheromatöse Process dagegen wurde nur in einer gewissen Zahl von
Fällen constatirt. Da diese Zahl immerhin noch eine erhebliche ist , so
führen wir die betreffenden Daten (nach Charcot) näher aus. In 69 dieser
Fälle wurde überhaupt der Zustand der basalen Gefässe berücksichtigt.
Davon waren 15, über ^/s, gänzlich frei von atheromatösen Veränderungen,
25 von ihnen, über ^/s aller Fälle, waren nur geringfügig erkrankt oder
fast frei. Die einfache Angabe , dass sie atheromatös waren, findet sich
bei 12, dass sie sehr atheromatös waren, bei 17 Fällen. Man kann über
*) Die Capillaraneurysmen im Pons Varoli. Wiener med. Wocheuschi".
1865, 6. und 9. Sept.
**) Allgemeine Wiener Wochenschr. 1864. Nr. "28.
***) Mal. des vieillards. Paris 1854, pag. 286.
8 WekniCKE, Ijelirlnich der Geliinilvi'iinklieiteu.
^/4 aller Fälle als vollständig frei betrachten, und es bleiben noch nicht
^U mit atheromatösen Erkrankungen aller Grade. Durand Fardel hatte
unter 32 Fällen von Blutung ein Verhältniss von 12°/o, also nur -^/s mit
intacten Ai-terieu gefunden, Bouchard*) (und Charcot) hatte vorher 18 ^/o,
also noch nicht ^/s aller Fälle gefunden. Diese Zahlen erhalten aber erst
ihren richtigen Werth, wenn man bedenkt, dass das Verhältniss, in welchem
bei Blutungen die Basalarterien frei von Atherom bleiben , ungefähr das-
selbe ist, in welchem sich gesunde Arterien bei gesunden Greisen-Gehirnen
finden. Nach Durand Fardel haben 28*^/o der Individuen über 60 Jahre
nicht atheromatöse Arterien, von den an Bhxtung gestorbenen hatten 22 ^/o
(nach Charcot) denselben Befund. Der Unterschied ist also nicht erheblich.
Dass der atheromatöse Proccss an den Blutungen unschuldig ist, geht auch
daraus hervor, dass er für sich allein, d. h. ohne vorgängige Bildung von
Aneurysmen grösserer Gefässtämme , in anderen Organen nie zu Blutungen
führt. Nothnagel hat dies neuerdings mit Eecht hei-vorgehoben. Dagegen
muss man (ebenfalls nach Nothnag el ) zugestehen, dass er in Folge der Er-
höhung des Blutdruckes in den kleinen Arterien die Wirksamkeit gewisser
Anlässe vermehrt (s. u.).
Die Gefässerkrankung ist in beiden Fällen verschiedener Art.
Der atheromatöse Process ist eine Endarteriitis , die die grossen
Gefässtämme bevorzugt und bekanntlich in der Aorta ihren Lieb-
lingssitz hat; die miliaren Aneurysmen dagegen bilden sich auf der
Basis einer diffusen Veränderung des Systems der kleinen intra-
cerebralen Gefässe , welche sich als diffuse Periarteriitis bezeichnen
lässt (Charcot und B o u c h a r d ). Bisweilen complicirt sie sich mit
einer Atrophie der Wandungen der grossen Gefässe der Basis und
der Meningen, durch welche diese ein Zwiebelschalen ähnliches Aus-
sehen gewinnen und die Bildung grösserer Aneurysmen veranlasst
werden kann. Jedoch beobachteten Ch. u. B. dieses Vorkommen
nur in einem Falle (an der Basilaris u. der i. Art. f. S.). Diese
Periarteriitis ist sclerosirender Natui' und führt zur Verdickmig der
Lymphscheiden, bald nur durch einfache Kernvermehrung, bald durch
Entwicklung fibrösen Bindegewebes. Bald allgemein, bald niu- an
einzelnen Stellen zeigt auch die Muscularis Veränderungen, welche
in einem einfachen Schwmide der Muskelelemente und Verlust der
Qiierstreifung bestehen. Die Muscularis wird immer nur secundär
betheiligt, und wo sie betheiligt ist, sind auch die Veränderungen
der Lymphscheide am stärksten. Die miliaren Aneurysmen kommen
dadurch zu Stande, dass an solchen Stellen in Folge des Muskel-
*) Etüde sur quelques points de la pathogenie des hemorrbagies cerebrales.
Paris 1867, p. 59.
WERNICKK, Lehrlmcli dei' (ieliinikrauklioilcii. J
Schwundes eine meist ampullenförmige Erweiterung des Gefässes
eintritt, wobei die Intima intuet bleibt oder liöelistens eine geringe
Kernvermebrung zeigt.
Die Aneurysmen sitzen mit blossem Auge sichtbar, von einem
Durchmesser von "/lo mm bis 1 mm und etwas darüber, an eben-
falls mit blossem Auge sichtbaren Gefässen, deren Durchmesser
von Vso bis zu V4 mm variiren kann. Höchstens ist eine geringe
Lupenvergrösserung nöthig, um sie deutlich zu sehen. Ihre Farbe
kann je nach dem Zustande ihrer Wand und des in ihnen ent-
haltenen Blutes zwischen tiefroth , ockerfarben oder schwärzlich,
bläulich und selbst grau, bräunlich und gelb variiren. Ent-
sprechend verschieden ist ihre Consistenz, bald weich und beim ge-
ringsten Drucke zerreisslich, bald von der Härte eines Sandkornes,
bald fest elastisch. Sie haben ihre Prädilectionsstellen und wurden
von Ch. u. B. mit abnehmender Häufigkeit in folgenden Gehirn-
theilen angetroffen: Sehhügel, Streifenhügel, Windungen, Brücke,
Kleinhirn, Centrum ovale, Brückenarm, Hirnschenkel, Oblongata.
Die Häufigkeit der Blutungen lässt eine ähnliche Reihenfolge er-
kennen. Unter 86 Hirnblutungen, die Durand- Fardel beobachtete,
hatte die Blutung 50 mal in Streifen- oder Sehhügel, 27 mal in das
Centrum ovale, Windungen oder deren Nachbarschaft, 5 mal in die
Brücke, 4 mal in das Kleinhirn stattgefunden. Am leichtesten sieht
man die Miliaraneurysmen in den Windungen, und dies erweckte
zuerst den Anschein ihrer überwiegenden Häufigkeit an diesem
Orte , w^ährend in der That die Stammganglien noch bevorzugt
sind. Ihre Anzahl sclnvankt von 2 — 3 bis zu Hunderten in
einem Gehirn. Wo sie häufig sind, entdeckt man sie schon beim
Abziehen der Pia vom Gehirn als Knötchen der oben geschilderten
Beschaffenheit, ebenso wenn man irgend ein grösseres Gefäss mit
seinen Verzweigungen aus der Gehirnsubstanz herauszieht. Bei
frischen Hämorrhagien findet man oft einige grössere Knötchen,
bis über Hanfl?:oru gross. Dies sind rupturirte Aneurysmen, welche
nur noch von ihrer Lymphscheide eingeschlossen sind. Im Herde
selbst oder an der Wand desselben sind die Aneurysmen bei
einigermaassen sorgfältigem Verfahren ebenfalls nicht schwer zu
finden. Nachdem man ihn eröffnet und von dem Blut-
gerinnsel so viel entfernt hat, als sich von selbst ablöst, setzt man
das Gehirn in Wasser und spült den Herd vorsichtig aus. Schliess-
lich bleiben kleine flottirende Cruorballen zurück, welche durch
zahlreiche Gefässfäden an die Wand des Herdes geheftet smd.
10 "WekNICKE, Lehrbuch der Gehinikviuikheiteii.
Zielit man diese Gefässe heraus und betrachtet sie bei schwacher
Vergrösserung unter dem Mikroskop , so gelingt es immer , die
Aneurysmen und oft auch das geborstene selbst nachzuweisen.
Betrachtet man die Wand von unversehrten Aneurysmen bei
stärkerer Vergrösserung, so sieht man, dass sie nur aus der in eine
Membran verschmolzenen Lymphscheide und Intinia besteht, die
Muscularis fehlt vollständig. Durch Druck auf das Deckglas kann
man den Inhalt auspressen. Er besteht zum Theil aus flüssigem
Blut, zum Theil aus zusammengeballten weissen Blutkörperchen, Fett-
tröpfchen und Granulationen, und amorpher körniger Masse. Letztere
Bestandtheile geben öfter den Anlass zu Stagnation des Blutes und
Obliteration des Aneurysma's wie der Arterie, an der es sitzt.
Es kommt dann zu weiterer regressiver Metamorphose, Fettgranu-
lationen und Körnern oder Kristallen von Hämatoidin. Wo ein
Aneurysma geplatzt war , aber die Lymphscheide erhalten blieb,
finden sich diese Producte auch ausserhalb des aneurysmatischen
Sackes, umgeben von neugebildetem Bindegewebe.
Gewöhnlich sitzt nur ein Miliaraneurysma an einer kleinen
Arterie, bisweilen bilden sie jedoch auch traubenförmige Gruppen
oder, wenn das Gefäss successive mehrere Erweiterungen hat,
eine doldenähnliche Anordnung.
Es ist eine Erfahrungsthatsache , dass Hirnblutungen oft ge-
legentlich gewisser Anlässe auftreten. Diese haben wohl alle das Ge-
meinsame, dass sie mit einer Erhöhmig des Blutdruckes, sowohl direct
des arteriellen als zunächst des venösen und indirect des arteriellen,
einhergehen. Starkes Pressen beim Stuhlgang und bei anderen An-
lässen, Husten, Niesen, körperliche Anstrengungen, Genuss gewisser
Stimulantien wie überhaupt üppige Lebensweise , ein kaltes Bad,
durch das das Blut von der Körperperipherie in die inneren Organe
zurückgedrängt wird, endlich psychische Erregungen wirken sämmt-
lich vermittelst einer Drucksteigerung im Arteriensystem als Ge-
legenheitsursachen der blutigen Apoplexie.
Es liegt aus diesem Grunde nahe, auch denjenigen organischen
Veränderungen, Vv'elche zur Erhöhung des arteriellen Blutdruckes
führen, einen mitwirkenden Einfluss auf die Entstehung von Hirn-
blutungen einzuräumen. Herzhypertrophie, sei sie durch verbreiteten
atheromatösen Process oder durch Klappenfehler oder durch Nieren-
schrumpfung bedingt, sind denn auch erfahrungsgemäss Momente,
welche zur Hirnblutung disponiren.
WeRNICKE, LehiljiK'li (l(;r rieliirukraiiklieiten. 11
Unter den oben citirten Fällen Charcot's sind 55 mit (;incr speciellen An-
gabe über den Zustand des Herzens versehen, 22 davon, d. h. 40 ^/o der Fälle,
hatten Herzhypertrophie, mit Einschluss von 2, in welchen die Hyper-
trophie nur compensirend für einen Klai^penfehler war. In 49 Fällen
wurden die Nieren untersucht; davon hatten 16, d. h. etwa 32V2 ^/o, hier-
her gehörige Veränderungen aufzuweisen.
Unabhängig von den miliaren Aneurysmen und den Aneu-
rysmen der grösseren Hirnarterien, von denen nocli ausführlich die
Rede sein wird , kommen Hirnblutungen nur bei den schweren
Bluterkrankungen: Scorbut, der perniciösen Anaemie, Leukaemie*)
und gewissen schweren Infectionskrankheiten, wie den hämorrha-
gischen Pocken und der Pyaemie vor. Sie treten hier den
sonstigen schweren Krankheitserscheinungen gegenüber vollständig
in den Hintergrund. Die Wirkungsweise des chronischen Alkoho-
lismus, welche vielleicht hierher gehört, ist noch unbekannt.
Allgemeine Aetiologie. Von dem Einflüsse des Alters
ist schon oben bei Grelegenheit der Miliaraneurysmen die Rede
gewesen. Es ist nur noch zu erinnern, dass, obwohl äusserst selten,
auch im Kindesalter Hirnblutungen vorkommen; Nothnagel be-
richtet einige Fälle der Art. Sonst ist die Meningealapoplexie die
der Kindheit zukommende Erkrankungsform.
Hinsichtlich des Geschlechts sind die Männer bei Weitem
liäufiger als Frauen Hirnblutungen unterworfen. Bei Frauen ist in
seltenen Fällen der puerperale Zustand, wahrscheinlich vermittelst
der dabei vorhandenen Herzhypertrophie das disponirende Moment
gewesen. Im Winter sind Hirnblutungen häufiger als während
der warmen Jahreszeit. Die Erblichkeit der Hirnblutungen in
einzelnen Familien ist eine nicht zu bestreitende , namentlich von
den englischen Autoren gewürdigte Thatsache. Sie beruht auf
Vererbung der materiellen Bedingungen, welche den Hirnblutungen
zu Grunde liegen.
Anatomischer Befund. Die frische Hirnblutung stellt
stets ein dunkles, fast schwarzes, lockeres und gleichmässiges Blut-
gerinnsel dar. Ungeronnen kommt das Blatt nur ausnahmsweise in
den Fällen abnormer Blutbeschaifenheit, z. B. Pyaemie, zur Beobach-
tung. Die Wand des Herdes ist intensiv roth gefärbt, von capillaren
'*) Olli vier u. E an vier, Arch. de phys. III. 1870. Ein interessanter
Fall der Art ist von Wilson mitgetheilt, wo das Gehirn eines Leukämischen
über 50 apoplectische Herde, darunter 10 Wallnuss grosse, enthielt. Virchow-
Hirsch's Jahresberichte 1872, Hospitalberichte.
1^ WerXIC'KE. Lelirlineli der Geliiniki-aiiklieiteu.
Apoplexien, d. li. punktförmigen Blutungen, durchsetzt, weich und
unregelmässig fetzig eingerissen. Die graue Substanz der Stamm-
ganglien leistet im Allgemeinen dem Blutaustritt geringeren Wider-
stand als die Marksubstanz, der Herd hat daher, wenn er beide bje-
theiligt, gewöhnlich eine grössere Ausdeknung in der grauen
Substanz. Die weisse Wand wird oft, z. B. die der äusseren
Kapsel bei Blutimgen im 3. Gfliede des Linsenkerns, nur abge-
schält und in auffällig geringem Maasse beschädigt. Der Herd
selbst verändert seine Farbe allmählich in dunkelbrami (chokolade-
farben), wobei er zugleich eine mehr schmierige Beschaffenheit an-
nimmt, dann ins Bräunliche. Grelbrothe und Gelbe. Im Allgemeinen
wird er, je älter , desto heller. Sind erst einige Tage nach dem
Eintritt der Blutung verstrichen, so. kann die Umgebung des Herdes
gelb imbibirt, ödematös und zerfliesslich weich angetroffen werden,
ein Befund, den man sehr treffend als „citronenfarbenes Oedem"
bezeichnet hat, und von da aus das Oedem sich noch weiter erstrecken.
Augenscheinlich liegt hierin oft die Todesursache. Man findet dann
ausser reichlichen rrithen Blutkörperchen Körnchenzellen, fettig ent-
artete Gefässwandurjgen und fettig veränderte Nervensubstanz im Be-
reich der Verfärbung. Meist kommt es nicht zu solchen Ver-
änderungen . nur die nächste , den Herd selbst abgrenzende
Schicht unregelmässig zerfetzten Gewebes geht eine fettige,
regressive Verändeiimg ein , das Oedem der Xachbarschaft
verliert sich, der Herd wird durch eine schmale Schicht ver-
dichteter Keui'oglia abgekapselt , meist ohne dass es zur Bildung
fibrillären Bindegewebes kommt. In der entfärbten Cruormasse
kommt es zur Ausscheidung körnigen und kristallinischen Blut-
pigmentes (Haematoidinkörner und Haematoidinkristalle), welches
meist sehr lange in Häufchen zusammengeballt erhalten
bleibt , schliesslich aber ebenfalls gelöst (wenigstens die
Kristalle) und vollständig resorbirt werden kann. Die Fibrin-
masse des Blutherdes vermischt mit den zertrümmerten nervösen
Elementen geht ebenfalls eine fettige regressive Metamorphose ein
und wird alhuählich durch den Lymphstrom eliminirt. Es bleibt
dann eine von glatten Wänden eingefasste, mit verschieden ge-
färbtem oder klarem flüssigem Inhalt gefüllte Höhle, eine sogen,
apoplectische Cyste, zurück. In diesem Stadium ist sie von einer
durch Erweichung entstandenen oft nicht zu miterscheiden.
Wenigstens erklären so erfaln-ene Gehinipathologen, wie Charcot,
diese Unterscheiduno- für unmöglich.
Wernicke, Lehrbuch der Geliirnkruiiklieiten. 13
Die apoplectische Cyste nimmt stets einen viel geringeren
Raum ein , als die ursprüngliche Blutung. Dies erklärt sich durcli
ein Zusammenrücken der Nachbarschaft, welches sich an den Geliirn-
])artien, die eine ganz bestimmte Zeichnung besitzen, wie z. B. im
Linsenkern, sehr deutlich verfolgen lässt. Uebrigens accommodirt
sich die Nachbarschaft in so gleichmässiger Weise der entstandenen
Lücke , dass die Verschiebung der Theile gegen einander meist
nur gering ist und es dalier einer besonderen Aufmerksamkeit be-
darf, um über die Grösse des ursprünglichen Blutherdes ein sicheres
Urtheil zu gewinnen.
Andere Male kommt es nicht erst zur Ausbildung einer Cyste
sondern zu einer Annäherung der ^Yände schon vor Umwandlung
des geronnenen Blutes. Oder vielmehr in demselben Maasse , als
die äusseren Schichten der Blutung fettig umgewandelt und resorbirt
werden , rückt die Umgebung zusammen , während die innersten
Schichten des Blutherdes erst langsamer ihre verschiedenen Ver-
änderungen durchmachen. Es kommt auf diese Weise entweder zu
einer ockerfarbigen, festen, sogenannten apoplectischen Narbe mit
reichlicher Entwickelimg fibrillären Bindegewebes, oder, wenn der
Fall vor Abschluss des Vorganges zm^ Section kommt, zur Bildung
eines spaltförmigen, mit verändertem blutigem Detritus erfüllten
Raumes.
Die Oertlichkeit der Hirnblutung ist natürlich von der des
berstenden Miliaraneurysma's abhängig. Wäre dies allein der Fall,
so müsste der Sitz der Blutimg genau der Häufigkeitsscala der
Aneurysmen in den verschiedenen Hirnprovinzen entsprechen. Da
jedoch unter sonst gleichen Bedingungen dasjenige Aneurysma der
Berstung am meisten ausgesetzt ist, an welchem eine Steigerung
des arteriellen Druckes sich zumeist geltend machen kann, so wird
die oben gegebene Scala noch zu Gunsten der den Hirnstamm
versorgenden, verhältnissmässig starken und dem Herzen näheren
Arterien, die sämmtlich Endarterien im Sinne Colin he im 's dar-
stellen, bedeutend modiücirt. Nach Charcot (s. oben) war der
Ausgangspunkt der Blutungen unter 119 von Andral und Durand
F a r d e 1 gesammelten Fällen 102 mal in den grossen Ganglien, nur
17 mal im Marklager der Vorder- und Hinterlappeii oder der
Peripherie des Geliirns gelegen. Unter 70 Fällen, welche Rochoux*)
berichtet, waren 43 mal die Streifenhügel (d. h. Linsenkern, Schweif-
') Eeclierches snr l'upoplexie etc. Paris 1833.
14 WerNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
kern und das dazwischen gelegene Stück der inneren Kapsel),
4 — 5 mal der Sehliügel der Sitz der Blutungen. Nach A n d r a 1 fand
sich die Blutung unter 386 Fällen: 61 mal in den Corp. striata,
35 mal in den Thalamis opticis, 21 mal im Centrum ovale und 202 mal
zugleich in diesen GrangHen und dem benachbarten Hemisphären-
marke. Nach Nothnagel folgen dann in absteigender Reihe: die
übrigen Partien der Grosshirnhemisphären , wovon der Occipital-
lappen am seltensten participirt; dann nach einem grossen Sprunge
im Frequenzverhältnisse das Cerebellum und der Pons , neben
welchem der Grosshirnschenkel oft lädirt ist. Isolirte Herde im
Hirnschenkel sind eben so selten, wie solche in der Oblongata und
den Vierhügeln. Li den Kleinhirnschenkehi gehören sie zu den
Curiositäten, im Ammonshorn , dem Balken, dem Gewölbe kommen
sie fast nie vor. Ich glaube , dass häufiger, als gewöhnlich ange-
nommen wird , Blutungen im Pons und Kleinhirn stattfinden, und
möchte dagegen die äusserste Seltenheit von Blutungen in die Ob-
longata betonen.
Die Tabelle, welche B a sti a n ■^) (nach Griiitrac) giebt, ist so zu ver-
stehen, dass dabei der liauptsäcliliehe Sitz der Blutung bestimmt worden
und eine geringere Mitbetheiligung der Xachbarseliaft vernachlässigt ist.
Unter „Mittellappen" ist Scheitel- und Schläfelappen mit der dazwischen
gelegenen Insel zusammengefasst und ausserdem ist die Abgrenzung der
Lappen überhaupt nur eine ungefähre. Berücksichtigt man dies, so bleibt
der Tabelle ein gewisser practiseher Werth. Unter 751 Fällen iutracra-
nieller Blutung betrafen: Meningen 172, Rinde 45, Mittellappen 127,
Hinterlappen 33, Vorderlappen 17, Corpora striata 72, Thalami 38, Pons
und Hirnschenkel 76, Cerebellum 55, Oblongata 2.
Unter den 7 7 Fällen, die Charcot und B. gesammelt haben, betreffen
8 allein den Pons (davon erstreckt sich ein Herd gleichzeitig ins Cerebellum),
2 den Pons und gleichzeitig andere Regionen, 7 sind Ergüsse ins Cerebellimi,
6 andere ins Cerebellum und gleichzeitig andere Regionen. Aus der Zu-
sammenstellung ergiebt sich ausserdem das interessante Factum , dass die
Blutungen , wenn multipel , an sjnnmetrischen Punkten aufzutreten lieben.
Unter den 33 darin enthaltenen Fällen mit multiplen Blutungen (frische
und alte zusammengerechnet) sind 7 enthalten , in welchen die Herde
symmetrischen Sitz in beiden Hemisphären hatten. Bei zwei weiteren
Fällen (nicht von multiplen Blutungen) ist das Vorkommen von iVIiliar-
aneuiysmen an den sjonmetrischen Stellen hervorgehoben. Dass Herd-
erkrankungen (nicht blos Blutungen), wenn mehrfach, oft vollständig sym-
*) Clin, lectures on the common form of paralysis from brain disease.
Laucet April 25. 1874 ff.
Werntcke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiteu. 15
metrisch an beiden Hemisphären gelagert sind , dürfte den meisten patho-
logischen Anatomen längst aufgefallen sein.
Auch der Durchbrucli einer Blutung in die Ventrikel ist meist
nicht von einem besonderen Umfange derselben , sondern von der
Lage des Gefässes , aus welchem die Blutung erfolgt, abhängig.
Man vergl. darüber die am Schlüsse des Abschnittes mitgetheilten
Angaben über die Gefäss Versorgung des Gehirns.
§. 36. Symptome der traumatischen Blutung.
Die traumatische Blutung von grösserem Umfange,
wie sie meist angetroffen wird, wenn die Blutmig zwischen Dura
und Schädel oder in den Sack der Dura stattgefunden hat , macht
gewöhnlich tiefe Bewusstlosigkeit und kann ohne Hinzutritt anderer
Erscheinungen rasch zum Tode führen. So beobachtete C a 1 1 e n d e r
nach einem Falle auf den Hinterkopf Coma und Tod in 40 Min.
durch Ruptur eines Sinus transversus. Meist treten bald epilep-
tische Anfälle ein , die entweder allgemein sind , oder halbseitig,
selten noch beschränkter sein können , ohne dass daraus auf eine
locale Läsion des Gehirns selbst geschlossen werden darf. Die
Anfälle häufen sich und endigen schliesslich nach Verlauf einiger
Tage mit allgemeiner Resolution und dem Tode, Seltener stellt
sich Bewusstlosigeit erst später ein; die unter diesen Umständen
immer halbseitigen epileptischen Anfälle finden bei erhaltenem
oder nur wenig getrübtem Bewusstsein statt, und erst nach einigen
Tagen tritt Coma , meist zusammen mit Hemiplegie der vorher be-
fallenen Körperhälfte, dann allgemeine Resolution mid der Tod ein.
Der Sitz der Blutung ist dann vorwiegend die gegenüberliegende
Schädelhälfte.
Serien von bald partiellen, bald allgemeinen epilejDtischen An-
fällen bilden auch das Hauptsymptom der traumatischen Sub-
meningealblutungen mit oberflächlichen Zerstörungen des Gehirns.
Li der Zwischenzeit, oder auch während partieller Anfälle, kann das
Bewusstsein erhalten oder nur etwas benommen sein , wenn der
Pt. von der Commotion wieder zu sich gekommen ist. Häufig aber
stellen sich bald Delirien , Ruhelosigkeit , Jactation während des
Schlafes und andere Reizerscheinungen ein. Dieselben können nach
mehrtägiger Dauer abklingen und in. Heilung übergehen. Es bleibt
aber Jahre lang oder auch für die ganze Lebenszeit Epilepsie zu-
rück. Dieselbe behält die Neigung bei , in Serien wiederzukehren.
16 WerxiCKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
Die Anfälle kömieu, wie auch in der ersten Zeit nach dem Trauma,
in der verschiedensten Form auftreten, und dafür ist wahrscheinlich
der Sitz des Rindenherdes maassgeLend; intercurrent alDer kommen
gewöhnlich auch Anfälle allgemeiner Convulsionen hin und
wieder vor.
Ein Mann von etwa 50 Jahren wurde am 1. Januar 1877 auf die
Krampf abth eilung der Charite aufgenommen und hatte in den ersten zwei
Tagen mehrfach Anfälle rechtsseitiger Convulsionen , bei denen Kopf und
Augen nach rechts gedreht wurden. Das Verhalten des Bewusstseins da-
bei wurde nicht festgestellt. In der Zwischenzeit war er benommen , liess
den Urin unter sich, verliess einige Male das Bett, ging aber auf Auf-
forderung ^^äeder in dasselbe zurück. Er sprach nicht und das Essen
musste ihm eingegeben werden , weil er mit der rechten Hand nicht fest
anfasste. Am 3. Januar weniger benommen, sitzt aufrecht und gerade
im Bett. Von rechts her angesprochen , wendet er den Kopf und die
Augen nach links ; stellt man sich links, so fixirt er und versucht zu ant-
worten , bringt aber nur unverständliches G-emurmel unter verschiedenen
Lippenbewegungen heraus. Nach sichtlichen Anstrengungen gelingt ihm
nur das einzige Wort „Was" hervorzubringen. Spuren rechtsseitiger
Hemiparese im Gresicht durch Verstricheuheit der Nasolabialfalte , am Arm
durch Ungeschicklichkeit im Gebrauch desselben kenntlich, doch wird der
Arm spontan bewegt. Gang unsicher, ohne Indicien für das rechte Bein.
Eine Verständigung mit dem Patienten ist weder durch Sprache noch durch
Geberden zu erreichen; jedoch achtet er darauf und richtet sich im Bett
zurecht, wenn man zur Untersuchung herantritt, und nachdem man ihn
wiederholt laut bei Namen gerufen hat, steht er endlich auf und kommt
herbei. Bei dieser Gelegenheit zeigt sich wieder, dass er die rechts
sitzenden Personen ignorirt und sich nur an die links befindlichen wendet.
Der Gesichtsausdruck des Patienten ist leidend, er ächzt viel und verräth
Ki-ankheitsgefühl , wickelt sich frierend in die Decke. Conjunctiven leicht
icterisch. Stiche in die rechte Rumpfliälfte und die rechten Extremitäten
erregen Schmerzäusserungen.
Noch an demselben Tage stellen sich wieder epileptische Anfälle ein,
wiederholen sich imd häufen sich so, dass die Pausen zwischen den An-
fällen meist nicht über ^.'i Stunde, oft aber noch weniger betragen. Der
einzelne Anfall dauert 2 — 5 Minuten, je nach seiner geringeren oder
grösseren Verbreitung über die Muskulatur. Intercurrent kamen voll-
ständige epileptische Anfälle von dem gewöhnlichen Verhalten vor. Sonst
unterschieden sich die Anfälle in folgender Weise: 1) Die von kürzester
Dauer blieben auf das Gebiet der Gehirnnerven beschränkt und waren
doppelter Art: a. Die einen blieben ganz im Facio-Lingualgebiet (vergl.
Th. I S. 329) und begannen mit tomseher Verziehung des sich schnauzen-
förmig schliessenden Mundes nach rechts : dann wurden die Lippen ab-
Wernicke, Lehrbuch der Gehinikrankheiten. 17
wechselnd geöffnet imd geschlossen und ebenso der Unterkiefer entfernt
und angenähert, wie bei Kaubewegungen ; auf Bewegungen der Zunge liess
sich daraus schliessen, dass zugleich rythmische Contractionen der die
Vorderwand der Trachea bedeckenden Zungenbeinmuskeln stattfand« n,
ebenso betheiligte sich der rechte Latissimus colli. Die Sternodeido-
mastoidei, sowie die Augen und die Extremitjiien blieben vollständig unbe-
theiligt, nur bei Beginn erfolgten einige leichte, kaum merklicke Zuckun;.en
der Augen, b) Die anderen begannen mit lebhaften Augenbewegungen,
und zwar stellten sich die Augenaxen entweder sogleich oder nach vor;iuf-
gegangener, nur kurzer Linkswendung langsam nach reilits ein und be-
gannen dann in allmählich zunehmenden Excursionen nach rechts zu
zucken und dazwischen in der Richtung nach linl s zurückzupendeln. Bald
nach Beginn der tonischen Rechtswendung der Augen contrahirte s.ch der
rechte Orbicularis palp., der dann mitzuckte. Die sub a beschriebenen
Erscheinungen im Facio-Lingualgebiet schlössen sich daran an, ohne ge-
nauere Zeitbestimmung, jedoch jedenfalls erst nach der Rechtsdrehung der Augen.
2) Der Anfall beginnt mit Zuckungen des Gesichts und Einstellung
der Augen nach rechts ; während dem dreht sich das Gesicht langsam nach
rechts und bleibt in dieser Stellung. Ausserdem wird entweder der rechte
Arm ausschliesslich oder zugleich auch das rechte Bein vom Krämpfe er-
griffen. Am Ende des Anfalls kehrt der Kopf allmählich wieder in die
Mittelstellung zurück , die Augen bleiben gewöhnlich eine Zeit lang nach
links eingestellt und kehren erst dann wieder in die IVIittelstellung
zurück. Die Halsmuskulatur erscheint bald beiderseits betheiligt,
bald nur links , und zwar scheint die Drehung des Kopfes auf ent-
weder vorwiegender oder ausschliesslicher Betheiligung des linken Sterno-
cleido-mastoideus zu beruhen (vergl. Bd. I S. 198). 3) Die Drehung
des Kopfes und der Augen nach rechts wird durch eine vorübergehende
Bewegung in entgegengesetztem Sinne eingeleitet. Die linken Extremitäten
sind von Anfang an tonisch gespannt und zwar in Flexionsstellung, deut-
liche klonische Zuckungen an denselben sind nicht wahrzunehmen, bei den
Zuckungen der rechten Extremitäten überwiegt die Streckung.
Ueber den Zustand des Bewusstseins liess sich kein sicherer Auf-
schluss gewinnen , doch schien es in den kleineren Anfällen erhalten zu
sein. Die Athmung war bei allen Anfällen betheiligt, immer beschleunigt,
meist erfolgten synchron mit den anderen Zuckungen kurze , stossweise
Athemgeräusche und ausserdem noch stöhnende und seufzende Laute.
Bei den grossen Anfällen war sie zwar meist beschleunigt und gewaltsam,
fiel aber nicht mit den klonischen Stössen zeitlich zusammen, während sich
feststellen liess, dass sich mit diesen synchron die Bauchmuskeln beiderseits
ruckweise contrahirten. Nach dem Anfall bestand längere Zeit sehr tiefe,
stertoröse , beschleunigte Respiration. Der Puls war stets nach den An-
fällen stark beschleunigt und klein und der Zahl nach zwar regelmässig,
■Wernicke, Lehrbuch der Gehimkrankheiten. II. 2
18 WernicKE, Lehrbuch der Gehirnkraiikheiten.
aber von wechselnder Füllung der Arterie , was sich besonders in den
späteren Zeiten bemerkbar machte.
Am 5. Januar. In den Pausen liegt Patient A-ollständig apathisch
da , schlägt aber auf Anrufen die Augen auf und fixirt auch , zeitweilig
seufzt er. Vollständig sprachlos, rechtsseitige Hemiplegie, Schlingen ziemlieh
gut erhalten. Nadelstiche veranlassen Yerziehungen des Gesichts, Seufzen,
Hinblicken, an der Hand bewirken sie keine Reflexe, wohl aber au der
Fusssohle , hier aber rechts schwächer als links. Das rechte obere Lid
hängt etwas mehr als das linke ; sucht man es in die Höhe zu ziehen, so
spürt man rechts fast keinen , links erheblichen Widerstand. Secessus
involuntarii. Ophtalmoskopisch negativer Befund, ö. Januar. Nach den An-
fällen liegt Patient meist mit links geöffnetem , rechts halb geschlossenem
Auge , rechts bleibt das untere Drittel der Cornea von den Lidern im-
bedeckt; ein entsprechendes Segment der Cornea ist' glanzlos, trocken und
zeig-t oberflächliche Erosionen, die benachbarte Conjunctiva bulbi lebhaft
injicirt. Auf Berührung der rechten Cornea erfolgt nicht die leiseste Be-
wegung, während das linke Auge sofort energisch geschlossen wird. Puls
kaum fühlbar, 132. Tod am folgenden Tage, den 7. Januar.
Se et ion s er g ebniss. Rechts neben einigen Imbibitionsfl ecken ein
dünnes, 4 Zoll langes, 1 Zoll breites, lose an der Haut haftendes Blut-
gerinsel. Links im Sacke der Dura sowohl au der Basis, imd hier nament-
lich in der mittleren Scliädelgrube , als an der Convexität eine dicke
Cruormasse. Schädelknochen intact. Als Quelle der Blutung werden zwei
rabenfederkieldicke zerrissene Yenen der Pia ermittelt, ungefähr an der
Grenze des Schläfelappens und Hinterhauptslappens. Das aus ihnen heraus-
ragende Gerinnsel haftet der Venenwand ziemlich fest an und setzt sich
in die Cruormasse fort. Im Gehirn keine Herderkrankung. Beginnende
Pneumonie des rechten Unterlappens.
Trotz des Fehlens einer Anamnese muss hier ein Schädeltrauma an-
genommen werden , da die Ruptur der beiden Venen nicht anders zu er-
klären ist. Die Blutung war so beträchtlich , dass sie eine sichtbare Ab-
plattung an der Convexität der linken Hemisphäre hervorgebracht hatte.
Entweder diesem Umstände oder der nach den Krampfanfällen zurück-
bleibenden Erschöpfung, wie H. Jackson will, war es zuzuschreiben, dass
eine vollständige rechtsseitige Hemiplegie mit Hemiauaesthesie zu. Stande
kam. Als seltene Theilerscheinung der ersteren ist namentlich die Lähmung
des Levator palp. super, und des Orbicularis palpebrarmn zu beachten;
die motorische Aphasie gehört auch dazu. Theilerscheinungen der letzteren
waren die unzweideutigen Symptome sensorischer Aphasie und rechts-
seitiger Hemiopie. Man vergi. Th. I §. 32. Das constante Einsetzen
der halbseitigen Anfälle entweder an der Mund- oder an der Augen-
muskulatur hatte zur irrthümlicheu Annahme einer Herderkrankung in den
entsprechenden Rindenterritorieu der linken Hemisphäre verleitet.
Wernicke, Lehrbuch der Gehinikrankheiten. IJ
Gallen der 1. c. Beob. 16. Nach Trauma epileptiforme Anfälle
der linken Körperhälftc, bei denen das Bewusstsein erhalten bleibt. Dies
geht so 4 Tage, dann treten Coma, linksseitige Hemiplegie und der Tod
ein. Blutung in den Sack der Dura, besonders über der rechten HemisiDhäre.
Derselbe. Beob. 25. Schlag auf den Kojjf. Somnolenz, epilep-
tische Anfälle mit Vorwiegen der linken Seite, Tod nach 4 Tagen. Sub-
meningealblutung, rechts stärker.
Bircher, Correspondenzbl. f. scliweiz. Aerzte 1881 Nr. 4. Ein
78jähriger Polizeidiener fiel eine Treppe von 10 Stufen rücklings hinunter
und blieb danach ^Iz Stunde lang bewusstlos. Der darauf folgende Tag
verlief ohne Beschwerden , die nächstfolgenden zwei Tage allgemeines
Unwohlsein ohne bestimmte Erscheinixngen. Am Morgen des fünften
Tages zeigte er sich aufgeregt und es trat bald darauf ein Krampfanfall
der rechten Seite ein , ebensolche wiederholten sich noch mehrmals am
Tage , darnach war erst Parese des rechten Facialis und gegen Abend
auch leichte Parese der rechten Extremitäten zu constatireu, die Sprache
wurde etwas undeutlich. Am folgenden Morgen häufigere Anfälle, traten
schliesslich alle 5 — 10 Minuten ein. Sie beginnen mit einer Drehung des
Kopfes nach rechts und aufwärts, darauf leises Zucken, zu clonischem
Krampf anwachsend, der ganzen rechten Gesichtshälfte , dabei Verengung
der Pupille und Einstellung des Auges (oder der Augen?) nach rechts
und aufwärts. Etwa 15 Secunden nach Beginn der ersten Symptome be-
ginnt der Krampf im rechten Arme, und zwar wird zuerst der Zeige- und
Mittelfinger gestreckt, dann die Faust geballt und hierauf beginnen die
clondscheu Krämpfe des ganzen Armes, wobei der Arm nacb aussen rotirt
wird. Nach dem Arm beginnt das Bein, Zunge ist während des An-
falles fest auf den Mundboden gedrückt , Radialpuls rechts klein, links
hart und dabei voll. Dauer des Anfalles 1 — 1 Va Minuten, beim Auf-
hören der Zuckungen dieselbe Eeibenfolge, so dass das Bein zuletzt zuckt.
In der Zwischenzeit rechtsseitige Hemiplegie mit Erhaltung der Schmerz-
empfindlichkeit. Sensorium benommen. Später war der Verlauf des An-
falles nicht mehr so typisch , indem oft die ganze rechte Körperhälfte
gleichzeitig befallen wurde, einige Male blieb der Anfall auf den Facialis
beschränkt. Kurz vor dem Tode, der genau 6 mal 24 Stunden nach
dem Sturze erfolgte, T. 41, P. 136, R. 60.
Dura am Schädeldach adhärent , Innenfläche über der rechten Hemi-
sphäre mit fläcbenhaften, blutigen Auflagerungen versehen, etwas stärkeren
nur an der Basis entsprechend der rechten Hinterhauptsgrube. Pia über
dem linken Stirnlappen blutig suffundirt, fleckige Suffusion auch an einigen
Stellen des Scheitellappens. Blutige Zertrümmerung des vordersten Theils
des linken Stirnlappens und der Basis der rechten Kleinhirnhemisphäre,
letztere reicht bis au's Corpus rhomboideum. Trübliche, gelbe Erweichung
in dem der Blutung angrenzenden Theile des Marklagers des Stirnlappens.
2*
20 WerNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
Auch in diesem Falle war auf G-ruud des constanten und localen Be-
ginnes der Convulsionen die Diagnose auf eine Herderkrankung und zwar
im G-ebiete der Centralwindimgen gemacht worden. Wie unser erstes
Beispiel lehrt , ist dies nicht berechtigt , die Kräm^Dfe können selbst bei
einer die ganze Hemisphäre treffenden Compression localisirt beginnen.
Das Trauma hatte augenscheinlich vorwiegend die rechte Hinterhaupts-
gegend betroffen, daselbst die Blutung an die Innenfläche der Dura und
die Zertrümmerung an der rechten Kleinhirnhemisphäre bewirkt und ausser-
dem, den von D vir et (1. c.) an Thieren gemachten Erfahrungen genau ent-
sprechend, durch den Anprall der Cerebrospinalflüssigkeit auch eine Zer-
trümmerung der Windungen des linken Stirnlappens herbeigeführt. Die
Convulsionen traten erst zur Zeit der entzündlichen Reaction in der Um-
gebung des Herdes ein und werden von dem Verfasser mit Recht darauf
zurückgeführt.
§. 37. Der apoplectisclie Insult.
Die spontanen Hirnblutungen setzen gewölmlich mit
apoplectischem Insult ein. Man versteht darunter eine Reihe von
Allgemeinerscheinungen, als deren wesentlichste und constanteste
die schwere Beeinträchtigung des Sensorium's , gewöhnlich Coma,
hervorzuheben ist.
Rascher Insult. Die Bewusstlosigkeit kann blitzartig eintreten,
man spricht dann von Apoplexie foudroyante, weil derKranke
wie vom Blitze getroffen zusammenbricht. Gewöhnlich vergehen einige
Minuten, ehe das Bewusstsein vollständig verloren geht. Der Kranke
bemerkt, dass eine Veränderung mit ihm vorgeht, es wird ihm
schwarz vor den Augen und weich um's Herz, er fühlt sich
unsicher mid schwindlig , verspürt Uebelkeit und Ohnmachts-
gefühl oder eine eigenthümliche "VVüstheit und Leere im Kopf.
Dem Bedürfniss nach Ruhe und Schlaf nachgebend, legt er
sich hin und scheint einzuschlummern , während er in Wirklichkeit
in die Bewusstlosigkeit des apoplectischen Anfalles versinkt. Oder
man bemerkt an ihm, während er noch über diese subjectiven Em-
pfindungen klagt, dass seine Sprache schwerfällig und lallend wird,
dass er Wörter verwechselt, abnorm zerstreut scheint, dass sich
seine Gedanken verwirren und seine Züge den Ausdruck tiefer
Abgespanntheit annehmen. Eventuell klagt der Kranke noch über
Kopfschmerz , subjective Geräusche , Paraesthesien einer Körper-
hälfte und dergi. mehr. Dann verliert sich seine Sprache in
ein unverständliches Murmeln, er sinkt halb bewusstlos vom Stuhle
herab und ist in kurzer Zeit vollkommen comatös. Im Einzelnen kann
WERNIGKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 21
das Bild dieses raschen Insultes je nach der Situation erheb-
liche Verschiedenheiten zeigen. Das Wesentliche dabei ist die Ver-
worrenheit, Schläfrigkeit und Müdigkeit, also selbst schon eine zu-
nehmende Beeinträchtigung des Bewusstseins , gegen welche der
Kranke sich vergeblich wehrt.
Ist das Coma eingetreten , so kann der Kranke einem tief
Schlafenden gleichen , mit dem Unterschiede , dass er auf keine
Weise zu erwecken ist. Der Puls und die Respiration können
ihr normales Verhalten bewahren. Häufiger verräth schon
der Anblick , dass es sich um eine krankhafte Bewusstlosigkeit
handelt. 'Kopf und Gesicht sind congestionirt , heiss anzu-
fühlen, die Carotiden pulsiren heftig, der Puls ist gespannt, voll,
massig verlangsamt, jedoch regelmässig. Die Respiration ist eben-
falls verlangsamt, abnorm tief und geräuschvoll, und zwar entsteht
in Folge der Erschlaffung der Stimmbänder bei jeder Inspiration
ein schnarchendes Geräusch, das stertoröse Athmen. Ist die Be-
wusstlosigkeit so tief, dass der Speichel nicht verschluckt wird, so
gelangt derselbe in die Luftröhre und bildet ein Athmungshinderniss,
es entsteht tracheales Rasseln , wobei die Athmung meist zugleich
beschleunigt wird. In schweren Fällen wird nach Olli vi er*) im Urin
der Kranken Eiweiss und Zucker gefunden, die abgeschiedene Harn-
menge ist gleichzeitig vermehrt und das specifische Gewicht ver-
mindert. Diese Veränderungen sind vorübergehend und nur in
den ersten 12 — 24 Stunden zu constatiren. Das Coma dauert ge-
wöhnlich mehrere Stunden, es kann sich aber selbst über 1 — 2 Tage
und ausnahmsweise noch länger ausdehnen und dennoch von Wieder-
kehr des Bewusstseins gefolgt sein. In solchen Fällen pflegt die
Tiefe der Bewusstlosigkeit allmählich abzunehmen, es tritt Sopor
und schliesslich Somnolenz an Stelle des Coma's. Dem entsprechend
wird die im tiefsten Coma geräuschvolle und erschwerte Athmung
wieder ruhiger und mehr normal. Das Umgekehrte ist der Fall,
wenn das Coma in allgemeine Resolution und den Tod übergeht.
Die am Anfang ruhige Athmung nimmt dann bei längerer Dauer
des Coma's den stertorösen Charakter an, sie wird später be-
schleunigt und von trachealem Rasseln begleitet.
Als langsamen Insult kann man es bezeichnen, wenn ein
Zeitraum von mehreren Stunden oder selbst einem Tage vergeht, ehe
es zu tiefer Bewusstlosigkeit kommt, während doch in dieser Zeit
*) Gaz. hebdom. 1875 Nr, 11—13, Arch. de physiol. 1876 S, 85.
22 WERNICKE, Lelirbiicli der Gehinikraiiklieiten.
eine gradweise Abnahme des Bewusstseins stattfindet. Dieselbe
äussert sich in Unorientirtheit, Incohärenz und Verwirrtheit, bisweilen
anch ängstlichen Dehrien, worauf sich dann immer grössere Müdigkeit
und Schläfrigkeit des Kranken bemächtigt und er allmählich in tiefes
Coma versinkt. Ehe es so weit kommt, fallen das bleiche Aussehen-
und die verfallenen Züge dieser Kranken auf, eine fahle, blasse
Gesichtsfarbe mit leicht cyanotischer Verfärbung erstreckt sich
oft bis in das Coma hinein. Der Puls kann dabei weich , ver-
hältnissmässig klein und selbst etwas beschleunigt sein. In diesen
Fällen handelt es sich um eine langsam anwachsende Blutung, imd
das Coma endigt gewöhnlich mit dem Tode.
Obwohl das Auftreten eines Insultes bei Hirnblutungen die
Regel bildet, so kommen doch nicht selten auch Blutimgen vor,
bei denen der Insult entweder ganz fehlt oder nur angedeutet ist.
Sie sind charakterisirt durch das plötzliche Einsetzen irgend welcher
Herdsymptome , z. B, einer Hemiplegie oder Hemiopie oder einer
Monoplegie. Zwischen dem gänzlichen Fehlen eines Insultes und
dem ausgebildeten Insulte giebt es zahlreiche Uebergänge , die ge-
wöhnlich als Anfälle von Schwindel oder Benommenheit oder Be-
täubung bezeichnet werden. Man vergleiche Bd. I, S. 299.
Die Erklärung des apoplectischen Insultes liegt in den oben
geschilderten anatomischen Verhältnissen , welche der spontanen
Hirnblutung zu Grunde liegen. An den Stellen , an welchen die
Ruptur des Gefässes erfolgt, ist dasselbe aneurysmatisch erweitert
und seiner Muscularis beraubt, die Ruptur betrifft somit nur zwei
verhältnissmässig schwache Membranen, die Intima und die Lymph-
scheide des Gefässes, sie wird also in den meisten Fällen eine weit
klaffende sein und noch dazu die Möglichkeit einer Retraction,
welche bei dem quer durchschnittenen Gefässe erfolgen könnte,
dadurch verhindert sein, dass der Riss sich nicht über die ganze
Circumferenz des Gefässes erstreckt. Diese Bedingungen müssen
dazu führen , dass die Blutung unter dem vollen Drucke erfolgt,
welcher in dem blutenden Gefässe herrschte. Die Gehirnmasse
selbst hat bei ihrer weichen Consistenz diesem Drucke nur
einen sehr geringen Gegendruck gegenüberzustellen , sie ist
eben dadurch sehr geeignet, den Druck, den sie erfährt, über weite
Bezirke fortzuleiten. Es ist deshalb zu erwarten, dass sie in
weiterem Umfange einem Drucke unterliegt, der dem des blutenden
Gefässes gleich ist oder nahe kommt. Wie weit sich diese Wirlamg
erstreckt , ist nur annähernd zu beurtheilen ; doch lässt das
Wernioke, Lehrbuch der Gehinikrankheiteu. 23
regelmässige Auftreten gewisser inclirecter Herdsymptome darauf
schliessen, dass gewöhnlich der grösste Theil einer Hemisphäre von
dem Drucke betroffen wird. Bei Hunden tritt, wieLeyden*) und
Pagenstecher**) gezeigt haben, Bewusstlosigkeit ein, sobald das
Gehirn einem Drucke von 130 mm Hg. ausgesetzt wird; mindestens
derselbe , wahrscheinlich aber ein viel höherer Druck ist in dem
blutenden Gefässe anzunehmen.
Es handelt sich um einen physikalischen Vorgang, wie aus folgender
Ueberlegung hervorgeht. Tritt ein mit Flüssigkeit gefülltes , unter einem
bestimmten Drucke stehendes geschlossenes Röhrensystem mit einem
ebenfalls allseitig abgeschlossenen und mit Flüssigkeit gefüllten G-e-
fässe in Communication , so erfolgt alsbald eine Ausgleichung des Druckes
zwischen beiden Flüssigkeitsmassen , oder man kann sagen , der
Druck des Röhrensystems überträgt sich auf die in dem Gefäss enthaltene
Flüssigkeit, sobald irgend eine Vorrichtung besteht, etwa ein Pumpenwerk,
wodurch der Druck in dem Röhrensystem auch nach eingetretener Com-
munication auf einer gewissen Höhe erhalten wird. Die Zeitdauer, inner-
halb welcher die Druckausgleichung erfolgt, ist von der Weite der Com-
municationsöffnung abhängig. Die kleinen Hirnarterien stellen ein solches
unter einem bestimmten Drucke stehendes Röhrensystem dar ; wäre das
Gehirn eine Flüssigkeit und der Schädelraum vollständig geschlossen , so
würde der letztere das unter einem viel niedrigeren Drucke stehende,
mit Flüssigkeit gefüllte Gefäss darstellen. Der Ort der Ruptur
ist die Communicationsöflfnung zwischen beiden Flüssigkeitsmengen , und es
findet daher eine Uebertragung des im Gefässsysteme herrschenden Druckes
auf den Innenraum des Schädels statt. Dabei bildet das Herz das Pumpen-
werk, durch welches der Druck in den Gehirnarterien auch nach statt-
gehabter Communication auf einer gewissen Höhe erhalten wird. In Wirk-
hchkeit sind die Verhältnisse dadurch viel complicirter, dass die Consistenz
des lebenden Gehirns zwar eine recht weiche ist, wie man sich bei Thier-
experimenten überzeugen kann , aber doch nicht geradezu eine flüssige ;
dass ferner der Schädelraum mit dem Wirbelkanale communicirt und in
Folge dessen nicht einfach von einem geschlossenen Gefässe die Rede sein
kann. Immerhin sind die Verhältnisse annähernd dieselben wie in dem
physikalischen Versuch, und eine ähnliche Wirkung wird um so eher anzu-
nehmen sein , als die Druckdifferenz des Arterienblutes und des Gehirns
eine sehr bedeutende ist. Man nimmt an , dass der in der Ca-
rotis des Menschen herrschende Druck mindestens gleich viel beträgt , wie
in der eines grossen Hundes. Der letztere ist zu 150 — 200 mm Hg. be-
stimmt und wird selbst in den kleineren Gehirngefässen nicht viel weniger
*) Virchow's Arcli. 37. Bd.
**) Experimente und Studien über Gehirndnick. Heidelberg 1871,
24 Werxicke. Lehrbuch der Gehimkrankheiteu.
betragen. Das Gehirn selbst aber steht blos unter dem Drucke der Cere-
brospinalflüssigkeit. welcher nach Leyden 8 — 10 mm "Wasser beträgt, also
minimal ist. Findet eine Blutung mit weiter Communicationsöffnung statt,
so wird nicht so momentan wie bei den geschilderten Verhältnissen des
Experimentes, aber doch mit einer grossen Geschwindigkeit die benachbarte
Gehirnmasse einen ähnlichen Druck erreichen müssen. Dieser Druck wird
sich, da es sich ebt-n nicht um eine wirkliche Flüssigkeit, sondern nur um
eine weiche Masse handelt , zunächst auf die betreffende Hemisphäre er-
strecken, eventuell aber auch im Eaiime der anderen Hemisphäre und der
hinteren Schädelgrube geltend machen. Nach den schon angeführten
Thierversuchen über künstliche Erzeugung des Hirndrueks genügte schon
ein ^-iel geringerer Druck, nämlich von 130 mm Hg., um die Thiere bewusstlos
zu machen. Das Hauptsymptom des apoplectischen Insultes , die Be-
wusstlosigkeit . findet damit eine vollständige Erklärung ; ausserdem aber
auch che Pieihe von indirecten Herdsymptomen, welche, wie wir bald sehen
werden, gewöhnlich mit dem apoplectischen Insult zusammen eintreten.
Gewöhnlich sind dieselben der Art , dass sie in der Annahme , der Druck
beschränke sich auf eine Hemisphäre . ihre Erklärung finden. Dass aber
auch die andere Hemisphäre, wenngleich in geringerem Maasse, von
dem Drucke betroffen und geschädigt wird, geht daraus hervor, dass
eine Blutung in die rechte Hemisj)häre. die an tmd für sich mit dem moto-
rischen Sprachvorgauge nichts zu thun hat. nicht selten auf kurze Zeit
von Aphasie gefolgt wird. Xach Stunden oder selbst Tage langer Dauer
pflegt dieselbe aber zu vergehen, während eine etwaige indirecte linksseitige
Hemiplegie noch lange Zeit Bestand hat. Die oben erwähnten Beobachtvmgen
011ivier"s betreffs der Zucker- und Eiweissausscheidung weisen darauf hin,
dass auch die Organe der hinteren Schädelgrube, i. sjj. die Oblongata. bis-
weilen von dem Drucke beti'offen werden : wenn dies geschieht, so sj^richt
es bei der vcrhältnissmässig geschützten Lage dieser Theile für das Vor-
handensein einer ungewöhnlich starken Druckwirkung, und insofern muss
man Ollivier beipflichten, dass dieses Symptom für eine ungünstige
Prognose spricht.
Unter den oben geschilderten Verhältnissen einer v>"eit klaffenden
Ruptur des Aneurysma's geschieht demnach die Drucküh ertragung
aul' die Gehirnsubstanz annähernd mit derselben Schnelligkeit , ^e
es bei dem physikalischen Experimente der Fall sein "svürde und
wie es auch beim Thierversuche erforderlich ist. Es verhält sich
ähnlich, "wie wenn ein Sclilag in eine Flüssigkeit geführt würde,
die nicht ausweichen kann, oder wie bei den Experimenten von
Goltz, welcher einen "Wasserstrahl unter starkem Drucke auf das
Gehirn einwirken Hess . um damit die Hirnsubstanz auszuspülen.
Der apoplectische Insult ist der Ausdruck dieses das Gehirn in tote
treffenden Traimia's.
WernickE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. -iO
Es ist jedocli klar, dass die Communicationsöffiiung , die
Stelle der Euptur , nicht immer so weit sein wird , sondern
dass sie unter Umständen nur einen engen Spalt oder einen
Stichkanal darstellen kann, z. B. wenn das berstende Aneu-
rysma schon vorher durch Fibrinablagerungen halb obliterirt war,
oder wenn es dicht vor der letzten Endio-uns; eines Arterienästchens
seinen Sitz hatte. Unter diesen Umständen wird es zu einem
tropfenweisen Austreten des Blutes , einem Aussickern desselben
kommen können. Das ausgetretene Blut wird dann nur unter
einem geringen Drucke stehen, und die Commimicationsöffinung
wird sich durch Fibrinablageruug leicht wieder schliessen
können. Daraus erklärt sich, dass der Insult zwar die Mehrzahl
der Fälle von Hirnblutung begleitet , dass er aber ausnahmsweise
fehlen kann, und ferner, dass sich alle Uebergänge zwischen diesen
beiden Gregeusätzen beobachten lassen.
Erfolgt die Blutung unter den angegebenen erschwerten Ver-
hältnissen, so kann sie ersichtlich nur einen kleinen Umfang er-
reichen , weil selbst die geringe Consistenz des Gehirns dem aus-
tretenden Blute bald einen hinreichenden Widerstand entgegensetzt.
Damit stimmt die Erfahrung überein, dass Blutmigen, welche ohne
Insult eingetreten sind , gewöhnlich die Grösse einer Haselnuss
nicht übersteigen.
Der Insult fehlte u. A. in folgenden Fällen you Hirnblutung:
Beob. 11 und 12 von Andral, Sitz im Sehhügel, Umfang einer
grossen Kirsche, und im Hirnscheukel, Umfang einer Kirsche.
Beob. 42 von Charcot und Bouchard betrifft eine Frau, welche
an Pleuritis starb und den zufälligen Befund einer kleinen frischen Hämor-
rhagie im rechten Sehhügel ergab.
Etwas über erbsengross und mit einem spaltförmigen Ausläufer ver-
sehen war die Blutung in meinem Falle von Erkrankung der inneren
Kapsel (vgl. Bd. I S. 251). Das totale Fehlen eines Insultes bei plötzlich
eintretender Hemiplegie war hier bestimmend für die Diagnose eines niur
kleinen Herdes, der in Folge dessen, wenn im Grosshiru, imv in der inneren
Kajjsel sitzen konnte.
In einem Falle von Pitres (Lesions du centre ovale. Th. de Paris,
1877 Beob, 1.) hatte eine nussgrosse Blutung unter dem vorderen Ende
der mittleren rechten Stirnwindung weder Insult noch Hemiplegie gemacht.
Linksseitige Hemiplegie, ohne eigentlichen Insult aber unter Unwohlsein
eingetreten, war die Folge einer Blutimg von der Grösse einer kleinen
Nuss im Marklager imter dem Fuss der III. (oberen) Stirnwindung in
einer Beobachtung Lepine's. (De la localisation dans les maladies
cerebrales Th. d'aggreg. 187 5 Beob. 1.)
2() "WernicKE, Lehrbuch der Gehirukraiikheiten.
K 0 seil st ein: (Berl. Kliu. Wochenschr. 17. 1868.) Plötzlich ohne
lusult iiud ohne sonstige Lähmimg eingetretene motorische Aphasie,
hasselnussgrosses Blut-coagulum im Marklager unter der I. (unteren)
linken Stirnwindung.
Von anderweitigen Verhältnissen, welche für das Zustande-
kommen des Insultes in Betracht kommen , ist zunächst die Con-
sistenz des Gehirns in der Umgehung des Aneurysma's zu erwähnen.
Ist dieselbe krankhaft vermehrt , so wird eine Fortleitung des
Druckes über weitere Bezirke sehr erschwert werden und anderer-
seits dem Blutdrucke schon an Ort und Stelle ein erheblicher
Widerstand geleistet. Bei auffälliger Consistenzvermehrung wird
sich dieser Einfluss bei der Section schon durch das Gefühl einiger-
maassen abschätzen lassen; ist sie weniger auffällig, so äussert er
sich oft noch darin, dass er die Form des Herdes modificirt. Man
trifft dann gewimdene, ganz miregelmässig gestaltete Formen an,
während unter den normalen Verhältnissen einer gieichmässig
weichen Consistenz die gewöhnliche Form des Herdes , eine runde
oder ovale, zu Stande kommt. Dabei ist jedoch zu beachten, dass
die graue Substanz der Stammganglien normaler Weise weicher
ist und dem Blutdruck einen geringeren Widerstand entgegensetzt,
als die weisse Substanz : sind daher zwei Schichten von verschiedenem
Widerstände eng benachbart . wie z. B. das 3. Glied des Linsen-
kerns und die äussere Kapsel, so dehnt sich auch hier die Blutung
im Sinne des geringeren Widerstandes aus , und die Form des
Herdes kann dadurch modificirt werden.
Folgender Fall diene dafür als Beispiel (Charcot und Bouchard,
Obs. 7): Eine öljähi-ige Frau, welche vorher an abundauter Metrorrhagie
gelitten hatte, hatte wegen öfter auftretenden Schwindels und Parae-
sthesien der Extrem, lebhafte Furcht, A'om Schlage getroflFen zu werden.
Nach 6 Monaten erlitt sie einen Anfall, ohne vorgängige Prodrome, bei
welchem sie schwankt, aber nicht das Bewusstsein verliert, erst das rechte
Bein, nach einigen Augenblicken auch der rechte Arm sind gelähmt, 10
Minuten nachher ist sie bei Bewusstsein , kann sprechen, das Gesicht ist
nicht verzogen. Xacli 1 Stunde ist der Mund sehr schief, das Sprechen
sehr erschwert, Sensorium benommen. Sie stirbt den Tag darauf. Im
linken Thal. opt. findet sich ein gewundener Herd, welcher den hinteren Theil
des Corp. str. in seineu Bereich gezogen hat und in die Ventrikel diu'ch-
gebrochen ist. In der oberen Etage der Brücke ein anderer sehr kleiner
und scharf begrenzter Herd und ein ebensolcher im rechten Corpus str.,
beide frisch, Miliaraueurvsmen, kein atheromatöser Process. Herz nicht
hypertrophisch. Die kleinen Herde hatten augenscheinlich keine Spnptome
Wkhnk'KE, Lelirlmch der GeliinikranUIieiteii. 27
gemacht, die gewuiidcue Beschaffenheit des Herdes und der relativ geringe
Grad des Insultes , bei welchem nicht einmal die Sprache verloren ging,
stehen hier im Zusannnenhang. Eine besondere Festigkeit des Gewebes
wird allerdings nicht hervorgehoben.
Um eiiien anderen Factor, welcher für die Entstehung des In-
sultes in Betracht kommt, nämlich die Grösse des blutenden Ge-
fässes , genügend würdigen zu können , ist es nöthig , noch etwas
genauer auf den Mechanismus des Insultes zurückzukommen. Schon
oben haben wir erwähnt, dass beim Thierexperimente es wesentlich
auf die Geschwindigkeit ankommt, mit welcher der Druck auf das
Gehirn wirkt, und hervorgehoben, dass gerade die Schnelligkeit,
mit welcher sich der in dem rupturirten Gefässe herrschende Druck
auf das Gehirn überträgt, eine Bedingung des Insults darstellt.
Wir hatten ferner auch ein gewisses Verhältniss des Insultes zu
dem Umfange einer Blutung gefunden. Es liegt deshalb nahe, den
Insult noch unter einem allgemeineren physikalischen Gesichtspunkte
ins Auge zu fassen. Man kann nämlich den EiFect des ausströmenden
Blutes auf das Gehirn mit einem Stosse vergleichen und in der-
selben Weise wie die Wirkung jeder anderen bewxgten Masse auf
einen ruhenden Körper berechnen. Bezeichnen Avir diese Wirkung
mit einem kurzen Namen als das traumatische Moment de r
Hirnblutung, so wird sie nach einer allgemein giltigen Formel
durch das Product der Masse in das Quadrat der Geschwindigkeit
bestimmt werden können, und wir werden nun zu ermitteln haben,
was wir in unserem speciellen Falle unter Masse und unter Ge-
schwindigkeit verstehen müssen. Halten wir den einfachsten Fall
fest , von dem wir ausgegangen sind , dass durch die Ruptur das
blutende Gefäss möglichst weit eröffnet wird , so ist die Masse des
auf das Gehirn einströmenden Blutes von der Weite des Gefässes
abhängig. Das traumatische Moment wächst demnach in einfacher
Proportion mit dem Querschnitt des blutenden Gefässes. Was die
Geschwindigkeit betrifft , so ist sie zu identificiren mit der in dem
Gefässe herrschenden Höhe des Blutdruckes : je höher derselbe ist,
desto rascher muss das Blut ausströmen, d. h. desto mehr Blut in
der Zeiteinheit die Querschnittseinheit der Rupturstelle passiren.
Für das traumatische Moment der Hirnblutung muss der Blutdruck
besonders ins Gewicht fallen, weil dieser Factor nicht im einfachen,
sondern im quadratischen Verhältniss zur Geltung kommt, und aiis
diesem Grunde werden schon kleinere Differenzen des Blutdruckes
sehr zu beachten sein. Mit anderen Worten: das traumatische
28 Werxicke. Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
Moment wird in weit liülierem Maasse durch den Blutdruck, als
durch die Weite des blutenden Gefässes bestimmt.
Sehen "wir nun zu . vtrs wir über die intracerebralen Gefässe
bezüglich ihrer "Weite und des in ihnen herrschenden Blut-
di'uckes wissen. Wie aus dem unten folgenden Abschnitte über
die Gefässvers orgung des Gehirns hervorgeht, verhalten sich
der Hirnstamm und der Hirnmantel in dieser Hinsicht ver-
schieden. Xur in den Hirnstamm dringen etwas stärkere Gefäss-
stämmchen em. Sie entstehen aus den Anfangsstücken der
grossen Gehirnarterien an der Basis und durchbohren zum
grössten Theil die Substantia perforata anterior. Ihr Quer-
schnitt beträo't bis zu 1"^,2 mm. Besonders eines derselben, welches
an der Aussenfläche des Linsenkernes zwischen dessen 3. Gliede
mid der äusseren Kapsel in die Höhe steigt , zeichnet sich durch
sein starkes Caliber aus . und dieses ist so häufig der Ausgangs-
punkt der Blutung, dass C h a r c o t den besonderen Xamen der Artere
de riiemorrhagie cerebrale für sie anwenden möchte. Im Gebiete
des Hirnmantels dagegen haben die stärksten und am weitesten in
das Mark liineinreichenden Arterien nach Dur et*) nur einen Durch-
messer von 6—8 Hundertstel eines mm. Das traumatische Moment
der Hirnblutuno- wird demzufolo'e im Gebiete des Hirnstammes durch-
schnittlich bedeutender sei]i. als im Gebiete des Hirnmantels.
Ein ähnlicher Unterschied zwischen beiden Gefässgebieten
ist hinsichtlich des in ihnen herrschenden Blutdruckes anzu-
nehmen. Sieht man von dem gerade hier vielleicht nicht uner-
heblichen Umstände ab. dass die den Stamm versorgenden Arterien
dem Herzen näher Hegen und aus Arterien dritter Ordnung, vom
Herzen aus gerechnet, entspringen, während die Arterien des
Mantelgebietes in die Gehirnsubstanz erst eindringen , nachdem sie
sich wiederholt getheilt und wie die Yerästlung eines Baumes in
der Pia mater verzweigt haben . so kommt doch der Umstand in
Betracht, dass die ersteren. sämmtlich Endarterien im Sinne Cohn -
heims, in ihr Capillarsystem übergehen, ohne dass besondere
Apparate, die auf den Blutdruck einen Einfluss üben können, ein-
geschaltet wären. Dies ist dagegen bei den Arterien des Hirn-
mantels, noch bevor sie tiefer in die Gehirnsubstanz gelangen, all-
gemein der Fall. Es kommt dafür nicht so sehr das von Heubner**)
*,) Recherches anatomiques sur la oirculation de l'encephale. Ai'ch. de
physiol. 18 7-4.
**) Die luetische Erkrankung der Hirnarterien. Leipzig 1874.
Wernicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. ^v
nacligewiesene , von Dur et bestrittene System von Anastomosen
in Betracht, welches noch in den Maschen der Pia selbst liegen
und die Arterien stärkeren Calibers mit einander verbinden soll.
Viel wesentlicher ist die auch aus dem Texte und den Abbildungen
Durets hervorgehende Thatsache, dass die Arterien des Mantel-
gebietes bald nach ihrem Eintritte in die Hirnsubstanz in der Hirn-
rinde selbst ein dichtes arterielles Maschenwerk aus sich entstehen
lassen und damit nicht nur unter einander in Communication treten,
sondern auch eine plötzliche bedeutende Erweiterung ihres Strom-
gebietes erfahren. Ein Sinken des Blutdruckes ist davon die noth-
wendige Folge.
Aus der Darstellung Duret' s ^) tritt dieser Sachverhalt nur deshalb
nicht klar hervor , weil er dieses ganze Canalsystem abweichend von dem
deutschen Sprachgebrauche des geringen Durchmessers der Arterien wegen
zu den Capillareu rechnet. Die Annahme , dass in den intracerebralen
Arterien des Hirnmantels ein erheblich geringerer Blutdruck herrsche, als
in denen des Hirnstammes, liegt auch den Ausführungen Heubner's in
seinem Buche über die luetische Erkrankung der Hirnarterien zu Grunde.
Die Thatsachen, worauf er sie stützt, sind oben schon angedeutet und be-
stehen in dem Nachweise, dass die Gebiete der grösseren ßindenarterien
durch zahlreiche, millimetergrosse Anastomosen unter einander verbunden
sind, so dass ein communicirendes Canalsystem, eine Art Reservoir in der
Pia besteht, Avelches von jedem der grossen Arterienstämme aus gefüllt
werden kann. Bei Injectionsversuchen kommt es in Folge dessen erst nach
Füllung dieses Reservoirs zur Injection der feineren Pianetze, aus welchen
letzteren erst wieder , senkrecht abbiegend , die Arterien in Rinde imd
Mark des Hirnmantels gelangen. Die widersprechenden Angaben Dur et' s,
welcher das Bestehen gröberer Anastomosen zwar nicht ganz leugnet, aber
sie für sehr spärlich und unzureichend hält, erklärt H. aus dem Modus
der angewandten Injectionstechnik und hält ihnen gegenüber seine Beob-
achtungen in vollem Umfange aufrecht. Die positiven Resultate seiner
Injectionen scheinen mir denn auch nicht anzuzweifeln.
Wie schon angedeutet, lege ich den Hauptwerth auf das in der Rinde
befindliche, auch von Dur et selbst anerkannte System von Anastomosen
zwischen den feineren und feinsten Arterien des Mantelgebietes. Ich kann
aber nicht verschweigen, dass mein verehrter Freund H. Jacobson selbst
diesen Unterschied zwischen Stamm- und Mantclgebiet für unerheblich er-
klärt gegenüber etwaigen Unterschieden in der Leichtigkeit des venösen
Abflusses : der Blutdi-uck sinke in dem Arteriengebiete , welches in dieser
*) 1. c.
30 WerNICKE, Lelirljuch der Geliinikranklieiten.
Eiclitung dem geringereu Widerstände begegne. Icli habe micli deslialb
bemüht , über die Venen des Gehirns etwas zu erfahren , aber leider nur
mit geringem Erfolg. Es hat allerdings den Anschein, als ob die Veuen-
versorgung des Hirnmautels eine unvergleichlich reichere wäre, als die des
Hirustammes, und dass in ersterem das venöse, in letzterem das arterielle
G-efässsystem überwiegend entwickelt sei. Schon Rosenthal^) hebt
diesbezüglich hervor: „Instituta arteriarum et veuarum, basin cingentium,
exactissima comparatione persuasum habeo , arteriarum copiam et crassitiem
hie praevalere." Der ausschliessliche Weg für den venösen Abfluss aus
dem Hirnstamme scheint die eine aus zwei Hauptästen, der Vena relata s. reflexa
und der Vena corporis striati sicli zusammensetzende Vena Galeni zu
sein, während gleich starke Venen für den Hirnmautel in grosser Zahl
vorhanden sind und in die nächstgelegenen Sintis der Dura mater einmünden.
Auch Dur et coustatirt von dem Hirustamme: le retour du sang veineux
ne s'y etablit pas largement. Aber eine derartige Abschätzung hat
immer das Missliche , dass mau leicht dem "wirklieh vorhandenen
Unterschiede der Gehirnmasse , auf den es ankommt , nicht genügende
Rechnung trägt. Entscheidend würde dagegen . wenn sie sich bestätigte,
die von E c k e r'^^) mitgetheilte und vertretene Beobachtung Schröder v. d.
Kolk's sein, nach welcher zwischen den feineu Arterien- und Venenver-
zweiguugeu in der Pia directe Communicationen existiren. Dieselben würden
ausschliesslich dem Hirnmautel zu gute kommen und ein beträchtliches
Sinken des Blutdrucks in den Arterien desselben zur nothwendigen Folge
haben. D u r e t bestreitet die Richtigkeit dieser Beobachtung , und ihm
schliesst sich Labbe'^*'*) zunächst an, berichtigt sich aber später, indem
er Inj ectionsv ersuche anführt, die ihm dasselbe wie S c h r ö d e r und Ecker
ergeben haben.
Wir werden somit ancli diesen zweiten Factor bei der Berech-
nung des traumatischen Momentes durchschnittlich im Mantelgehiete
niedriger veranschlagen müssen , als im Stammgebiete mid deshalb
unter sonst gleichen Verhältnissen erwarten , dass das Gehirn ein
bei Weitem grösseres Trauma durch eine Blutung im Stamme, als
im Hirnmantel erfährt. Der apoplectische Insult ist, wie aus dieser
Betrachtung hervorgeht, nur ein specieller Fall unter allen den
Fmictionsstörungen des Gehirns, welche in dem Begriffe des trauma-
tischen Momentes enthalten sind; er entspricht nämlich einem ganz be-
stimmten, durch die Erfahrung (im Thierversuch) ermittelten Werthe des
tramna tischen Momentes , bei welchem das Bewusstsein aufgehoben
*)-De intimis cerebri venis. Acta aead. Leop. Carol. 12. Bd.
**) Dissertatio auatomica inauguralis de cerebri et medullae spinalis syste-
mate vasorum capillari in statu sano et morboso. 1853. S. 47. Dur et I.e.
***) Xote sur la circulation veineuse du ceiweau. Ärch. de physiologie, 1879.
WerniCKE, Lelirljufh der Geliirukranklieiten. öl
wird. Bei Blutungen in den Stammganglien ist es demnach ver-
ständlich, dass dieser Werth meist iiherschritten und nur selten
nicht erreicht wird , und ebenso bei Blutungen im Mauteigebiete,
dass er verhältnissmässig häufig nicht erreicht, und somit der Insult
vermisst wird. Auf diese Weise stellt sich der Sitz der Blutung
als von erheblichem Einflüsse für das Zustandekommen des Insultes
heraus.
Erst jetzt wird sich auch ein Verständniss der complicirten
Beziehmigen, welche zwischen Insult und dem Umfange des
Herdes bestehen, erhoffen lassen. Auch der Umfang einer Blutung
wird, wie leicht ersichtlich, von den beiden Factoren der Gefäss-
weite und des Blutdrucks bestimmt. Je grösser das blutende Gefäss
ist, desto mehr Blut tritt mit einem Male aus , und je grösser der
Blutdruck ist , desto rascher strömt es aus , immer unter der ein-
fachsten Voraussetzung einer möglichst weit klaffenden Ruptur, von
der wir ausgegangen sind. Die Blutungen im Stammgebiet sind
demgemäss durchschnittlich bei weitem umfänglicher, als im
Mantelgebiete , und da auch der Insult die Fälle ersterer Art in
ihrer weitaus grössten Mehrzahl begleitet , bei denen letzterer Art
dagegen sehr oft fehlt, so ist es wohl statthaft, innerhalb gewisser
Grenzwerthe den Umfang des Herdes mit dem Insult in Verbindmig
zu bringen. Schon oben wurde betont, dass man, wo der Insult
fehlt, nur kleine Blutungen anzutreffen pflegt.
Die umgekehrte Folgerung , dass die geringe Grösse des
Herdes ein Fehlen des Insultes bedinge, wäre aber dennoch
nicht statthaft , vielmehr kommt es gar nicht selten vor , dass
schon eine erbsen- bis haselnussgrosse Blutung mit Insult einsetzt,
der freilich unter diesen Umständen nicht von langer Dauer ist.
Auch das kann man erleben , dass von zwei gleich kleinen
Blutimgen die eine mit, die andere ohne Insult beginnt, oder dass
von zwei verschieden grossen die kleinere einen Insult hervorbringt,
die grössere nicht.
Pitres 1. c. Beob. 15. SSjährige Frau, litt seit 4 Jalireu an
linksseitiger Hemiplegie mit sec-undärer Contractur der gelähmten
Glieder. Komite unterstützt gehen. Am 23. Februar ein apoplec-
tischer Anfall , der folgendermaassen geschildert wird : Im Plaudern
mit anderen Kranken begriffen, brach sie plötzlich auf ihrem Stuhl
zusammen. Man fragte sie , Avas ihr wäre , aber sie konnte nicht ant-
worten , obwohl sie die an sie gerichteten Fragen zu verstehen schien.
Sie wird zu Bett gebracht, und nach einer halben Stunde vom Arzt
32 WeRNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
gesehen , ist sie noch ziemlieh bei Bewnsstscin , versucht zu antworten,
was nicht gelingt, erhebt willkürlich die rechte Hand. 2^/2 Stunde
später ist sie vollkommen bewusstlos und hat conjugirte Ablenkung d. A.
n. d. K. Tod nach zwei Tagen. Es wurden einige Male trotz Bewusst-
losigkeit spontane Bewegiuigen des rechten Armes bemerkt. Auch Algesie
rechts erhalten.
Nussgrosser frischer Blutherd in der Marksubstanz des linken Schläfe-
lappens, der darüber liegende Linsenkern intact. Eeclits eine ockerfarbige
Narbe an Stelle der Vormauer. Mit seinem oberen Theile geht dieser
Herd um den oberen Rand des Linsenkerns herum , durchtrennt die
innere Kapsel und den Schweifkern und erreicht das Ependym des Ventrikels
unter dem vorderen Drittel des Thalamus opticus. Im mittleren Theile
des rechten Hirnschenkels ein grauer Streifen secundärer Degeneration,
welcher sich auf die rechte Pyramide und den linken Seitenstrang fortsetzt.
Pierret. Bull, de la soc. anat. 1874, p. 700. 42jähriger Mann.
Ohne Prodrome oder Verlust des Bewusstseins plötzlich vollständige links-
seitige Hemiplegie , Deviation des Kopfes und der Augen nacb rechts.
Sensibilität links in allen Qualitäten an Ai-m, Bein und Gesicht erloschen.
Die Sinneserapfiudungen links erhalten, auch keine vasomotorischen Störungen.
In den folgenden Tagen unverändert. Pneumonie, Tod.
Rechte Hemisph. wiegt 45 Gr. mehr. Eine taubeneigrosse Blutung
nimmt rechts den ganzen Linsenkern ein , von der inneren Kapsel nur
der hintere Theil zerstört. Die Blutung liegt gerade nach aussen vom
Thalamus. Letzterer und SchAveifkern gesund.
Le Bordeaux med. 49. 1873. Ein 6 6j ähriger Manu hatte 6 Mon.
vor seinem Tode plötzlich einen apoplectischen Anfall mit mehrtägiger Be-
wusstlosigkeit erlitten; es blieb danach rechtsseitige Hemiplegie zurück
die sich aber vollständig wieder zurückbildete. Der Tod erfolgte an einer
Phlegmone des rechten Armes, und es fand sich ein hasselnussgrosser ocker-
farbiger Herd im linken Streifenhügel.
Es sind fast immer Blutungen in den Stammganglien , welche
trotz so geringen Umfanges den Insult herbeiführen. Im Mantel-
gebiete dürfte man dafür, ausser wo ein Durchbruch unter die Pia
stattgefunden hat, kaum ein Analogon linden. Jedenfalls gehen
Insult und Umfang der Blutung einander nicht parallel und es be-
steht kein einfaches , leicht zu übersehendes Verhältniss zwischen
beiden. Wie kommt es nun , fragen wir zunächst , dass von zwei
Blutungen gleich geringen Umfanges und derselben Localität, wo
also anscheinend die gleichen Bedingungen vorliegen, die eine mit, die
andere ohne Insult einhergeht? Fassen wir den letzteren Fall zuerst
ins Auge, so erklärten wir ihn oben S. 25 dadurch, dass wir die An-
nahme machten , es fände nicht das gewöhnliche Verhalten einer
Wernicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 33
weit klaffenden Ruptur des Anemysma's statt, sondern das Blut
trete unter grossem Widerstände, quasi durchsickernd durch die
ungenügend eröffnete Gefässwand , so dass es des Druckes , unter
dem es ursprünglich steht, zum grössten Theil verlustig gehe.
Dies wies uns bald darauf hin , den Druck , unter welchem
das austretende Blut steht, als das überwiegend maass-
gebende Princip für das Zustandekommen des Insultes zu be-
trachten, während für den Umfang, welchen ein Herd erreicht, noch
ganz andere Momente entscheidend sein mögen. Wir werden gut
thun, den Fall der Blutung unter so veränderten Bedingungen
etwas eingehender zu betrachten.
Der Insult als eine physiologische Wirkung muss ausschliess-
lich durch das traumatische Moment bestimmt werden , und in
diesem ist, wie schon oben entwickelt, der Druck des austretenden
Blutes der dominirende Factor. Bei gleich grossem oder vielmehr
gleich geringem Umfange des Herdes kann daher das traumatische
Moment und damit die Bedingung für den Insult sehr verschieden
sein. Der Insult entsteht, wo es unter hohem Drucke blutet, er
bleibt aus , wo dies nicht zutrifft. Es handele sich beispielsweise
das eine Mal um ein feines Arterienästchen , dessen voller Druck
bei der Ruptur zur Greltung kommt , das andere Mal um den
schon geschilderten langsamen Austritt des Blutes aus einem etwas
grösseren Grefässstämmchen.
In sehr lehrreicher Weise ergiebt sich der Einfluss, welchen
die Geschwindigkeit der Einwirkung auf die Functionen des Gehirns
hat, aus den Injectionsversuchen Duret's*). Bei grosser Ge-
schwindigkeit der Einspritzung von Flüssigkeit in den Schädelraum
(an die Oberfläche der Hemisphären „dans l'interstice de leur tissu")
genügte das minimale Quantum von 3—5 Gr., um augenblicklich
Shoker scheinungen zu bewirken, 45 Gr. waren dagegen erforderlich,
um denselben Effect bei langsamer Einspritzung zu erzielen. Auf
die Verhältnisse der Blutung übertragen, käme demnach der Effect
einer mit grosser Geschwindigkeit ausströmenden Blutmenge von
5 Gr. dem einer langsam erfolgenden Blutung von 45 Gr. gleich;
die mit Insult verbundene Blutung kann also die bei Weitem
kleinere sein.
Von wesentlichstem Belange für den Umfang einer Blutung ist
*) Etüde sur Taction an liquide cephalo-rachidieu. Arch. de phys. 1878,
pag. 326.
Wernicke, Lehrbuch der G-ehirnkraukheiten. n. 3
34 Weenicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
dagegen die Zeitdauer, dui'ch welche sie anhält, und somit der Vor-
gang, durch den sie zum Stillstand kommen kann. Es ist
eine alllDekannte Erfahrung, dass eine Blutung aus kleineren
Arterienästchen leichter spontan steht, als aus stärkeren Gefässen,
und der Grund davon ist offenbar der , dass die Ränder der Ge-
fässöfftiung in dem ersten Falle einander sehr nahe Hegen und
deshalb leicht verkleben. Auch wo es unter hohem Drucke blutete,
wird dies Ereigniss leicht eintreten, sobald nur auf kurze Zeit das
Ausströmen des Blutes unterbrochen wird. Dieser Moment wird
kommen und es wird aufhören weiter zu bluten , sobald die Um-
gebung denselben Druck erreicht hat, welcher in dem blutenden
Gefässe herrschte.
Obwohl wir nun bisher berechtigt waren , die Uebertragung
des Blutdruckes auf die umgebende Gehirnsubstanz als einen
momentanen Vorgang zu beti-achten, so ist es doch jetzt
an der Zeit , daran zu erinnern , dass das oben S. 23 angezogene
physikalische Experiment wohl das Princip veranschaulicht, welches
bei der Hirnblutung zur Geltung kommt, aber auch in wesentlichen
Bedingungen von denen der Hirnblutung differii-t. Weder handelt
es sich irni zwei gleichartige Flüssigkeiten , noch um einen voll-
ständig geschlossenen Eauni , wie es in dem Versuch angenommen
war ; der Stoss, mit dem wir den Vorgang der Blutrmg vergleichen
konnten , wird nicht von einer bewegten auf eine ruhende Flüssig-
keit der gleichen Art, die nicht ausweichen kann, ausgeführt, son-
dern auf eine immerhin consistente Masse, die sich in einem nicht
ganz abgeschlossenen Räume befindet. Sowohl die Consistenz des Ge-
hirns, als die Menge der verdrängbaren Flüssigkeit können als
Widerstände aufgefasst werden, die sich dem Austritte des Blutes
aus der Arterie entgegenstellen , rmd deren Ueberwindung eine ge-
wisse Zeit erfordert. Bei grosser Geschwindigkeit des Stosses — einer
Blutung unter hohem Druck — wird die verdrängbare Cerebrospinal-
und im Gehirn enthaltene Flüssigkeit nicht Zeit haben, auszuweichen,
und es wird deshalb sehr rasch die nächste Umgebmig der Blutung
den Grad des Druckes erreichen, welcher erforderlich ist, um
die Blutung zunächst zu sistiren und die Gelegenheit zu einer Ver-
klebung der Rupturränder oder zur Verlegung der schmalen Ein-
mündmigsstelle in das geborstene Aneurysma zu geben. So ver-
hält es sich bei den kleinen, unter Insult entstandenen Herden.
Anders, wenn die Blutung langsam, unter geringem, aber doch noch
positivem Drucke erfolgt. Hierbei kann in demselben Maasse , als
W ERNICKE, Lehrbiich der Gehirnkranklieiten. 35
die Blutimg andauert, die Accommodation des Gehirns und Ver-
dräng'ung der verschieblichen Flüssigkeit vor sich gehen , es fährt
deshalb so lange fort zu bluten, wie es wirklich dem Drucke, unter
dem das ausgetretene Blut steht, angemessen ist, und es hängt nun
wesentlich von der Weite des blutenden Gefässes ab, welchen Um-
fang die Blutung erreicht. War es ein kleines Gefäss, aus welchem
das Blut hervorsickert, so beschränkt sich der Herd auf den schon
oben angegebenen geringen Umfang. Blutet es dagegen mit dem-
selben, oder, was wohl meist zutreffen wird, auch etwas grösserem
Drucke aus einer weiten Arterie, so wird es der grösseren Masse
leichter, die nothwendige Verschiebung und Verdrängung der Theile
zu bewirken, und die Blutung kann nun unter günstigen Umständen
so lange andauern, bis aller überhaupt zu schaifende Raum von
ihr eingenommen wird. Es ist dann die Vermehrung des Schädel-
inhalts um ein bestimmtes und immer sehr beträchtliches Volumen,
welche zu langsamer, aber auch nicht mehr zu beseitigender Com-
pression des ganzen Gehirns führt. Wir finden darin die Be-
dingungen des oben erwähnten langsamen Insultes , welcher denn
auch gewöhnlich zum Tode führt. Broadbent hat mit Recht auf
das Ueb er einstimm ende in der Localität solcher Blutungen auf-
merksam gemacht. Sie gehen fast immer von der Aussenseite des
Linsenkerns aus und erstrecken sich von da aus verschieden weit
in das Marklager der Hemisphäre hinein. Die Ursache dafür liegt
aber darin, dass es sich gewöhnlich um die Ruptur einer der ver-
hältnissmässig starken Arterien, die an der Aussenfläche des Linsen-
kerns emporsteigen (s. oben), handelt.
Broadbent, On ingravescent apoplexj. Med, chir. Transactions
vol. 59. 1876. öOjähriger Mann wurde bald nach dem Mittagessen bei
der Ai-beit schwindlig , musste sich hinsetzen und schien confus , nach
wenigen Minuten bemerkte man , dass sein Kopf nach rechts gedreht war
und der linke Arm leblos herunterhing. Sofoi't ins Hospital gebracht, war
er bei Bewusstsein , aber aufgeregt und unorientirt. Im Gesicht keine
deutliche Lähmung , Patient konnte noch pfeifen ; Kopf und Augen nach
rechts eingestellt, unmöglich, den Blick gerade aus und noch weniger nach
hnks zu richten. Schlaffe Lähmung der linken Extremitäten und starke
Herabsetzung des Gefühls an der ganzen linken Körperhälfte. Gesicht
etwas geröthet, P. 108, massig gespannt, Eespiration natürlich» Da sich
allmählich Schlafsucht einstellte , wurde eine Venäsection versucht und
hinter einander 3 Venen eröffnet, aber nicht genügend Blut erhalten. In-
dessen bedeckte sich das Gesicht mit Schweiss , der Puls wurde weicher
und es trat wiederholtes heftiges Erbrechen ein , gleichzeitig unwillkür-
3*
36 WerNICKE, Lehrbuch der Gehirnkraukheiteu.
lieber Abgang von Stubl und Urin. Den Xacbmittag scblief Patient fort-
wäbreud , war aber zu ermimtern und dann verständig , erbrach , was er
zu sich nahm. Abends 10 Uhr wm-de er plötzlich stertorös und ganz
bewusstlos, Respiration keuchend, Herz heftig schlagend, 150 p. Min., da-
bei Hess die seitliche Einstellung des Kopfes und der Augen nach. Etwa
20 Min. nach Einsetzen dieser Symptome stand plötzlich die Athmung
still, während das Herz noch T''^ 2 Min. fortfuhr zu schlagen.
Section: Windungen der rechten Hemisphäre etwas abgeflacht, ge-
ringer submeningealer Erguss vom vorderen Ende des rechten Stirn-
lapiDens , aus dem 4. Ventrikel geflossen. Die Windungen der rechten
Insel verstrichen, die Insel vergrössert und weich anzufühlen. Beide
Seitenventrikel mit z. Th. geronnenem Blute erfüllt , Septum lucidum
zerrissen, auch im 3, und 4. Ventrikel und dem Aquaeductus Blut
enthalten. Ein grosser schwarzer Blutklumpeu im rechten Seiten-
ventrikel communicirt durch einen seiner ganzen Ausseuwand entlang
gehenden, weit klaffenden Eiss mit einer 2^'2 — 3 Zoll langen Höhle,
die fast ganz zwischen Aussenrand des 3. Gliedes vom Linsenkern
uni äusserer Kapsel gelegen ist. Der Liuseukern ist selbst nicht zerstört,
sondern nur losgeschält. Durch den Eiss war der Stabkranz durchbrochen.
Grrosse Hämorrhagien in beiden Lungen, der Milz, und kleinere in der
Leber waren mit Wahrscheinlichkeit auf die Todesart durch Suspension
der Athmung zurückzuführen.
Ein 62jähriger Arbeiter wurde am 26. März 1874 in der Werk-
stätte plötzlich verwirrt, machte seine Arbeit verkehrt und zeigte sich
geistesabwesend. Im Verlaufe von einigen Stimden stellte sich allmählich
vollständige rechtsseitige Lähmung ein. Seitdem ward er bettlägerig und
phantasirte beständig. Am 28. März wurde er iu's Allerheiligen-Hospital
aufgenommen. Am 29. März folgender Status: Der Kranke hegt im
Bette, gemüthlich delirirend, und zerrt an seiner linken Hand. Aus dem
Bette genommen und geführt stemmt er das rechte Bein nach vorn und
auswärts , das linke wird leblos nachgeschlepiat. Dabei steife Haltung im
Ki-euze. Um seine Ki-ankheit befragt, klagt er über Schmerzen im Ki-euze ;
es lässt sich jedoch an den Eückenwirbeln bis ans Kreuzbein hinunter
nirgends ein schmerzhafter Punkt nachweisen. Beim Aufrichten in die
sitzende Stellung wii-d der Nacken stark fixirt gehalten. Die Nacken-
muskulatur ist auf Druck nicht schmerzhaft. Es besteht vollständige
linksseitige Lähmung , der linke Arm wird dabei in geringer Coutractur
gehalten. Der linke Mundwinkel hängt herab, die Falten sind links ver-
strichen. Bei der Athmung wird die hnke Wange aufgeblasen. Der Lid-
schluss ist beiderseits vollständig. Die liake Körperhälfte ist anästhetisch und
analgisch , auf der linken G-esichtshälfte sind beide Gefühlsqualitäten zwar
vorhanden, aber abgeschwächt. Die linke Pupille ist etwas weiter als die
rechte. An den Gefässen ist keine hochgradige Veränderung nachweisbar,
WERNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 37
Pnls 104, Arterie wenig gespannt. Die Eespiration besclileunigt, etwa 60,
Die Herzdämpfung ist nicht vergrössert. Die Herztöne sind nur im
4. Intercostalraum , links vom Sternum, äusserst schwach zu hören.
Seine Delirien sind gemüthlicher, heiterer Natur , er ist gänzlich un-
orientirt , hat keine Ahnung von der Lähmung , glaubt zu Hause ixnter
guten Kameraden zu sein , schwatzt fortwährend im Tone gemüthlicher
Unterhaltung. Viele Fragen beantwortet er richtig, z. B. wie er heisst, wie
alt er ist. Auch wo er falsch antwortet, erfolgt die Antwort immer prompt
auf die Frage. Noch am selben Tage wurde der Kranke comatös und starb.
S e et i 0 n, Pia über beiden Hemisphären blutig sufFundirt. Rechts ausser-
dem ein coUossaler Bluterguss im Centrum ovale, erstreckt sich von der Central-
furche bis zur vorderen Occipitalfurche nach hinten. Die Einstrahlung
des Schläfelappens in den Stamm ist durchbrochen , indem der Herd sich
bis dahin nach unten und aussen erstreckt. Durch eine feine Oeffnung,
die in die Oberspalte mündet und durch ein compactes Blutgerinnsel ver-
legt ist, communicirt die Blutung mit der submeningealen Oberfläche. Die
Stammganglien selbst und die innere Kapsel intact. Doppelseitige, frische
untere Pneumonie. Fettleber.
Das Bild des langsamen Insultes wird gewöhnlich dadurch complicirt,
dass die Blutung entweder in die Ventrikel , was das häufigere ist , oder
vmter die Pia durchbricht. In ersterem Falle sind oft deutlich zwei Stadien
zu unterscheiden, indem plötzlich neu einsetzende, gefahrdrohende Symptome den
Augenblick des Durchbruchs kennzeichnen. So war es in dem ersten
Beispiele. Bei submeningealem Durchbruch fehlt gewöhnlich ein solcher
Anhaltspunkt und es wird nur anzunehmen sein , dass die Ruptur an die
Oberfläche erst nach einer gewissen Dauer der Blvitung erfolgt. Die in
dem zweiten Falle beobachtete Beeinträchtigung des Bewusstseins findet
in der Pneumonie ihre Erklärung , hängt aber vielleicht auch von der
Oberflächenaffection ab. Nach Broadbent gehört ausser der Störung
des Bewusstseins und der Hemiplegie noch Erbrechen und Kopfschmerzen
zu den constanten Symptomen des langsamen Insultes.
Dass die Vermehrung des Schädelinhaltes um das Volumen der
Blutung und die dadurch gesetzte Compression und Anaemie des Gehirns
dem apoplectischen Insult zu Grunde liege , war früher die Ansicht , die
die meisten und competentesten Anhänger fand. Von Physikern spricht
sich Fe ebner, von Klinikern A n d r a 1 dafür aus. In neuerer Zeit ist die
Unzulänglichkeit dieser Ei-klärung allgemein anerkannt, aber eine positive
und zureichende Erklärung nicht an ihre Stelle gesetzt worden. Englische
Autoren halfen sich mit dem Worte „Shok", französische mit der An-
nahme eines „ebranlement des moleeules" aus der Verlegenheit. Auch
die Auffassung Duret's^) ist nicht besser haltbar, als die der
*) 1. c.
ö8 WerNTCKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
vorerwähnten Autoren. Nach Dur et beruht der Insult darauf, dass der
Stoss des ausströmenden Blutes durch die Cerebrospinalflüssigkeit nach
dem 4. Ventrikel fortgeleitet wird und die hier liegenden lebenswichtigen
Centren durch den Anprall der Flüssigkeit lädirt werden. Immerhin gereicht
es dieser Erkläruugsweise zum Vorzuge , dass dem Trauma dabei die
Hauptrolle zugetheilt wird. Etwa gleichzeitig habe ich in einem Vortrage^)
die hier vertretene Auffassung in ihren G-rundzügen entwickelt , sie hier
jedoch weiter ausgeführt. Man sieht, dass die Erklärung der alten Autoren
nur für den speciellen Fall des von mir langsamer Insult genannten Zu-
standes G-eltung hat.
Aelinlicli liegen die Verhältnisse oft bei der traumatischen
Blutung aus zerrissenen Venen der Dura oder Pia mater, es erfolgt
dann eine ausgiebige und andauernde Blutung unter geringem,
aber dennoch positivem Druck, und eine Beengung des Schädel-
raumes , welche unter dem Bilde des langsamen Insults zu tödt-
licher Compression des Gehirns führen kann. Während aber bei
arterieller Blutung dieser Ausgang des langsamen Insultes so gut
wie unausbleiblich ist, ist dies bei der traumatischen venösen nicht
der Fall, und man beobachtet namentlich Beispiele von Fractur
der Schädelbasis, welche noch zur Heilung gelangen, nachdem sich
das Bild des langsamen Insultes bis zur Somnolenz, aber allerdings
nicht weiter, entwickelt hatte. Man muss in solchen Fällen an-
nehmen, dass der Druck geringer, als in den analogen Fällen
arterieller Blutmig und nicht ausreichend war , das Maximum der
Kaumverdränguug und Gehirncompression zu bewirken. Die Ruptur
eines Sinus durae matris bietet insofern andere Bedingungen , als
dabei das traumatische Moment durch die Massenhaftigkeit der
Blutung an sich sehr bedeutend ist.
Wir mussten hier auf die traumatische Blutung zurückgreifen,
weil an ihr die Probe auf die Richtigkeit des von uns vertretenen
Principes gemacht werden konnte. Einige nahe liegende Be-
merkungen lassen sich daran knüpfen. Der rasche mid der lang-
same Insult sind eigentlich zwei total verschiedene Zustände, denn
der letztere ist das Ergebniss einer langsam anwachsenden Com-
pression, der erstere die Folge eines traumatischen Eingriffes von
einei* bestimmten Intensität, welche ausbleibt, wenn diese nicht er-
reicht wird. Das traumatische Moment einer Blutung hat entweder
*) Die Theorie des apoplectischen Insultes, eine nothwendige Voraus-
setzung der klinischen Gehirnlocalisation. Deutsch, med. Wochenschr. 27 und
28, 1879. Die Publication geschah 1 Jahr später als der Vortrag.
Wernicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 39
eine bestimmte Grösse, oder es hat sie nicht, aber es ändert sich
nicht oder nicht wesenthch, so lange die Blutung andauert. Es
ist daher auch nur für das Eintreten des Insultes , weniger für die
Dauer desselben maassgebend.
Wenn wir von der Dauer des Insultes sprechen , so befinden
wir uns schon in einem Widerspruche , es müsste statt dessen
Dauer der Bewusstlosigkeit oder genauer Dauer der Beeinträchti-
gung des Sensorium's heissen. An sich muss ein Einfluss darauf
auch dem traumatischen Momente zuerkannt werden, denn unleugbar
wird die durch ein grösseres Trauma bewirkte Schädigung der
Gehirnfunctionen, die in der Bewusstlosigkeit ihren Ausdruck findet,
auch länger dauern, als bei kleinerem Trauma. Indessen ist schon
oft betont worden, dass nur ein bestimmter, nicht sehr hoher Werth
des traumatischen Momentes für den Insult erforderlich ist, dass
dieser aber meist erheblich überschritten wird. In den Fällen
letzterer Art wäre demgemäss eine gewisse Dauer des Insultes
motivirt, in denen ersterer Art nur eine momentane oder sehr kurze
Bewusstlosigkeit. Nun sind aber beide Fälle auch darin unter-
schieden, dass die unter dem Grenzwerth des traumatischen Mo-
mentes entstandenen Blutungen die kleinsten, die unter höherem
entstandenen zugleich die umfangreicheren sind, und in jedem Falle
giebt der Umfang des Herdes uns darüber Aufschluss , wie lange
ein traumatisches Moment von bestimmter Höhe auf das Gehirn
gewirkt hat. Nehmen wir noch dazu, dass der Umfang uns von
dem Maasse der durch die Blutung gesetzten und nicht so bald zu
beseitigenden Raumbeengung des Schädelinhaltes eine Vorstellung
giebt, ein Moment, das zum mindesten für die Restitution von der
Bewusstlosigkeit sehr wesentlich ist, so werden wir nicht umhin
können, im Umfange des Herdes das, wenn nicht ausschliesslich,
so doch bei Weitem überwiegend Maassgebende für die Dauer des
Insultes zu erblicken. Dafür spricht auch die Erfahrung in der
Majorität der Fälle, wenngleich nicht ausnahmslos, wie das auf
S. 32 angeführte Beispiel beweist.
§. 38. Der apoplectische Insult. (Fortsetzung.)
Es versteht sich von selbst, dass der apoplectische Insult nicht
nur aus dem plötzlichen Verlust des Bewusstseins besteht. Dieses
ist nur das wichtigste und charakteristischste Sjmiptom. Es gehört
aber ausserdem noch die Summe der A 1 1 g e m e i n e r s c h e i n u n g e n
dazu, welche sogleich besprochen werden sollen. Die Störung des Sen-
40 WerniCKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
soriiiras selbst ist zwar am häufigsten so tief, class sie als Coma
bezeichnet werden mnss, aber auch die geringeren Grade derselben,
Sopor und Somnolenz , haben , wenn sie plötzlich eingetreten sind,
dieselbe Bedeutung wie das Coma. Man wird sie ebenfalls von
einer gewissen Höhe des traumatischen Momentes abhängig machen
müssen. Dieser geringere Grad des apoplectischen Insultes lässt die
subjectiven Beschwerden, welche den Anfall begleiten, mehr in
den Vordergrund treten. Sie bestehen in Kopfschmerz , oft von
grosser Heftigkeit , selten localisirt , meist als diffuser Druck wahr-
genommen. Ferner Uebelkeit, die sich bei Bewegungen und be-
sonders beim Aufrichten steigert und mit dem Gefühl grosser Ab-
geschlagenheit und Prostration verbunden ist. Hin und wieder
tritt auch Erbrechen ein , ein Symptom , welches zwar besonders
häufig, aber durchaus nicht ausschliesslich den Apoplexien des
Kleinhirns zukommt. Ausserdem ist Schwindel gewöhnlich vor-
handen und meist so stark, dass es dem Kranken unmöglich ist,
sich aufrecht zu erhalten. Anfälle der beschriebenen Art, in
welchen also ein Insult geringeren Grades anzunehmen ist, können
rasch vorübergehen, ohne dauernde Herdsvmptome zu hinterlassen,
wenn solche überhaupt constatirt werden konnten. Sie werden des-
halb gewöhnlich wenig beachtet, und erst beim Eintreten eines
schweren Insultes erfährt man, dass sie wiederholt dem eigentlichen
Anfalle vorangegangen sind. Man pflegt sie deshalb als Prodrome
der Gehirnblutung zu bezeichnen , während sie eigentlich der Aus-
druck wirklicher Hirnblutungen , nur von geringerem Umfang und
traumatischer Wirkung sind. Im eigentlichen Sinne giebt es keine
Prodrome der Hirnblutimg , sondern es ist gerade wie bei den
Blutungen anderer Organe auch bei denen des Gehirns ein aus-
geprägtes Merkmal, dass sie plötzlich, mitten in der Gesundheit,
wie ein zufälliges elementares Ereigniss eintreten. Der anatomische
Befimd, welcher diesen sogenannten Prodromen entspricht, ist ent-
weder der sehr kleiner Lücken des Gewebes , mit glatten Wänden
mid von seröser Flüssigkeit erfüllt; namentlich in den Stamm-
ganglien und den Gebilden des Mittelhirns sind sie bei an frischer
Hirnblutong Verstorbenen nicht selten zu treffen. Oder man findet,
ebenfalls oft mehrfach, obliterite Miliaraneur jsmen , die geborsten,
aber noch von der Lymphscheide bekleidet geblieben sind und den
Umfang einer Erbse erreichen können.
Die nun zu besprechenden Allgemeinerscheinungen sind nur
den höheren Graden des Insultes eigen. Ein gewisser Gang der
WeRNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 41
centralen, (tl. h. im Rectum gemessenen Tr.) Temperatur ist
nacli Bourneville*) der Hirnblutung eigenthümlich. Es tritt
nämlich ^U — V2 Stunde nach dem Anfall, während die schweren
Allgemeinerscheinungen noch bestehen , ein Sinken der Temperatur
unter die Norm ein. Dann kehrt sie, während die Allgemein-
erscheinungen nachzulassen anfangen , der Kranke schon wieder
gegen Reize reagirt, die Hemiplegie hervortritt etc., zur Norm
zurück und bleibt so , zunächst nur mit geringen Schwan-
kungen, bei günstigem Ausgang der Blutung. Etwaige trophische
Störungen , Erytheme , Phljctaenen , Ekchjmosen etc. kommen in
dieser Zeit zur Ausbildung. Ist der Verlauf ungünstig, so tritt
einige Tage vor dem tödtlichen Ausgange eine erhebliche, rasche
Steigenmg der T. ein. Bestehende trophische Störungen machen
gleichzeitig rapide Fortschritte. Der Puls , bisher von guter Be-
schaffenheit, wird klein, sehr frequent (120 — 136), die Respiration,
wird beschleunigt und mühsam (48 — 64), Trachealrasseln stellt sich
ein, und unter allgemeinem Collaps erfolgt der Tod, gleichzeitig
maximale Temperatursteigerung. Bei foudroyanter oder bei mul-
tiplen Hämorrhagien , welche Schlag auf Schlag einander folgen,
kommt es nicht zu normaler und gesteigerter Temperatur, sondern
das initiale Sinken dauert bis zum Tode an. Bei solchen Blu-
tungen, welche in 10 — 20 Stimden letal verlaufen, schliesst sich an
das initiale Sinken unter die normale ein rapides Steigen der
Temperatur bis zum Tode an.
Auch dieBeobachtungen011ivier's**)über die Veränderungen
der Urinsecretion beziehen sich nur auf die schweren Fälle
von Hirnblutung. Bald nach dem Anfall tritt eine erhebliche Ver-
mehrung der ausgeschiedenen Urinmenge ein, so dass beispielsweise
innerhalb zwei Stunden 2 Liter Urin durch den Katheter entleert
wurden. In geringerem Grade hält diese Polyurie über einen Tag
lang an. Der Urin hat ein vermindertes specifisches Gewicht, das
bis zu 1004 herabgehen kann, er ist farblos imd reagirt sauer.
Gleichzeitig oder sehr bald nach Beginn der Polyurie lässt sich
ein Anfangs schwacher, dann rasch wachsender Gehalt an Albumen
constatiren und hält die nächsten 12 — 24 Stunden, manchmal sogar
auch länger, bis zum Tode an , ohne dass geformte Bestandtheile
als Ursachen derselben im Harn nachzuweisen sind. Etwas später
*) Etudes cliniqiies et thermometriqnes sur les maladies du Systeme nerveux.
Paris 1873.
**) 1. c.
42 WerniCKE, Lehrbucli der Gehirnkrankheiten.
als der Eiweissgehalt tritt auch Zucker im Urin auf und ver-
schwindet wieder früher aus demselben als das Albumen. Dies
entspricht dem Experimente Claude B e r n ar d ' s , welcher nach
dem Zuckerstich im vierten Ventrikel die Glycosurie auch erst 2^/2
Stunden darauf eintreten sah. Mit dem Verschwinden der abnormen
Bestandtheile ändert sich oft die Reaction des Harns und er wird
alkalisch. Als Ursache dieser Erscheinungen , ebenso wie der den
Anfall begleitenden Veränderungen der Temperatur, nimmt Olli vi er
eine Einwirkung der Blutung auf die betreffenden Centren am
Boden des vierten Ventrikels an , indem sich die traumatische
V^^h'kung der Blutung bis hierhin erstrecke. Die grössten Mengen
von Zucker und Albumen constatirte er demgemäss bei einer
grossen Blutung in den Pons. Dennoch aber sind sie nicht etwa aus-
schliesslich bei diesem Sitze zu beobachten , sondern sie stehn nur
in einem gewissen Verhältnisse zu dem Umfange des Herdes und
zur Annäherung desselben an den Pons. Vermittelt wird die
Secretionsanomalie durch die Vasomotoren der Niere, indem eine
Hyperaemie derselben zu Stande kommt. Die folgenden Beispiele
sind Olli vi er entlehnt und zeigen zugleich das charakteristische
Verhalten der Temperatur.
Ollivier G-az. hebd. 12. 1875, 74jäliriger Mann, soll mit 20
Jahren einen Anfall von Lähmung gehabt haben , worüber nichts Näheres
zu eruiren ist. Seit 4 Jahren in der Infirmerie bei guter G-esundheit.
Am 15. April früh verlässt er die Anstalt, um einen Gang zu machen,
bricht aber unterwegs zusammen und fällt so schwer , dass er sich die
Hand verletzt. Mit dem Moment des Sturzes war eine rechtsseitige Hemi-
parese eingetreten, das Bewusstsein aber nicht verloren gegangen. Eine
halbe Stunde darauf wird constatirt: Stupider Gesichtsausdruck, träges
Gredächtniss , stammelnde , unpräcise Antworten. SjDrache langsam und
schwerfällig, Zunge wird leicht nnd gerade hervorgestreckt, rechte Gesichts-
hälfte ijaretisch , auch au der Stirn , Specialsinne ohne merkliche Störung.
Am rechten Arm sind die Bewegungen des Oberarmes unmöglich, Vorder-
arm und Hand noch beweglich aber paretisch , Algesie sehr herabgesetzt.
Am rechten Bein alle Bewegungen ausführbar, aber schwächer, erhebliche
Analgesie. Linke Extremitäten normal , Respiration ruhig , P. regelmässig.
Der Anfall ereignete sich um 7 Uhr 40 Min.
Um 8 Uhr 30 Min. betrug Tr. 36,8 P. 80 R. 22
„ 36,4 „ 72 „ 20
„ 36,4 „ 78 „ 20
„ „ 36,5 „ 78 „ 20
„ 36,8 „ 78 „ 21
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11
WerniCKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 4d
Übr 30 Min. betrug- Tr. 37,5 P. 78 E. 22
37.8 „ 80 „ 20
37.9 „ 79 „ 20
38.2 „ 80 „ 21
38.4 „ 78 „ 20] häufiges Erbrechen,
38.5 „ 78 „ 20 > Abundanter
38,8 „ 80 „ 22 J Sehweiss.
38,8 „ 80 „ 22
38.3 „ 76 „ 20 Siugultus.
38,0 „ 76 „ 20
Den folgenden Tag hielt sieb die Temperatur noch auf 38 — 38,2 und
kehrte dann zur Norm zurück. Bald nach dem Anfalle bestand Polyurie,
in der Zeit von 8 — 10 Uhr Morgens wurden über 2 Liter entleert, in
geringerem Maasse hielt die Polyurie bis zum folgenden Tage an. Der
Urin enthielt Eiweiss und Zucker. Folgendes sind die genaueren Angaben :
8V4 Uhr: Urin sauer, klar, sp. Gewicht 1010, leichte Eiweisstrübung,
kein Zucker.
8/4 y, Urin sauer, trübe, sp. Gewicht 1008,5, Eiweisstrübung stärker,
Spuren von Zucker.
9^1 4t „ Urin weniger sauer, leicht trübe, sp. Gewicht 1007, Eiweiss-
flockeu, Zucker deutlicher.
9 U „ Urin neutral, klar, sp. Gewicht 1005,5, weniger Eiweiss,
Zucker reichlicher.
10/2 „ Urin neutral, klar, sp. Gewicht 1005, leichte Eiweisstrübung,
kein Zucker.
6/2 „ Urin stark alkalisch, sjj. Gewicht 1013, weder Eiweiss noch
Zucker.
8 „ Urin stark alkalisch, sp. Gewicht 1015, weder Eiweiss noch
Zucker.
In den nächsten auf den Anfall folgenden Stunden nahm die Lähmung
des Armes zu, die Somnolenz hielt den Tag über an, nahm gegen Abend
noch zu, war aber ana nächsten Tage geringer. 3. Mai Extremitäten un-
verändert, Pt. nimmt wenig Nahrung, grosse Schwäche. 13. Mai Tod im
Marasmus.
Section. Arterien der Basis hochgradig atheromatös. Rechte Hemi-
sphäre gesund. Links ist der Sehhügel durch eine fast hühnereigrosse
Blutung zerstört und gleichsam losgeschält von der oberen Fläche des
Hirnschenkels. Das Blut ist leicht geronnen und Himbeergelee ziemlich
ähnlich. Durch einen kleinen Riss entsprechend dem hinteren Ende des
Sehhügels ist eine sehr kleine Quantität Blut in den Seitenventrikel ge-
drungen und hat sich ausschliesslich in die der Stria Cornea entsprechende
Furche gelagert. Die übrigen Ventrikel und die andern Hirntheile frei.
Muskatnussgrosser Infarct im Unterlappen der rechten Lunge, hypostatische
44 WerNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
Pueumouie links. Herz hjpertrophiscli, die Klappen verdickt aber ohne
Eugositäteu.
Idem 1. c. 6 4j übriger Mann, vor 7 — 8 Mon. ein Anfall links-
seitiger Hemiparese , seitdem sebwacbsinnig. Am 8. Mai unmittelbar
nach dem Frühstück wird ihm sehr unwohl , er bekommt heftiges Nasen-
bluten und nach einigen Augenblicken sinkt er im Bette zm-ück und ver-
liert das Bewusstseiu. •^, 2 Stunde darauf folgender Status : Tiefes Coma^
die Augen geöffnet und nach rechts eingestellt, der Kojof gerade, der
Mund voll Schaum. Keine Facialislähmung , aber leichte couvulsivische
Bewegungen der Lippen. Linksseitige Hemiplegie mit Contractur , be-
sonders starre Extension des Beines , Reflexe au den linken Extremitäten
nicht zu erhalten. Der rechte Arm wird spontan bewegt, das rechte
Bein ist in Contractur, aber nicht so starr wie das linke, Reflexe auch
rechts sehr herabgesetzt. Urin in grosser Menge ins Bett gelassen.
Athmung stertorös mit trachealem Rasseln und mühsamer Exspiration,
übrigens wechselnd und zeitweilig vollkommen ruhig. Herzschlag dumpf
und tumultuarisch , P. 89 Tr. 36,2. Etwa 3 Stunden darauf: noch
Schaum an den Lippen, die Augen geschlossen, werden manchmal geöffiiet,
es zeigt sich Nystagmus , besonders links ; Spuren ztu'ückkehrenden Be-
wusstseins. P. 95 Tr. 38. Nachmittags wird die Athmung ruhiger,
Abends reichliche Stuhl- imd Urinentleerung. P. 92 Tr. 37,9. 9. Mai:
Augen unverändert , der Speichelabfluss und die Bewegungen der Lippen
haben aufgehört. Linker Arm in Resolution, Conti-actur des linken Beines
geringer, auf Schmerzeindrücke Verziehen des Gesichts. Rechter Arm in
leichter Contractur, wird spontan bewegt, rechtes Bein in forcirter Extension,
Algesie auch hier gebessert. Tr. 38,2 P. 96. Abends Tr. 38,9 P. 94.
10. Mai: Tr. 38,6 P. 98. Abends Tr. 38,4 P. 96.
11. Mai: Pt. ist in tiefes Coma zurück versunken, Respiration so
stertorös, dass die Auscultation der Brust unmöglich ist.
Tr. 38,8 P. 96 Morgens.
„ 38,9 „ 100 Nachmittags.
„ 39,2 „ 100 Abends 9 Uhr. Tod in der Nacht.
Der Urin hatte zwei Stunden nach dem Anfall ein specifisches Ge-
wicht von 1013, enthielt Eiweiss und Spuren von Zucker, 7 Stunden nach
dem Anfall dasselbe Gewicht und Eiweiss, deutlicher Niederschlag von
Zucker, 11 Stunden nach dem Anfall 1017, von Eiweiss leichte Trübung,
kein Zucker mehr. Am Tage darauf 1020, weder Eiweiss noch Zucker.
Section. Arterien der Basis sehr atheromatös , linke Hemisphäre
gesund, rechts eine muskatnussgrosse ockerfarbene Cyste unmittelbar
unter den Meningen in der Mitte der Balkenwindung, ausserdem
ein frischer Herd in der Substanz der Insel Windungen , mit z. Th.
geronnenem , Himbeergelee ähnlichem Blut erfüllt. Er communicirt
durch eine 4 — 5 mm weite Oeffnung mit dem Seitenventrikel, der
WerniCKE, Lehrbuch der Gehirnkraukheiteu. 45
halbflüssiges Blut enthält , Sept. lucidum uud G-ewölbe sind z. Tli.
zerrissen, ein sehr kleines Gerinnsel ist auch im 3. Ventrikel. Die
grossen Ganglien sind nicht lädirt , Hirnschenkel , Kleinhirn , Brücke
uud Oblongata intact. Herz voluminös , Klappen normal , Aorta ohne
SjJur von atheromatösem Process. Untere Partien der Lunge hyperämisch.
Idem 1. c. 7.5jähriger Mann, Antecedentien unbekannt, in der
Infirmerie lebend. 2 1. Mai 3 Uhr Morgens erhebt er sich um zu
iiriuiren und sinkt bewusstlos wie eine todte Masse vor dem Bett zu-
sammen , die Athmung wird alsbald mühsam und geräuschvoll , weiss-
licher Scbaum bei jeder Exspiration hervorgestossen. 6 Uhr folgender
Status : Tiefes Coma, Augenlider geöffnet, Augäpfel unbeweglich , Pupillen
gleich und normal erweitert. Resolution und Analgesie aller vier Extre-
mitäten uud des Rumpfes , intensive Dyspnoe , geräuschvolle Athmung,
leichte Dämpfung über dem unteren Drittel der rechten Lunge. Dicke,
schaumige Flüssigkeit erfüllt den Mund und hindert die Respiration. Urin
p. Katheter entleert ist klar, sauer, von 1009 spec. Gewicht, reichlich
Eiweiss und deutlich Zucker enthaltend, ohne geformte Elemente. Um
9 Uhr Bewusstsein zum grossen Theil wiedergekehrt, Pt. sagt mehrere
Male: es geht schlecht, führt auf Verlangen Bewegungen sehr gut aus.
11 Uhr Tr. 37,7 P. 108 Resp. 46. Der Unterkiefer wird von einem
Zittern befallen, das eine Stunde lang anhält, Bewegungen weniger gut
als vorher , rechts vollkommene Analgesie , links etwas Algesie zu con-
statiren. Noch Schaum vor dem Munde. Rasselnde Geräusche an der
Rückwand des Thorax. Unwillkürlicher Urinabgang. 1 Uhr Tr. 39,9
P. 116 Resp. 40. 3 Uhr Tr. 40,6 P. 120 Resp. 42. Abundanter
Schweiss. Motilität unverändert , an den linken Extremitäten lebhafte
Reflexe. 5 Uhr Tr. 40,8 P. 120 Resp. 56. Urin dunkler, sp. Gewicht
1015, ohne Zucker, mit Spuren von Eiweiss. 2 2. Mai 8 Uhr Morgens:
Tr. 40,8, Status idem, besonders auffallend ist die Fortdauer der Analgesie
bei erhaltener Motilität, Tod um 11 Uhr.
Section: Arterien der Basis atheromatös. Je eine frische
Blutung im Centrum beider Sehhügel , im linken vom Umfang einer
grossen Hasselnuss (aveline), mit der Längsaxe in sagittaler Richtung,
im rechten vom Umfang einer kleinen Erbse. Die Hemisphären
sonst intact. Auf einem senkrechten Schnitte wird festgestellt , dass
die Blutung links oberhalb und hinter der Ausstrahlung des Hirn-
schenkels liegt. Auf einem Horizontalschuitte durch die Brücke im
Niveau der Quintusaustritte liegen in der Mitte ihrer Höhe zwei
kleine symmetrische Herde zu beiden Seiten der Mittellinie , der linke
ist eine klein linsengrosse Cyste , der rechte ist eine linsengrosse Blut-
infiltration ohne Zertrümmerung des Gewebes. Eine Apoplexie nimmt den
ganzen Unterlappen der rechten Lunge ein. Herz hypertrophisch , Aorta
46 WerxicKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
sehr atheromatös. Eechte Xiere stark hyperämisch, um 40 Gr. schwerer
als die linke, 180 : 140 Gr.
Derselbe Autor*) hat darauf anfmerksam gemacht, class nicht
selten in den Eingeweiden der der Hirnblutung gegenüberliegenden
Seite Blutungen Yorkommen , welche in derselben '\^^eise wie die
experimentellen Erfahrimgen B r o w n - S e q u a r d ' s* *) zu deuten und
nach letzterem als ein Effect der durch die Blutung gesetzten
mechanischen Reizung des Gehirns aufzufassen sind. Es sind nicht
nur klemere subpleurale Ekchvmosen , sondern auch grössere
Blutungen in die Lungensubstanz und in die Nieren beobachtet
worden. Indessen auch im Magen und in der Leber, den nicht
ausscliliesslich einer Körperhälfte angehörigen Organen, werden hin
und wieder kleine Blutungen constatirt. Die oben auf Seite 35
mitgetheilte Beobachtung Broadbent's legt den Gredanken nahe,
dass diese Folge-Erscheinungen wesentlich von der Art des Todes
und zwar einer Torzeitigen Hemmung der Respiration bei Fortdauer
der Herzthätigkeit . den Bedingungen der Erstickung, abhängig zu
machen sind. Ihr Zusammenhang mit der Gehirnläsiou vermittelst
einer halbseitigen vasomotorischen Bahn ist demnach noch nicht er-
wiesen.
Der Durchbruch einer Blutung in die Gehirnventrikel,
meist einen der Seitenventrikel, ist entweder dadurch verui'sacht,
dass das rupturirte Gefäss der Ventrikelwand sehr nahe liegt. In
diesem Falle ist es meist feineren imd feinsten Calibers und die
Blutung deshalb an sich nicht beträchtlich und nur durch den
Durchbruch in den Ventrikelraima gefährlich. Dass das verdickte
und verhärtete Ependjm der Ventrikel , wie es sich so oft im
Greisenalter findet , von diesen Blutungen durchbrochen werden
kann, ist einer der augenfälligsten Beweise für den hohen arteriellen
Druck, unter dem die Hirnblutungen gewölmlich stattfinden. In
dem anderen Falle handelt es sich um sehr grosse Blutungen,
welche bei beliebigem Ausgangspunkte gern in den Ventrikel per-
foriren, selbst wenn sie unter massigem Drucke wie beim langsamen
Insulte vor sich gehen. Die Prädilectionsstelle für den Durchbruch
ist hier der Fuss des Stabkranzes , d. h. der verhältnissmässig
schmale Saum weisser Substanz . durch welchen Hirnstamm und
Hirnmantel mit einander zusammenhängen (vgl. Th, I. S. 24).
*) Gaz. med. 26. 1873.
^*) Lancet I, 1, 1871.
"WerniCKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 47
Immer ist es ein verliängniss volles , unmittelbare Gefahr drohendes
Ereigniss. Mit sehr seltenen Ausnahmen erfolgt der Tod schon im
Laufe weniger Tage. Bei Charcot und Bouchard*) sind unter
77 Beobachtungen 18 mit Perforation in die Ventrikel complicirt
und davon 2 Mal Perforationsstellen erwähnt , die vernarbt waren
und also zu einer früheren Zeit stattgefunden hatten. Entweder ist
von vornherein der apoplectische Insult ein besonders schwerer,
oder es besteht zuerst das gewöhnliche Bild eines massig schweren
Insultes und es gesellen sich dazu in einem bestimmten Zeitmoment
die besonderen, durch den Durchbruch in die Ventrikel verur-
sachten Erscheinungen. Besonders bei den unter dem Bilde des
langsamen Insultes eintretenden Blutungen lässt sich häufig der
Zeitpiuikt der Perforation genau bestimmen. Die vorher ruhige
Respiration wird stertorös, beschleunigt, die Exspiration gewaltsam,
das Coma , wenn es noch nicht complet war , steigert sich zum
höchsten Grade, tracheales Rasseln und Schaum vor dem Munde
stellen sich ein, die Reflexthätigkeit wird allgemein herabgesetzt
und nicht selten werden besonders die Reflexe von Seiten der Bulb.
des Sphincter iridis und palpebrarum, die bisher intact waren , mit
betheiligt. In den am raschesten tödtlichen Fällen tritt sofort all-
gemeine Resolution ein, nicht selten erfolgen aber auch allgemeine
Convulsionen von noch nicht genügend studirter Beschaffenheit,
wahrscheinlich aber meist mehr von tetanischem als epilep-
tischem Anstrich. In der Regel beobachtet man Hemiconti-actur
der gelähmten Seite, ausnahmsweise aber auch auf der entgegen-
gesetzten oder auf dieser ausschliesslich. Gelangt das Blut bis in
den vierten Ventrikel, so erfolgt besonders rasch der Exitus und
es wird gewöhnlich auch Nystagmus beobachtet. Zur Hemicon-
tractur kann sich eine Deviation conjuguee mit der Richtung nach
der Seite der Lähmung hin gesellen. Die früher geschilderten
Secretionsanomalien der Leber und der Nieren sind bei Durchbruch
in die Ventrikel besonders häufig, luid zu dem für die tödtlich ab-
laufenden Blutungen charakteristischen Temperaturgange liefern
diese Fälle das grösste Contingent.
54jä]irige Frau wird am 7. Juli in bewusstlosem Zustande in die
Charite aufgenommen , Antecedeutien nicht bekannt. Eeaction auch auf
tiefe Xadelstiche nicht zu erhalten, Berührung der Cornea geschieht ohne Reflex,
die Pupillen reagii'en aber auf Licht. Beide Corneae stark injicirt, die Lid-
1. c.
48
WerNICKE, Lehrbuch der Geliirnkrankheiteu.
ränder beiderseits stark geröthet uud geschwolleu, ebenso die Obi-läppcheu,
besonders stark das linke. Im Gesicht zabkeiche birsekorugrosse
Bläseben mit serösem Inbalt beiderseits, Sebr zabh-eicbe punktförmige
Hautblutuugeu finden sieb am ganzen Körper , am reicblicbsten um beide
Fussgelenke berum. Reebtsseitige Hemiplegie , der recbte Mund-
Tviukel steht bedeutend tiefer , das ganze G-esicht ist nach links verzogen,
Techter Ai-m und rechtes Bein in Resolution. Starre Contractur des linken
Armes, ist niu- mit grossem Kraftaufwande zu überwinden ; am linken Beine
ist sie geringer , uud zwar sind Fuss und Zehen in mittlerer Flexions-
stellung fixirt. Sebr tiefe Nadelstiche bleiben am rechten Arm ohne Er-
folg, am rechten Beine erfolgen schwache, an den buken Extremitäten
-starken Reflexe. Am Augenhiutergrmide zahlreiche Blutungen. Respiration
schnaubend , mit Einziehrmg der Wangen und Betbeiligiiug der präinsph-a-
torischeu Muskeln, 30 in der Minute. Herzdämpfung nach links etwas
T^erbreitert , Spitzenstoss ausserhalb der Mammillarlinie , Radialpuls abnorm
:gespanut, 70 in der Minute. Ueber den Lungen nur reichliches Pfeifen
und Schnurren zu constatiren. Urin klar, duukelgelb , von 1030 spec.
Gewicht , enthält viel Eiweiss , keinen Zucker und ergiebt Cylinder in
massiger Menge. Tr. 36,4. Ordiu. Campher und Benzoe. 8. Juli:
Status idem. Puls sehr voll uud kräftig, abnorm stark gespannt, Tr. 38,3,
Abends 39,0. 9. Juli: Tr. 40,0, sonst unverändert. Aderlass von 174 Com.
Abends Tr. 38,5, Spannung des Pulses geringer, im Urin weniger Eiweiss
•als gestern, spec. Gewicht 1030. 10. Juli: Tr. 39,5, Puls ziemlich klein,
104, Urin reich an Eiweiss, Athmung weniger geräuschvoll. AbendsTr. 40,3,
Puls unverändert, die Contractur des linken Armes leichter zu überwinden.
Tod am 11. Juli früh. Die beifolgende Curve zeigt den Gang der Tr.
Jidi.
8. Juli.
9. Juü.
10. Juli.
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Section. An der Basis des Gehirns flächenförmige subarachnoideale
IBlutiingen, Gefässe stark atheromatös, ein dunkel kirschrotlies Blutgerinnsel
WERjnCKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 49
liegt in den Maschen derTia, entsprechend der substantia perf. ant. links und
setzt sich in die Hirnsubstanz fort. Hühnereigrosse Blutung in die Stamm-
ganglien und die angrenzende Marksubstanz der linken Seite, vorn in den
Seitenventrikel durchgebrochen, der jedoch nur wenig Blut enthält.
Hinterhörner etwas erweitert, 3. und 4. Ventrikel leer. Hypertrophie mit
Dilatation des linken Herzens, parenchymatöse Nephritis.
Charcot und Bouchard 1. c. Obs. 25. 51jährige Frau mit alter
rechtsseitiger Hemiplegie , erleidet einen apoplectischen Anfall, wird links-
seitig gelähmt (im Orig. steht wohl irrthümlicli rechts), epileptiforme
Krämpfe stellen sich ein . Tod am nächsten Tage. Frischer Blutherd im
rechten Centrum ovale mit Perforation in den Seitenventrikel. Symmetrisch
liegt ein ockerfarbiger Herd in der linken Hemisphäre mit evidenter Perfo-
rationsnarbe der Ventrikelwand. Sehr zahlreiche miliare Aneurysmen,
mehrere rupturirte in den Wänden des frischen Herdes. Basalarterien nur
stellenweis atheromatös, Herz normal.
lidem Obs. 61. (30jährige Frau. Seit G Mon. bestehende links-
seitige Hemiplegie , ockerfarbiger Herd mit gelblichem , flüssigem Inhalt
im Schweifkern und Sehhügel der rechten Hemisphäre. Der Herd
öffnet sich in den Seitenventrikel, die CommunicationsöfFnung ist durch ein
gelbliches Oerinnsel verstopft. Einige Miliaraneurysmen in den Windungen.
Arterien der Basis wenig atheromatös, Herz dilatirt, vielleicht etwas hyper-
trophisch, Nieren gesund.
Abgesehen von diesen 2 finden sich unter den 7 7 Beobachtungen
von Charcot und Bouchard noch 16 mit Perforation. Bei 9 davon
erfolgte der Tod im Laufe desselben oder des nächsten Tages und zwar
bei einem , bei welchem das Blut in den 4. Ventrikel gedrungen war,
schon in 20 Minuten. Die übrigen lebten 3, 4, 5, 7, 9, 9 und 12 Tage.
Bei 3, sämmtlich Tod am ersten Tage, trat sogleich Resolution oder Lähmung
aller 4 Extremitäten hervor. Bei 2 (1 Tag und 34 St.) finden sich
Krämpfe angegeben, und zwar einmal mit der Bezeichnung als epileptiform,
einmal als convulsivische Stösse der Oberextremitäten , jedoch einseitig
stärker. 4 mal bestand neben der Hemiplegie zugleich Conti-actur.
Die Blutungen in die GelDilcle der hinteren Scliädelgrnbe
treten oft unter einem Insult ein, welcher mit dem geschilderten Effecte
der Perforation in die Ventrikel vollkommen übereinstimmt. Ver-
hältnissmässig häufig aber kommt es gerade hier nicht zur Be-
wusstlosigkeit, der sonstigen Haupterscheinung des Insultes, sondern
es ist vielmehr das plötzliche Einsetzen sehr schwerer, direct das
Leben bedrohender Symptome bei erhaltenem Bewusstsein , welche
hier den Insult ersetzt. Durch die Eigenthümlichkeit der Localität
wird dies leicht verständlich. Die Respiration wird keuchend, be-
schleunigt, mit forcirter Exspirationsphase, oder im Gegentheil ver-
Wernicke, Lehrbuch der Gehimkrankheiten. II. 4
50 WerkeCKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
langsanit, senfzencl und miregelmässig. Der Puls leidet im All-
gemeinen später und in geringerem Grade als die Respiration.
Das Gesiclit wird livide, die Züge verfallen , subjectiv besteht das
Gefühl grosser Beklemmung und Todesangst. Die Hauttemperatur
wird oft allgemein erhöht, profuser Schweiss bricht über den
ganzen Körper aus , wiederholtes Erbrechen stellt sich ein. Dazu
kommt häufig eine allgemeine Resolution des Rumpfes und der
Glieder , Aufhebung der Articulation und des Schlingvermögens
und andere Herdsjmptome. Unter diesen verdient eine Ver-
engerung der Pupillen bis auf Stecknadelkopfgrösse schon hier
Erwähnung, weil sie in den Fällen aufgehobenen Sensoriums und
verlangsamter Respiration leicht zur fälschlichen Annahme einer
Morphiumvergiftung führen kann , eine Möglichkeit des diagno-
stischen Irrthums , auf welche besonders englische Autoren auf-
merksam gemacht haben. Die bei Gelegenheit der Perforation in
die Ventrikel schon erwähnten Secretionsanomalien sind bei den
meisten Fällen dieser Art anzutreffen.
§. 39. Die Herd Symptome der HiriiMutimg.
Nach der Theil I S. 284 gegebenen Darstellung haben wir
directe und mdirecte Herdsjmptome zu unterscheiden. Nur
die ersteren sind wirklich der Ausdruck eines grob nachweis-
baren Verlustes an Nervensubstanz , ein dauernder , irreparabler
Defect, der höchstens im günstigen Falle mit der Zeit durch Ein-
tritt anderer Nervenelemente , die erst eingeübt werden müssen,
zwar nicht compensirt, aber einigermaassen verdeckt werden kann.
An sich ist der Functions ausf all, wie der anatomische Substanzverlust,
ein definitiver.
Die indirecten Herdsjmptome sind die Folge der
localen ti-amnatischen Beschädigung der Hirnsubstanz in der Um-
gebung des Blutherdes , sie hängen daher sowohl an In-, als
Extensität von der Höhe des traumatischen Momentes ab , unter
dem die Blutung entstand. Da, wie unsere Darstellung ergeben
hat, ein erhebliches ti-aumatisches Moment der grossen Mehrzahl
der Hirnblutungen zuzuerkennen ist, so ist auch nicht zu verwundern,
dass ebenso oft eine gewisse Intensität und vor allen Dingen Ex-
tensität der indirecten Herdsymptome wiederkehrt und ein ziemlich
gleichförmiges khnisches Bild , das der Hemiplegie mit Hemianae-
sthesie resultirt. Es wird eben, sobald ein gewisser Werth des
traumatischen Momentes erreicht wird , verhältnissmässig uner-
WERNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 51
lieblich sein , welches der nächste Ausgangspunkt der Wirkungen,
die am schwersten beschädigte Gehirnstelle ist, da doch die ganze
Hemisphäre eine ihre Function zeitweilig aufhebende Beschädigung
erleidet.
Ein ähnliches Verhältniss müssen wir als für die Entstehung
des Insultes und speciell der Bewusstlosigkeit maassgebend an-
nehmen; es fragt sich, ob es vielleicht gerade dieselbe Höhe des
traumatischen Momentes ist, welche zur Bewusstlosigkeit und welche
zur indirecten Hemiplegie führt. A priori freilich müsste man
glauben , dass zur Bewusstlosigkeit , einer unzweifelhaft über beide
Hemisphären verbreiteten Functionsstörung, ein höherer Werth des
traumatischen Momentes erforderlich sein müsste , als zur indirecten
Hemiplegie und Hemianaesthesie, welche letztere nur die Functions-
hemmung einer Hemisphäre bedeutet. Der Insult müsste dann
stets eine indirecte Hemiplegie zurücklassen , letztere aber könnte
auch ohne den Insult eintreten. Gegen diese Auffassung spricht
jedoch die Erfahrung, dass ausnahmsweise Insulte vorkommen, ohne
dass indirecte Hemiplegie oder überhaupt Herdsymptome beobachtet
werden, während freilich die Mehrzahl der Fälle unserer Erwartung
entspricht. Möglicher Weise beruhen diese Ausnahmen auch nur
auf mangelhafter Feststellung etwa vorhandener Hemiplegie während
der Dauer der Bewusstlosigkeit. Unzweifelhaft ist es aber, dass die den
Insult überdauernden Symptome bisweilen nicht die Form der Hemi-
plegie und Hemianaesthesie besitzen , sondern Monoplegien dar-
stellen, oder noch häufiger Aphasie, bei linksseitigem Sitze der
Blutung. Diese Erfahrungen nöthigen zu dem Schlüsse, dass bei
gleicher Höhe des traumatischen Momentes die Bedingungen für
den Insult und für die Erscheinung der indirecten Hemiplegie doch
verschieden sind. Man wird dem thatsächlichen Verhalten am
nächsten kommen, wenn man die Hypothese macht, dass für den
Insult die Höhe des traumatischen Momentes das allein Maassgebende
ist, die indirecte Hemiplegie dagegen ausserdem noch in einer ge-
wissen Abhängigkeit von der Localität steht, indem sie um so
leichter zu Stande kommt, um so ausgeprägter und hartnäckiger
ist, je weiter abwärts von der Rinde aus gerechnet die Blutung
sitzt. Diese Erklärungsweise steht mit den Thatsachen vollständig
im Einklang, wonach beispielsweise Blutungen im Sehhügel, die
ohne Insult entstanden sind, eine sehr schwere indirecte Hemijilegie
zurücklassen können , andererseits bei Blutungen im Mantelgebiete
und besonders in den Windungen ein schwerer und langdauernder
4*
52 WerXICKE, Lehrbuch der Gehirukrankheiteu.
Insult beobaclitet wird, die darauf folgende indirecte Hemiplegie
aber niu' geringen Grades und von kurzer Dauer zu sein braucht.
Wenn schon die reine Empirie , d. h. die Vergleichung und Ab-
tragung des casuistischen Materials, zu dieser Auffassung nöthigt,
so erscheint sie bei näherer Betrachtung auch theoretisch gut be-
gründet. Man mag sich nämlich von dem Schwinden des Bewusst-
seins eine Vorstellung machen, welche man will, immer wird dabei
unerlässlich sein, dass von dem ausgedehnten Organe des Bewusst-
seins , der Hirnrinde , ein verhältnissmässig grosser Theil in den
Bereich der traumatischen Wirkung fällt , und es ist ersichtlich,
dass für diese Frage des Umfanges der Sitz des Herdes nur wenig
ins Gewicht fällt, da bei ganz verschiedenem Sitze gleich umfäng-
liche Bezirke der Hirnoberfläche unter den Wirkungskreis des
Trauma's fallen können. Dagegen beruht die indirecte Hemiplegie
sowie die indirecten Herdsymptome überhaupt wesentlich auf dem
Orte, der von dem Trauma betroffen worden ist, sie ist der Aus-
druck des localen Insultes , einer mechanischen Läsion der Gehirn-
substanz , die sich in einem gewissen Umkreise von dem Orte der
Läsion in allmählich abnehmender Stärke geltend macht und dem
entsprechend die Function der benachbarten Gehirnsubstanz zu
einem Theile dauernd vernichtet, zu einem anderen für längere
Zeit und wieder zu einem anderen nur ganz vorübergehend sus-
pendirt. Giebt uns die Bewusstlosigkeit von dem allgemeinen
Trauma eine Vorstellung , so veranschaulichen die indirecten Herd-
sjmptome das locale Trauma des Geliirns. Bei gleicher Höhe des
traumatischen Momentes und gleich grossem Wirkungskreise einer
Blutmag wird demnach das eine Mal eine Monoplegie oder Aphasie,
das andere Mal eine Hemiplegie mit Hemianaesthesie resultiren,
je nachdem die Blutung den Windungen oder dem Hirnschenkel
näher liegt und damit ein kleinerer oder ein grösserer Theil des
Projectionssystems in den Bereich des traumatischen Wirkmigs-
kreises gelangt. Die indirecten Herdsymptome werden aus diesem
Grunde eine bei weitem feiner abgestufte Scala für die traumatische'
Wirkung, welche das Gehirn erfahren hat, abgeben müssen als
das innerhalb weniger Intensitätsgrade schwankende Symptom
der Bewusstlosigkeit und der Allgemeinerscheinungen überhaupt,
und es ist zu erwarten , dass gerade das genauere Studium der in-
directen Herdsymptome , der Art und Weise und der zeitlichen
Aufeinanderfolge ihrer Rückbildung uns die genauesten Aufschlüsse
über die Localisation der Gehirnfunctionen und die Bedeutung jedes
WernicKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 53
einzelnen Herclsymptomes geben werden , sobald nur die in dem
ersten Theile dieses Werkes gegebene Anleitung zur Untersuchung
von Gehirnkranken allgemeineren Eingang gefunden hat.
Wie es jetzt steht, ist leider über die Rückbildung und die natür-
liche Gruppirung der indirecten Herdsymptome nur äusserst wenig be-
kannt. So unterscheidet H. Jackson*) drei Grade der Hemi-
plegie, wovon der erste und leichteste die häufigsten Fälle umfasst,
wo die Lähmung nicht vollständig ist, aber die willküi'lichsten Be-
wegungen am meisten leiden. Für diesen Umstand hat Broad-
bent eine Erklärung gegeben, die wir acceptiren können, dass
nämlich die willkürlichsten Bewegmigen zugleich diejenigen seien,
welche ausschliesslich von einer Hemisphäre aus innervirt würden.
Hierbei ist die Sprache betheiligt, das Gesicht schief, die Zunge
wird schief hervorgestreckt, der Arm stärker als das Bein
betroffen und am Arm wieder die Hand mehr gelähmt als
die Massenbewegungen des Gliedes. Ein zweiter Grad der
Hemiplegie entspricht Läsionen, die nach Umfang und Plötz-
lichkeit als schwerere zu bezeichnen sind. Hier ist die
Lähmung stärker, die Muskeln der Schulter , des Beckens und des
Rumpfes werden mit gelähmt, es besteht Deviation des Kopfes imd
der Augen oder nur der Augen. Die Deviation pflegt sich zuerst
zurückzubilden , sie ist aber insofern ein schlechtes Omen , als
sie das Zurückbleiben eines hohen Grades von Hemiplegie an-
kündigt. Der dritte und schwerste Grad bedingt Resolution auch
der auf der gleichen Körperseite liegenden Extremitäten , geht also
über die Hemiplegie hinaus und zeichnet sich überdies durch das
Auftreten schwerer, das Leben bedrohender Symptome von Seiten
des Herzens imd der Arterien aus. Man sieht aus dieser Dar-
stellung, dass sie sich wesentlich auf die indirecte Hemiplegie be-
zieht. Auch Bastian*) giebt von der acut entstandenen Hemi-
plegie , die bei Blutungen und Erweichungen vorkommt , ein all-
gemeines klinisches Bild. Er rechnet dazu eine leichte Schwer-
fälligkeit der Sprache, Schlaffheit der Muskulatur auf der Seite
der Hemiplegie und eine geringe Temperaturerhöhung der gelähmten
Seite , die selten mehr als 1 "^ F. (^/g ° C.) betrage. Ausser der
Hemiplegie besteht auch Anaesthesie der gelähmten Körperseite,
die in den leichteren Fällen nur an den Extremitäten ausgesprochen,
*) Clin, lecüire on a case of hemiplegia. Brit. med. Joiirn. Jiüy 18. 25., 1874.
**) Clin, lectnres on the common form of paralysis from braiu disease.
Lancet, April 25 ff. 1874.
54 WerniCKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
im Gesicht und am Rmxipfe dagegen wenig markirt ist. Ueber die
Rückbildung finden wir bei diesem Autor' folgende Angaben. Die
Sprache verliert nach einigen Tagen oder höchstens 1 bis 2 Wochen
die Schwerfälligkeit , auch die Zunge wird bald wieder gerade
heraus- gestreckt. Meist in 1 bis 2 Tagen, höchstens in 1 bis
2 Wochen kehrt die Sensibilität zurück , während das sub-
jective Taubheitsgefühl länger dauern kann. Die Tempe-
ratur der gelähmten Glieder sinkt bald und wird sogar
leicht etwas niedriger, auch subjectiv und objectiv kälter, als
die der gesunden. Die Gesichtslähmung ist dauerhafter. Kur
selten bleibt nach dem ersten oder zweiten Tage nach dem An-
falle noch eine Schwäche im Orbitalgebiete des Facialis zurück.
Am letzten verschwindet die Lähmung der Glieder. In allen
Fällen nicht absoluter Lähmung leidet der Arm mehr als das Bein
und die entfernteren Gelenke mit den complicirteren Bewegungen
mehr als die näheren und einfacheren, und entsprechend länger
dauert auch die Lähmung. Das abweichende Verhalten, dass sich
der Arm eher besserte als das Bein, kam imter 200 Hemiplegien
nur 6 mal vor. Je später die Rückkehr der Beweglichkeit
an den Extremitäten sich bemerkbar macht , desto ungüns-
tiger ist die Aussicht auf Wiederherstellung ; als den spätesten
Termin für das Bein betrachtet Bastian einen Zeitraum von 3
bis 4 Wochen. Endlich verdanken wir noch Gowers*) die An-
gabe, dass dem apoplectischen Anfalle regelmässig eine Hemiopie
der entsprechenden Seite folge, welche sich gleichzeitig mit oder
bald nach der Deviation der Augen zurückbilde.
Man sieht aus diesen Angaben , dass ihnen die Vorstellung
eines Durchschnittsbildes der Hemiplegie zu Grunde liegt, welches
trotz gewisser Modificationen in den Hauptzügen sich immer gleich
bleibt ; die auffälligsten Verschiedenheiten, welche dasselbe darbietet,
werden von den genannten Autoren auf eine verschiedene Litensität
oder verschiedene Stadien, nicht aber auf eine verschiedene Locali-
sation der Hemiplegie bezogen. Bei unseren jetzigen Kenntnissen von
der Physiologie des Gehirns (vergl. Th. I, die anatomisch - physio-
logische Einleitung) kann diese auf dem Boden der Empirie er-
wachsene Anschauung nur damit begründet werden, dass das ge-
wöhnlich beträchtliche Trauma der Hirnblutung sich in seiner Wirkung
so weit über den eigentlich betroffenen Ort hinaus erstreckt, dass
^) Brit. med. Journ. Nov. 24. 1877.
WerNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
55
es die Function einer ganzen Hemisphäre oder die ganze Leitung
zu ihr zeitweilig aufhebt. Dies zeigt, wie sehr unsere Lehre von
der indirecten Hemiplegie mit längst anerkannten Thatsachen der
Erfahrung in Einklang steht und dass sie weiter nichts ist, als die
feste Formulirung eines gewissen, stets wiederkehrenden Zusammen-
hanges von Erscheinungen. Man hat in Verkennung dieser Ver-
hältnisse versucht, die grosse Uniformität des klinischen Bildes der
Hirnblutungen dadurch zu erklären, dass sie in der grossen Mehr-
zahl der Fälle den gleichen Sitz, nämlich in den Stammganglien
hätten. Unseren Ausführungen gegenüber erscheint es überflüssig,
diese Auffassung noch besonders zu widerlegen.
Wie schon allgemein anerkannt, ist die Hemiplegie bei Hirn-
blutungen in der ersten Zeit auch von einer Herabsetzung des Ge-
fühls begleitet; da darunter meist die SchmerzempfindliChkeit ver-
standen ist , welche sonst bei Hemisphärenläsionen am spätesten
leidet, so lässt sich erwarten, dass alle Qualitäten des Hautgefühles
imd das Muskelgefühl einer Körperhälfte, wo man darauf genauer
untersuchen kann, auch betroffen sein werden. Dass ausserdem
auch Hemiopie zugegen ist, ist vonGowers, (s. oben) schon con-
statii't. Es besteht die höchste Wahrscheinlichkeit dafür, dass die
übrigen Leitungen der halbseitigen Gefühlsbahn in der gleichen
Weise betroffen sind und demnach die indirecte Hemiplegie ge-
wöhnlich mit indirecter Hemianaesthesie zusammengeht, obwohl von
Bastian ausdrücklich angegeben wird, dass der Geruch und Geschmack,
von H. Jackson ausserdem, dass das Gehör durch Läsionen der
grossen Hemisphären nie in Mitleidenschaft gezogen werden.
Auch gewisse trophische Störungen kommen bei der in-
directen Hemiplegie zur Beobachtmig, wenigstens erscheinen sie eben
so unabhängig von dem Sitze der Blutung, wie die übrigen Herd-
erscheinungen. Hierhin gehören der maligne Decubitus imd die
acuten Gelenkentzündungen auf der gelähmten Seite.
Der maligne Decubitus ist eines der gesichertsten Bei-
spiele von Gewebsalterationen, die direct unter nervösem Einflüsse
entstehen, und unterscheidet sich von dem gewöhnlichen Decubitus
nicht allein durch seinen Sitz und Verlauf, sondern auch dadurch,
dass er auftreten kann, ohne dass überhaupt ein Druck eingewirkt
hat. C h a r c 0 1 , *) welcher zuerst die trophische und absolut
*) Note sur la formation rapide d'une eschare k la fesse du cote paralys^
dans rhemiplegie recente de cause "cerebrale. Arch. de physiol. I, p. 308 — 314.
56 Wernicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
maligne Natur dieser Affection erkannt hat, schildert ihren Verlauf
in folgender Weise : Gewöhnlich am zweiten bis vierten Tage nach
dem Anfall, selten früher, manchmal später bildet sich ein gerötheter,
diffus begrenzter grosser Fleck auf der Glutaeengegend der ge-
lähmten Seite , unter Fingerdruck schwindend. Darauf entwickelt
sich innerhalb eines oder zweier Tage ein scharf abgegrenzter
dunkel-violetter ecchymotischer Fleck in der centralen Partie der
diffusen Röthe, 4 — 5 Cm. nach aussen von der Interglutaeal-
farche und 3 — -4 Cm. unter einer von dem oberen Ende dieser
Furche gezogenen Horizontalen. Dieser Fleck hat zunächst nur
2 — 3 Cm. Durchmesser, er lässt sich durch Druck nicht mehr be-
seitigen. Nun hebt sich die Epidermis blasenförmig ab , ein
nässendes , von violetten Flecken durchsetztes Corium kommt zu
Tage , diese Flecken vergrössern sich rapide , fliessen zusammen,
der Process gewinnt nach allen Richtungen an Ausdehnung , und
nach einigen Tagen hat sich ein runder , bis zu 6 — 7 Cm. Durch-
messer haltender, brauner, trockener Brandschorf gebildet, der ent-
weder an den Rändern sich demarkirt, oder von diffus phlegmo-
nösem Gewebe umgeben ist. Meist kommt es nicht so weit,
sondern der Tod tritt vorher, oft schon zm- Zeit der Bildung des
ekchymotischen Fleckes ein. Unter 28 Fällen plötzlich einsetzender
Hemiplegie , welche einen ungünstigen Ausgang nahmen , kam
16 mal dieser Process auf der gelähmten Hinterbacke zur Ent-
wickelung, 4 mal zwar auch auf der anderen, jedoch auf der
gelähmten früher und tiefer, nur 1 mal auf beiden Seiten gleich-
zeitig und in gleichem Grade, während in 7 Fällen dieses Symptom
ganz fehlte. In keinem Falle sah C h. diese trophische Störung
anders als mit dem Tode enden. Auch wo bisher schwere Symp-
tome gefehlt hatten , in Fällen z. B. , in welchen die Hemiplegie
ohne Insult eingetreten, im Anfang unvollständig war mid sich erst
allmählich ausbildete, war dies der Fall. Im Allgemeinen tritt
diese Schorfbildung mehrere Tage vorher als das verhängnissvolle
Steigen der Rectaltemperatur auf über 39 ° ein und ist daher
ein um so werthvoUeres prognostisches Symptom. Der Glutaeal-
schorf gehört nur der frischen Hemiplegie an. In den 21 Be-
obachtungen Charcot's trat der Tod am dritten bis zwanzigsten
Tage ein.
Eine andere trophische Störmig, welche ebenfalls an die frische
Hemiplegie gelaiüpft ist, ist eine, meist trockene, Entzündung der
WeeNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 57
Gelenke*) auf der gelähmten Seite. Dieselbe ist nicht E"olge der
Immobilität, da sie manchmal erst auftritt, wenn die Beweglichkeit
wieder hergestellt ist, meist auch die Hemiplegie zu frischen Datums
ist. Sie verräth sich durch lebhafte Schmerzen, die spontan in
den Gelenken auftreten , continuirlich , besonders aber bei Be-
wegungen sehr lebhaft sind. Die betroffenen Gelenke sind druck-
empfindlich und oft auch geschwollen imd geröthet, bei der Section
zeigt sich die Synovia geröthet, lebhaft injicirt, geschwollen und
zottig. Bisweilen kommt es auch zu serösem Erguss imd Bildung
fibrinöser Concretionen in der Gelenkhöhle. Oft bleibt die Läsion
latent, selbst bei sehr erheblichen Veränderungen der Gelenke. Eine
Entzündung; der benachbarten serösen Sehnenscheiden kann sich dazu
gesellen. Diese Gelenkveränderung ist von der spät nach alten Hemi-
plegien in Folge der Immobilität auftretenden durchaus verscliieden.
Sie beginnt nach Charcot's Erfahrungen nicht vor dem 12. Tage,
meist 3 — 6 Wochen nach dem Anfalle. Wenn sie später eintritt,
so schliesst sie sich gern an anderweitige Verschlimmerungen des
Allgemeinbefindens, seien es Nachschübe von Seiten des Gehirns,
seien es Entzündungen innerer Organe u. dergl. m., an.
Der Process, der die Hemiplegie verschuldet, ist für diese
trophischen Störungen relativ unwesentlich, auch bei Tumoren
können sie sich entwickeln. Die Gelenkentzündung jedoch wird
nach Charcot am häufigsten bei Erweichungen beobachtet. Da
Blutungen und Erweichungen die Ursachen der meisten Hemiplegien
sind, so mussten die trophischen Störungen in der Symptomatologie
zunächst der Hirnblutung ihre Stelle finden. Zu erwähnen ist noch
die Angabe Bastians,**) dass sie mit Vorliebe die Läsionen der
rechten Hemisphäre begleiten.
Kehren wir zu den Theilerscheinungen der motorischen Hemi-
plegie zurück, so haben wir noch das merkwüi'dige Factum zu er-
wähnen, dass gewisse Herdsymptome immer nur als indirect be-
dingte vorzukommen scheinen und zwar vorübergehend die schweren
Fälle von Hirnblutung begleiten, aber nicht als dauernder Defect
Jahre lang bestehen bleiben, wie andere directe Symptome. Be-
sonders auffallend und der Kenntnissnahme werth ist dies bei der
conjugirten Augen- und Kopfablenkung, welches Symptom des-
*) Charcot. Sur quelques arthropathies qui paraissent dependre d'une
l^sion du cerveau on de la moelle epiniere. 11 art. Arch. de physiol. I. p. 379.
**) 1. c.
o8 WerxiCKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiteu.
Tvegeii auch in viel geringerem Grade als jedes andere Herdsvmptom
mit der Localität einer Blutung in Beziehung gebracht werden
kann. Obwohl Fälle vorliegen, in welchen es längere Zeit be-
standen hat, ist doch kein einziger gewährleistet, wo zugleich die
Allgemeinerscheinuugen in dem Maasse, "^^ie es sonst zu sein pflegt,
gewichen wären, vielmehr wü'd eine beträchtliche Abnalrme der In-
telligenz oder Benommenheit des Sensoriums in den Fällen der Art
berichtet. GrewöhnHch ist die conjugirte Ablenkung der Augen und
des Kopfes eme Begleitersclieinimg des schweren apoplectischen In-
sultes und überdauert diesen nur kurze Zeit. In einer Eeihe von
Fällen T^Tii'de sie aber auch beobachtet, wo die Aligemeinerschei-
uungen verhältnissmässig gering waren , oder auch, wie beim lang-
samen Insult, erst allmähhch zu voller Höhe anwuchsen, und hier
hielt sie mit dem Eintreten der Hemiplegie gleichen Scliritt. Gerade
in den Fällen der letzteren Art war das Symptom besonders an-
dauernd, und für sie lässt sich auch eine gewisse locale Bedeutung,
wie sie von Landouzy'^) dem Symptom überhaupt zugeschrieben
wird . nicht in Abrede stellen ; es war dabei meist das untere
Scheitelläppchen betroffen. Aus diesem Umstände und daraus,
dass es in den anderen Fällen einem sehr erheblichen trauma
tischen Momente seine Entstehung verdankt, erklärt sich die Er-
fahrung H. Jackson's,**) dass die Hemiplegie, welche davon bei
ihrer Entstehung begleitet wurde, meist Bestand hat. Die schliess-
hch immer erfolgende Ausgleichung der seitlichen Ablenkimg der
Augen und des Kopfes muss, wie schon in dem semiotischen Ab-
schnitte ausgeführt wurde, damit erklärt werden, dass die betreffende
Bewegimg niclit unter dem ausschhesslichen Einfluss der gekreuzten,
sondern auch der gleichseitigen Hemisphäre steht , welche letztere
dann flu' die erstere eintritt. Der wirkliche Defect kann daher nur
bei doppelseitigen Herden in Erscheinung treten, imd es wird dann
eine doppelseitige Lähmung aller Augenmuskeln resulth'en in der-
selben Weise, wie die Bulbärerscheinimgen im Gebiete der Zunge
und des Facialis bei doppelseitigen Herden zu Stande kommen.
Hieran schliessen sich die äusserst spärlichen Beobachtimgen
einseitiger Oculomotoriuslähmung, bald blos des Levator palpebrae,
bald auch anderer Zweige , welche auf der Seite der Hemi-
plegie bei der Hirnblutung berichtet werden. Trotz aller Selten-
lieit ist ihr Vorkommen und ausnahmsweise selbst längeres Be-
*) De la deviation conjuguee etc. Progres med. 36 — 49. 1879.
**) I. c.
Wernicke, Lehrbiich der Gehiinkrankheiten. 59
stehen gewährleistet , und zwar mit Vorliebe wieder bei Läsionen
des unteren Scheitelläppchens. Die grosse Seltenheit des
Symptoms selbst in' Fällen schwerer indirecter Hemiplegie
nöthigt -jedoch zu der Annahme , dass es von individuellen , nicht
bei allen Individuen gleich entwickelten Verhältnissen der Leitung
abhängt.
Sonst erhalten die meisten indirecten Hemiplegien auch da-
durch ein etwas verschiedenes Gepräge, dass die indirecten Herd-
Symptome nicht in dem Intensitätsgrade ausgebildet sind, wie die
directen, durch wirklichen Ausfall von Gehirnsubstanz verm'sachten.
So ist die halbseitige Anaesthesie in sehr verschiedenen Graden
entwickelt und, wo sie den höchsten Grad besitzt, gewöhnlich direct
verursacht. Auch die von Gowers nachgewiesene indirecte Hemi-
opie braucht nicht gerade eine totale Amaurose der betr. Gesichts-
feldhälften zu sein, sondern kann in Amblyopie *) derselben bestehen ;
sie zeichnet sich überdies durch ihr rasches Verschwinden aus,
so dass eine etwas länger dauernde und dann noch ausgeprägte
Hemiopie gewöhnlich als directes Herdsymptom aufzufassen sein
wird.
Nicht selten treten gleichzeitig in beiden Hemisphären mid bis-
weilen sogar an migefähr symmetrischen Stellen derselben Blutungen
ein. Aus unseren Bemerkungen über die indirecte Hemiplegie wird
es erklärlich, dass dann meist ein sehr schweres Krankheitsbild
entsteht, bei welchem Lähmmig aller Extremitäten, bisweilen von
Contractur begleitet, sowie die doppelseitige Betheiligung von
Gehirnnerven, namentlich des Facialis und des Hypoglossus, zu-
sammentreffen, um eine Erkrankung des Pons oder der Oblongata
vorzutäuschen. Weiter unten werden Beispiele der Art mitgetheilt
werden. Abgesehen von den eigentlich bulbären Symptomen
findet man dabei auch in einigen Fällen Verlust des Gesichts mid
des Gehörs angegeben , augenscheinlich Theilerscheinungen doppel-
seitiger Hemianaesthesie, welche eben ihrer Doppelseitigkeit wegen
mehr in die Augen fallen, während sie im Falle der Einseitigkeit
leicht übersehen werden können und von den meisten älteren Be-
obachtern gewiss übersehen worden sind. Finden die Blutmigen
nicht gleichzeitig, sondern erst nach einem grösseren Zwischen-
räume statt, nachdem schon vollständige Restitution von den Folgen
der ersten Blutung eingetreten war, so können nun dennoch bulbäre
-diminished sensitiveness" Gowers.
60 'WernicKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
Symptome auftreten, indem die durch den zweiten Herd gesetzten
Herds jmptome im Grebiet der Hirnnerven sich zu den direct "bedingten,
aber inzwischen ausgeglichenen Wirkungen des ersten Herdes sum-
niiren und dieselben erst zu Tage treten lassen. Genau ebenso
verhält es sich mit den seltenen Fällen apoplectisch eingetretener
Blindheit in Folge von Hirnblutungen, die von älteren Autoren be-
richtet werden. Eine vorher bestandene Hemiopie ist, sei es in
Folge der Beobachtungsschwierigkeiten , die immer bald nach dem
apoplectischen Anfalle bestehen, sei es aus Mangel einer darauf ge-
richteten Untersuchung, übersehen worden und tritt nun dadurch
zu Tage, dass die dm'ch eine neue Blutimg gesetzte Hemiopie sich
zu dem schon bestehenden Defecte summirt und somit vollständige
Blindheit eintritt.
Es darf nach den bisherigen Erörterungen nicht Wunder
nehmen, dass sich gewisse Allgemeinerscheinungen der Hirnblutung
schliesslich als indirecte Herdsymptome herausstellen. Die Ano-
malien der Urins ecretion, die auffälligeren Veränderungen der Respi-
ration und auch die den schweren Fällen von Hirnblutung eigen-
thümhchen Temperaturverhältnisse gehören augenschemlich hierher,
in den seltenen Fällen , wo dies vorkommt , auch die nach dem
apoplectischen Anfalle noch einige Zeit zurückbleibende Lähmung
der Blase. Es handelt sich hierbei nicht mn einen Streit um
Worte, sondern um die principielle Auffassung, welche man den
genannten Symptomen in der Symptomatologie der Geliimblutungen
zu Theil werden lassen soll; der Werth dieser Symptome im ein-
zelnen Falle wird erst dann richtig beurtheilt werden, wenn man
sich ihre Entstehmig als indirecte Herdsymptome gegenwärtig hält.
Bei den Blutungen im Gebiete der hinteren Schädel-
grube haben dieselben Symptome oft den Werth directer
Herdsymptome , als indirecte Herdsymptome treten sie schon viel
leichter, d. h. bei geringerem ti-aumatischen Momente auf, als bei
den Blutungen im Bereich der Hemisphären. Die indirecten Herd-
symptome haben hier gewöhnlich das Merkmal der Doppelseitigkeit,
es lässt sich, selbst wo Hemiplegie vorhanden ist, doch immer
eine erhebliche Abschwächung auch der anderen Körperhälfte
nachweisen, und eine auffallende Abschwächung der gesammten
Rumpfmuskulatur , Haltlosigkeit und UnbehiLflichkeit des ganzen
Körpers stellt sich bei geeigneter Untersuchmig heraus. In seltenen
Fällen wird Seitenzwangslage nach der Seite der Verletzmig
beobachtet in Folge einer Einwirkung des Herdes auf den mittleren
"WERNICKE, Lehrljucli der Gehirnkraukheiteu. ül
(oder unteren?) Kleinliirnsclienkel. Blutungen in eine Hemisphäre
des kleinen Gehirns verursachen verhältnissmässig häufig indirecte
Hemiplegie, wenigstens geht dies aus den Darstellungen der Autoren
hervor; wahrscheinlich hat man es aber stets mit mehr als einer
Hemiplegie zu thun. Der Facialis ist bei dieser Hemiplegie ge-
•wölmlich nicht inbegriffen , dagegen kann eine indirecte Lähmung
des auf der gleichen Seite befindlichen Facialisstammes ebensowohl
als des Abducens erfolgen und auch der Quintus auf der Seite der
Blutung gelähmt werden, besonders wenn die Blutung den Brücken-
arm in ihren Bereich gezogen hat. Zwei sehr merkwürdige Be-
obachtungen liegen vor, nach denen auch Blindheit zu den aller-
dings höchst ausnahmsweise auftretenden indirecten Herdsjmptomen
der Kleinliirnblutmaa; zu rechnen wäre. Oefter ist Starrheit der
Augen und einige Male, bemerkenswerther Weise bei Blutungen in
den Wurm, Erectionen mid geschlechtliche Erregung angegeben.
§. 40. Casiiistik zum vorigeu Paragraphen.
Man wird an das nun folgende casuistische Material nicht
die Anforderung stellen dürfen, dass die Beobachtungen voll-
ständig, d. h. alle vorhandenen Defecte auch bemerkt und notirt
sind. Von gewissen, schwerer zu constatirenden Symptomen, wie
z. B. der Hemiopie und hemiopischen Defecten , einseitiger Herab-
setzung des Gehörs und auch der sensorischen Aphasie sind wir
vollkommen berechtigt anzimehmen, dass sie stets übersehen worden
sind, wo es sich um die Beobachtungen älterer Autoren handelt;
höchstens findet sich die Notiz, dass die Sehki^aft auf dem Auge
der hemiplegischen Seite mehr oder weniger herabgesetzt ist, eine
Beobachtung, die nach den Verhältnissen der Hemiopie vollständig
begreiflich ist, oder die Angabe, dass die Intelligenz der Kranken
herabgesetzt ist oder dass sie verwirrt sprachen, wo wir nach unseren
jetzigen Kenntnissen aus dem Orte der Läsion schliessen dürfen,
dass sensorische Aphasie bestanden habe. Wo also gewisse directe
Herdsjmptome der bezeichneten Art in den Beobachtungen ver-
misst werden, darf uns dies nicht beirren. Ich bin überzeugt, dass
selbst die bestimmte Versicherung, dass die Sensibilität untersucht
und intact gefunden worden sei, oder dass keine Hemiopie bestanden
habe und dergl. mehr bei den Beobachtungen Charcot's und
seiner Schüler oft nur so zu verstehen ist, dass diese Störungen
nicht von selbst auffielen und bei oberflächlicher Untersuchung
nicht bemerkt wurden. Es bedarf aber für die meisten Gehirn-
62 Weknicke, Lehrbuch der Gehirukrankheiten.
Symptome einer eigens darauf gerichteten Untersiicliung , um sie
festzustellen, und einer besonderen Untersuchungstechnik, die gerade
an den Stätten , denen wir das meiste casuistische Material ver-
danken, nicht genügend verbreitet zu sein scheint. In vielen Fällen
haben selbst diese unvollständigen Beobachtuugen durch die positiven
Angaben bezüglich der indirecten Hemiplegie oder anderer indirecter
Herdsymptome einen grossen Werth. So ist die Entstehung einer
indirecten Hemiplegie vom Stirnlappen, Schläfelappen und Occipital-
lappen, vom Linsenkern und Sehhügel aus durch zahlreiche Erfah-
rmigen dargethan, wähi-end die directen Symptome dieser Läsionen
relativ selten Erwähnung finden ; dass sie deswegen doch bestanden,
lehren andere genauere Beobachtungen.
Nur in einem Punkte scheinen die directen Symptome der Hirn-
blutung sich anders zu verhalten , als es die aus dem physiologi-
schen Abschnitte bekannte functionelle Feldermig des Grehirns er-
fordert, und hier ist die Ausnahme möglicherweise nur
scheinbar. Unter der grossen Anzahl von Läsionen des Stirn-
lappens , welche vorhegen , findet sich die einseitige Lähmung
der Nacken- und Rumpfmuskulatur kein einziges Mal erwähnt,
und doch müsste , wenn man aus der Analogie des Thier-
experimentes schliessen darf, die dadurch gesetzte Störung so auf-
fällig sein, dass sie wenigstens den besseren Beobachtern nicht
hätte entgehen können. Die Möglichkeit der Erklärung für
diesen Mangel an Uebereinstimmimg liegt nach dem, was bezüg-
lich der Gehirnnerven schon oft bemerkt wurde, sehr nahe,
und zwar ist die Annahme gestattet , dass es sich hiermit
ebenso verhält, wie mit der seitlichen Ablenkung der Augen , dass
also die Nacken- und Rumpfmuskulatur einer Körperhälfte nicht
ausschliesslich von der entgegengesetzten Hemisphäre, sondern auch
von der gleichseitigen innervirt wird und daher erst doppelseitige
Läsionen den Erfolg haben können , dass eine wirkhche Lähmung,
und zwar dann doppelseitig, dieser Muskulatm- entsteht. Es liegen
zwar eine Anzahl doppelseitiger Zerstörungen des Stirnlappens
vor, die gegen diese Auffassung geltend gemacht werden
können , doch erscheinen mir dieselben noch nicht hinlänglich
beweisend.
I. Die folgenden beiden Beobachtungen belegen das seltene Vor-
kommniss , dass die Hirnblutimg zwar Insult , aber keine Herd-
erscheinungen macht. Namentlich die Beobachtung Nothnagel's
scheint mir in dieser Hinsicht verlässlich. Man vergleiche auch
WerNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 63
den Fall La quer 's aus Berg er 's BeolDachtung auf S. 74. Gre-
wölmlich wird ein apoplectisclier Anfall überhaupt nur daran als
solcher erkannt, dass Herdsymptome und zwar meist ausgesprochen
hemiplegische zu bemerken sind ; wo dies nicht der Fall ist , wird
wohl von Ohnmächten, aber nicht von apoplectischen Anfällen ge-
sprochen. Der letztere Ausdruck hat immer die Präsumption für
sich , dass hemiplegische Erscheinungen vorhanden waren ; so intim
sind die Beziehungen des apojDlectischen Insultes luid der Hemi-
plegie.
Nothnagel. (Topische Diagnostik etc. S. 269.) 6 2 jähriger Mann.
Verfall der geistigen Kräfte seit V2 Jahre. Anfang März Anfall von Be-
wiisstlosigkeit ohne zurückbleibende Störung, seitdem öfter Schwindelanfälle.
Im April keine Herdsymptome, im Juli apoplectischer Insult, auch nach
diesem keine Herdsymptome. Tod im October.
Section. Je eine stark linsengrosse apoplectische Cyste im I. imd
n. Gliede des linken Linsenkerns, ein etwa bohnengrosser Herd mit rost-
brauner Wand (also wahrscheinlich jüngeren Datums) im III. Gliede, hart
an die äussere Kapsel anstossend.
Der Tod war unter immer zunehmendem geistigen Verfalle eingetreten.
Christison. Cerebral haemorrhage mistaken for hysteria. Edin-
burgh, med. Journ. July 1873. Eine 32jährige Frau, starb plötzlich in
der Nacht im Bette , nachdem sie in den letzten 2 Jahren 3 Anfälle ge-
habt hatte. Dieselben werden folgendermaassen geschildert : sie traten
plötzlich ein, Pt. war aber noch fähig, unterstützt nach Hause zu gehen,
und lag dann einen Tag lang in halber Bewusstlosigkeit und angeblich
ohne anderweitigen Befund. Am nächsten Tage hatte sie noch etwas
Kopfschmerzen und fühlte sich schwach , war aber nach 3 Tagen ausser
Bett und nach einer Woche wieder an der Arbeit. Die ' Person
war anämisch, seit 4 Jahren unmenstruirt, dafür litt sie in ziemlich regel-
mässigen Intervallen an reichlichem Mixnd- und Nasenbluten. Die Anfälle
wurden für hysterisch gehalten.
Section. Am Rande der I. linken Stirnwindung ein kleines Gerinnsel,
die Hirnsubstanz zwischen diesem und der Longitudinalspalte sehr weich,
reisst ein und zeigt sich von einer grossen Höhle eingenommen, gefüllt
mit z. Th. frischen Coagulis, in der Mitte derselben jedoch ein klein Wall-
nuss grosses, sehr festes, altes Coaguliun von grumöser Flüssigkeit umgeben.
Ausserdem ein kleines, bohnengrosses, frisches Coagulum im hinteren Theile
der rechten Hemisphäre. Gefässe degenerirt, das Gehirn sonst gesund.
Hier ist die frische doppelseitige Blutung als Todesursache zu be-
trachten , während für die vorangegangenen di-ei einander gleichen Anfälle
nur das eine alte Gerinnsel zur Erklärung dient , man wird deshalb an-
nehmen müssen, dass es in drei Schüben entstanden ist und dass die neuen
64 WekNICKE. Lelirbucli der Gehirnkrauklieiten.
Blutungen immer an demselben Orte erfolgten, wo die früheren stattgefunden
hatten. Auch mit der letzten Blutung im linken Stirnlappen verhielt es
sich so.
II. Die folgeuden beiden Beobachtungen sind Beispiele von dem
liäiifigsten Sitze der Blutungen zwischen Linsen kern und äusserer
Kapsel und ihrer spaltförmigen Gestalt. Die erste , mit schwerem
Insult eingeti-etene , hinterlässt eine indirecte Hemiplegie von acht-
täo-io-er Dauer : die zweite, dui'ch nur o-erino-e Allo-emeinerscheinungen
Ijei ihrem Einsetzen ausgezeiclmet , verursacht keine deutliche Hemi-
plegie, dagegen vollständige linksseitige Hemianaesthesie . die sich
aber ebenfalls als indirectes Herdsjmptom herausstellt, da sie am
12. Tage darauf schon vollständig verschwunden ist. Das locale
traumatische Moment muss hier vorzugsweise die sensible Faserung
im liinteren Theile der inneren Kapsel beti-offen haben, was bei
diesem Sitze der Blutung nicht migewühnlich ist.
Brault und Beurmann. (Bull, de la See. anat. 1876 j). 739.)
71jähr. ]\Iann. Ein apoplectischer Insult von 20stüudiger Dauer hinter-
lässt rechtsseitige Hemiplegie mit Sprachstörung. Am 3. Tage darauf
Sprache langsam, aber ganz deutlich , Facialis frei , Extremitäten besser,
am 8. Tage alle Spuren des Anfalles geschwunden. Tod etwa 3 Wochen
später au Brandverletzungen.
S e c t i 0 n. Eine spaltförmige Blutung hat Vormauer, äussere Kapsel
imd den angrenzenden Theil des 3. G-liedes des Linsenkernes zerstört,
ihre Lauge beträgt 3 cm, ihre Höhe 2^ 2 cm, ihre Breite nur 2 — 3 mm.
Im Centrum ein fester , schwarzer Blutklrmipen , welcher dem umgebenden,
■etwa auf 1 cm erweichten G-ewebe anhaftet.
Oulmont. (Bull, de la Soc. anat. 1877 p. 267.) 88jährige Frau.
Man bemerkt, dass sie das linke Bein etwas schleppt. Bei Tische Er-
brechen, sie neigt sich plötzlich nach links, verliert aber nicht das Be-
wusstsein. Die Untersuchung ergiebt leichte Parese des linken Faciahs
imd vollständige linksseitige Hemianaesthesie. Letztere ist schon am
12. Tage darauf vollkommen verschwunden. Tod mehr- als 3 Monate später.
Section. Yoi'u spaltförmiger , hinten bis auf l"*^, 2 cm sich ver-
Tjreiteruder Herd zwischen Linsenkern und äusserer Kapsel, mit einem ocker-
farbenen Klumpen gefüllt.
III. Hieran scldiesst sich passend die schon oben S. 32 citirte
Eeobachtung P i e r r e t ' s als Beispiel einer durch Läsion des hinteren
Gebietes der inneren Kapsel bedingten Hemiplegie mit Hemian-
-aesthesie und als gutes Gegenstück dazu unser eigener Fall von
Erkrankung der inneren Kapsel, wo die Sensibilität nicht betheiligt
war und die Blutung die obere, dem Stabkranz benachbarte Partie
WERNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 6o
des vorderen Schenkels der inneren Kapsel betroffen hatte*). In
beiden Fällen fehlte jeder Insult. Dem entsprechend finden die
beobachteten Herds}aiiptome ihre vollständige Erklärung in dem
Sitze der Läsion; denn aus dem physiologischen Theile ist erinner-
lich, dass in den vorderen Abschnitten der inneren Kapsel die halb-
seitige motorische Bahn isolirt, im hinteren Gebiete der inneren
Kapsel dagegen dieselbe zusammen mit der sensiblen Bahn ent-
halten ist. Die darauf folgende Beobachtung And ral's kami nach
der Beschreibung ein Fall von auf den Schweifkern beschränkter
Blutung sein, denn die Oberfläche des Streifenhügels wird niu' durch
den Schweifkern gebildet. Wahrscheinlicher ist indessen, dass die
innere Kapsel mitbetroffen und die Lähmung des Armes directes Herd-
sjmptom war, während die des Beines sicher indirect bewirkt war.
Pierret 1. c. Plötzliche linksseitige Hemiplegie ohne Insult, con-
jugirte Kopf- und Augendrehung nach rechts, Hemianaesthesie der ganzen
linken Körperhälfte mit Einschluss der Conjunctiva und Cornea, aber mit
Ausschluss der Xasen- und G-aumensegelschleimhaut und der Sinnes-
organe. Tod nach 3 Tagen an Pneumonie.
Section. Eine Taubenei grosse Blutung nimmt den rechten Linsen-
iern ein und hat ausserdem den hinteren Theil der inneren Kapsel zer-
stört. Schweifkern und Thalamus gesund.
Wem icke 1. c. 6.5jähr. Frau, fühlt sich am 9. September plötz-
lich übel und stürzt auf der Strasse hin , ohne das Bewusstsein zu ver-
lieren. Die rechten Extremitäten sind vollständig gelähmt. Status am
6. 0 et ob er: Rechte Extremitäten dem Gefühl nach kühler, Hand und
Fuss leicht ödematös , beide Extremitäten im Zustande vollkonmiener
schlaffer Lähmung , bei intacter Sensibilität. Reflexe rechts etwas herab-
gesetzt. Facialis , Zunge , Sprache und alle Qualitäten der Sensibilität
sowie das Sensorium absolut frei. Pt. kann Stuhl und Urin nicht halten.
Unter faradischer Behandlung allmählich geringe Besserung am rechten
Arm , von Mitte November ab stabiler Zustand und Abnahme der
faradischeu Erregbarkeit der Muskulatur an Arm und Bein. Die Lähmung
des Beines blieb von Anfang an unverändert. Am 27. December
SjTuptome von Meningitis; am 31. December exitus. Die Diagnose
war auf einen kleinen Blutungs- oder Erweichuugsherd in der inneren
Kapsel gestellt worden.
Section Frische eitrige Meningitis und zahlreiche obliterirte
Miliaraneurysmen an den G-efässen der Hirnwindungen. Ausserdem
*) Die Ortsbestimmung auf S. 251 des I. Theils ist demnach ungenau.
Der Herd sass in der Horizontalebeue oberhalb des Knie's der inneren Kapsel,
in der Transversalebene jedoch vor dem Sehhügel.
Wernicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten, n. 5
66 WerniCKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
eine braunrotlie lineare Blutungsnarbe im 3. Gliede des linken Linsen-
kerns in gleicher Linie mit dem Tuberculum anterius des Sehhügels.
Auf einem 1 cm davon nach vorn schon vor dem Sehhügel geführten
Frontalschnitte ist die afficirte Stelle mehr nach innen und oben, aus dem
Linsenkern heraus und in die innere Kapsel gerückt (zwischen Linsenkern
und Schweifkern), die sie ihrer ganzen Breite nach durchsetzt. In die
rothbraun verfärbte und erweichte Stelle ist hier ein etwa erbsengrosser
verkalkter Cysticercus eingelagert. Gefässe an der Basis atheromatös, In-
sufficienz der Mitralis und Aorta , Dilatation beider Herzventrikel , alter
Milzinfarct, doppelseitige senile Nierenschrumpfung.
Ich bin heute überzeugt, dass der verkalkte Cysticercus mit der
Blutung gar nichts zu thun hatte , dass dieselbe vielmehr durch Bersten
eines Miliaraneurysma' s einer der Linsenkernarterien entstanden war. Der
Cysticercus war stets latent geblieben.
Andral 1. c, Beobachtung 9 der Apoplexien. 48jähr. Frau, dem
Weingenuss ergeben , fiel eines Morgens plötzlich ohne Bewusstsein nieder
und kam erst nach 2 Stunden zu sich. Am folgenden Tage wird totale
Lähmung und Anaesthesie der linken Extremitäten constatirt, mit Ver-
ziehung des Mundes nach rechts , aber ohne Abweichung der Zunge und
ohne Sprachstörung. Am Tage darauf hatte sich die Sensibilität auf der
gelähmten Seite wieder eingefunden, das linke Bein wieder etwas beweg-
lich, der Arm unverändert. Bis zum Tode, der 14 Tage darauf an einer
Magendai'maffection erfolgte, wurde das linke Bein ganz restituirt, der Arm
blieb vollkommen gelähmt.
S e c t i o n. In der Mitte des Streifenhügels, einige Linien unter seiner
oberen Fläche, befand sich eine kleine Höhle, die mit Blutklumpen aus-
gefüllt war. Die Gehirnmasse zeigte sich 3 — 4 Lin. weit herum sehr
weich. Concentrische Hypertrophie des linken Herzens.
IV. Blutungen im vorderen Gebiete des Stirnlappens, die
ohne Insult eingetreten sind, bleiben gewölmlicli überhaupt symp-
tomlos. Die mit Insult einsetzenden sind von indirecter Hemi-
plegie begleitet.
Pitres, 1. c. Beob. 1. 60jähr. Frau, wegen permanenter Con-
tra ctur der Unterextremitäten am 20. Mai aufgenommen (entsprechender
Befund im Rückenmark). Tod am 21. Juli in Folge einer Indigestion
nach heftigem Erbrechen. Pt. war stets unter Beobachtung, es war weder
ein Insult, noch Spuren einer Hemiplegie an ihr bemerkt worden.
S e c t i o n. Unter dem vorderen Ende der mittleren rechten Frontal-
windung ein nussgrosser, etwa 2 — 3 Wochen alter, hämorrhagischer Herd.
Punktförmige Hämorrhagien der bedeckenden Corticalsubstanz.
Andral, Clin. med. V. Beob. 3 der Apoplexien. Schwerer Insult,
rechtsseitige Hemiplegie mit Aphasie. Tod nach 9 Tagen. Hühnereigrosse
"WeRNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 67
Blutimg im vorderen Theil der linken Hemisphäre. „Sie begann einen
halben Zoll unter der oberen Fläche der Hemisphäre und einen halben
Zoll vom vorderen Ende derselben, nach hinten und unten wurde sie von
dem Theile der G-ehirnsubstanz begrenzt , welcher die Verbindung der
oberen vmd vorderen Wand des linken Seitenventrikels ausmacht." Alles
Uebrige normal.
Samt, Berl. Klin. Wochenschr. 40, 1875. Plötzliche Bewusstlosig-
keit, dauert 1 Stunde, erst dann wieder Reactionen, Pat. sprach aber kein
Wort. Lähmung der linken Extremitäten, schon nach einigen Stunden fast
gesehwunden. Am nächsten Tage noch die Sprache sehr undeutlich; die
Lähmung nicbt mehr nachweisbar. Neuritis opt. rechts , links nur An-
deutungen. 4 Tage später ein zweiter Anfall von Bewusstlosigkeit mit
linksseitiger Lähmung, erstere dauerte 10 Min., letztere ^/2 Stunde, am
nächsten Tage aber noch Parese.
Section, Aneurysma Art. f. S. G-änseei grosse Blutung im rechten
Schläfelappen, über Wallnuss grosse im Mark des Stirnlappens. Die
Stauungspapille beruhte auf Hämorrhagien des Subvaginalraumes.
Whitefield, Lancet 1841, nach Canstadt's Jahresbericht p. 170.
Ein Mann wurde nach heftigem Kampf auf das Steinpflaster geworfen und
bekam eine linksseitige Hemiplegie. Tod nach 4 Monaten. Es fand sich
eine Wallnuss grosse apoplectische Cyste, die durch Resorption schon ver-
kleinert schien, in der rechten Hemisphäre des grossen Grehirns vor dem
Streifenhügel. Die Umgebung der Cyste erweicht. Ueber den Insult fehlt
hier die Angabe.
V. Eine indirecte Hemiplegie erfolgt ganz gewöhnlicli auch
vom Schläfe läppen aus, sobald die Blutung mit schwerem In-
sult einsetzt. Sie kann sogar in Folge der localen traumatischen
Einwirkung sehr lange dauern, wenn die Blutung bis an die innere
Kapsel heranreicht. Der Fall Senator's auf S. 70 wird dafür
ein Beispiel geben. Das directe Herdsymptom des Schläfelappens,
die sensorische Aphasie (bei linksseitigem Sitze), ist entweder ganz
übersehen, oder nur ein Intelligenzdefect bemerkt.
Grallard. Union med. 28. 1875. 50jähr. Frau, dem Alcohol er-
geben, hatte am 4. December einen Anfall von Bewusstlosigkeit , bei dem
sie hinfiel. Nach einigen Minuten kam sie zu sich und erlangte alle
Functionen wieder. Am 5, December ein ganz gleicher Anfall, keine
Sprachstörung. Am 7. December ein dritter längerer Anfall mit Bewusst-
losigkeit , Unempfindlichkeit und vollständiger Resolution der Muskulatur.
Am 10. December folgender Status: Die ganze rechte Körperhälfte in
absoluter Resolution, Algesie daselbst erhalten. Keine Augenmuskellälimung.
Die Kranke sieht und hört, aber ihre Intelligenz scheint sehr herabgesetzt;
sie öffnet schwach den Mund , kann aber die Zunge nicht vorstrecken,
68 Wernicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
bringt keinen Laut hervor , zeigt aber durch Zeichen , dass sie Aufträge
versteht, ihr Blick ist ziemlich lebhaft. Incontinenz von Stuhl und Urin.
Unter Verschlimmerung des Allgemeinbefindens (Pneumonie) stirbt sie am
15. December , die Aphasie hatte fortbestanden. Section. Submeniugeale
flächenförmige Blutung über der ganzen linken Hemisphäre, in den abhängigen
Partien (Rückenlage) etwas dicker. Das Gerinnsel setzt sich in eine
Höhle fort , die in das vordere Ende des linken Schläfelappeus , dicht an
der Insel , die selbst intact ist , ausgehöhlt ist. Sie -wird von einem klein
nussgrossen Gerinnsel eingenommen und reicht nicht bis zur Mitte des
Schläfelappens. Gehirnarterien stark atheromatös.
Charcot und Bouchard, I.e. Obs. 19. 78jähr. Frau. Apoplexie,
rechtsseitige Hemiplegie , Tod nach 6 Tagen. Ausser Schädelfractur, bei
dem Fall entstanden, im linken Schläfelappen ein frischer, hämorrhagischer
Herd mit zahlreichen Miliaraneurysmen in seiner Wandung. Basalarterien
nicht atheromatös. Herz und Niereu gesund. Von Aphasie nichts erwähnt.
Pitres 1. c. Beob. 11:. ßlijähr. Frau, an Epilepsie leidend. Apo-
plectischer Anfall , Tod nach 4 Stunden. Linke Pupille weiter als die
rechte, sonst keine Herderscheinungen. Puls 50. Zu Abwehrbewegungen
brauchte sie beide Hände gleich. Das Einsetzen des Anfalles nicht be-
obachtet, sondern „man fand sie mit stertoröser Respiration entlang einer
Mauer ausgestreckt". „Fast vollkommener Verlust des Bewusstseins",
„laut mit Namen gerufen, antwortet sie durch ein dumpfes Grunzen .
Section. Frische Blutung in das Mark des linken Schläfelappeus,
reicht im Parietalschnitt (der Transversal ebene der hinteren Centralwindung)
nach oben bis zum oberen Ende der Vormauer. Schläfewindungeu ver-
strichen. Die grossen Ganglien intact.
Calot. Sog. auat. 1870 pag. 141. GOjähr. Mann, hat vor 3 Tagen
einen apoplectischen Insult (wie lange die Bewusstlosigkeit bestand, un-
bekannt) erlitten, stirbt nach 11 Tagen. 3 Tage vor seinem Tode hohes
Fieber (Pneumonie), der Kranke ist aufgestanden und hat das Bett ver-
lassen, ohne zu stürzen.
Section. Eine grosse Blutung nimmt den ganzen linken Schläfe-
lappen ein. Ventrikel imd grosse Ganglien intact.
Alle näheren Angaben fehlen , namentlich wird nicht betont , dass
keine Hemiparese bestand.
VI. Die folgenden Fälle mit Ausnahme der letzten , von
Banmgarten mitgetli eilten, sind Beispiele in directer Hemiplegie in
Folge von Blutungen des Hinterhauptslappens; auch hier gehen
Insult und Hemiplegie gewöluilich parallel. In einem freiHch älteren
Falle scheint nur motorische Aphasie als indirectes Herdsjmptom
aufgetreten zu sein. Ein anderes Beispiel lehrt, dass die indirecte
WER>aCKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. d9
Hemiplegie ausnahmsweise aucli gleichseitig sein kann, was nach
unseren Bemerkungen über das Fehlen der Pyramidenkreuzung
nicht auffallen wird (vgl. Th. I, S. 178). Das dem Hinterhaupts-
lappen zukommende directe Herdsymptom der Hemiopie oder
hemiopischen Defecte ist meist übersehen worden und nur der Fall,
dessen Krankengeschichte mir Herr Senator freundhchst zur
Verfügung gestellt hat, ist in dieser Bezielmng vollständiger; wie
der von mir erhobene Sectionsbefund ergiebt, nahm eine sehr grosse
Blutung fast den ganzen Schläfelappen, das Marklager des unteren
Scheitelläppchens und zum grossen Theil des Hinterhauptslappens
ein , und der zu diesen Bezirken gehörige Stabkranzantheil war
dm'chbrochen. Demgemäss bestand Hemiopie und conjugirte Augen-
ablenkung , letzteres um so bemerkenswerther , als das Sen-
sorium frei und der Anfall schon 4 Monate her war. Die dürftigen
Angaben über den Anfall lassen darauf schliessen, dass es sich um
einen langsamen Insult handelte, der ausnahmsweise nicht bald,
sondern erst nach Monaten und in Folge des Decubitus zum Tode
führte. Dass die nach dem Befunde indirecte Hemiplegie so lange
fortbestand, beweist, dass das locale traumatische Moment auch bei
langsamem Insulte sehr beträchtlich sein kann. In dem letzten
Falle von Baumgarten finden wir das dem Occipitallappen zu-
kommende Herdsymptom, die homonyme Hemiopie, in voller Rein-
heit, luicomplicirt durch anderweitige indirecte Herderscheinuugen
vor, und wieder ist charakteristisch, dass hier auch keine Spur von
den die Hirnblutung gewöhnlich begleitenden Allgemeinerscheinungen
zu beobachten war.
Andral 1. c. Beob. 5. Schwerer Insult, rechtsseitige Hemiplegie,
Tod nach 20 Tagen. Ueber etwaige Aphasie ist nichts erwähnt.
S e c t i o n. Nussgrosse Blutung in der Substanz des linken Hinterlappens
(2 Zoll vom hinteren Ende desselben entfernt) mit Durchbruch nach aussen
und circumscriptem submeningealen Erguss.
Prevost, De la deviation conjuguee. Obs. 40. 72jähr. Frau. Januar
1867 von rechtsseitiger Hemiplegie befallen, mit Deviat. conj., sth-bt
31. Januar. Hämorrhagischer Herd im Hinterhauptslapj)en , bis an das
Hinterhorn hinanreichend. Der Ventrikel enthält ein wenig coagulirtes
Blut , welches in der Gegend der hinteren Partie des Gewölbes durch-
getreten zu sein scheint.
Degranges, Journ. de med. de Bordeaux 1841, pag. 164 nach
Brown-Sequard Lectures etc. Lancet 1876. Rechtsseitige Hemiplegie
mit Coma , Convulsionen und Tod bei einem jungen Mädchen. Blutung
im Centrum des rechten Hinterhauptslappens.
70 WerXICKE, Lehrbuch der Gehirukrankheiten.
Bourneville 1. c. p. 102. 59jälir. Manu, seit 2 Jahren epileptisch,
hat vor mehreren Jahren einen apoplectischen Anfall überstanden und ist
davon hergestellt worden. Tod an einer frischen Blutung in den rechten
Streifenhügel. Alter ockerfarbiger Herd im Niveau der Spitze des Hinter-
horns des Seitenventrikels , als gefaltete Narbe zwischen den Windungen
des hinteren Endes der Hemisphäre hervorspringend.
Piedagnel nach Nothnagel 1. c. (G-intrac). Apoplectische Cyste im
hintersten Theile der linken Hemisphäre. Keine Läsion der Vorderlappen.
Es bestand niu- vorübergehender Sprachverlust.
Senator. 69jähi-. Mann, erlitt vor 2 Jahren auf der Strasse einen
Anfall und wurde zu Wagen nach Hause gebracht. Seitdem unbeholfen
mit der linken Körperhälfte , namentlich das linke Bein schwer beweglich
und steif, seit ^/2 Jahi-e schwachsinnig. Vor 4 Monaten wurde ihm plötz-
lich nach dem Mittagessen übel und es stellte sich vollständige
linksseitige Hemiplegie ein, während die Sprache unklar und lallend wurde.
Seit 3 Wochen Stuhlverstopfung und Decubitus am Kreuzbein. Am
2. November folgender Status: Sensoriimi frei, linke G-esichtshälfte
hängt und bleibt bei den mimischen Bewegungen zui-ück, mit den linken
Extremitäten können nur geringe willkürliche Bewegungen ausgeführt
werden , Flexiouscontractur des Ellbogens und der Finger , Bein dagegen
schlaff. In Ruhelage conjugirte Augeuablenkung nach rechts , ohne dass
ein Defect der Beweglichkeit besteht. Sprache normal. Algesie links er-
halten. Puls 80, von geringer Spannung, beträchtlicher Decubitus am
Kj.'euzbein. Auf dem rechten Handrücken einige' linseugrosse Hautblutungen.
3. November Schüttelfrost. Urin trübe, ohne Albumin. 6. November.
Eine groschengrosse Hautblutung auf dem linken Handrücken. 11. No-
vember. Decubitiis reicht bis auf den Knochen, Urin trübe, ammoniacalisch.
Es besteht linksseitige Hemiopie. Die willkürlichen Bewegungen des
rechten Armes geschehen zitternd und atactisch, das rechte Bein kann fast
gar nicht bewegt werden. 27. November. Auf der linken Hand
einige neue Hautblutungen. 29. November. Die Blutungen haben
noch zugenommen. Beweglichkeit beider Beine sehr gering , das rechte
aber besser als das linke , die atactischen Bewegungen des rechten Armes
bestehen noch fort. Sensorium frei, Algesie erhalten mit Ausnahme der
linken G-lutaealgegend. 1. December. Zwei kleine Hautabschürfmagen
au den Händen bluten stark. -i. December: Sensorium benommen,
Nachts Delirien, um-egelmässige Fieberbewegungen, des Abends bis 39,
Morgens meist normal oder subnormal, stellen sich ein. Zunahme des
Decubitus und Tod am 20. December.
Section. Allgemeine gleichmässige Atrophie uud Fältelung der
Windungen , geringer atheromatöser Process. In der Mitte der H.
rechten Schläfewindung schimmert eine Blutung durch . beim Ein-
schneiden trifft man auf eine grosse Höhle , die den grössten Theil
WERNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 71
des Marklappens des Schläfelappens an der Aussenseite des Unter-
horns einnimmt und tlieils flüssiges, theils geronnenes bräunliches bis rost-
farbenes Blut enthält, übrigens nicht prall gespannt ist, Ependym erhalten,
reisst bei der Untersuchung ein. Nach hinten erstreckt sich der Herd bis in
den Occipitallappen an der Aussenseite des Hinterhorns hinein. Nach oben
zerstört er noch einen sehr grossen Theil des Markes des unteren Scheitel-
läppchens , nach vorn gelangt er bis an den Aussenrand des Sehhügels
und hat den hinteren Theil der inneren Kapsel im Bereiche mindestens
des hinteren Drittels der Aussenfläche des Sehhügels vollständig durch-
brochen, ohne jedoch in die Faserung des darunter liegenden Hirnschenkel-
fusses hinein zu reichen. Die Einstrahlung des occipitalen Marklagers
und der Stabkranz des Schläfelappens sind an dieser Stelle vollständig
durchbrochen. Von der Substanz des Sehhügels scheint nichts ergriffen,
jedoch noch der äussere Kniehöcker zeigt eine gelbröthliche, blutig iufil-
trirte Stelle ,^-n seinem Inneren und erscheint an der Oberfläche zusammen-
gesunken. Der Herd erstreckt sich dann noch entlang dem dritten Gliede
des Linsenkei'nes und der äusseren Kapsel nach vorwärts bis fast zur
halben Länge der Inselgegend, er reicht an die Inselrinde sehr nahe heran,
namentlich am Fuss der Insel, lässt aber die Oberfläche überall unversehrt.
Die iimere Kapsel wird von diesem Herde nirgends mehr getroffen. Das
übrige Grehirn gesund, makroskopisch kein Zeichen secundärer Degeneration
am Hirnschenkelfuss, der Pyramide und dem Rückenmark.
Baumgarten. Hemiopie nach Erkrankung der occipitalen Hirn-
rinde. Centralbl. 21. 1878. Ein bisher gesunder Mensch bemerkt
Morgens beim Aufstehen eine hochgradige Störung seines Sehvermögens,
welche sich bei der Untersuchung als echte Hemiopia lateralis sinistra
herausstellt: Beide linke Hälften des G-esichtsfeldes vollständig defect; der
Defect scharf mit der durch den Fixationspunkt gehenden Verticalen ab-
schneidend. Sehschärfe und Farbensinn vollkommen. Diese Sehstörung
bestand unverändert bis zum Tode fort , der nach mehreren Monaten an
einem schweren Herz- und Nierenleiden erfolgte.
Section. Apoplectische Cyste von etwa Wallnuss-G-rösse in der
Substanz des rechten Occipitallappens. Ihre vmtere (nach der Be-
schreibung zugleich innere) Wand ist von der Höhlung des rechten
Hinterhorns durch eine mehrere mm. dicke Schicht intacter Markmasse
getrennt, ihre obere (zugleich äussere) Wand bilden die in toto gelb
erweichten, in ihrer Configuration aber noch erkeaanbaren Windungen der
convexen Oberfläche des Occipitallappens. Ausserdem eine etwa Erbsen
grosse Erweichung in der Decke des linken Vorderhorns, sowie eine kaum
halb Linsen grosse apoplectische Narbe im Centrum des rechten Sehhügels.
Nervi und tractus optici, pedunculi cerebri, corpora genieulata ex- und in-
terna beider Seiten , Chiasma und corpora quadrigemina beider Seiten
genau untersucht und normal befunden.
(2 WeexicKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
VII. Innerhalb der sogen, motorischen Region des Hirn-
mantels kommt eine indirecte Hemiplegie natürlich leichter zu Stande
als in den bisher besprochenen Fällen, sie ist bei allen unter Insult
eintretenden Blutungen die Regel, und es ist ein durchaus ausnahms-
•weises Verhalten, wenn bei einigermaassen erheblichem Insult nm'
eine Monoplegie zurückbleibt. Die zuerst mitgetheilte Beobachtung
Andral's ist in dieser Beziehung bemerkenswerth; besonders wenn
man sie mit der darauf folgenden Beobachttmg Bouillaud's ver-
gleicht, wo das Fehlen jeder Allgemeinerscheinung verbüi^gt ist
und dieselbe Monoplegie bestand, aber von Dauer, weil directes
Herdsymptom, war. Ein ausgezeiclmetes Beispiel circum-
scripter Wirkung der Blutung liefert der dritte Fall von
Dieulafoy, denn hier blieb die Sprache miversehrt, obwohl die
Broca'sche Stelle in nächster Nachbarschaft des Herdes sich be-
fand; dass das direct anstossende, durch keinen Furchenein-
schnitt getrennte Armgebiet im Marke der Centralwindungen eher
in den Bereich des localen Trauma's fiel, ist leicht zu begreifen.
Auch liier fehlte jede Spur des Insultes , und die Erscheinungen
am Tage darauf hängen sichtlich mit der Todesursache , einer
Bruchemklemmmig , zusammen. Gewöhnlich ist die Monoplegie
zunächst in dem Bilde einer Hemiplegie mit eingeschlossen und tritt
als solche erst hervor , nachdem sich die indirecte Hemiplegie
zurückgebildet hat. So verhält es sich auch meist, wenn nur mo-
torische Aphasie nach einer Blutung zurückbleibt.
Störungen der Sensibihtät sind in den meisten Fällen nicht an-
gegeben, in vielen werden sie auch geradezu als fehlend erwähnt,
ohne dass mich dies in der Meinung beirren kann, dass sie doch
übersehen worden sind. Mir selbst ist noch kein Fall von Mono-
plegie vorgekommen , wo sie nicht bei geeignetem Untersuchungs-
modus nachweisbar gewesen wären. Ueber Sectionen kann ich
freilich nicht verfügen. Die Sensibilitätsstörungen hatten den im
semiotischen Abschnitte bei der Monoplegie hervorgehobenen Cha-
rakter. Dass aber in seltenen Fällen eme Monoplegie auch ohne
Sensibilitätsstörungen vorkommt , ist ebenso unzweifelhaft und nach
den Th. I S. 324 besprochenen Verhältnissen wohl verständlich.
Der Fall von La quer aus Berg er 's Beobachtung ist ein Beispiel
dafür.
Bei directer Hemiplegie kommt es frühzeitig , aber , wie es
scheint, durchaus nicht immer, zu activer Conti-actiu- der Exti-emi-
täten. Dieser Eiffect kann aber auch als Folge des localen Trauma's,
WERNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 73
das die Pyramidenfasernng in der Umgebung des Herdes betroffen
hat, eintreten und dauernde Gebrauchsunfähigkeit von nur indirect
betheiligten Ghedmaassen herbeiführen. Für den Grad des localen
Trauma's liefert der Insult meist genügende Anhaltspunkte. Der
Fall D a V a i n e 's mid Romberg's ist vielleicht ein Beispiel
pseudobulbärer Symptome durch einseitigen Herd und in der auf
Seite 323 des I. Theils angedeuteten Weise aufzufassen.
Andral, Clin. med. V. Beob. 8 der Apoplexien. 61jähriger
Mann , von Jugend an mit Herzklopfen und Athembeschwerden behaftet,
hatte vor 4 Jahren einen Aufall von Kopfschmerz und heftigem Schwindel
überstanden, stürzte plötzlich ohne Bevrusstsein hin. Ein Aderlass am
Fuss wurde alsbald gemacht, und nach einer Viertelstunde befand er sich
sonst wieder wohl, nur dass der linke Arm schwächer als dei rechte blieb.
Dem Ki-anken erschien er wie schwerer zu sein. Beide Beine waren gleich
stark und thätig. Diese unvollkonamene Lähmung dauerte 14 Tage bis
3 Wochen, worauf sie sich gänzlich verlor. Seit dieser Zeit aber behielt
der Ki-anke fortwährend Kopfschmerzen , bekam häufig Schwindelanfälle,
welche ihn sich zu setzen nöthigten, wenn er nicht fallen wollte. Tod
über 1 Jahr darauf unter Zunahme der Herzerscheinungen.
S e c t i 0 n. Gelatinöses Oedem der Pia. In der rechten Hemi-
sphäre eine Höhle, deren Wände sich fast berührten, sie enthielt
einige Tropfen Serum und war im Centrum des mittleren Lappens,
ein wenig nach oben und aussen vom Seitenventrikel gelegen. Ihre
Ausdehnung betrug 2 Zoll von vorn nach hinten und 1 Zoll im
senkrechten Durchmesser. Die Gehirnsubstanz in ihrer Umgebung
war 2 — 3 Linien weit gelblich gefärbt, aber von normaler Consistenz.
Ihre Wandungen hatten sich mit einer glatten , festen , ungefähr
U Linie dicken Membran , die einer serösen ähnelte, bedeckt. Das übrige
Gehirn gesund. Ausserdem Infarcte der Lungen, knorpelartige Verdickung
der Aortenklappen, Hypertrophie und Dilatation des linken Ventrikels.
Bouillaud Traite de l'encephalite Obs. 13. 50jährige Frau, litt
seit einigen Monaten an Lähmung des rechten Armes, welche ohne Hirn-
erscheinungen aufgetreten war. Keine anderweitigen Lähmungserscheinungen.
Tod nach einem Anfall von Bewusstlosigkeit mit heftigen Convulsionen
des rechten Armes, in welchem auch Gefühllosigkeit desselben constatirt
wTU-de.
Sectio n. Gelbe durch die Pia durchschimmernde Verfärbung im
mittleren Theil der oberen Fläche der linken Hemisphäre. Dort findet
sich ein nussgrosser Tumor, welcher eine Windung gleichsam entfaltet hat
und sich leicht aus ihr ausschälen lässt. Er besteht aus schwarzem
flüssigem Blut , das in einer tief dunklen, pulpösen , leicht einreissenden
Cystenmembran enthalten ist. Die Umgebung dieser apoplectischen Cyste
74 Wernicke, Lehrbuch der Gehirnkraukheiteu.
ist bis zur Decke des Ventrikels gelb-rötblicli erweicht. Ausserdem eine
beträchtliche Blutung in der Gregend der Fossa Sylvii.
Aus Bouillaud's Besprechung geht hervor, dass uvir die apoplec-
tische Cyste älteren Datums Trar.
Dieulafoy, nach Pitres 1. c. Beob. 24. 60jährige Frau, wegen
einer Brucheinklemmung im Hospitale. Am 9. Tage tritt während der
ärztlichen Visite plötzlich Verziehung des Mundes nach links und
Schwere des rechten Armes ein. Im Laufe des Tages wird zuerst das
Wangengebiet des rechten Facialis, dann der rechte Arm vollständig ge-
lähmt. Zunge, Orbitalgebiet des Facialis , Sensibilität vollständig iutact,
ebenso Motilität und Sensibilität des rechten Beines. Dies Alles ohne
Störung des Bewusstseins und der Sprache. Am nächsten Tage Delirien,
grosse Schwäche und Tod 36 Stunden, nach Beginn der G-ehirnerscheinungen.
Section. Kleiner, Haseluuss grosser Blutherd mit erweichter und
leicht verfärbter Umgebung im Mark der vorderen Ceutralwindmig der
linken Hemisphäre hinter der unteren Stiruwindung. Das übrige Gehirn
gesund.
L a q u e r , Beiträge zur Pathologie der Grosshirnrinde. Diss. Breslau
1879, S. 46. 47jähr. Frau, erlitt am 30. Mai 1878 einen apoplee-
tischen Anfall mit etwa lOstündiger Bewusstlosigkeit und linksseitiger
Hemiplegie. Letztere besserte sich allmählich etwas , war aber bei der
Aufnahme am 23. Januar 1879 noch sehr ausgeprägt, namentlich das
Gesicht sehr verzogen und auch der Lidschluss links noch weniger energisch.
Zunge gerade herausgestreckt und frei beweglich. Die übrigen Hirnnerven
frei. Am linken Arm sind nur geringe Bewegungen der Finger und Hand
möglich, in den grossen Gelenken desselben leichte Contractur. Bein viel
weniger, aber dennoch so sehr gelähmt, dass das Gehen nur sehr mühsam
unter Nachschleifen des linken Beines möglich ist. Sensibilität der Haut
und Muskeln iutact. Sehnenreflexe Imks gesteigert (vergl. Th. I, S, 318).
Die Temperatur der linken Achselhöhle meist um 0,3 — 0,8 ° C. höher
als die der rechten. Radialis stark sclerotisch , Hypertrophie des linken
Ventrikels , Urin frei von Eiweiss. Klagen über grosse Schwäche und
Hinfälligkeit. In den nächsten Monaten mehrere Anfälle von Migräne,
an der Pat. schon früher gelitten hatte. 15. März ein apoplectiformer
Anfall, ohne Temperatursteigerung, aber mit Erhöhung der Respirations-
und Pulsfrequenz auf 32 und 124. Schmerzen über der rechten Stirn,
Tviederholtes Erbrechen und Somnolenz in den nächsten 14 Tagen, dann
Status quo ante. Am 31. Mai ganz plötzlich nach der Mahlzeit Lähmung
des rechten, bis dahin gesunden Armes , bei intacter Sensibilität der Haut
und Muskeln. Facialis und Bein blieben uubetheiligt , nur die Sprache
war einige Stunden lang etwas schwerfällig und die Zunge kam der Pat.
angeschwollen vor. Langsame Fiugerbewegungen und Erheben des Armes
noch möglich. Keine Störung des Allgemeinbefindens , nur schlechter
WernicKE, Lehrbuch der Gehirukraukheiten. ^O
Schlaf und am Tage darauf Klagen über grosse Schwäche und heftigen
linksseitigen Kopfschmerz. P. klein, regelmässig, 80, T. 36,4, Resp. 21.
2. Juni. Epileptischer Anfall von 20 Min. Dauer, rechts beginnend
und zuerst aufhörend. Lähmung des rechten Armes danach stärker , nur
geringe Erhebung desselben noch ausführbar, etwas Coutractur im Cubital-
geleuk , Sensibilität wie früher frei. Sehnenreflexe jetzt auch rechts ge-
steigert. Diffuser Kopfschmerz, profuser Schweiss, grosses Schwächegefühl.
Stuhl und Urin in's Bett. P. 120, T. 37. Bis zum nächsten Tage noch
2 Anfälle. 5. Juni. Zunehmende Somnolenz , conjugivte Augen- und
Kopfdrehung nach links , häufiges Erbrechen , Abends Coma , Tod am
folgenden Tage.
Section. Arterien der Basis stark atheromatös und allgemein ver-
engt , nirgends obturirt. Ockerbraune Erweichung der beiden äusseren
Glieder des rechten Linsenkerns, das innere Glied desselben und die
innere Kapsel ohne gi-obe Läsion, im Rückenmark leicht graue Verfärbung
im linken Hinterseitenstrange. Hirnmantel rechts ohne Herderkvankung.
Links die Stammganglien intact. Frische Submeningealblutung in der
Gegend des unteren Scheitelläppcheus. Pia vielfach adhärent. Beim
Versuch , sie aus der Tiefe der linken Centralfurche auszulösen , reisst
die Rinde der vorderen Centralwindung ungefähr im mittleren Drittel der-
selben ein und es entleert sich dickflüssiges, schwarzrothes, z. Th. klumpiges
Blut. Die Rinde ist an dieser Stelle bis auf die oberflächlichste Schicht
in den Blutherd aufgegangen. Der Blutherd selbst hat die Grösse einer
Haselnuss , ist längs oval in der Richtung der Windung und in ihr Mark-
lager eingebettet. Ein zweiter Blutherd liegt unter der Submeningeal-
blutung, an der Uebergangsstelle des unteren Scheitelläppchens in den
Occipitallappen , hier ist die Rinde eingerissen, die Umgebung breiig er-
weicht und blutig, dunkelroth verfärbt, so dass die Rinde und das Mark-
lager daselbst in der Ausdehnung einer Haselnuss zerstört sind. Ein
dritter, 1 cm langer und 4 mm breiter ockergelber Herd liegt im Hiuter-
hauptslappen an der Basis des Zwickels , erreicht die Rinde und betheiligt
ganz flach das Marklager.
Vergely, nach Pitres, 1. c. Bcob. 22. 65jähr. Frau, mit rechts-
seitiger completer Hemiplegie aufgenommen, die Zunge kann hervorgestreckt
werden und weicht nicht ab. Sie versteht Alles sehr gut und antwortet
dui-ch Gesten, kann aber kein Wort sijrechen. Puls verlangsamt. Tod 10
Tage nach Beginn der Ei-scheinungen.
Section. Frischer hämorrhagischer Herd vom LTmfang einer Nuss
im Centrum ovale der linken Frontoparietalgegend , vorn den Gipfel der
Markleiste der Broca'schen Windung erreichend. Die Rinde überall intact.
Hodgson, Lancet, p. 397, 1866, nach Pitres, I.e. Beob. 17.
64jähr. Frau, September 1864 apoplectischer Anfall, Stägiges Coma.
Blieb auf der rechten Körperhälfte gelähmt und bis auf das Wort far
76 WerNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrunkheiten.
■ vollständig sprachlos. Nach mehreren Monaten stellte sich Flexion und
Rigidität des rechten Armes ein. Tod Xovember 1865 an chronischer
Bronchitis.
Sectiou. Ein Horizontalschnitt, etwas oberhalb des Balkens geführt,
zeigt links eine ^U Zoll lange, mit braunem Serum gefüllte Höhle, mit einer
ockerfarbenen Membran bekleidet, nach auseinander gezogenen Wänden
etwa nussgross. Die Umgebung gelblich verfärbt, nicht erweicht. Ort :
nach aussen vom Seitenventrikel , zwischen Insel und Vorderhorn , in der
Gegend zwischen Vorder- und Hinterlappen des Grehirns. Das übrige Ge-
hirn gesund.
Pitres, 1. c. Beob. 36. 65jähr. Frau. Februar 1873 apoplec-
tischer Aufall mit Insult. Seitdem besteht linksseitige Hemiplegie , zu
welcber bald starke secundäre Contractur und Schmerzhaftigkeit der Ge-
lenke hinzugetreten ist. September ein Anfall linksseitiger Conrulsionen.
Aehuliche Anfälle wiederholten sich in den nächsten 3 Jahren noch 3 Mal.
Einige Tage vor dem Tode trat ein Anfall auf, der sich auf das Ge-
sicht und die Kiefermuskeln beschränkte. Tod October 1876.
S e c t i 0 n. Alter ockerfarbener Herd vom Umfang einer dicken
Mandel im Centrum ovale rechts , unter dem oberen Ende der beiden
Centralwindungen vom Ansatz der Stirn- bis zu dem der Scheitelwindungen
reichend. Rinde intact. Im rechten Linsenkern eine haferkorngrosse
Lücke , die innere Kapsel ist verschmälert. Links nur eine kleine
Lücke unter dem Linsenkern in der Nähe der äusseren Kapsel. Graue
Färbung im hinteren Theile des linken Seiteustranges.
D a V a i n e. Memoire sur la paralysie generale ou partielle des deux
nerfs de la septieme paire. Gaz. med. de Paris 46 — 48 u. 50, 1852,
No. 2 u. 8 1853. Obs. 8. (Romberg p. 787). 25jähr. Frau. Schon
fi'üher ein apoplectischer Anfall mit linksseitiger Hemiplegie ; ein zweiter
Anfall nach einer dm-ch Erkältung verursachten Unterdrückung der
Menses. Die Lähmung der Extremitäten schwindet bald. Die bulbären
Symptome bleiben bestehen. Lähmung beider Faciales bezüglich der
Willkürbewegungen. Gesicht ganz glatt, Augen können nicht ge-
schlossen werden, schliessen sich aber im Schlaf und auf Reflex-
reiz. (Einem anderen Beobachter, Magnus, ist zu entnehmen,
dass Patientin einen gewissen Augenschluss willkürlich dadurch bewirken
konnte , dass sie den Blick zur Erde richtete.) Sie lacht und
lächelt ohne alle Schwierigkeit. Auf Stechen in die Wangen keine Be-
wegung. Speichelfluss aus dem stets geöflEneten Munde. Vom Gamnen
wird nichts berichtet. Pat. spricht nur unarticulirte Töne mit Nasen-
stimme : ang od. ong. Geschmackssinn und Gefühl der Zunge intact.
Die Zunge kann Avillkürlich nicht im mindesten bewegt werden ; reflec-
torisch geschieht das ScUingen ordentlich. Mund kann nur unvollkommen
Wernicke, Lehrbuch der Gehirnkranldieiteu. 77
geöflFaet, nicht rasch und kräftig geschlossen werden. Keine AiDhonie.
Der Tod erfolgt zufällig an der Cholera.
Section (von Froriep). In der rechten Hemisphäre des grossen
Gehirns , ganz am äusseren Rande , da wo der vordere Lappen mit dem
mittleren aneinanderstösst, eine haemorrhagische Cyste, durch welche 2 G-yri
zerstört sind. Wallnussgross, innen gelbl. Membrane. Umgebimg sclerosirt,
an einigen Stellen erodirt. Sept. pelluc. auffallend dick.
Vm. Von den zu den grossen Hemispliären gehörigen Ge-
l)ilden ist der Seliliügel der Ort, "welclier ganz im Sinne unserer oben
S. 51 versuchten Erklärung am leiclitesten zu indirecter Hemiplegie
führt. Selbst wo das traumatische Moment der Blutimg nicht die Höhe
erreicht, um einen typischen Insult zu erzeugen , ist hier bisweilen
das locale Trauma der Pjramidenbahn so bedeutend, dass es zu
lang dauernder, ja sogar irreparabler indirecter Hemiplegie kommt.
So war sie von mindestens einige Wochen langer Dauer
(die nähere Angabe darüber fehlt) , in der nächst folgenden Be-
obachtung Gallen der 's, von Monate und Jahre langer in den
beiden folgenden Fällen, wo ebenfalls ein eigentlicher Insult fehlte.
Die weiteren Beobachtungen von Chouppe und Drouin lehren,
dass diese indirecte Hemiplegie vom Sehhügel aus sogar viele Jahr-
zehnte unverändert fortbestehen kann. Es muss dahin gestellt bleiben,
in wie weit für solche Fälle noch der Name der indirecten Hemiplegie
gerechtfertigt ist, da eine derartige dauernde Schädigung der Pyramiden-
bahn nicht ohne anatomische Veränderungen dieser selbst gedacht
werden kann, in dem einen Falle auch eine Verschmälerung der
inneren Kapsel und der Pyramide der Oblongata constatirt worden
ist ; im klinischen Interesse aber dürfte es liegen , daran festzu-
halten, so lange nicht der positive Befund emer secundären Degene-
ration für frischere Fälle der Art vorliegt. Diese Hemiplegie ist
zwar meist, aber nicht ausnahmslos von Contractur begleitet. Die
ungewöhnlich stark ausgeprägte und andauernde Hemianaesthesie,
welche sich meist notirt findet , mag z. Th. directes Herdsymptom
sein und von der Zerstörung des Sehhügels selbst abhängen.
Es folgen dann zwei Beobachtungen zm^ Illustration des
frischen Bildes von Sehhügelblutungen und zwei weitere mit sogen,
posthemiplegischer Chorea , einem Symptom , das wahrscheinlich
den directen Herdsymptomen des Sehhügels zuzuzählen ist (vgl.
Th. I, S. 311). Das directe Herdsymptom der Hemiopie wird in
den besser beobachteten Fällen, wo das Pulvinar betroffen ist, nicht
78 Wernicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
rermisst, es liegt der „Amblyopie" des Auges auf der Seite der
Hemiplegie zu Grunde.
Der Fall von Pitres,*) welcher den Schluss macht, scheint
zwar gegen diese Auffassung schwer ins Grewicht zu fallen, da in
ihm eine sogen, gekreuzte Amblyopie (vgl. Th. I, S. 256) von sach-
verständiger Seite vertreten wird. Aber weder diese Angabe selbst,
noch die Beweiskraft des ganzen Falles hält einer gründlicheren
Prüfung Stand. Die gekreuzte Amblyopie besteht darin, dass die
Sehschärfe des rechten Auges auf ^/2, des linken noch weiter
reducirt ist, die Gesichtsfelder aber sind auf beiden Augen, also
wohl gleichmässig , eingeschränkt. Es bestand sonach allerdings
keine Hemiopie , aber auch keine gekreuzte Amblyopie , sondern
eine doppelseitige , die der — doch wohl atrophischen — Ver-
färb mig der Papillen durchaus gemäss ist. Man vergl. Th. I, S. 344
die Symptome der Atrophia nervi optici. Kach der Schilderung
des Befundes ist aber auch die Localität des Herdes gar nicht von
der Art, dass eine Hemiopie daraus mit Nothwendigkeit resultiren
müsste, denn sowohl das Pulvinar, als das hinterste Viertel der
inneren Xapsel werden ausdrücklich als erhalten angegeben. Etwas
Anderes ist es mit der Ursache der Atrophie. Ich stehe nicht an,
sie mit dem ungewöhnlich schweren Insult, unter dem die Blutung
einsetzte , in Verbindung zu bringen. Dass das ganze Zwischen-
und Mittelhirn dabei ein ungewöhnlich schweres Trauma erlitt, geht
auch aus den anderen Symptomen des Falles hervor. Denn es
bestand dauernd eine Beschränkung der Augenbeweglichkeit, wie
es scheint, nach allen Eichtungen, da die nach links nur als be-
sonders stark betont wird. Auch die Nothwendigkeit der Bettlage
kann nur so gedeutet werden. Dass beide Tractus optici in dem-
selben Maasse lädirt werden, kann unter diesen Umständen nicht
überraschen; die wahrgenommene Verfärbung kann das Residuum
dieser Läsion sein.
Ca 11 ender 1. c. F. 72. GOjähr. Frau, war 10 Tage vor Auf-
nahme ohne allen Insult linksseitig gelähmt worden. Vollkommene links-
seitige Hemiplegie mit sehr beeinti'ächtigter , fast verlorener Sensibilität.
Konnte mit jedem Auge gut lesen. Starb an einem Erisipel, das sie im
Krankenhause acquirirte, ohne dass sich etwas geändert hatte. (Zeit nicht
angegeben.)
*) Auf S. 256 des I. Theils ist die Angabe zu berichtigen, dass ein
Sectionsbefund für die Amblyopie croisee nicht vorgelegen hätte ; der Fall von
Pitres ist ein solcher. Unter den Erweichungen werden wir einem zweiten
begegnen.
WernICKE, Lehrbuch der Gehirukrankheiten. 79
Section. In der Substanz des rechten Thalamus ein Walhiuss
grosses , bräunlich gefärbtes Coagulum. Die Seitenventrikelwand dadurch
hervorgewölbt, an einer Stelle durchbrochen, ohne dass Blut in den Ventrikel
geflossen war. Vom Sehhügel nur die unteren, äusseren und inneren Theile
des Randes erhalten und diese etwas erweicht.
Remy, Bull, de la Soc. anat, Fevr. 1875. 61jähr. Frau. Unter Kopf-
schmerz und Schwindel, aber ohne Verlust des Bewusstseins, tritt vollständige
linksseitige Hemiplegie und Verlust der Sprache ein. Gesicht und Sprache
schon am nächsten Tage frei. Es bleibt linksseitige Hemiparese mit Ab-
stumpfung der Sensibilität und Sehschwäche des linken Auges zurück.
Nach etwa 2 Monaten beginnt Hemicontractur , Tod nach weiteren 2^/2
Monaten.
Section. Erbsengrosser ockerfarbener Blutherd mit sehr dicker
Wand, frisch etwa auf den Umfang einer Kirsche zu schätzen, im Pulvinar
des rechten Sehhügels.
Pitres. Gaz. med. 41, 1876. 67jähr. Frau. Statt des Insultes
plötzlicher heftiger Kopfschmerz und Kriebeln in der rechten Gesichts-
hälfte und dem rechten Arm, danach rechtsseitige Hemiparese mit Contractur,
ohne Sprachstörung, blieb unverändert, mit Ausnahme der zuerst bethei-
ligten Gesichts- und Zungenhälfte. Die ersten 1V2 Monate auch Hemi-
anaesthesie, ging im Laufe eines Jahres allmählich vollständig zurück.
Der Kopfschmerz hielt nach dem Anfall noch mehrere Wochen an. Tod
2 Jahr 2 Mon, nach dem Anfalle.
Section. Haselnuss grosser ockerfarbener Blutherd imter einer ein-
gesunkenen Stelle des linken Sehhügels, entsprechend der Grenze zwischen
mittlerem und hinterem Drittel seiner Länge. Die unmittelbar angi'enzende
innere Kapsel und die linke Pyramide gegen rechts verschmälert, Pons
vmd Hirn Schenkel beiderseits gleich.
C h a r c 0 1 hatte eine kleine Blutung diagnosticirt, weil der apoplec-
tische Insult fehlte, eine subependymäre wegen der primitiven Con-
tractur , im Sehhügel oder Schweifkern, wegen der vorüber-
gehenden Hemianaesthesie , deren Ausgangspunkt das hintere Drittel der
inneren Kapsel sein musste.
Chouppe. Arch. de physiol. 1873, p. 209. Eine 45jährige Frau
hatte vor 20 Jahren einen apoplectisehen Anfall gehabt und rechtsseitige
Schwäche zurückbehalten. Sie schleppte das rechte Bein, der rechte Arm
war viel schwächer als der linke , das Gesicht leicht nach links vei'zogen.
Keine Contractur. Seit mehreren Jahren Kopfschmerzen , Erbrechen etc.
Section. Im vorderen Drittel des linken Thalamus opticus eine
Lücke von 1 cm im Qiiadrat Oberfläche. Ausserdem 3 Lipome in der
Nähe der FaLs, welche die Allgemeinerscheinungen der letzten Jahre
erklären.
80 WernickE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
Drouin. Bull, de la Soc. auat. Fevr. 1876. Eine 83jähr. Frau
ist von Kindheit an linksseitig hemiplegisch , die linken Extremitäten sind
verkürzt. Am Arm besteht Contractur, das Bein ^vird zum Gehen benützt,
der Facialis ist frei. Tod an einer frischen Blutung ins Kleinhii-u.
Section. Alter hämorrhagischer Herd im rechten Sehhügel. Die
graue Substanz desselben Tvar durch das Blut zersört , und man erkennt,
dass der Herd die centrale Partie des rechten Sehhügels einnimmt, während
das ihn umgebende Gewebe gesund ist. Die innere Kapsel ist nirgends
berührt , das übrige G-ehirn gesund.
C r u V e i 1 h i e r . Anatomie pathol. nach L a f f o r g u e. Rapports des
lesions de la couche optique avec l'hemianaesthesie d'origine cerebrale.
Th. de Paris 18 7 7.
52jähr. Maim , verliert plötzlich das Bewusstsein. Status: Voll-
ständige Lähmung des Gefühls und der Bewegung der beiden rechten
Extremitäten. Zunge nach der gelähmten Seite geneigt, der Kranke
liegt unbeweglich im Bett und hat sein Bewusstsein. Gesichtsausdruck
stupide , uuwillküi-licher Abgang des Urins. Der Kranke klagt über
tetuen Schmerz. Derselbe Zustand besteht in den 3 folgenden Tagen;
die fixrrten Augen sind geöffnet , die Augenbrauen contrahirt. Er
tört, antwortet, und die Antworten sind laugsam und zögernd. Tod am
5. Tage ohne Convulsionen bei vollständiger Unbeweglichkeit.
Section, Ein sehr beträchtlicher apopleetischer Herd fand sich
in der Substanz des linken Sehhügels , mit geronnenem, schwarzen
Blut erfüllt. Die Seitenventrikel enthielten blutig gefärbtes Serum.
Der ]'eehte und linke Streifenhügel, der rechte Sehhügel , die Vierhügel
und das Kleinhirn gesund.
Raymond, Etüde sur l'hemichoree , l'hemianaesthesie et les tremble-
ments symptomatiques. Th. de Paris 1876. Beob. 19. Charcot,
Gaz. med. 36. 1873. 72jähr. Frau. Blitzartiger Insult, schnell
vorübergehend, am 3 0. Juni, 1 Stunde nach dem Anfall Erbrechen.
Eüiige Tage lang heftige Kopfschmerzen in der rechten Kopfhälfte und
Ohrensausen rechts. Parese des linken Facialis und des linken Beines,
constante automatische Betvegungen des linken Armes, Pat. hält ihn fest,
um es zu verhindern. Sensibilität links sehr abgeschwächt. Die Lähmung
nimmt zu, die Bewegungen ab. 4. Juli ist die Hemiplegie complet,
die choreatischen Bewegungen sind verschwunden. Tod am 2 6. Juli.
Section. Fest geronnener, concentrisch geschichteter Blutherd, fast
ohne Flüssigkeit, im hintersten und innersten Theile des recbten Thalamus,
Grösse einer kleinen Xuss. Nach der Oberfläche geöffnet, aber ohne Blut-
€rguss. Der rechte Vierhügel verschont, aber comprimirt und zurück-
gedrängt.
Raymond, 1. c. Beob. 2 und Lepine, 1. c. Beob. 12. 77jähr.
Frau. Vor 3 Jahren ein apopleetischer Anfall, nach 14 Tagen, noch
WerniCKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 81
gelähmt (Lepine), aus dem Krankenhause entlassen. Nach einiger Zeit
stellten sich choreatische Bewegungen der ganzen rechten Körperseite,
besonders im Arme , ein und seitdem besteht Sehschwäche des rechten
Auges. Bis zum Tode, welcher nach 6 Jahren an Pneumonie erfolgte, der
folgende Befund : Continuirliche choreatische Bewegungen des rechten
Armes, sowohl in Schulter- als Ober- und Vorder armmuskeln. Die willkür-
lichen Bewegungen erhalten, jedoch so gestört, dass Pat. einen Gegenstand
nicht festhalten und erst nach vielem Bemühen bis zum Munde fühi-en
kann. Händedruck ziemlich kräftig. G-ewöhnliche Haltung des Ai-mes
und der Hand in Flexionscontractur, bei passiver Streckung merklicher
Widerstand. Glesicht, Augen, Zunge, das rechte Bein sind frei von diesen
Bewegungen. Das rechte Bein wird beim Gehen zu Anfang etwas
nachgeschleppt, später kein Unterschied gegen links zu bemerken. Die
Bewegungen hören im Schlafe auf. Schmerzempfindlichkeit rechts erhalten
und fast so gut wie links. Das Tast- und Temperaturgefühl dagegen
fast ganz erloschen. Nach Lepine bezieht sich diese Angabe nur auf
den Arm. Vom Gesicht ist bemerkt, dass die Sensibilität intact ist.
Section. Alter hämorrhagischer Herd mit zusammengesunkenen
Wänden im linken Thalamus optici, im hinteren Theile desselben. Er nimmt
etwa ein Drittel der ganzen Ausdehnung desselben ein und erstreckt sich,
von einer dünnen, intacten Markschicht bedeckt, nach hinten (Lepine),
bis an die äussere Grenze des vorderen Vierhügels dieser Seite, ohne je-
doch auf diesen selbst überzugreifen. Das ganze übrige Gehirn, speciell
die weisse Substanz, normal bis auf erhebliche Erweiterung und Anfüllung
der Seitenventrikel. Eückeumark normal. Atheromatöser Process an den
Arterien der Basis.
Raymond 1. c, Beob. 3 u. Lepine 1. c. Beob. 10. Aeltere
Frau. Vor 5 — 6 Jahren von plötzlicher Hemiplegie der linken Seite be-
fallen. Als diese sich besserte , stellten sich choreatische Bewegungen
der linken Extremitäten ein, welche , im Arme besonders ausgeprägt , bis
zum Tode bestanden. Die Bewegungen finden fortwährend statt , nehmen
bei Willensbewegungen zu, hören im Schlafe auf. Gleichzeitig Hemi-
anaesthesie (nach den einleitenden Bemerkungen Lepine's complete) der
linken Seite , die sich aber in der letzten Zeit besserte. Tod an einer
frischen Blutung in den linken Hinterhauptslappen, die einen neuen apo-
plectischen Anfall verursacht hatte.
Section. Alter ockerfarbener Herd rechts, Durchmesser eines
Einfrancstückes, nimmt ein: den hinteren und äusseren Theil des Thal,
opt. (der „vordere" ist Druckfehler), den angrenzenden Schwanz des
Schweifkerns und die nach hinten und aussen davon folgende Wand des
Ventrikels. Der vordere Vierhügel dieser Seite ist gelb verfärbt.
P i t r e s. Sur riiemianaesthesie d'origine cerebrale et sur les troubles
de la vue qui l'accompagnent. Gaz. med. 31. 1876. 58jähr. Frau,
Wernicke, Lehrbuch der Gehimkrankheiten. II. g
82 WernicKB, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
bisher gesund, bemerkt am 7. Oct. 1872 beim Abendessen ein Kriebeln
im linken Arm , dann im linken Bein und wurde nach einigen Minuten
plötzlich bewusstlos. 6 Tage lang im Coma, davon erwacht hatte sie voll-
kommene Lähmung und Gefühllosigkeit der linken Extremitäten. Nach
einigen Monaten stellte sich Contractur derselben ein und gleichzeitig eine
geringe Besserung der Sensibilität. Febr. 1876 folgender Status: Volle
Intelligenz, keine Sprachstörung, Pat. hat öfter Kopfschmerz in der Hinter-
hauptsgegend, schwere Träume und leichte Schwindelanfälle. Seit dem An-
falle bettlägerig und nicht im Stande, den Urin zu halten. Linksseitige
Hemiplegie von dem gewöhnlichen Habitus mit massiger Contractur. An
der linken Körperhälfte sind alle Qualitäten der Sensibilität sehr abge-
schwächt. Schmerzempfindung sehr unbestimmt mit aufgehobener Locali-
sation (das Stechen am Halse empfindet sie als Kneifen an der Backe,
Kneifen am Oberschenkel als Schmerz am Knöchel). Li ähnlicher Weise
ist die Temperaturempfindung herabgesetzt. Auf Kitzeln der Fusssohle
beiderseits gleich starke Eeflexe. Die Zungen- und Nasenschleimhaut zeigt
ausser Herabsetzung des Gemeingefühls noch Abstumpfung des Geschmacks
und Geruchs. Das Auge betreffend giebt die Kranke an , dass nach dem
Anfalle länger als 1 Jahr Ptosis des linken Auges und Doppelbilder be-
standen und sie alle Objecte wie durch einen dicken Nebel sah, sobald
sie das rechte Auge schloss. Von der Ptosis ist nichts mehr wahrzu-
nehmen , dagegen besteht noch Sehschwäche des linken Auges. Kleine
Objecte , wie eine Nadel oder ein Fadenende, kann Pt. zwar rechts , aber
nicht links unterscheiden. Von L a n d o 1 1 wird festgestellt : das linke
Auge weicht nach innen ab, Augenbewegungen beschränkt, besonders nach
links bin , Sehschärfe rechts ^h , links noch geringer , Gesichtsfelder
beider Augen für weiss coucenti-isch eingeengt, für die Farben gleichfalls
in proportionaler Weise. Ophtalmoskopisch besteht eine Verfärbung beider
Papillen, die bei dem Alter der Kranken nichts überraschendes hat, aber
weder eigentliche Atrophie noch Neuritis optici. Von dem Gehör wird
nichts erwähnt. So blieb der Befund unverändert bis zum 7. Mai 1876.
An diesem Tage hatte sie einen heftigen Kummer, fing an sehr zu Aveinen,
dann stiess sie plötzlich mehrere Schreie aus und wurde von epileptiformen
Krämpfen ergriffen, die iingefähr 20 Min. dauerten. Darauf verfiel sie in
Coma und starb 1 St. nach Beginn des Zufalles.
Section. Im Centrimi der Brücke eine frische Blutung vom Um-
fang einer grossen Nuss, Aquaeductus S, und vierter Ventrikel mit schwarzem
geronnenen Blut erfüllt , Kleinhirn intact. Die grossen Gefässstämme der
Basis sind gesund. Die rechte Hemisphäre des grossen Gehirns wiegt
10 Gr, weniger als die linke. Bei Betrachtung ihrer Innenfläche constatirt
man eine merkliche Verkleinerung des Sehhügels, an der Vereinigungsstelle
seines hinteren Drittels mit den beiden vorderen Dritteln wird er durch
eine tiefe Depression in 2 Hälften getheilt, von denen die vordere 2 mal
WeRNICKE, Lelirbucli der Gehirnkrankheiten. oo
so gross ist als die hintere sich um den Hirnschenkel herumschlagende.
Ueber der Depression, an dem entsprechenden Theile der Ventrikelwand
liegt ein ockerfarbener deprimirter Fleck von 2 cm Breite und 3 cm
Länge , schief nach oben und hinten gegen die Decke des Ventrikels ge-
richtet. Der Schwanz des Schweifkerns ist davon durchbrochen. Auf
senkrechten Transversalschnitten durcli die Hemisphäre wird constatirt, dass
im Centrum des Sehhügels ein ockerfarbener Herd von der Grösse einer
Mandel besteht, dessen Verlängerung die eingesunkene Stelle der Ventrikel-
wand bildet. Der Sehweifkern ist auf eine Länge von 2 cm. zerstört, die
innere Kapsel an einer Stelle betroffen , welche der Vereinigung ihres
hinteren Viertels mit den 3 vorderen Vierteln entspricht. In dieser Ebene
ist auch die innerste Partie des Linsenkerns verfärbt , aber seine Grenze
noch deutlich sichtbar. Das übrige Gehirn und die anderen Organe ohne
Veränderung.
IX. Bei Blutungen in der Hirnsclienkelgegend kommt es vor,
dass der Oculomotorius dem Trauma ganz entgelit; besonders leicht
ist dies der Fall , wenn der Hirnsclienkelfuss betroffen wird , dem
der Oculomotorius nur von innen anliegt. So verhielt es sich in
dem ersten Beispiele Andral's, wo überdies das Fehlen des
Insultes eine Gewähr giebt , dass das traumatische Moment nicht
zu hoch war. Die Hemiplegie war demgemäss eine dauernde. In
dem zweiten Falle von Leteinturier war ein schwerer Insult
vorangegangen ; die genauere Angabe des Sitzes der Blutung wird
deshalb auch weniger vermisst werden. Es scheint hier nicht nur
eine Hemiplegie , sondern mehr als eine Hemiplegie bestanden zu
haben, was bei der betroffenen Localität und einigermaassen erheb-
lichem Trauma leicht verständlich ist. Die Oculomotoriuslähmung
ist in solchen Fällen ein verlässliches Localzeichen in dem auf
S. 355 des I. Theiles angedeuteten Sinne. Ebenso ist die Lähmung
der associirteu Blickbewegungen nach aufwärts und abwärts aufzu-
fassen, welche in der darauf folgenden eigenen Beobachtung die
Hemiplegie complicirte. Der Fall ist schon früher*) publicirt, wo
eine genauere anatomische Untersuchung noch ausstand. Ich
glaubte es damals mit einem Erweichungsherde zu thun zu haben.
Leteinturier, Bull, de la soc. anat. 1870, p. 267. 62jähr.
Frau wegen Hemiplegie aufgenommen. Vollständige Lähmung der Motilität
und Sensibilität links; rechts Resolution ohne Lähmung, Sensibilität herab-
gesetzt; ausserdem vollständige Lähmung des rechten Oculomotorius, die
*) Wer nicke, Berl. Klin. Wochenschr. 27. 1876 und Verhandhingen der
physiol. Gesellsch. Nr. 22. 1877.
6*
84 WerNICKE, Lehrbuch der Gehirnkranlcheiten.
Zunge wich nach rechts ab. Die Pat. war plötzlich davon befallen
worden , nachdem sie einige Tage Paraesthesien gehabt hatte. Bei der
Aufnahme bestand eine Herabsetzung der T. der gelähmten Seite um 0,4 ^.
Am folgenden Tage hatte die Kranke etwas Bewusstsein wieder erlangt,
T.-Unterschied geringer, die Zunge wich nicht mehr ab. Am 3. Tage
war die T. gleich, am 4. um 0,4 höher auf der gelähmten Seite. Am
5. und 6. Tage rasches Steigen der T. auf beiden Seiten, Abweichung
der Zunge nach der gelähmten Seite. Tod.
Section. Ein hämorrhagischer Herd im rechten Hirnschenkel.
Arterien atheromatös. Insufficienz und Stenose der Mitralis. Keine anderen
Veränderungen.
Andral 1. c. Beob. 12 der Apoplexien. Eine etwa GOjähr. Frau
gab an , dass sie vor 4 Jahren eines Morgens beim Erwachen aus ge-
sundem Schlafe eine rechtsseitige Lähmung mit Verziehung des Mund-
winkels und fast gänzlicher Anaesthesie der rechten Seite bemerkt hatte.
Keine anderen Gehirnerscheinungen. Keine Sprachstörung. Absolute
Lähmung der Extremitäten blieb 4 Jahre lang bestehen. Bei der Section
fand sich in der Mitte des linken Hirnschenkels eine Höhle von dem Um-
fang einer Kirsche , etwas länglicher Form , angefüllt mit einer grünlichen
serösen Flüssigkeit. Eine dichte und ziemlich feste Membran von fibrösem
Grewebe bekleidete ihre Wände. Die sie umgebende Gehirnsubstanz war
einige Linien weit perlmutterartig gefärbt und von fast knorpliger Härte.
45jähr. Mann erkrankte Januar 1875 plötzlich mit schwerem Insult
von mehrtägiger Dauer. Nach Rückkehr des Bewusstseins blieb er noch
mehrere Monate lang über Zeit , Ort und Personen der Umgebung un-
orientirt und von äusserster Gedächtuissschwäche in Bezug auf alle neuen
Eindrücke. In den ersten Wochen bestand auch eine grobe Abstumpfung
des Gefühls an der . linken Körperhälfte , später verlor sich dieselbe ; auf
Störung des Muskelgefühls wurde nicht untersucht. Dauerud blieb eine
linksseitige Hemiplegie , zu der sich nach einiger Zeit Coutractur gesellte,
und ein Defect der associirten Augenbewegungen in gewissen Blickrieh-
tungen zurück. Die Sehschärfe war 2 Monate nach dem Anfall beidei*-
seits auf Vs herabgesetzt, wurde aber später wieder normal, auch Hemiopie
bestand nicht und ophtalmoskopisch war der Befund negativ. In Ruhe-
stellung wich das linke Auge etwas nach unten ab. Nach oben und
nach unten hin konnten beide Augen nui- minimal bewegt werden, nach
rechts und links hin war dagegen die Beweglichkeit vollkommen normal,
es bestanden Doppelbilder entsprechend einer Lähmung des linken Rectus
superior. Keine Ptosis. Dieser Befund blieb unverändert und wurde noch
wenige Tage vor dem Tode, der in Folge einer Pneumonie im Mai 187 7
erfolgte, wiederum eonstatirt.
Section. Alter apoplectischer Herd im rechten Sehhügel und
Linsenkern, auf den vorderen Theil der Vierhügel der rechten Seite über-
WeRNICKE, Lelirbiicl» der Gehirnkranklieiten, ÖO
greifend. Von Herrn B i e r m e r , in dessen Abtbeilung der Kranke ver-
starb , wurde mir das gebärtete Präparat gütigst zur Verfügung gestellt,
und icb erbielt so Gelegenbeit , eine genauere Ortsbestimmung des Herdes
vorzunebmen. Derselbe bestand zum grössten Tbeil in einer soliden, binde-
gewebigen Narbe, welebe nur durcb ibre rötblicbe Färbung den Ursprung
aus einer Blutung erkennen Hess ; in der Tbat bielt icb sie vor der
mikroskopischen Untersuchung für eine Erweichungsnarbe und habe das
makroskopische Präparat unter diesem Namen demonstrirt. Sie bestand
z. Tb. aus welligen Bindegewebszügen , z. Tb. aus einer Rarefaction des
Gewebes mit spärlichem reticulärem Gerüst, letzteres Verbalten in der
Mitte der Narbe vorwiegend, an den Rändern fand ein allmählicher Ueber-
gang in die gesunde Gebirnsubstanz statt. Eine Coutinuitätstrennung
fand sich in Form eines schmalen Spaltes nur an dem hintersten Ausläufer
des Herdes. Durchsetzt war die Narbe in allen ihren Theilen von massen-
haften Haematoidiukörnern , während Cristalle von Blutfarbstoff nicht vor-
handen waren; die Pigmentkörner lagen z. Tb. in Reihen zwischen den
Bindegewebszügen , ihre Massenhaftigkeit bewies zur Genüge, dass es sich
um Residuen einer Blutung handelte. Rothe Blutkörperchen waren nur in
einer kleinen Lücke in der Haube der vorderen Vierhügelgegend , ersicht-
lich einer frischeren Blutung und ohne Zusammenhang mit der alten
Narbe, nachzuweisen. Entsprechend dem mittleren Drittel des Aussen-
randes des Sehhügels ist die innere Kapsel von der Narbe quer durchsetzt.
Von da aus erstreckt sie sich einerseits nach vorn und aussen und nimmt
einen Theil des Linsenkerns ein, andererseits geht sie quer durch den Seh-
hügel nach innen und hinten , durchbricht die Gegend des Mejnert'schen
Bündels und reicht dicht hinter der Querebene der hinteren Commissm-
bis an die Raphe heran, durch dunkelere Carmintinction und Verwascheu-
heit der Zeichnung kenntlich, ausserdem aber mit dem oben schon er-
wähnten Spalt bis an die Aussenkante des hier als breiter Schlitz er-
scheinenden Aquaeductus Sylvii. Die Kernregion des Oculomotorius ist
hier auf der rechten Seite mit zerstört , ebenso das hintere Längsbündel
und die hier befindlichen Wurzelbündel des Oculomotorius. Die Wurzel-
bündel der anderen Seite dieser Gegend , ebenso das hintere Längsbündel
sind auf allen gelungenen Schnitten erhalten und höchstens der mediale
Theil der Kernregion betroffen. Der Spalt an der Aussenkante des
Aquaeductus Sylvii begleitet diesen in einer Länge , die mindestens dem
oberen Drittel des vorderen Vierhügels entspricht, nicht ganz so weit ist
der Kern der rechten Seite betroffen. Das hintere Längsbündel derselben
Seite erscheint zunächst etwas kleiner; weiter unten, schon im Gebiete des
hinteren Vierhügels, ist der Unterschied nur sehr- geringfügig. Der Quer-
schnitt der Haube bleibt rechts etwas kleiner als links , rother Kern mit
Umgebung ebensowohl als die Schleifenschicht sind schwächer entwickelt.
Der Hirnschenkelfuss zerfällt in den obersten Ebenen in 2 Etagen, eine
86 WerNICKE, Lehrbuch deas Gehirnkrankheiten.
obere der Subst. nigra benachbarte und eine untere der Basis zugekehrte ;
die letztere ist am Carminpräparat roth verfärbt. Die rechte Brücken-
hälfte namentlich in ihrer vorderen Abtheiluug stark geschrumpft.
X. Die demnächst folgenden BeolDaclitiingen sind Beispiele
doppelseitiger Hirnblutung imd zwar die ersten drei gleicli-
zeitig, die folgenden vier nach Ablauf einer gewissen Zeit eingetreten.
Der erste Fall Andral's ist noch dadurch besonders merkwürdig,
dass jede Hemisphäre eine Anzahl von einander getrennter kleiner
Blutmigen beherbergte; über den Sitz derselben ist zwar nichts
Näheres angegeben, als dass sie sämmtlich im Gebiete des Hirn-
mantels lagen , er ist aber auch irrelevant, da sich directe und in-
directe Herdsymptome doch nicht von einander sondern lassen
würden. Bei der Aufnahme bestand neben tiefem Coma eine doppel-
seitige Hemiplegie , angeblich aber war der Anfall nicht sogleich
mit Coma einhergegangen, sondern der Kranke hatte schon
2 Sttmden vorher plötzlich die Sprache, das Gesicht und das Gehör
verloren. Man muss demnach wohl annehmen, dass die Blutungen
in mindestens zwei Schüben erfolgten und dass erst die späteren
einen ausgeprägten Insult bewirkten; der Verlust des Gesichts und
des Gehörs , welche in der Zwischenzeit zu constatiren waren,
sind Theilerscheinungen doppelseitiger Hemianaesthesie, deren
Beobachtung nm- deshalb so selten möglich ist, weil sie das Zu-
sammentreffen aussergewöhnlich günstiger Umstände erfordert. Es
ist dazu nöthig, dass das Bewusstsein noch bis zu einem gewissen
Grade erhalten sei, welche Bedingung bei doppelseitiger Blutung
nm* selten zutreffen wird, ausserdem aber muss die Störung der
Sinnesorgane so grob sein, dass sie auch bei beeinträchtigtem Sen-
sorium noch auffallend ist, die sensible Bahn muss also entweder
selbst betroffnen oder mindestens im Bereiche eines erhebHchen
localen Trauma's sein. Dass die betreffenden Angaben in diesem
Falle auf unbefangener Beobachtimg beruhen, lässt sie um so werth-
voUer und glaubwürdiger erscheinen. Der zweite von Andral
herrührende Fall zeigt neben schwerem Insult ebenfalls die Er-
scheinungen doppelseitiger Hemiplegie. Sehr auffallend sind hier
die Angaben über den Zustand der Augeumuskulatur ; es bestand
unzweifelhaft mindestens hochgradige Parese des Levator palpebrae
und Orbicularis palpebrarum beiderseits. Die Blutung sass sjm-
meti-isch und muss nach der ungewölmlich genauen Beschreibung
ihres Sitzes entweder das untere Scheitelläppchen selbst ein-
genommen oder diesem sehr nahe gelegen haben. Als directe Herd-
WerniCKE, Lehrbuch der Gehinikranklieiteu. 87
Symptome mussten die Augenmuskellähmungen iDesonders stark aus-
gesprochen sein. In dem Falle von Pitres sind zwar von Anfang
an do]3pelseitige und Bulbärsymptome vorhanden, aber die Lähmung
überAviegt auf einer Körperhälfte , dabei machen sich beiderseits
Contractiiren geltend. Die Aehnlichkeit der doppelseitigen Blutungen
mit solchen, bei welchen ein Durchbruch in die Ventrikel statt-
gefunden hat, wird durch diesen Fall auf's schlagendste dargethan.
Von den vier folgenden Beobachtungen, bei denen die Blutung
in die zweite Hemisphäre längere Zeit nach der in die erste Hemi-
sphäre stattgefunden hat, sind die von Marce und Quaglino Beispiele
von apoplectisch eingetretener Blindheit und, wie schon oben an-
gedeutet, so zu erklären , dass eine bisher übersehene homonyme
Hemiopie, die als directes Herdsymptom nach dem ersten Anfalle
zurückgeblieben war, erst manifest wird durch das Auftreten einer
Hemiopie der anderen Seite , sei diese nun direct oder indirect
verursacht, und sich als Blindheit äussert.
Aehnlich sind die in den beiden letzten Beobachtungen von
Abercrombie und Beurmann berichteten Bulbärsymptome
aufzufassen. Eine directe Läsion des Facio-lingualgebietes war durch
die erste Blutung gesetzt, aber wie gewöhnlich später ausgeglichen
worden; sie wird wieder manifest und täuscht Bulbärsymptome vor,
sobald durch eine neue Blutung dieselbe Lähmung auf der anderen
Seite , sei es direct , sei es als indirectes Herdsymptom, zu Stande
kommt.
A n d r a 1. Clin. med. V. Beob. 1 der Apoplexien. Ein Mann von
49 Jahren wurde im September 1830 in die Maison royale de sante in
folgendem Zustande gebracht: Coma, aus dem der Kranke nicht zu er-
wecken war, er ähnelte einem Menschen, der in tiefen Schlaf versunken
lag ; die Inspirationen folgten in langen Intervallen ; die aufgehobenen
Glieder fielen wie todte Massen herab, wenn man sie stark kniff, folgte
nicht die geringste Bewegung in ihnen, noch veränderte sich der Gesichts-
ausdruck dabei. Die Mundwinkel waren nicht verzogen; die Zunge nicht
zu sehen; der Puls zählte 57 Schläge in der Minute. Die Anamnese
lieferte , dass 'der Kranke früher vorübergehende Geistesstörung gehabt
habe, dass er häufig und stark spirituöse Getränke genossen und Tags
zuvor, ehe wir ilm sahen , einem bedeutenden Schwindel unterworfen ge-
wesen sei. Darauf hatte er gegen 2 Uhr Nachmittags plötzlich Sprache,
Gesicht und Gehör verloren und um 4 Uhr war er in den eben be-
schriebenen Zustand verfallen. Wir verordneten einen reichlichen Ader-
lass, Sinapismen auf die Waden und abführende Getränke. Am anderen
Morgen zeigte der Kranke denselben Zustand, ausser dass das Athemholen
88 WerniCKE, Lehrbuch der Gehirnkraukheiten.
beschleunigter als Tags zuvor war, ohne dass die Frequenz des Pulses zu-
genommen hatte. Es wurden 30 Blutegel an den Hals gesetzt und auf
den Kopf Eis gelegt. Während des Tages gerieth die Respiration mehr
und mehr in Unordnung, und der Kranke starb 4 Ulrr Nachmittags.
Section. Ziemlich lebhafte Injection der G-efässe der Membranen.
Auf jeder convexen Seite der Hemisphären zeigten die Windungen an fünf
oder sechs Punkten eine Art Fluctuation. Man hatte hier kaum die Grehirn-
substanz ein oder zwei Linien dick weggenommen, als man unmittelbar unter
derselben coagulirtes Blut fand, das in Höhlen von der Grösse einer Hasel-
nuss enthalten war. Um diese Höhlen herum , deren Wände ins Gelbe
spielten, war das Gehirn ziemlich lebhaft roth punktirt ohne weitere Con-
sistenzveränderung. Solcher Blutansammlungen befanden sich in den
Windungen der rechten Hemisphäre 7 oder 8, und wohl eben so viel in
der linken. Die übrigen Gehirnmassen waren unverändert. Die Organe
der Brust- und Bauchhöhle lieferten nichts Bemerkenswerthes , ausser dass
die Herzwandungen beträchtlich hypertrophisch waren.
Andral, 1. c. Beob. 15 der Apoplexien. Ein Gazeweber von 72
Jahren wurde am 26. Februar in folgendem Zustande in die Charite ge-
bracht : Tiefes Coma ; die Haut überall ohne Empfindung ; die 4 Glied-
maassen gänzlich gelähmt , so dass sie wie todte Stücke niederfielen, so-
bald sie aufgehoben wurden und sich selbst überlassen blieben. Die
Mundwinkel waren nicht verzogen ; man konnte die Zunge nicht sehen ;
die oberen Augenlider lagen auf jedem Auge halb gesenkt; kein Zeichen,
dass Sehkraft noch vorhanden war; ein geringes Blinzeln, sobald die Con-
junctiven berührt wurden. Der Puls ohne Frequenz ; die Haut ohne
Wärme; die Eespiration röchelnd. Wir erfuhren, dass es dem Kranken
seit einiger Zeit oft begegnet sei, in Ohnmacht zu fallen. Am 25. Februar,
11 Uhr Abends, hatte er wieder eine gehabt, nach welcher er nicht
mehr zu sich gekommen war. Mehr hörten wir nicht von ihm. Eine
Veränderung seines Zustandes trat bis zu seinem Tode, der am 4. März,
5 Uhr Abends , erfolgte, nicht ein.
Section. Seröse Infiltration der Pia mater auf der convexen
Seite der Hemisphären. Bei dem Zusammentreifen des hinteren Drittels
mit den beiden vorderen der rechten Gehirnhälfte, einen Zoll
nur unter ihrer oberen Fläche und zwei Zoll von dem Vereinigungs-
punkte der oberen und inneren Seite, befand sich eine Höhle von dem Um-
fange einer Haselnuss , welche voll coagulirten Blutes war. Die sie um-
gebende Gehirnmasse hatte ihre normale Farbe und Cousistenz. In der
linken Hemisphäre existirte fast au derselben Stelle eine gleich grosse
Höhle, die ebenfalls mit coagulirtem Blut angefüllt war, deren Umgebung
aber auch nicht erweicht oder ungewöhnlich injicirt sich zeigte. Das
übrige Gehirn erschien gesund; die Ventrikel enthielten nur wenig Serum.
Hypertrophie des linken Ventrikels.
WeRNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. öJ
Pitres, nach LafForgue 1. c, Obs. 41. 68jähr. Frau, klagte seit 14
Tagen über Unwohlsein, am Tage des Anfalls über Betäubung. 6. De-
eember: Anfall tiefer Bewusstlosigkeit , sertoröse Respiration, die
rechte Wange wird bei jeder Exspiration aufgebläht, Rückenlage, die
Augen halb geöffnet, Schluss und OeflPnung derselben geschieht auf beiden
Seiten gleich. Kopf ohne Abweichung, Augen nach links gerichtet, linke
Pupille weiter als die rechte, Lichtreaction beiderseits erhalten. Tr. 37,1,
Puls regelmässig, 100, Respiration regelmässig, 20. Der Mund ist leicht
nach links verzogen, die rechte Wangengegend verstrichen, die Kiefer an ein-
ander gepresst und können nicht geöffnet werden. Schlingvermögen auf-
gehoben. Algesie im Gesicht beiderseits erhalten. Mit dem linken Arme
deckt sich die Patientin zu, wenn man sie aufgedeckt hat, Ellenbogen und
Schultergelenk an demselben merklich rigide. Lähmung und Contractur
(mit Ausnahme der Finger) des rechten Armes. Algesie beiderseits er-
halten , Reflexe links stärker. An den Unterextremitäten Steifigkeit des
Knie- und Hüftgelenkes, links beträchtlicher, erhoben schnellen die Beine
gewaltsam zurück. Kitzeln der Fusssohle löst links, starkes Kneifen rechts
den stärkeren Reflex aus. Convulsionen haben nicht stattgefunden, aber
mehrmaliges Erbrechen, Urin ohne Eiweiss und Zucker. 7. Decembcr:
Coma imd sonstiger Zustand unverändert, Respiration geräuschvoll, die
rechten Extremitäten merklich wärmer anzufühlen, Flockenlesen mit der
linken Hand. Uriu zeigt eine leichte Trübung durch Albumen , frei von
Zucker. Tr. 38,5, Abends 39,5. 8, December. Stertor besteht
fort, Contractur viel geringer, Tr. 39,7. Abends die Ablenkvxng der
Augen geringer, alle 4 Extremitäten in vollkommener Resolution, Algesie
überall erhalten, rechte Extremitäten unverändert wärmer als die linken.
Kiefer nicht zu öffnen. Urin alkalisch, stark eiweisshaltig. 9. De-
cember: Tr. 39,1. 10. December: Tr. 39,7. Status idem, voll-
kommene Resolution, kein Decubitus. Tod in der folgenden Nacht mit
40° Tr.
Section. Die Windungen der linken Convexität abgeplattet und
gegen die Dura gepresst. Enorme Höhle mit geronnenem Blut erfüllt
oberhalb des linken Streifenhügels, sie erstreckt sich von der Mitte der
Stirnwindungen bis zum hinteren Ende des oberen Scheitelläppchens; der
Seitenventrikel abgeplattet imd comprimirt, enthält kein Blut, Stamm-
ganglien, Insel und Schläfelappen sind respectirt, nur im 3. Gliede des
Linsenkernes ein alter ockerfarbener Herd vom Umfang einer grossen Erbse.
In der rechten Hemisphäre ein ebenfalls frischer haselnussgrosser Blut-
herd dicht unter dem Epeudym der Stria Cornea, entsprechend der Mitte
des Sehhügels. Er liegt hauptsächlich in diesem, betheiligt aber die
innere Kapsel.
Marce. Gaz. med. 49, 1863. Obs. 21. Der ganze rechte
Hinterhauptslappen zerstört durch eine frische Blutung, die sich vom
90 WeRNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
Ventrikel bis zur Hinterhauptsspitze erstreckt, mit rother Erweichung der
Umgebung. Auf derselben Seite eine kastaniengrosse, mit einer schmutzig-
gelben Membran ausgekleidete Aushöhlung zwischen Seh- und Streifen-
hügel. Links hat ein alter hämorrhagischer Herd den ganzen hinteren
Theil des Sehhügels zerstöi-t.
ßSjähr. Paralytiker, der vor 2 Jahren eine Lähmung des rechten
Armes und Aphasie gehabt hatte. Die frische Blutung hatte 4 Tage vor
dem Tode nach einem Anfall von „Hirncongestion" plötzliche Blindheit
mit linksseitiger unvollständiger Hemiplegie gemacht, der Kranke konnte
nachher noch stark nach links geneigt gehen. Die Blindheit bestand bis
zuletzt.
Qua gl in 0, nach Lancereaux, Memoire sur Tamaurose, Arch. gener.
1864 p. 61. 20jähr. Mädchen, erleidet eine Apoi^lexie mit vollständiger
linksseitigerHemiplegie. Davon hergestellt, hat sie während einer Schwanger-
schafteinen Anfall rechtsseitiger Hemiplegie ,,avec abolition du sens de la
parole" und vollkommener Blindheit.
Section. Apoplectische Narbe nimmt fast den ganzen rechten Seh-
hügel ein, im linken Sehhügel ein kleiner frischer Blutherd.
Abercrombie. 114. Fall. Eine Frau von 40 Jahren klagte am
Morgen des 10. April 1821 über einen heftigen Kopfsehmerz und er-
brach sich. Bald nachher ^Yard sie von einer vollständigen Lähmung der
rechten Seite befallen , sprach undeutlich und lag in einem ziemlichen
Grrade von Coma. Durch die gewöhnliche Behandlungsart besserte es sich
mit ihr; die Symptome verschwanden nach und nach, und im Verlaufe
von 8 — 10 Tagen befand sich die Kranke wieder vollkommen wohl. Ge-
legentlich fühlte sie noch einen leichten Grad von Schwäche in der afficirt
gewesenen Seite , und pflegte die Kranke blos zu sagen , dass diese von
der anderen Seite verschieden sei. Bis zum August 1822 blieb sie ge-
^sund, hatte dann aber einen zweiten Anfall, der ebenfalls die rechte Seite
befiel. Von den unmittelbaren Folgen dieses Anfalles erholte sie sich bald
wieder , doch blieben das Bein und der Arm lange Zeit hindurch sehr
schwach , ihre Sprache war undeutlich und zeigte sich bei ihr eine be-
deutende Verwirrung der Gedanken. Während des nachfolgenden Winters
war sie nicht im Stande, sich viele körperliche Bewegungen zu machen.
Im Sommer 1823 besserte es sich mit ihr bedeutend, so dass sie, wenn
sie sich auf den Arm einer anderen Person stützte , ziemlich lange gehen
konnte; ihre Sprache war bei weitem deutlicher geworden und ihre
geistigen Functionen hatten sich sehr gebessert. Deutlich konnte mau in-
dessen bemerken , dass die Folgen des Anfalles nicht gänzlich gehoben
waren, indem sie das Bein beim Gehen etwas nachschleppte und die rechte
Hand nicht so gebrauchen konnte, als die linke. In diesem Zustande ver-
blieb sie, und befand sich übrigens auch recht wohl, bis sie im December
1824 beim Frühstück plötzlich von einer Paralyse der liukeu Seite und
WerniCKE, Lehrbuch der Gehirukrankheiten. 91
einer Mundklemmc befallen wurde. Bald naclilier verfiel sie in ein Coma
und verlor das Vcrniügen zu schlueken gänzlich. Nach Verlauf von
4 Tagen starb sie.
Section. In der rechten Hemisphäre des Gehirns, nach dem
vorderen Theile derselben zu , fand man ein Blutcoagulum von der Grösse
eines Taubeneies. Es lag an der Aussenseite des Ventrikels , stiess dicht
an denselben , stand aber nicht mit ihm in Verbindung. Auf derselben
Stelle der linken Hemisphäre fand man einen Balg, der schräg hinterwärts
an der Aussenseite des Ventrikels hinlief und völlig von demselben ge-
trennt war. Derselbe war etwa anderthalb Zoll lang und beinahe einen
Zoll tief; er war völlig leer und von einer weichen, gelben Haut um-
kleidet.
Beurmann. Gaz. hebd. 34, 1876 und Progres med. 33, 1876.
öljähr. Frau, war vor 3 Jahren von linksseitiger Hemiplegie befallen
worden , von der die letzten Spuren seit 1 Jahre verschwunden waren.
29. Januar fühlte sie sich plötzlich unwohl und ruft : Mein Gott, ich bin
verloren ! behielt aber volles Bewusstsein und fiel nicht vom Stuhle , nur
war sie plötzlich unfähig zu sprechen und die rechten Extremitäten zu
bewegen. Sie verstand Alles, was man ihr sagte. 2 Tage darauf fol-
gender Status: vollkommene rechtsseitige Hemiplegie mit leichter Contractur
der Fingerbeuger. Rechter Facialis betheiligt, doch ist in der Ruhelage
das Gesicht symmetrisch, und bei Bewegungen wird der Mund nicht nach
links verzogen. An der Stirn sind die Falten rechts weniger ausgeprägt,
und die Lidöffnung dieser Seite ist etwas weiter, aber der Schluss der
Augen ist beiderseits vollkommen. Die Zunge ist vollkommen unbeweg-
lich, das Schlingen selbst von Flüssigkeiten unmöglich, die Uvula steht
unbeweglich in der Mittellinie , mechanische Reizung der Rachengebilde
ruft keine Reflexe hervor. Der Mund kann nur sehr unvollkommen ge-
öffnet und die Zahnreihen nicht Aveiter als 2 cm von einander entfernt
werden. Respiration ruhig und regelmässig. Sensibilität der Haut und
der Sinnesorgane beiderseits gleich und ungestört. Allmählich bessert sich
dieser Zustand, schon am 2. Februar ist das Schlingen von Flüssigkeiten,
am 4. einige inarticulirte Laute und geringe Bewegungen der Zunge
möglich und der Unterschied im oberen Facialisaste ist verschwunden.
Am 8. Febriiar kann Fat. oui und non sagen, sonst bleibt sie unver-
ständlich. Die Zunge ist beweglich imd wird gerade hervorgestreckt.
Am 15. Februar kann Fat. fast Alles s^n-echen, aber mit sehr mangel-
hafter Articiilation , sie kann den Minid weit öffnen. Am 20 März
kann Pat. auf einen Stock gestützt umhergehen, Sie bewegt den
rechten Arm , kann sich aber der Hand nicht bedienen , beim Sjireehcn
bleibt noch die Lippenmuskulatur rechts zurück und es tritt eine Articu-
lationsstörung hervor, das Hervorstrecken und Seitwärtsbewegen der Zunge
ist schwierig. Am 20. März ein Minuten lauger Anfall rechtsseitiger
92 Werxicke, Lehrbuch der Geliirnkrankheiten.
Convulsioneii ohne Theilnahme des Gesichts und der Augen, ohne Verlust
des Bewusstseins. Solche Anfälle wiederholen sich einige Male , treten
dann heftiger , mit Be"svixsstlosigkeit und weiterer Verbreitung über die
Muskulatur ein , es kommt zu schlaffer, rechtsseitiger Lähmung und am
24. März erfolgt der Tod.
Section. An der linken Hemisphäre zeigt sich eine An-
schwellung , deren Gipfel der Mitte der hinteren Centrabvindung ent-
spricht, mit gelbröthlicher Verfärbung der Oberfläche. Beim Umdrehen
des Gehirns reisst die promiuirende Stelle ein und es zeigt sich ein darunter
befindlicher hämorrhagischer Herd, beinahe vom Umfange einer Nuss, von
oblonger Form, mit der Längsaxe sagittal gestellt. Die prominirende Stelle
entspricht seinem vorderen Ende , an dieser Stelle ist die ganze weisse
Substanz der hinteren Centralwindung an der Vereinigung ihres oberen
Drittels mit den zwei unteren davon eingenommen. Sein hinteres Ende ist
etwas nach einwärts gerichtet und liegt in der weissen Substanz etwa im
Niveau der Interparietalfurehe. Die Umrandung des Herdes ist uuregel-
mässig, und besonders hinten hat er 2 oder 3 fadenförmige Ausläufer.
Der Blutklumpen ist schwarz, fest und adhärent. In der Umgebung ist
die Marksubstanz ockerfarben und erweicht. Eechts hat ein alter linearer
Herd die äussere Kapsel und die Vormauer in einer Längenausdehnung
von 3^/2 cm und einer Höhenausdehnung von 2 cm zerstört, unten greift
der Svibstanzverlust auf den Linsenkern über. Die Wände des Herdes
liegen einander an , beim Auseinanderziehen sieht man narbige Züge sich
über die Lücke hinüberspannen. Das übrige Gehirn gesund.
XI. Die folgenden Beobachtungen sind sämmtlicli Beispiele von
von Blutungen in den Pons. Die ersten drei zeigen von Anfang
an cliarakteristisclie directe Herdsjmptome tmd zwar entweder
wechselständige Lähmung des Facialis und der Extremitäten allein,
oder zugleich Betheiligung des Quintus, des Hjpoglossus, der
Articulation etc. Charakteristisch ist auch der in den beiden
ersten Fällen betonte schlimme Zustand des Allgemeinbefindens,
die Cyanose des Gresichtes imd die Unregelmässigkeit der
Eespiration. In den drei nächsten Beobachtungen, ebenfalls
von Ponsblutung, ist das Krankheitsbild dem des Durchbruchs
in die Ventrikel äusserst ähnlich, doch werden 2 mal die
verengten Pupillen hervorgehoben, in einem Falle ist auch der
Beginn mit intensivster Athemnoth bei noch erhaltenem Bewusstsein
und die Cyanose einigermaassen charakteristisch. Der Tod er-
folgte in diesen Fällen schon innerhalb sehr kurzer Zeit, wie es
füi' Blutungen dieser Localität die Regel ist. Dass imter Umständen
das Leben erhalten bleiben kann, zeigt der darauf folgende Fall
WerniCKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. ^^o
von Oulmont, der überdies durcli den anatomischen Befund einer
secundären Degeneration von Brückenarmfasern ein Unicum bildet.
Alexander, Laucet , Mai 22., 1875. 54jälarige Frau, hatte vor
2 Jahren einen leichten Anfall von Hemiplegie, und zwar geringer Lähmung
des linken Beines , die des Morgens beim Erwachen bemerkt wurde und
innerhalb einer Woche verschwunden war. Seitdem ziemlich häufig
Schmerzen im Hinterkopf. Am 31. Januar kam sie erschöpft von einem
Gange zurück, ass zu Abend, fühlte sich aber dann nicht wohl. Um 9 Uhr
rief sie plötzlich , im Stuhle sitzend : Oh mein Kopf! Man bemerkte so-
fort, da SS ihr Gesicht nach links verzogen , die Sprache undeutlich imd
die linken Extremitäten gelähmt waren, aber das Bewusstsein ging nicht
verloren. Bei Aufnahme, 1. Februar, erscheint sie hilflos und erschöpft,
die Sprache so schlecht articulirt , dass sie kaum verständlich ist , das
Schlingen erschwert , Lähmung der linken Extremitäten und des rechten
Facialis in allen Zweigen, bei erhaltener Algesie. Die Zunge kann nur
wenig imd mit Schwierigkeit vorgestreckt werden, zittert, weicht nach
rechts ab, der Mund kann nicht weit geöffnet werden , reichlicher Speichel
fliesst aus dem rechten Mundwinkel. Pupillen gleich, mittelweit, reagirten
auf Licht. Haut feucht, Stuhl retardirt, Somnolenz, Schmerzen im unteren
Theile des Hinterkopfes. Puls massig kräftig, abwechselnd beschleunigt und
verlangsamt. Abendtemperatur 37, .5. Eesp. beschleunigt. Urin sauer, 1028,
ohne Eiweiss. Wegen lauter Rasselgeräusche kann über das Herz nichts
festgestellt werden. 2. Februar. Füblt sich schlimmer, Schmerz im
Hinterkopf hat zugenommen. Gesicht geröthet, heiss und gedunsen.
P. 126, regehnässig und hart. Abends P. 121, T. 38,0. Lautes Tracheal-
rasseln. 3. Februar. Gesicht nicht mehr congestionirt aber feucht und
aschgrau gefärbt, Schmerz im Hinterkopf hält an, Augenschluss rechts mög-
lich, aber nicht so fest wie links. Stark schmerzhafte Eindrücke an den
linken Extremitäten bewirken Stöhnen und Verziehen der linken Gesichts-
hälfte,' aber keine Reflexe. P. 138, schwach. Achseltemperatur rechts
38, ß, links 39,0, Resp. 54. Urin ohne Veränderung. 4. Februar.
P. 122, Resp. 51, T. rechts 37,2 links 37,9. Abends P. 122, T. beider-
seits 37,9. Das linke Bein in die Höhe gezogen und nur mit erheblichem
Kraftaufwand zu strecken. Rechte Conjunctiva injicirt. 5. Februar.
P. 133, weich und schwach, Resp. 39, T. beiderseits 37,9. Mundsperre
geringer, Zimge besser beweglich und Articulation viel deutlicher. Pt. ist
sehr ruhelos , agitirt mit dem rechten Arm und streift die Decke zurück.
Abends P. 144, Resp. 58, T. 38,9 beiderseits. Tod am 6. Februar früh.
Die Diagnose war auf Grund der wechselständigen Lähmung (vergl. Th. I,
S. 362) und der Articulationsstörung auf eine Blutung in der rechten
unteren Hälfte der Brücke gestellt worden.
Section. Eine kleine Blutung nahm die rechte, untere Hälfte des
Pons ein, erstreckte sich nicht über die Mittellinie und Hess auch den
94 WERNICKE, Lelirbuch der Gehinikranklieiten.
4. Ventrikel intact. Das übrige Gehirn gesund. Die Blutung war
fast schwarz und von Geleeconsistenz, die nächste Umgebung schien normal.
Arterien der Basis stark atheromatös , eine davon enthielt einen 1 Zoll
langen harten, weissen, alten Thrombus. Hypertroj^hie des linken Ventrikels,
Verrucositäten an der Mitralis , Verknöchernng der Coronararterien , rothe
Hepatisation des rechten , Auschopi^ung des linken Unterlappens. Puru-
lente Bronchitis und Bronchiolitis.
Crichton Browne, Lancet, Febr. 6, 1875. 66jähriger Mann, massiger
Trinker, hatte am 22. December einen apoplectischen Anfall, vorher
gesund. Von seiner Arbeit kommend, begann er plötzlich so zu schwanken,
dass er für betrunken gehalten wurde. Er taumelte eine geraume Strecke
entlang, bevor er bcwusstlos hinfiel. Wie lange er bewusstlos blieb, und
ob er Convulsionen hatte, konnte nicht ermittelt werden, dagegen erfuhr
man , dass er seit dem Anfall ruhelos war , störte und die Kleider zerriss
und wenig oder gar keinen Schlaf hatte. Bei seiner Aufnahme am 14.
Januar sehr schwach und erschöpft, Gang ohne Unterstützung unmög-
lich. Abends Resp. sehr schwierig und von Pausen unterbrochen, P. 120,
alle 1 5 Schläge aussetzend , tiefer Sopor , profuser Schweiss , der Tod
scheint unmittelbar bevorzustehen. Auf Reizmittel Besserung. 15. Januar
folgender Status : Sprache undeutlich und etwas schleppend, ohne Andeutung
von Aphasie. Totale Lähmung des rechten Facialis , Sensibilität der
rechten Gesichtshälfte abgestumpft, unvollständige Ptosis des linken Auges,
keine anderweitige Augenmuskellähmuug , kein Nystagmus, aber beide Pu-
pillen stark verengt und reactionslos. Zunge ohne Abweichung, Schlingen
ungestört. Oberextremitäten frei, an den Unterestremitäten links schwächere
Reflexe als rechts. Pt. giebt an , einige Zeit nach dem Aufall Taubheit
und Schwäche des linken Armes gehabt zu haben. Starke Somnolenz.
Unmotivirtes Weinen bei gleichgiltigen Antworten (emotional incontinence).
Resp. 33, nach je 12 Respirationen eine Pause von der Dauer von 2 — 3
Athemzügen , Trachealrasseln , Puls 96, nach je 12 Schlägen aussetzend.
Radialis verdickt und geschlängelt. Starke Abmagerung, profuser Schweiss,
Haut aschgrau verfärbt. Am Abend desselben Tages Coma, Puls nach je
3 Schlägen aussetzend, Respiratiouspausen von 10 — 15 Secunden. Gähnen
und Muskelunruhe. Tod am folgenden Vormittag.
Section. Gehirnarterien an der Basis etwas atheromatös. Im
vierten Ventrikel ein Blutgerinnsel , grösstentheils rechts von der
Medianfurche , dicht unter den oberen Kleinhirnschenkeln (Binde-
armen). Seine grösste Länge von oben nach unten beträgt U ",
und sein unteres Ende bleibt eben so weit oberhalb der Spitze des
Calamus scriptorius. Es reicht ^/s " tief in die Substanz des Pons,
ist von schmutzig braunröthlicher Farbe und gelatinöser Consistenz. Um-
gebung ohne Erweichung. Purulente Bronchitis , rothe Hepatisation des
rechten oberen Lungenlappens.
Wernicice, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. J5
Mahot, nach Gubler, Memoire sur les paralysies alternes en
general et particulierement sur l'hemij^legie alterne avec lesiou de la
protiiberance anuulaire. Paris 1859. Beob. 4. 24jähr. Mann,
klagt seit einigen Tagen über ein Gefühl von Schwere im Kopf.
14. October. Eingeschlafensein des linken Armes, am Abend ein
Schwindelanfall , wobei er hinstürzt , ohne vollständig das Bewusstsein
zu verlieren, die linke Seite ist gelähmt, die Articulation unmöglich. Am
nächsten Tage wird motorische und sensible Lähmung der linken Extremi-
täten constatirt, Zunge weicht etwas nach links ab, der Facialis ist rechts
vollständig gelähmt. Die rechte Pupille verengt, die linke normal, das
obere Augenlid (ob rechts oder links, bleibt fraglich), hängt herab. Articu-
lation fast aufgehoben. 16. October. Die Lähmung der Glieder nimmt
ab, Sprache noch erschwert, jedoch verständlich, starkes Sausen im Kopf,
nimmt zu und wird im liidien Ohre stärker (bei Chiningebrauch). Extremi-
täten und Gesicht bessern sich allmählich. 31. October beginnen
Symptome von „Cerebralfieber", traumhafter Zustand, Delirien. 20. No-
V e m b e r. Verschlimmerung , Erisipel am linken Arm , sehr starke Er-
weiterung der linken Pupille. 24, November. Beide Pupillen verengt,
das rechte Auge getrübt und vertrocknet, Tod.
S e c t i 0 n. Ungefähr stark Haselnuss grosser Blutlierd in der
unteren Hälfte des Pons , rechts, jedoch die Mittellinie etwas nach
links überschreitend. Von der Ventrikeloberfläche mir durcli ein sehr
dünnes Marklager getrennt, von der vorderen Fläche bleibt er viel
weiter entfernt. Er erstreckt sich bis in die Nähe der Vierhügel. Das
Coagulum ist fest , fibrinös , rothgelblich , die umgebende Hii-nsubstanz
normal. Ausserdem Stecknadelkopf grosse Blutung mitten im rechten
Ceutrum ovale und eine Haufkorn grosse Blutung im linken Corpus striatum.
Desnos, Union med. 20, 1869. Ein TOjähr. Mann wird plötzlich
von intensivster Athemnoth befallen , der schnell Bewusstlosigkeit und all-
gemeine Resolution der Glieder folgt. Cyanose, enge Pupillen, Albuminime.
Tod nach 24 Stunden.
S e c t i 0 n. Im hinteren Theile der Brücke ein Haselnuss grosser
Bluterguss mit Durchbruch in den 4. Ventrikel.
Mesnet nach Nothnagel. Top. Diagnostik der Gehirnkrankheiten
S. 102. und Leyden, Rückenmarkskrankheiten H, S. 64. 3 9j ähriger
Mann, wurde plötzlich bewusstlos und in allen Muskeln steif, drehte den
rechten Arm nach rückwärts , hatte Schaum vor dem Munde. Nach 2
Minuten Resolution der Glieder , Respiration nur mit dem Zwerchfell, Puls
ruhig, Fortdauer des Coma, Tod in 1^1 4, Stunde,
S e c t i 0 n. Im Centrum der Brücke , etwas näher dem Boden des
4. Ventrikels als der Vorderfläche , aber in der Mittellinie und nur kaum
merklich mehr nach links gerichtet , ein halbfestes Blutextravasat von
Erbsengrösse. Nächste Umgebung hämorrhagisch infiltrirt und erweicht.
96 WerkicKE, Lehrbiicli der Geliirnkranklieiten.
Church, ContributioDS to cerebral patbology. St. Bartb. Hosp.
Eep. V, S. 164 flf. 34jäbr. Mann, litt seit einigen Tagen an Scbwindel,
Obrenklingen und Verdunkelung des Gesicbts. Plötzlicb unter einem
Scbrei fiel er bewusstlos um; enge Pupillen, livides Gesiebt, stertoröses
Atbmen , voller Puls. Tod nacb 2V2 Stunden.
Section. Geronnenes Blut im 3. und 4. Ventrikel, von einer
Blutung in der Substanz des Pous ausgebend. Herzbypertropbie.
Oulmont, nacb Pitres 1. c. Beob. 50. 63jäbr. Frau, 1871
apoplect. Anfall mit Insult und linksseitiger Hemiplegie. Januar 1876
bestand ausserdem Contractur und Rigidität der linken Extremitäten, und
zwar stärkere der oberen. Sensibilität (-Algesie) erbalten. Tod in Folge
eines neuen Anfalles im Januar 187 7.
Section. Stellenweis ockerfarbige Depression an der Oberfläche
des Pons , in der Mitte der recbten Seitenbälfte , von etwa 1 cm. Durcb-
messer, mit unregelmässigen Rändern , scheint eine alte , oberflächliche
Blutung zu sein. Nach Entfernung der Pia sieht man sehr deutlich
sich auf jeder Seite einen grauen, leicht deprimirteu Streifen abzeichnen,
welcher von den beiden Seitenwänden des Herdes quer in die beiden
Brückenarme verläuft , wo er sich zuspitzend endigt. Wahrscheinlich
stellt dies eine secundäre Degeneration von Fasern der oberflächlichen
Querfaserschicht des Pons dar. Die Pyramide derselben Seite ist grau,
weich und verkleinert, im hinteren Theil des Unken Seitenstranges
absteigende Degeneration. Die Hirnschenkel normal. Ausserdem frische
Blutung mit Durchbruch in die Seitenventrikel.
XII. Dass das kliüisclie Bild der Kleinliirnblutung en
ein sehr mannigfaltiges ist, kann bei dem Umfange, der Complexität
und den Lageverliältnissen des Organes nicht überraschen. Als
maassgebende Factoren dürften sich späterhin die Localität und das
traumatisclie Moment der Blutung herausstellen, von ihnen wird die
Beschaffenheit sowohl als die Ausdehnung der indirecten Herd-
symptome abhängen. Ist das Trauma sehr gross , so ergiebt sich
das acuteste Bild der Apoplexie überhaupt, der Inbegriff aller
Herderscheinungen gleichzeitig mit den schwersten Allgemeinerschei-
nungen; es könnte dann eben so gut das ganze Grehirn zerstört
sein, und die Localität wird höchstens durch das zweideutige
Symptom der Rttckwärtsbeugung des Kopfes markirt. Man wird,
wo man diesem Bilde begegnet, immer auch an das Kleinhirn
denken müssen. So haben die beiden ersten Beobachtungen mit
schweren Ponsblutungen die grösste Aelmlichkeit. Bei geringerem
Trauma ist die gewöhnliche Form des Insultes ein oder wiederholte
Sjnkopeanfälle mit Erbrechen. Gerade in dieser Combination wird
WerxiCKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. " <
dem Erbrechen mit Recht eine Art von pathognomonischer Be-
deutung zugeschrieben, für sich allein will es wenig besagen. Die
Beobachtung von Childs, so kurz sie mitgetheilt ist, verdient in
dieser Beziehung unsere besondere Beachtung. Sie lehrt uns zu-
gleich das einzige mit einiger Sicherheit festgestellte directe Herd-
symptom des Kleinhirns oder mindestens gewisser Theile des Klein-
hirns kennen , den schwankenden oder taumelnden Gang , der von
H. Jackson*) auf eine Parese der Muskulatur der Wirbelsäule
zurückgeführt wird. Dieselbe Erscheinung lässt sich aus dem
acuten Bilde der beiden folgenden Beobachtungen von Hillair et
und Carion unschwer heraus erkennen, und mit Recht legt der
letztere Autor auf das daraus resultirende regungslose Verhalten
der Kranken ein bedeutendes Gewicht. Von indirecten Herd-
symptomen ist die Hemiplegie oft genug beobachtet worden, es ist
mir aber äusserst zweifelhaft , ob nicht wenigstens zeitweilig mehr
als die Hemiplegie in diesen Fällen hätte constatirt werden können.
Dennoch soll hier der Fall Andral's als Beispiel dafür eine
Stätte finden. In einigen Beobachtungen , wie z. B. der nächst-
folgenden H i 1 1 a i r e t 's, wird die Unbeweglichkeit der Augen hervor-
gehoben ; sie erklärt sich jedenfalls dui'ch Einwirkung der Blutung
auf die darunter liegende Kernregion der Augenmuskehierven , ist
also ein werthvolles indirectes Herdsymptom der Kleinhirnblutung.
Dass auch Blindheit aus einer Kleinhirnblutung entstehen kann,
lehrt der nach AndraTs kui'zem Bericht mitgetheilte Fall
Michel et 's. Den einzigen Weg, dies zu verstehen, scheint mir
der Sectionsbefund in dem Falle C. B r o w n e 's zu eröffnen ; es ist
hier eine Abflachung der Windrmgen erwähnt , die auch bei den
chronischen raumbeschränkenden Herderkrankungen des Kleinhirns
häufig vorkommt und hier ebenfalls mit Amaurose einhergehen
kann. Ihre Ursache ist in diesen Fällen der Hydrocephalus internus
des dritten Ventrikels.
Bayle, nach Leveu et Ollivier, (Recherehes sur la physiol. et la
pathol. du cervelet. Arch. generales 20. 1862 p. 699.) obs. 40. Eine
72jährige Frau wird plötzlich von einem heftigen SchwindelanfaU mit
Verlust des Bewusstseins befallen. Pupillen contrahirt , Algesie erhalten,
Kopf nach rückwärts zurückgebogen , Coma , Convulsionen ; Tod nach
Ablauf von 4 Tagen.
Section. Enormer Erguss in's Kleinhirn, fast gleichmässig rechts
und links ausgedehnt, indessen rechts weiter nach vorn hin reichend. Die
*) Lancet, 1880, I. Nr. 4, Brit. med. Journ. 1880, Xr. 997.
Wernicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. II. ^
98 WerniCKE, Lehrbucli der CTehirnkrankheiten.
Substanz des Kleinliirus ist zerrissen und tief verändert. Der Erguss
kann 4 — 5 Unzen betragen.
Crichton Browne, Brit. med. Journ. June 12. 1875. 28jäbr.
Geisteskranke, schon viele Jahre in der Anstalt, wird am 19. Mai des
Morgens von der Wärterin ausser Bett, kalt und bewiisstlos liegend ge-
funden, nachdem sie noch 1 Stunde vorher ruhig geschlafen hatte. Tiefes
Coma, der ganze Körper sehr blass und kalt, Eesp. unregelmässig und
etwas verlangsamt, P. 51, ziemlich kräftig und regelmässig, Pupillen
contrahirt, die linke enger, ohne Lichtreaction, Berührung der Bulbi bleibt
ohne Reflex , auch sonst sind Reflexe nicht zu erzielen und der ganze
Körper erscheint unempfindlich gegen Schmerzeiudi'ücke. Keine Abweichung
der Augenasen. Unregelmässiger Athmuugstypus. 8 — 10 allmählich an-
steigende Athemzüge endigen mit einer lauten , schnarchenden Inspii-ation,
dann Pause von -^U — ^i2 Min. 4"'-/2 Uhr Nachmittags beginnt der Puls
auszusetzen, die Respirationsj)ausen werden so lang, dass künstliche Athmung
angewandt wird, der Körper etwas wärmer. Bald darauf steigt der Puls
auf 120, Respiration wird beschleunigt, bleibt aber unregelmässig, der
Puls geht bald wieder auf 50 zurück, ist jetzt schwächer. Eesp. wird
mehr stertorös, die Pausen länger , künstliche Respiration wird fortgesetzt.
Plötzlich wird der P. unfühlbar, ResjD. fällt auf 1 — 2 kurze Inspirationen
in der ]Miu. und öV^ Uhr erfolgt der Tod. Erbrechen war nicht auf-
getreten.
Section. An der unteren Oberfläche der rechten Kleinhii-nhemisphäre
ragt ein Blutklumpen hervor, der beim Einschnitt fast die ganze Hemisphäre
einnimmt ; eine zweite, etwa klein Bohnen grosse selbstständige Blutung im
zweibäuchigen Lappen derselben und eine dritte Taubenei grosse in der
linken Hemisphäre des Kleinhirns. Windungen des Grosshirns abgeflacht
und blass, kein Blut in den Hirnventrikeln. Ob das Serum in denselben
vermehrt war, als Ursache der Abflachung der Windungen, ist nicht an-
gegeben. Die plötzlichen Aenderungen des Pulses und der Respiration
sind hier auf die neuen Blutungen zu beziehen.
Childs nach Leven et Ollivier, 1. c. Eine junge Frau
hatte im Jahre 1853 wiederholte Syncopeanfälle mit Erbrechen, hütet
einige Tage das Bett. Als sie sich erhob, war der Gang schwankend ge-
worden. December 1854 lebhafter Kopfschmerz im Hinterkopf. Die
Kranke konnte nicht gehen, ohne sich auf einen fremden Arm zu stützen.
Die Intelligenz und Sensibilität (-Algesie) intact. Im Jahre 1855 cou-
vulsivisehe Bewegungen und Tod. In der centralen Partie des Kleinhirns
alte, harte, eingekapselte Blutgerinnsel vom Umfang einer grossen Nuss.
Hillair et. De l'hemorrhagie cerebelleuse. Arch. gen. de med.
1858 vol. I, S. 155. TOjähr. Mann, wird des Morgens beim Frühstück
plötzlich von Erbrechen befallen, antwortet nicht auf Fragen, wankt auf
WerNTCKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. JJ
seinem Sitz und muss unterstützt werden. Auf beiden Seiten geführt,
kann er eine kurze Strecke bis zur Krankenabtheilung gehen. Bald darauf
folgender Status: Lebhafte Injection des Gesichts und der Conjunctiven,
Erweiterung der Pupillen , die Sprache scheint unmöglich , denn Pat. ant-
wortet auf keine Frage , stumpfsinniger Gresichtsausdruck ohne Verziehung
des Gresichts, der Kranke scheint von nichts Notiz zu nehmen. Er macht
fortwährende Anstrengungen, sich zu erbrechen , bleibt ziemlich gut im
Gleichgewicht auf seinem Stuhle und schwankt nur , wenn das Erbrechen
kommt. Ist zu keiner spontanen Bewegung fähig. Wenn man ihn ein
wenig unterstützt , hält er sich leidlich aufrecht , geräth aber rasch in's
Schwanken , wenn man ihn sich selbst überlässt. Auf Kneifen erfolgen
sehr energische Bewegungen der Arme, und auch die Specialsinne sind
nicht erloschen, auf starke Gerüche, Ammoniac z. B., erfolgt Verziehen
des Gesichts. Puls klein, hart, wenig frequent. Keine Erection. Urin
geht unwillkürlich ab. Auf Blutentziehungen erfolgte jedesmal etwas
Besserung, der Pat. konnte hören und machte Anstrengungen, die ihm ge-
stellten Fragen zu beantworten, blieb so 1 — 2 Stunden halb somnolent,
um dann wieder in das tiefste Coma zurück zu versinken. Keine Con-
vulsionen. Tod 48 Stunden nach dem Anfall.
Section. Eine grosse Blutung erstreckt sich durch die ganze
Dicke des Kleinhirns vmd hat es in 2 etwa gleiche Hälften, eine obere
und eine untere, getheilt. Das Blut erstreckt sich bis unter die davon
gespannte Arachnoidea. Herz etwas voluminös, die übrigen Organe gesund.
Carion, De l'h^morrhagie cerebelleuse. Th. de Paris 1875.
66jähr. Frau, häufig an Nasenbluten leidend, klagt seit 3 oder 4 Tagen
über intensiven, nicht localisirten Kopfschmerz. Am 28. October kommt
ganz plötzlich ein Anfall von Betäubung, Schwindel und galligem Er-
brechen, das sich im Laufe des Tages mehrmals -niederholt. Es trat
weder Verlust des Bewusstseins, noch Hinfallen ein. 8 Uhr Abends noch-
mals Ei'brechen, schmerzhafte Krämpfe in den Waden , Pt. liegt unbeweg-
lich auf dem Kücken, Rumpf und Kopf gerade. Ziemlich bleiches Gesicht,
kalte Extremitäten, P. 80 — 90. Auf Kneifen erfolgt Zurückziehen aller
4 Extremitäten, Algesie erhalten, Klagen über Kopfschmerz , Sprache sehr
gut. In der Nacht noch mehrmals Erbrechen, Somnolenz , Urin geht in's
Bett. 29. October Hochgradige Somnolenz, Pt. spricht nicht mehr,
nimmt von nichts Notiz, von Zeit zu Zeit öffnet sie die Augen, man sieht
dann dieselben in normaler Stellung fixirt, die Pupillen verengt, aber gleich.
Algesie erhalten , die Glieder werden zurückgezogen , sind aber sonst in
vollkommener Resolution. Mund nicht verzogen. Keinerlei Krämpfe.
Abends: Coma und Resolution, Algesie sehr herabgesetzt, Gesicht an-
dauernd bleich, Haut warm. P. 110, klein und unregelmässig, Athmung
verlangsamt, mit Pausen von 12 — 15 Secunden. T. 38,4. Tod in der
folgenden Nacht.
7*
100 Wernicke, Lehrbuch der C4ehinikrankheiten.
Section. Grosse Blutung in der rechten Kleinhirnliemisphäre mit
Suffusion der Pia. Im rechten Bindearm ausserdem eine hanfkorngrosse
Blutung. Im linken Stirnlappen und rechten Schläfelappen sehr kleine
Lacunen, eine fernere in der linken inneren Kapsel und in der Mark-
substanz der linken Kleinhirnhenaisphäre. Brücke und Oblongata ohne
Veränderungen, etwas Serum in den Ventrikeln.
Andral 1. c. 5. Beob. der Krankheiten des kleinen Gehirns. Eine
Frau von 6 7 Jahren hatte einen Anfall von Apoplexie 2V2 Monat vor
ihrer Aufnahme in die Charite gehabt. In Folge dieses Anfalles, dessen
Symptome uns nicht genau beschrieben werden konnten , war die Kranke
auf der rechten Seite gelähmt geblieben. Als wir sie sahen , war das
Bewegungsvermögen in den beiden Gliedmaassen dieser Seite gänzlich er-
loschen und die Sensibilität in ihnen sehr abgestumpft. Die Intelligenz
hatte nicht gelitten und die Sprache war ungehindert. Die Functionen
der Sinnesorgane unversehrt, der Mund auf keine Weise verzogen, die
Zunge wurde gerade ausgestreckt. Diese Frau befand sich 14 Tage in
solchem Zustande; darauf bekam sie einen zweiten Anfall von Apoplexie,
welchem sie in einigen Stunden imterlag.
Section. Ein grosses Blutextravasat befand sich in der rechten
Hemisphäre des grossen Gehirns ; es hatte den Sehhügel , den ge-
streiften Körper und einen grossen Theil der Masse , welche nach
oben und aussen von jenen Ganglien gelegen ist, ergriffen. Das
Blut hatte Farbe und Consistenz des Johannisbeergelees, und sein Er-
guss war ohne Zweifel neueren Ursprungs. In der linken Hemisphäre des
kleinen Gehirns befand sich dagegen ein Krankheitsproduct von älterer
Entstehung, welches auf eine zweifellose Weise anzeigte, dass an derselben
Stelle früher eine Hämorrhagie stattgefunden habe. Es bestand nämlich
aus einer ziemlich weiten Höhle , von dem Umfange einer Nuss , welche
mit einem rothbraunen, festen Blutklmnpen gefüllt war, um den eine, den
serösen durchaus ähnliche Membran sich entwickelt hatte. In der nächsten
Umgebung war die Gehirusubstanz ein wenig weich und gelblich. Die
übrig in Organe lieferten nichts Bemerkenswerthes.
Hillairet 1. c. S. 158. 63jähr. Mann, hat vor 2 Jahren einen.
Anfall rechtsseitiger Hemiplegie gehabt, aber weder vorher noch nachher
andere Gehirnerscheinungen. Die Sprache blieb etwas unbeholfen, während
die Bewegungen der rechten Extremitäten allmählich wieder gekommen
waren. Am Morgen des 9. November fiel er plötzlich hin und giebt
an Lichterscheinungen (eblouissements) und Sausen im Kopfe (tournoie-
ments de tete) empfunden zu haben, verlor aber nicht das Bewusstsein.
Die Nacht vorher war er etwas uni-uhig und hatte Paraesthesie des
rechten Beines. An Luftmangel und Beklemmungen litt er schon seit
dem ersten Anfall, und vor wenigen Tagen war ein kleiner AnfaU von
WerniCKE, Lelirbuch der Gehirnkraükheiten. 101
„Kopfcongestion' vorangegangen. Mit dem Hinfallen stellte sich Erbrechen
ein und wiederholte sich mehrere Male, darauf wurde Pt. somnolent.
Status : Bleiches, farbloses, kaltes Gesicht, Ausdruck stumpfsinnig , Sprache
leicht behindert, Antworten langsam, erfolgen nur auf Rütteln oder wieder-
holtes Anschreien. Kein Kopfschmerz, aber Betäubungen, Blendungsgefühl
(eblouissements) ohne Ohrensausen und ohne Paraesthesien in den Extre-
mitäten. Zunge und Lippen etwas nach rechts abgewichen, Pt. kann aber
die Backen aufblasen. Bewegungen der Zunge, der Lider, der Extremi-
täten intact, indessen rechts der Händedruck vielleicht etwas schwächer.
Das Erbrechen hat sich noch einige Male wiederholt. Innere Organe ohne
Veränderung, Puls 56, schwach, Kältegefühl und objectiv fühlbare Kälte
am ganzen Körper. 10. November. Somnolenz hat angehalten ixnd
noch zugenommen, Körper etwas wärmer, die Extremitäten in vollkommener
Eesolution , schmerzhafte Eindrücke bleiben ohne Reaction. Aufgesetzt,
öffnet Pt. die Augen , welche starr bleiben , und kann auf Fragen nicht
antworten. P. 96, stärker, resistent. Pupillen sehr verengt, Starrheit der
Augen, Kiefer fest geschlossen. Auf wiederholtes starkes Kneifen der ge-
sunden Seite öffnet Pt. die Augen und blickt starr (regarde avec fixite).
Keine Erection. Pt. hat gestern nach der Visite rasch hintereinander
3 willkürliche Stuhlgänge gehabt und ist zu diesem Zwecke aufgestanden,
hat auch Urin gelassen. 11. November. Somnolenz nimmt zu. Pt.
öffnet die Augen, welche auf einen einzigen Punkt fixirt bleiben. Macht
kein Zeichen und keine Bewegung, wenn man ihn stark ruft oder rüttelt.
Indessen hat Kneifen auf beiden Seiten den Erfolg, dass er mit der linken
Hand Abwehr-Bewegungen macht. Derselbe stumpfe Gesichtsausdruck,
dieselbe Starrheit der Augen , Pupillen andauernd verengt , Kiefer auf
einander gepresst. Mund nicht mehr verzogen. Wangen lebhaft geröthet,
P. 80 — 84. Resp. ruhig. 12. November. Ziemlich gute Nacht,
Pt. hat oft und leicht getrunken , das Eis vom Kopfe abgewehrt. Am
Morgen : die Augen weniger fixirt (ont moins de fixite), aber es besteht
Taubheit. Mit der linken Hand wehrt Pt. Berührungen vom Gesicht ab
und fasst dahin, wo man ihn kneift, deckt sich auch zu, wenn man ihn
entblösst. Keine Kieferklemme mehr, Pupillen unverändert. Puls weich,
regelmässig, 96. Tod 6 Uhr Nm. nach einstündiger Agone.
Section. Araehnoidealflüssigkeit vermehrt. Alter apoplectischer
Herd von dunkel Chamoisfarbe, z. Th. zusammengesunken, in den linken
Stammganglieu, sein Durchmesser beträgt 3 cm in jeder Richtung. Beide
Seitenventrikel sehr stark durch Flüssigkeit erweitert. Im Oberwurra des
Kleinhirns ein kleiner apoplectischer Herd, kann eine kleine Haselnuss fassen,
mit erweichter Umgebung, seine vordere Grenze bilden die beiden Bindearme.
Bei der Abhebung der Oblongata von der unteren Fläche des Kleinhirns
stösst man auf ein enormes dunkles Blutgerinnsel , das den ganzen
4. Ventrikel einnimmt, ihn ausdehnt und sich bis in den Aquaeductus
102 "WernicKE, Lehrbiicli der Gehirnkranklieiten.
Sylvii hinein erstreckt. Dasselbe hängt mit einer grossen Blutung in der
rechten Kleinhirnhemisphäre zusammen und reicht klein Haselnuss gross in
die linke Hemisphäre hinein. Die Rückseite der Oblongata 2 mm tief
erweicht.
Michelet, nach Andral, 1. c. Ein junges Mädchen von 18 Jahren
hatte 2 Jahre vor ihrem Tode einen Anfall von Apoplexie gehabt , deren
Eesultat eine Amaurose ohne weitere Lähmung und ein fortwährender
Kopfschmerz war. Man fand bei ihr einen alten ajDoplectischeu Herd in
der rechten Hemisphäre des kleinen Gehirns.
XIII. Von den seltenen Fällen der Blutung in die Oblongata
ist eine Beobachtung Liouville's mitgetlieilt , die das schwere
Krankheitsbild, das dann vorliegt, gut wiedergiebt. Meist sind die
Erscheinungen noch schwerer , indem plötzlich momentan der Tod
eintritt, wie in der zuletzt mitgetheilten Beobachtung Charrier's.
Liouville, G-az. med. 22. 18 73. Ein vorher gesunder Mann fiel
plötzlich auf der Strasse um und wurde bewusstlos aufgehoben. Seine
Kleider verriethen , dass Erbrechen stattgefunden hatte. Vollständiger
Collaps, das Gesicht gedujisen, stertoröse Athmuug , Articulation erschwert,
Pupillen erweitert und reactiouslos. Gesicht glühend heiss , dagegen die
Extremitäten, besonders die unteren, sehr kühl. Tr. 40,2, P. ziemlich
kräftig 108. Blase ausgedehnt, kann willkürlich nicht entleert werden,
der Urin von 1015 sp. Gew. enthält grosse Mengen von Zucker und Ei-
weiss (5 Albumen und 6,25 Zucker auf 10 00). Die Blase füllt sich rasch
wieder. Pt. stirbt asphyctisch im Laufe des Tages.
Section. Mehrere kleine apoplectische Herde unter dem Boden des
4. Ventrikels im Calamus scriptorius. Ausserdem eine Blutung in der rechten
Hemisphäre , 3 Nuss grosse Apoplexien in den Lungen und kleinere
subseröse Blutungen.
Charrier, Gaz. des hop., 29. 1873 theilt einen Fall von Blutung
in die Oblongata mit , wo am 1 1 . Tage nach der Entbindung ohne alle
Vorzeichen momentan der Tod eintrat.
§. 41. Diagnose, Prognose, Therapie der Hirnlblntung.
I. Diagnose. Der apoplectische Insult ist ausser der
Hirnblutung nur noch der acuten Gehirnerweichung eigen, es handelt
sich also zunächst für die bei weitem grössere Mehrzahl der Hirn-
blutungen, welche mit Insult einsetzen, darum, den apoplectischen
Insult richtig zu erkemien. Der Insult kann mit folgenden Zuständen
verwechselt werden:
1) Dem Coma der Meningitis , in den Fällen, wo keine Ana-
mnese zu erlangen ist. Diese Verwechselung wird nur dann nahe
WernICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiteu. 103
liegen, wenn zugleich ausgesprochene oder angedeutete Hemiplegie
vorhanden ist, "^'as bei Meningitis nicht selten der Fall ist. Ge-
wöhnlich werden andere positive Anhaltspiuikte für die Diagnose.,
der Meningitis A'orhanden sein, und namentlich ist in dieser Hin-
sicht auf das Verhalten der Temperatur und des Pulses, auf etwaige
Stauungspapille, die der Meningitis eigene Jactation, den gespannten
Leib , den Nachweis von Hyperaesthesie der Haut und Muskulatur
zu achten. Auch etw'a vorhandene Steifigkeit des Rumpfes spricht
für Meningitis, während Kackensteifigkeit allein auch bei Blutungen
in der hinteren Schädelgrube beobachtet wird. Zu den positiven
Zeichen der Hirnblutung gehören Blutungen am Augenhint ergrunde,
in seltenen Fällen auch der Conjunctiven oder der Haut. Ein apo-
plectischer Insult ohne Hemiplegie (oder mehr als Hemiplegie)
kommt zwar vor , ist aber so selten , dass man diesen Fall für die
Diagnose vernachlässigen können wird. Von sonstigen Herd-
erscheinungen sind Augenmuskellähmungen und überhaupt periphere
Lähmungen der Gehirnnerven viel häufiger der ]\Ieningitis als den
Blutmigen eigen.
2) Mit dem paralytischen Anfalle, d. h. den bei progressiver
Paralyse vorkommenden apoplectiformen Anfällen, denen bei der
Section keine grobe Veränderung entspricht. Meist ist allerdings
das Bild des paralytischen Anfalles nicht das der Apoplexie, sondern
mehr das des epileptischen Anfalles. Aber auch in diesen Fällen
ist die Unterscheidimg von der Apoplexie um so wichtiger , als
unter Umständen statt des apoplectischen LisuUes ein epileptischer
Anfall die Hirnblutimg insceniren kann. Auch der paralytische
Anfall ist sehr oft von Hemiplegie begleitet und deswegen eine
Verwechselung mit Hirnblutung besonders naheliegend. Wo die
Anamnese fehlt, wird hier auch die Diagnose unmöglich sein; wo
sie aber vorhanden ist , sind gewöhnlich sichere Anhaltspunkte ge-
geben , die vor einer Verwechselimg schützen werden.
3) Mit den apoplectiformen Anfällen der senilen Gehirn-
atrophie. Auch hier ist die Anamnese der Hauptanhaltspunkt, ausser-
dem aber sind diese Anfälle nicht von Hemiplegie begleitet, und man
müsste daher die äussert seltenen Fälle, wo dies bei der Hirnblutung
der Fall ist, hier in Betracht ziehen. Das Bild dieser Anfälle, die
übrigens lange nicht so häufig vorkommen, wie der apoplectische
Insult oder der paralytische Anfall , ist an sich von dem des apo-
plectischen Anfalles verschieden, es sind mehr Synkopeanfälle.
Ganz ähnlich sind die comatösen Anfälle in den äusserst selten
104 WERyiCKE. Lelirbncii der Gehimkrauklieiten.
zwar, aber docli vorkommenden Beispielen von acutem idiopatliiscliem
Hjdroceplialiis, tlieils nacli Trauma, tlieils unbekannter Eutstebungs-
art, und übrigens von sebr viel scblecbterer Prognose, da sie meist
mit dem Tc'de endigen. Die serösen Apoplexien der alten Autoren
geboren zum Tlieil bierber . wäbrend ein anderer Tbeil , wie sebon
Abercrombie annabm. wobl als Todesfälle im epileptiscben
Anfalle aufzufassen sind.
4_.f Der epileptiscbe Anfall kann in einfaeber Bewusstlosigkeit
besteben, oder Zuckmigen nur so spurweise vorbanden sein , dass
sie überseben werden. Ist ein solcber Anfall der erste überbaupt
beobachtete, so sind aucli die sonst rorbandenen Anbaltspunkte
dui'cb die Anamnese nicbt zu verwertben. Die Diagnose ist dann
scbwierig; docb bat man darin einen Anbaltspunkt, dass in diesen
Fällen von Epilepsie eine extreme Blässe des Gesiebtes die Regel
ist, wäbrend beim apoplectiscben Insult, wenigstens dem rascb ein-
tretenden, der bier allein in Betracbt kommt, das Gesiebt gerötbet
oder leicbt livide ist. Für vorangegangene Convulsionen giebt
übrigens der Xacbweis von Bisswunden der Zunge mid der Lippen
einen guten Anbaltspunkt. Sonst ist nocb das Felilen von Hemi-
plegie in dem scbon oben erörterten Sinne verwertbbar.
Ist der apoplectiscbe Insult constatirt, so ist immer nocb die
Differentialdiagnose zwiscben Hirnblutung und
Hirn erw eicliung zu stellen. Der Insult selbst liefert dafür
nur wenige verwertbbare Zeicben: ein beisses congestionirtes
Gesiebt, heftig klopfende Carotiden. etwaige Blutungen am
Augenbintergrunde sprechen für die Hirnlilutung. Gewöhnlich
müssen die Anhaltspunkte für eine Diagnose in anderen Um-
ständen gesucht werden. Der Nachweis eines Klappenfehlers
und überhaupt emer Quelle der EmboHe für den grossen Ki-eis-
lauf spricht für Geliii-nerweicbung oder vielmebi' GehimemboHe,
da ja die Erweichung erst eine spätere Folge ist. Vorhandene
chronische Nephritis spricht erfabrmigsgemäss für Hirnblutung,
Herzhjpertrophie und gespannter Puls sind ihre sofort wahr-
nehmbaren Indicien, hauptsächlich aber der Xachweis von
Albuminurie und reichlicheren Cjlindern. Sehr vorgeschrittener
atheromatöser Process spricht unter sonst gleichen Umständen fiü'
Gehirnerweichung, selbst bei nachweisbarer massiger Hypertrophie
des linken Yenti-ikels. Ebenso verhält es sich mit der Hypertrophie
des linken Ventrikels, die sich in Folge von Klappenfehlern entwickelt
WeRNICKE. Lelirbuch der Gehirukranklieiten. 105
hat. aber freilich fehlen in Leiden Fällen nicht Beispiele von Hirn-
Llutnns:. Blosse Dilatation und Scliwäclie des Herzens und Herz-
verfettung spricht im gegebenen Falle für Hirnerweichmig. Man
'vrird zufi'ieden sein müssen . wenn man etwa in der Hälfte der
Fälle zu einer richtigen Diagnose zwischen einer Hirnblutmig und
Hirnerweichuug gelangt , in der anderen Hälfte der Fälle ist sie
überhaupt mimöglich. weil in beiden Krankheiten die Bedingungen,
die dazu führen , in den senilen Veränderungen des Organismus
Ijeruhen.
Wo kein Insult stattgefunden hat , ist das plötzliche Einsetzen
Ton Herdsymptomen , welche dann unverändert bleiben oder
meistens sich bis zu einem gewissen Grade bessern , ebensowohl
für die Hirnblutung wie für die Hirnerweichung charakteristisch,
die Diagnose zwischen diesen beiden Fällen kann nur mit Hülfe
der oben gegebenen Anhaltspunkte gemacht werden.
Für die Diagnose des Sitzes der Blutung kommen die All-
gememerscheinungen nur soweit in Betracht, als der Insult bei Durch-
bruch in die Ventrikel und im Bereiche der hinteren Schädelgrube eine
von der gewöhnlichen verschiedene Färbimg annehmen kann, für ge-
wöhnlich sind allem die Herdsymptome zur Entscheidung dieser Frage
zu verAvenden. Zunächst wird immer zu entscheiden sein, ob die vor-
handenen Herdsymptome directe oder indirecte sind. In dem ge-
wöhnlichen Falle , dass es sich im.i eine Hemiplegie handelt , sind
gewisse Combinationen in dieser Hinsicht zu verwerthen. So
deutet frühzeitige , d. h. im Anfalle selbst aufgetretene Contractur
der gelähmten Exti-emitäten entweder auf Durchbruch in den
Ventrikel oder auf directe Läsion der Pyramidenbahn, seitliche Ab-
lenkung des Kopfes mid der Augen, oder letzterer allein, nach der
Seite der Hemiplegie deutet auf Blutung im Gebiete der hinteren
Schädelgrube oder Durchbrach in den Ventrikel, Ablenkung nach
der entgegengesetzten Seite dagegen auf die eigentlichen Hemi-
sphären. Etwaige Seitenzwangslage ist ebenfalls am häutigsten bei
Affection der liinteren Schädelgrube. Abgesehen von diesen An-
haltspmikten kommt es zur Beurtheilung der Frage, ob die Hemi-
plegie direet oder indirect ist , hauptsächlich darauf an , unter
welchen Allgemeiners cheinmi gen sie eingetreten ist. Hat ein Insult
total gefehlt, so ist mit grosser Sicherheit darauf zu rechnen, dass
die Hemiplegie entweder direet ist oder einer directen sein- nahe
steht, war dagegen ein ausgeprägter Insult vorhanden, so kann die
106 WER>aCKE, Lehrbiicli der Gehirnkranklieiteii.
Hemiplegie eben so gait direct als indireet sein. Hat man Grund
zu der Annahme, dass die Hemiplegie eine indirecte ist, so lassen
sich geTVöhnlich schon nach Ablauf weniger Tage in der Gruppi-
rung und dem Vorwiegen gewisser Symptome Anhaltspunkte ge-
winnen, welche annähernd auf den Sitz des Herdes schliessen lassen;
es handelt sich dann darum, ob die Hemianaesthesie erhebhch ist^
ob Hemiopie besteht u. dgl. mehr. Steht mau einer directen
Hemiplegie gegenüber, so sind von vorn herein die Eigenthümhch-
keiten, welche dieselbe je nach dem verschiedenen Sitze der Läsion
hat, ausgeprägt vorhanden mid veinverthbar. Man vergleiche ferner
noch die im semiotischen Abschnitte des ersten Theiles erörterten
Localzeichen der Hemiplegie.
n. Die Prognose der Hirnblutung richtet sich in erster Linie
nach dem Modus des Insidtes. Der rasche Insult von kui'zer Dauer ge-
stattet qiioad vitam eine günstige Prognose; hält das Conia sehr
lano-e an , so verschlechtert sich die Proa'nose, und bei mehr als
2tägiger Dauer ist ein günstiger Ausgang kaum mehr zu hoffen.
Der langsame Insult endigt gewöhnlich mit dem Tode. Fast sicher
kann man diesen Ausgang auch annehmen, wenn die Symptome
eines Durchbruchs in die Ventrikel vorhanden sind , und sehr un-
günstig ist die Aussicht einer doppelseitigen Hirnblutmig. Auch
wenn die Blutimg im Bereich der hinteren Schädelgrube ihren Sitz
hat, schwebt der Kranke in steter Lebensgefahr, am günstigsten ist
hier noch die Blutimg des Kleinhirns. Der Befund von Eiweiss
und Zucker im Urin während imd in der ersten Zeit nach dem An-
falle giebt ebenfalls eine schlechte Prognose, Ist der Insult über-
standen, so können noch in der darauf folgenden ersten und zweiten
Woche Ereignisse eintreten, welche das Leben in Gefahr bringen.
In diese Zeit trifft der maligne Decubitus sowie die acuten Gelenk-
entzündungen auf der Seite der Hemiplegie. Unabhängig von
solchen Zufällen kann sich ein ungüustiger Ausgang durch plötzliches
rasches Ansteigen der Temperatur ankündigen, der gleichmässige
Gang der Temperatur ist daher ein wichtiger Anhaltspunkt für die
Prognose.
Die Prognose der Herdsymptome richtet sich darnach,
ob dieselben als directe oder indirecte aufzufassen sind, und ist um so
ungünstiger, je geringer die Allgemeinerscheinungen waren, unter
denen sie eingetreten sind. Für die directen Herdsymptome ist
nur in folgenden Fällen ein Ausgang in Heilung möglich:
WernicKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiteu. 107
1) Im Falle einseitiger Facialis- und Zungenlälimung (Facio-
lingualgebiet). Diese Lähmung pflegt allmählich dadurch ausge-
glichen oder wenigstens sehr vermindert zu werden, dass die andere
Hemisphäre die Innervation übernimmt. Selbst die motorische
Aphasie kann ausnahmsweise ausgeglichen werden, nachdem sie
Jahre lang bestanden hat, wenn der Kranke geistig so leistungsfähig
geblieben ist, dass er es fertig bringt, von neuem sprechen zu
lernen. Ein Beispiel der Art ist Th. I, S. 209 schon erwähnt,
wo es mir unzweifelhaft ist, dass die immerhin sehr- unvoll-
kommene Sprache von der rechten Hemisphäre executirt wurde.
2) Im Augengebiete, wenn sehr lange anhaltende seitliche Ab-
lenkung durch Läsion des unteren Scheitelläppchens besteht, kann
ebenfalls die andere Hemisphäre eintreten, unter derselben Voraus-
setzung erhaltener Leistungsfähigkeit des Gehirns.
3) Monoplegien, sei es des Facio-Lingualgebietes mit Einschluss
der Broca'schen Windung, sei es des Armes oder des Beines,
können ausserdem dadurch eine Ausgleichung finden , dass die
Blutung, welche sie verursachte, das betreffende Rindengebiet oder
die dazu führende Faserung nicht vollständig zerstört hat und somit
die Möglichkeit des Ersatzes durch Erwerbung neuer Lage-, Tast- und
Bewegmigsvorstellungen gegeben ist (man vergl. Th. I, §. 20).
Die Bedingung ist hier selbstverständlich , dass das traumatische
Moment beim Einsetzen der Blutung nicht so erheblich war, dass
es die Function der Nachbarschaft dauernd vernichtete; ausserdem
muss eine Möglichkeit der Uebung, sei es diircli Reflexe, sei es
eventuell durch passive Bewegungen oder durch künstliche Erregung
von solchen vermittelst der Electricität gegeben sein, da sonst die
einfacheren Gefühle und Vorstellmigen, aus welchen erst neue Tast-
und Bewegungsvorstellungen sich bilden können, nicht zu Stande
kommen.
III. Der Therapie der Hirnblutung fallen zwei ganz verschie-
dene Aufgaben zu, je nachdem dieselbe die Allgemein er seh einungen
oder die Herdsymptome der Hirnblutung zum Gegenstande haben.
Sind sogen. Prodrome, d, h. Insulte geringeren Grades vorgekommen,
so wird sich eine wirksame Prophylaxis zur Verhütung ernsterer In-
sulte üben lassen , und zwar besonders an Individuen , bei denen
eine etwaige Herzhypertropliie oder Nierenschrumpfung die Dispo-
sition gerade zum Auftreten einer Hirnblutung erweist. Bei solchen
Personen werden alle Anlässe, welche zu gelegentlicher Steigerung
108 WERNICKE, Lehrbucli der Gehirnkrankheiten.
des Arteriendruckes im grossen Kreisläufe führen können, aufs
Aengstlicliste zu vermeiden sein ; dahin gehören körperliche An-
strengungen. Grenuss von vSpirituosen , starkem Kaffee und anderen
Excitantien, heftige G-emüthsloewegungen, Stuhlverstopfung, letzteres
l)esonders dadurch, dass der Stuhlgang unter starkem Pressen er-
folgt, auch der CoitiTS wird älteren Herren leicht auf diesem Wege
gefährlich. Abgesehen von der Vermeidung von Schädlichkeiten
wird man durch Abführkuren auch medicamentös einwirken können;
unter Umständen, und zwar besonders wo gewohnheitsmässig schon
vorher Blutentziehungen angewandt wm'den, wird man selbst einen
Aderlass bei kräftigen Constitutionen nicht zu scheuen haben.
Ist ein ausgeprägter Insult vorhanden, und ist darüber Sicher-
heit zu erlangen, dass eine Hirnblutung und nicht etwa eine Hirn-
erweichung vorliegt, so ist in den allermeisten Fällen die Zeit des
Eingreifens schon vorüber, indem die Blutung selbst längst zum
Stehen gekommen ist. Man wird dann nur dafür zu sorgen haben,
dass die Blutung nicht wiederkehrt , absolute Ruhe bei hoch ge-
lagertem Kopf wird hierbei die Hauptsache sein, demnächst Sorge
für glatte Stuhl entleerung , Fernhalten aller Reize , bei conges-
tionirtem Kopf die Anwendung der Eisblase und Ableitung auf den
Darm durch reizende Clystiere oder innerliche Anwendung der
Drastica. Die Diät wird ebenfalls in den nächsten Tagen mög-
lichst reizlos und knapp gehalten werden müssen. Gregen die
schweren Erscheinungen , die den Durchbruch in die Ventrikel,
Blutungen in den Pons u. dergl. mehr begleiten , ist direct nichts
zu thun. Wenn hier der ungünstige Ausgang nahe bevor zu stehen
scheint, so wird man selbst gezwungen sein, noch Excitantien zu
versuchen, aber stets mit grosser Vorsicht dabei verfahren müssen.
Bei der langsamen Form des Insultes erscheint ein ausgiebiger
Aderlass, hinreichend, um den Gefässdruck merklich herabzusetzen,
durchaus rationell und das einzige Mittel , um das Andauern der
Blutung zu verhindern. Einen Erfolg wird man davon nm- dann
erwarten können , wenn gleichzeitig in der rigorosesten Weise auf
absolute Ruhe und Fernhalten aller Reize gehalten wird. Locale
Blutentziehungen am Kopfe sind unter allen Umständen contra-
indicirt, da sie mehr zu Schwankungen des Blutdruckes, als zu
dauernder Herabsetzung desselben führen werden , gerade Schwan-
kungen desselben sind aber hier am gefährlichsten.
Aus letzterem Grunde hat man sich auch zu hüten, den
Kranken vorzeitig aus dem Coma oder Sopor zu erwecken. Es ist
Wernicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. lOJ
am gerathensten, wenn Respiration und Pulsbeschaifenheit keine un-
mittelbare Gefahr anzeigen , derartige Versuche nicht erst anzu-
stellen, sondern die spontane Wiederkehr des Bewusstseins alDzu-
warten. In keinem Falle darf das Anrufen, Rütteln, die Application
von schmerzhaften Reizen , welche nöthig sind , um sich über den
Grrad der Bewusstseinsstörung und den sonstigen Status zu infor-
miren, in brüsker, rücksichtsloser Weise geschehen. Eine besondere
Sorgfalt ist von vornherein dem Lager des Kranken zuzuwenden, die
Unterlage stets trocken und straff gespannt zu erhalten, um die Ge-
fahren eines möglichen langen Bettlagers so sehr es geht zu vermindern ;
besonders kommt der maligne Decubitus in dieser Beziehung in Betracht.
Die Behandlung der Herds jmptome kann erst dann in An-
griif genommen werden, wenn die Gefahren des Insultes beseitigt sind,
Sie kann immer nur eine symptomatische sein, ist aber nichts desto
weniger sehr häufig von gutem Erfolge. Namentlich bei indirecter
HemijDlegie führt die locale Faradisation der gelähmten Glied-
maassen oft überraschend schnell zu vollkommener Restitution,
während die spontane Rückbildung oft nicht in der Weise, wie man
es erwarten sollte, vor sich geht. In anderen Fällen freilich ver-
gehen die indirecten Herds jmptome ziemlich rasch auch ohne jede
Behandlung. Bei directer Hemiplegie ist die locale Faradisation
nicht minder von Erfolg begleitet, sie befördert hierbei die Rück-
kehr der Beweglichkeit, soweit eine solche überhaupt noch möglich
ist. Sie beseitigt oder mindert wenigstens die Beschwerden der
Contractur, nachdem dieselbe sich in den gelähmten Gliedmaassen
etablirt hat, und die günstigen Erfolge, die man hierbei hat, lassen
sogar darauf schliessen , dass das Einti^eten derselben durch recht-
zeitige Application des faradischen Stromes ganz verhindert werden
kann. Da die Contractur bei den Ki-anken der Art grade dasjenige
ist, was ihnen die meisten subjectiven Beschwerden verursacht, so
wird man diese Wirkung der Therapie nicht gering anschlagen dürfen.
Eine andere Indication für die Anwendung der localen Fara-
disation ist in den Fällen gegeben, wo die Lähmung zwar directes
Herdsymptom ist, aber die Möglichkeit des Ersatzes durch Ein-
treten benachbarter Rindenterritorien gegeben ist, (s. oben S. 107),
also vorzüglich bei Blutungen in die motorische Region des Hirn-
mantels. Hier leistet die Faradisation den unschätzbaren und auf
keine andere Weise zu erreichenden Dienst , dass die durch den
Strom ausgelösten kräftigen Muskelcontractionen zuMuskelgefühlen und
Erwerbmig entsprechender Lagevorstellungen etc. Gelegenheit bieten.
IL Abschnitt.
Die Hirnerweicliiing\ Enceplialomalacie.
§. 42. Aetiologie.
Unter HirnerTreicliung versteht man die in Herden auf-
tretende Nekrose des Hirngewebes. Ihre gewöhnliche Ursache ist
die Absperrung der arteriellen Blutzufuhr, sie kann aber ausserdem
traumatisch , durch mechanische Zertrümmerung , und möglicher-
weise durch eine selbstständige Entzündung bedingt sein. In keinem
Falle hat sie mit der zur Eiterung führenden acuten Encephalitis,
dem Grehirnabscess, etwas zu schaffen, obwohl es früher allgemein
üblich war. den Xamen der Encephalitis ausser auf den Hirnabscess
auf alle Formen der Hirnerweichung anzuwenden.
I. Die traumatische Gehirnerweichung hat keine
selbstständige Bedeutung. Sie findet sich beispielsweise in den
Fällen traumatischer Grehirnblutim^, die mit einer Zertrümmerung
des Gewebes, sei es direct an dem Orte der einwirkenden Gewalt,
sei es an den dem Anprall der Cerebrospinaltlüssigkeit am meisten
ausgesetzten Stellen, verbunden sind. Man vergleiche hierüber
§. 35 u. 36. Bei der spontanen Hirnblutung wird ganz gewöhnlich die
dem Blutherde nächst angrenzende Schicht des Gehirns im Zu-
stande dieser traumatischen Erweichung angetroffen. Diejenigen
indirecten Herdsymptome , welche sich als dauernd herausstellen,
wie wir deren z. B. bei Blutmigen in den Sehhügel kennen ge-
lernt haben , beruhen auf dieser traumatischen Form der Er-
weichung, und wir hatten schon oben hervorgehoben, dass an einer
materiellen Begründung derselben nicht zu zweifeln und es daher
vielleicht nicht mein- gerechtfertigt ist, sie noch als indirecte Herd-
symptome zu bezeichnen. Xach den oben in §. 39 entwickelten
Gesichtspunkten wird natürlich auch die Ausdehnmig dieser trau-
matischen Erweichuno- von der Höhe des ti'aumatischen Momentes
abhängio; sein.
Um diesen Gegenstand zu erledigen, müssen wir für einen
Augenblick unser Thema der herdweisen Erweichung verlassen und
in's Auo-e fassen . dass es auch eine moleculäre Nekrose der Ge-
Wernicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 111
-wel^sbestancltheile giebt, und dass bekanntermaassen vorzüglich das
eigentliche Parenchjm der Gewebe dieser Nekrose anheimfallen
kann, durch Anlässe irgend welcher Art, denen das bindegewebige
Stroma der Organe noch Widerstand leistet. Eine Nekrose von
Nervenfasern und Nervenzellen kann daher vorhanden sein , ohne
dass ein Erweichungsherd vorliegt, sie kann auf demselben Wege
wie dieser letztere zu Stande kommen und sich der makroskopischen
Feststellung vollständig entziehen; auch mikroskopisch wird ihr
Nachweis oft noch schwierig sein, sobald die der Nekrose ver-
fallenen Elemente sich nur in vereinzelten Individuen imd ein-
gestreut in die intact gebliebene Hauptmasse der Nervensubstanz
vorfinden. Man wird sich vorstellen müssen, dass die Nekrose nur
der Ausdruck der dauernden Functionsunfähigkeit des betreffenden
Elementes ist, der höchste Grad der durch das Trauma an ihm
bewirkten molekularen Veränderung, dass aber eine vorübergehende
Functionsunfähigkeit auch in Nervenelementen bestanden haben
kann, die nicht bis zur Nekrose gelangten. Die anscheinend gesunde
Umgebung vereinzelter nekrotischer Individuen wird oft gerade in
diesem Maasse betroffen gewesen sein. Wir bekommen so von der
Wirkung des Traumas auf die Umgebung der Hirnblutung eine
vollständig befriedigende, mit den klinischen Thatsachen harmonirende
Vorstellung, gewinnen für einen Theil der indirecten HerdsjTuptome
eine anatomische Begründung und verstehen die vielfachen Ab-
stufungen, welche sie an Intensität und Dauer darbieten. Dass die-
selben Verhältnisse auch auf den Insult anwendbar sind, wäre nach
dem Gesagten überflüssig noch näher zu begründen. Die grosse
Tragweite der Forschungen Weigert's, welcher zuerst den Nach-
weis führte, dass die primäre Nekrose der Gewebseleniente bei einer
Reihe von Krankheitsprocessen die Hauptrolle spielt, stellt sich gerade
auch bei den Krankheiten des Nervensystems eclatant heraus.
II. Diejenige Form der Gehirnerweichung, für welche eine
entzündliche Genesis nicht ausgeschlossen ist, ist zweierlei Art.
Einmal ist es die chronische progressive Gehirnerweichung, welche
in §. 45 besonders abgehandelt wird, weil sie auch klinisch von
dem Durchsei inittsbilde der Gehirnerweiclumg durchaus verschieden
ist. Ausserdem gehört hierher die hämorrhagische Poliencephalitis
superior, das Analogon der progressiven Bulbärparalyse im Gebiete
der Augenmuskelnerven; sie ist in §. 47 abgehandelt. In beiden
Fällen stimmt zwar der anatomische Befund mit dem der sewöhn-
112 Wernicke, Lehrbiicli der Gehirnkrankheiten.
liehen Geliirnenveicliiing vollständig überein, es fehlt aber dabei
der Nachweis der ArterienYerstopfung oder überhaupt der Gefäss-
erkrankimg , welcher sonst immer erbracht werden kann. Haupt-
sächlich aber ist es die Analogie mit der Myelitis , welche dazu
nöthigt, die entsprechenden Krankheitszustände des Grehirns als ent-
zündliche zu betrachten. Auch die Myelitis ist in derjenigen Form,
welche sich als herdweise Erweichung präsentirt , eine Nekrose des
Nervengewebes ohne diejenigen Veränderungen an den Gelassen,
welche sonst als Ursachen der Nekrose bekannt sind, und Niemand
zweifelt daran, dass sie entzündlichen Ursprungs ist. Ebenso ver-
hält es sich mit den verschiedenen Formen der Poliomyelitis, sei es
der acuten oder der subacuten oder der chronischen. Das Haupt-
wesen derselben besteht immer in dem Untergange der Ganglien-
zellen, und dieses Ergebniss bildet zweifellos den Ausgang entzünd-
licher Veränderungen. Die analogen Vorgänge im Gebiete der
motorischen Gehirnnervenkerne werden deshalb mit Eecht als
Poliencephalitis bezeichnet werden, eine inferior, meist chronisch
ablaufende im Gebiete der Bulbärnerven , eine superior , acut
verlaufende und, wie wir sehen werden, hämorrhagische im Gebiete
der Augenmuskelnerven.
HI. Bei weitem häufiger ist die Ursache der Gehirnerweichmig
bekannt und liegt in der Absperrung der arteriellen Blutzufuhr
durch Embolie , Thrombose und obliterirende Arteriitis. Das
seiner Ernährimgsflüssigkeit beraubte Gehirngebiet wird da-
durch zum Absterben gebracht, ebenso wie Gangrän an
einer Extremität eintritt, deren zuführende Arterien sämmtlich
verstopft oder unterbunden werden. Wie aber zur Ausbildung
der Gangrän eine gewisse Zeit erforderlich ist , innerhalb
deren bei Wiederherstellung der Blutzufuhr auch eine Wieder-
herstellung der Function möglich ist und das Absterben verhütet
werden kann, so ist es auch bei dem Gehirn, und es ist aus
diesem Grunde das Eintreten der Arterienverschliessung und das der
Gehirnerweichung als zwei zeitlich verschiedene Momente aus-
einander zuhalten. Wir werden sehen, dass auch klinisch diese
Unterscheidung nothwendig ist.
Fassen wir zunächst die Embolie der Gehirngefässe ins Auge,
so sind hier zwei Fälle zu unterscheiden, je nachdem der Embolus in
eine Endarterie oder in eine solche gerathen ist, welche durch aus-
giebige Anastomosen mit anderen Arteriengebieten communicirt. In
Werxicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. llo
letzterem Falle ist nach C o Im heim der nächste EiFect der Embolie
eine Erweiterung der collateralen Arteriengebiete und der vorhandenen
Anastomosen, und es findet in kurzer Zeit eine Ausgleichung der
Verstopfung statt, indem das peripher von dem Embolus gelegene
Arteriengebiet von der Nachbarschaft aus mit circulirendem Blute
erfüllt wird. Nach den in §. 48 zu schildernden Verhältnissen der
Gefässvertheilung wird dieser Fall überhaupt nur eintreten können
im Gebiete der den Hirnmantel versorgenden Arterienstämme , und
auch hier liegen die Verhältnisse für die Wiederherstellung der
Blutzufuhr nicht besonders günstig. Die Verbindung der ver-
schiedenen Gefässbezirke unter einander durch etwas stärkere
Anastomosen, deren Vorhandensein man nach Heubner zugeben
wird, ist keines Falls reichlich , es würden sonst nicht so häufig,
wie es in Wirklichkeit der Fall ist , Erweichungen beschränkter
Rindengebiete durch Embolie ihrer zuführenden Arterien statt-
finden können. Die Ausgleichung wird hauptsächlich auf das in
der Rinde selbst gelegene, von Dur et nachgewiesene feine
arterielle Gefässnetz angewiesen sein. Auch die Leistungsfähigkeit
dieses Netzes erscheint dadurch eingeschränkt, dass die feinen
Arterien, die es zusammensetzen, der Adventitia entbehren, nur von
einer schmalen Lymphscheide bekleidet sind und deshalb einen ge-
ringen Spielraum für ihre Erweiterung besitzen. Wo durch Schwund
der Gehirnsubstanz eine pathologische Erweiterung der perivas-
culären Lymphräume entstanden ist, wie bei seniler Gehirnatrophie,
werden die Verhältnisse in dieser Beziehung günstiger liegen. Die
Erfahrung , dass in Folge von Embolie eines grösseren Arterien-
zweiges oft nur die centrale Partie des von ihm versorgten Gehirn-
gebietes der Nekrose verfällt und einen Erweichungsherd bildet,
macht es äusserst wahrscheinlich, dass das in der Rinde selbst be-
findliche arterielle Gefässnetz wirklich die Hauptbahn für die
Wiederherstellung der Circulation bildet. Wäre das Bestehen zahl-
reicher gröberer Anastomosen die Regel , so wäre diese
Thatsache ganz unverständlich , sie findet aber ihre einfache Er-
klärung darin, dass das arterielle Rindennetz der benachbarten
Territorien von allen Seiten zwar eine gewisse Strecke des ischä-
mischen Gebietes versorgen kann, seine Leistmigsfähigkeit jedoch
sich nicht bis auf weitere Entfernungen erstreckt.
Ist der Embolus in eine Endarterie gerathen , so ist Nekrose
des ganzen von ihr versorgten Gebietes und ein entsprechend aus-
gedehnter Erweichungsherd die unausbleibliche Folge. So verhält
Weruicke, Lelirbuch der Gehirnkrankheiten. U. ö
114 Weenicke, Lehrbuch dei- Gehirnkrankheiten.
€s sich bei den Arterien des Hirn Stammes, welche ans den grossen
Gefässstämmen der Hirnbasis , dem Circulus Willisii und den An-
fangsstücken der grossen Gehirnarterien in die Gehirnsubstanz ein-
dringen. Die Embolie eines Hauptastes, wie z. B. einer Arter. f. S.,
welche etwa den vierten Theil des Gehirns mit Blut versorgt, wird,
wenn sie jenseits des Circulus Willisii stattgefunden hat , in keinem
Falle eine vollständige Ausgleichung zulassen, da die praeformirten
Wege hierfür ganz unzureichend erscheinen. Soweit hier überhaupt
eine Ausgleichung erfolgt , wird sie sich auf das Gebiet des Hirn-
mantels beschränken, und die in den Stamm eindringenden Arterien
bleiben von der Circulation ausgeschlossen. Nur wenn der Embolus
noch rechtzeitig durch das andrängende Blut weiter nach der
Peripherie geschoben wird, kann hier für den Stamm eine Resti-
tution erfolgen und unter Umständen auf demselben Wege auch ein
Theil des Rindengebietes für den Blutstrom wieder zugänglich
werden.
Die Embolien finden mit Vorliebe in bestimmte Gefässbezirke
hinein statt. So scheint es festgestellt, dass etwas häufiger die
linke Carotis, als die rechte den Weg zur Embolie abgiebt. Von
den Endästen der Carotis ist es vorwiegend die Art. f. S.,
welche betroffen wird, und zwar ist es die Regel, dass der Embolus
bis über den Circulus Willisii hinausgelangt. Im Vertebralisgebiet
gehört eine Embolie zu den Seltenheiten.
Die Ursachen der Gehirnembolien sind dieselben, welche auch
den Embolien anderer Organe zu Grunde liegen. Ueberwiegend
häufig sind sie in den centralen Abschnitten des grossen Kreis-
laufes selbst enthalten , seltener entstammen sie dem Gebiete
des kleinen Kreislaufes und zwar nur dann, wenn geschwürige
Processe in der Lunge vorliegen mid Partikel chen in das Gebiet
der Lungenvenen fortgeschwemmt werden. Dies ist z. B. der Fall
bei ulcerativer Bronchitis , bei der Cavernenbildung der Phtisiker
und bei Lungengangrän. Gewöhnlich handelt es sich um Er-
krankungen des linken Herzens , acute und chronische Endocarditis
und Klappenfehler am Mitral- oder Aorten- Ostium. Bei Herz-
verfettung oder überhaupt Herzschwäche können die mit Vorliebe
im linken Herzolu' sitzenden Herzthromben oder Herzpoljpen die
Quelle der Embolie werden. Sonst sind namentlich Aneurysmen
der aufsteigenden Aorta und atheromatöse Geschwüre des bis zum
Ursprung der Carotiden resp. Vertebrales sich erstreckenden Ge-
bietes der Aorta, Anonyma oder Subclaviae hierher zu rechnen.
WerniCKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 115
Bekanntlich bilden die Arterienstämme der Geliirnbasis eine
Prädilectionsstelle für den atheroraatösen Process und finden
sich bisweilen allein erkrankt, ohne dass selbst die Aorta an der
Erkrankung theilnimmt. Die in diesem Gebiete liegenden athero-
matösen Geschwüre werden ebensowohl wie die der Aorta eine
Quelle der Embolie sein, und es ist deshalb verkehrt, den athero-
matösen Process der Gehirnarterien so ausschliesslich , wie man es
bisher gethan hat, mit der autochtonen Thrombose in Beziehung zu
bringen. Einzig bei L a b o r d e ist auf diesen Entstehungsmodus
der Embolie hingewiesen ; er soll besonders im Alter vor 40 — -55
Jahren eine Rolle spielen , wo die feineren Gehirnarterien noch
frei , aber die Gefässstämme der Basis häufig schon ergriffen
sind. In allen diesen Fällen ist der gewöhnliche Modus , durch
welchen das embolische Material gebildet wird , der , dass sich an
den ihres Endothels beraubten oder verkalkten Stellen der Gefäss-
wand Fibringerinnsel niederschlagen , welche dann von dem Blut-
strom mitgerissen und in die Gehirngefässe verschleppt werden.
Viel seltener besteht das embolische Material aus dem Inhalt selbst
von sogen, atheromatösen Geschwüren oder den Zerstörungen
der ulcerativen Endocarditis. Da dieser Inhalt aus einem feinen
Detritus besteht, so giebt er meist nur zu sogen, capillaren Em-
bolien Anlass und nicht zu einem grob sichtbaren Embolus in
einem grösseren Gefäss. Dafür ist die Embolie häufig sehr weit
verbreitet und kann beispielsweise auch in die Artt. centrales
retinae stattfinden und doppelseitige Neuritis optici erzeugen.
Stephen Mackenzie*) und Broadbent**) haben dieses Vor-
kommniss bei ulceröser Endocarditis beobachtet. Der Rheuma-
tismus articulorum acutus ist eine häufige Ursache der Hirn-
embolie , bekanntlich vermittelst der Endocarditis, welche sich so
häufig während dieser Krankheit oder nach ihrem Ablaufe
entwickelt. Wenn inficirte Emboli in das Gehirn gelangen,
so haben sie ausser der mechanischen Wirkung der Verstopfung
und der event. darauf folgenden Nekrose noch die specifische des
Giftes , mit dem sie beladen sind. So entstehen jauchige Er-
weichungen des Gehirns in Folge von Lungenbrand, Abscesse ent-
wickeln sich bei ulcerirender Endocarditis und Bronchitis.
Bezüglich der Localität der Erweicliung im Gebiete der Art. f. S.
sind die folgenden 3 Fälle sehr instructiv. In dem ersten von Gallen der
*) Brain, 1878.
**) Transactions of the clin. society vol. IX, S. 68.
8*
116 WerNICKE, Lehrbiicli der Gehirnkrankheiten.
hat die Arterieuverstopfnug in zwei Schüben stattgefunden, das erste Mal
war sie ausgleichbar, das zweite Mal verursachte sie eine totale Erweichung
ihres ganzen Ausbreitungegebietes, und nur der Grad der Erweichvxng ist
im Stamm- und Mantelgebiete verschieden. Im zweiten Falle von P r e v o s t
und Cotard sitzt das G-erinnsel ebenfalls im Anfangsstücke der Arterie,
erweicht ist aber nur das Stammgebiet, der Hirnmantel ist intact. Im
dritten Beispiele beschränkt sich die Erweichung auf die centrale Partie
des Eiudengebietes, die Fossa Syh'ii und ihre nächste Umgebung ; vom
Stammgebiete ist ein Theil ebenfalls verschont geblieben. Der Fall bietet
noch ein anderes Interesse, indem er zu den seltenen Beispielen motorischer
Aphasie durch Läsion der inneren Kapsel gehört.
Callender. 1. c. F. 51. 39jähr. Frau. Vor 2 Jahren links-
seitige Hemiplegie , war vollständig zurückgegangen. Bei Aufnahme
linkss. Hemiplegie seit 6 Wochen, mit Beeinträchtigung der Sensibilität.
Arm und Finger in Beugestellung. Bei Bewusstsein vmd bis zuletzt der
Sprache mächtig.
Section. Verstopfung der rechten Art. f. S. Fast die ganze
vordere Hälfte der rechten Hemisphäre weich und zerfliesslich , besonders
der Streifeuhügel , während die äusseren Theile relativ fest sind. Die
Piagefässe oberhalb der Erweichung auffallend leer.
Prevost und Cotard. Etudes physiologiques et pathologiques sur
le ramollissement cerebral. Paris 1866. Beob. 5. Sljähr. Frau. Links-
seitige Hemiplegie mit Insult, Tod nach 4 Tagen.
Section. Die rechte Art. f. S. zeigt jenseits einer atheromatösen
Ablagerung ein dunkles, ziemlich festes Gerinnsel, welches, 1 cm laug, bis
zur TheilungssteUe reicht und sogar, sich theilend, in 2 Aeste ^1^ cm
lang sich fortsetzt. Die Arterien sind an dieser Stelle vollkommen obliterirt.
Die Hirnoberfläche ist vollständig intact, auch die Inselrinde. Ein Er-
weichungsherd vom Umfang einer grossen Nuss nimmt fast das ganze
Corpus striatum, mit Ausnahme seines vordersten Theiles, ein. Thalamus
opticus gesund. Beginn von Körnchenzellenbildung , feine Fettkörnchen
ziemlich reichlich. Der Herd ist röthlich, ohne nachweisbaren Blutaustritt.
In der Aorta ein atheromatöses Geschwür.
Prevost und Cotard. 1. c. Beob. 14. 6 7 jähr. Frau. Seit 2^2
Jahren rechtsseitig hemiplegisch und aphasisch. Die Lähmung der Extremi-
täten ist vollständig. Contractur nur an den Fingern bemerklich. Die
Kranke kann nur einige Worte sprechen , ihre Intelligenz scheint ziemlich
gut erhalten, sie sucht sich durch Gesten verständhch zu machen.
Tod an Leberki-ebs.
Section. Grosser alter Erweichungsherd links im Grunde der
Fissura Sylvii. Der hintere Theil der I. Schläfewindung hinter der
Insel ist vollständig zerstört. Die Erweichung erstreckt sich bis in den
WERNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 117
tinteren Theil des Corpus striatum und zerstört einen Theil der inneren
Kapsel. Broca'sche Windung normal. Absteigende Atrophie des linken
Hirnschenkels und der linken Pyramide. Art. f. S. ist dicht vor der
Bifurcation vollständig obliterirt. Vorher einige atheromatöse Auflagerungen.
Ein Beispiel von nachweislich embolischer Erweichung bei atheromatösem
Processe, ebenso wie der zweite der vorher mitgetheilten Fälle, ist die
folgende Beobachtung.
Prevost und Cotard, 1. c. Beob. 26 v. Charcot. 8 3 jähr. Frau,
soll 1849 eine linksseitige Hemiplegie ohne Insult gehabt haben. In den
letzten 3 Wochen häufige Schwindelanfälle. 19. August 1863 Aufall
linksseitiger Hemiplegie ohne Verlust des Bewusstseins, sie bemerkte , dass
sie ihren linken Arm nicht gebrauchen konnte. Es wurde Contractur des-
selben und Parese des Beines constatirt, mit Abstumpfung der Sensibilität.
Gedächtniss, Intelligenz, Sprache ungestört. Tod nach 24 Tagen,
Seetion. Rechts gelbe Platten auf der obersten, mittleren und ein
wenig auf der unteren Stirnwindung, auf mehreren Windungen des Hinter-
lappens und am Grunde der Centralfurche. In der Tiefe als weisse Er-
weichung bis zum Corpus striatum und Thalamus ausgedehnt, welche selbst
intact sind. Links einige diffusere oberflächliche Verfärbungen mit punkt-
förmigen Extravasaten. Aorta atheromatös, im Niveau der Art. anonyma
offene atheromatöse Abscesse. Nierenschrumpfung, Cystitis chronica.
Die Thrombose der Geliirngefässe beruht entweder auf dem
atheromatösen Process der Gehirnarterien oder auf einer abnormen
Gerinnungsfähigkeit des Blutes , die ihrerseits wieder durch sehr
verschiedene Zustände bedingt sein kann. Der atheromatöse Process
führt an Ort und Stelle dadurch zur Bildung eines Thrombus, dass
das Endothel der Gefässwand fehlt oder von abnormer Beschaffen-
heit, z. B. verkalkt ist. Wo eine starke Verengerung des Gefässes
durch atheromatöse Einlagerungen zu Stande gekommen ist, kann
eine Gerinnung hinter dieser Stelle darauf beruhen, dass daselbst
eine relative Verlangsamung und Stagnation des Blutes entsteht.
Hat sich einmal erst ein Fibringerinnsel gebildet, so wird es ent-
weder losgespült und wird zum Embolus, oder es vergrössert sich
durch fortgesetzte Thrombose und zwar vorwiegend in der
Richtung des Blutstromes. Oft füllt der Thrombus nicht das
Gefässlumen vollständig aus sondern verengt es nur, und das Gefäss
bleibt durchgängig, es werden aber die Seitenäste, welche von der
dem Thrombus zugekehrten Seitenwand abgehen, durch diesen von
der Blutzufuhr abgesperrt und selbst thrombosirt. Im weiteren
Verlaufe kommt es leicht zu vollständigem Verschluss des Gefässes,
118 TTerxicKE. Lehrbucli der Geliirnkranklieiten.
oder das Geliirngebiet. Avelclies nocli mit Blut versorgt wird, wird
sclratweise dadurch eingeschränkt . dass der fortgesetzte Thronibus
sich his zum Abgang immer neuer Arterienäste ersti-eckt und diese
schubweise verlegt. So kommt es zu gewissen Etappen in dem au
sich gleichmässig und langsam ablaufenden Processe.
Der atheromatüse Process ist die häufigste Ursache der senilen
Gehirneinveichung und steht zu ihr in einem ähnlich specifischen
ätiologischen Verhältniss . vrie die Aneurysmen der kleinen Greliirn-
arterien zur Hirnblutung. Der Vortheil , welchen die langsame
Entwickelung des Processes für die Ausbildung eines Collateral-
kreislaufes zu bieten scheint, wird thatsächlich dadurch illusorisch,
dass der Process gewöhnlich weit verbreitet ist und die Leistungs-
fähigkeit der benachbarten Gefässgebiete . die mm für den Ersatz
sorgen sollen . ebenfalls beträchthch verringert hat. Es ist aus-
schliesslich eine Erki-ankung des höheren Alters, unter dem 4(J. Jahre
absolut selten tmd nur in solchen Fällen anzutreffen, wo atich
andere Zeichen einer abnorm frühen Senescenz vorhegen. Von
60 Fällen A'on Erweichung, welche Labor de im Zeitraum von
2 Jahren zur Section bekam . war keiner unter 6^J Jahr alt. Mit
der Altersstufe nimmt die Häufigkeit der atheromatösen Erki-ankung
fortwährend zu, doch bleibt auch von den höchsten Altersstufen
ein gewisser Pro centsatz, ^man vergi. die Angaben auf S. 8;, von der
Veränderung vollständig verschont. Dem atheromatösen Processe ist
es zuzuschreiben, dass die CTehirnerweichung absolut viel häufiger
ist als die G-ehirnhämorrhagie : das gegenseitige Verhältniss ist zwar
schwer durch Zahlen auszudrücken, da man Vergleiche der Art noch
nicht angestellt hat. es dürfte aber imgefähr so sein, dass die
Erweichung doppelt bis dreifach so häufig ist als die Gehirn-
blutung . vielleicht ist das Verhältniss zu Gunsten der Hirn-
erweichung auch noch grösser.
Eine abnorme Gerinnimgsfähigkeit des Blutes, Hjperinose, gilt be-
kanntlich bei gewissen fieberhaften Krankheiten, wie der Pneumonie,
beim Puerperium u. dergl. mehr, als Ursache spontaner Blut-
gerinnimgen meist in Venen, wie man jedoch annimmt, auch in
den Arterien. Für die Thrombose der Gehirnarterien ist diese Blut-
beschaffenheit keines Falls die einzige Ursache der Gerinntmg,
wohl aber kann sie dazu beiti-agen, wenn noch andere, die Throm-
bose begünstigende Umstände mitwirken. So sind einige Male im
Verlaufe der Pneumonie Thrombosen von Gehimo-efässen beobachtet
WekxicKE, Lehrbucli der Gehimkrankheiten. 119
■n-orden , vro zugleich atlieromatöser Process und starke Fettent-
Tvickkmg am Herzen bestand, wodurcli die Circulation verlangsamt
werden musste. Bei cacliectisclien Personen , besonders häufig bei
Carcinom des Uterus, hat man ebenfalls spontane Thrombosen von
Gehirnarterien , die man auf dieselbe Weise erklärt , beobachtet.
Andere Male kommen unter denselben Bedingungen Erweichungs-
herde zu Stande , ohne dass eine Gefässverstopfung als Ursache
derselben nachzuweisen ist; hier ist die Entstehungsweise wahr-
scheinHch verschiedenartig, bald mag die Yerlangsamung der Circu-
lation in dem betreffenden Capillargebiete so erheblich sein, dass
das Gewebe nicht mehr ausreichend ernährt wird und abstirbt, bald
mögen capillare Embolien vorliegen, was z. B. die nächstliegende
Erklärung für solche Fälle ist, wo die Section den Nachweis von
frischen Klappenvegetationen gebracht hat.
Dieser Befund ist auch in dem folgenden Falle sogenannter pneu-
monisclier Hemiplegie erwähnt.
S trau SS. Ee^oie mensuelle I. 187 7. S. 7J:9. 7 6 jähr. Mann mit
rechtsseitige Pneimionie, die seit einigen Tagen besteht, am 17. März aufge-
nommen, sehr fettleibig, mit grösster Athemnoth, konnte aber zu Fuss in's
Hospital kommen. 18. März status idem. 19. März. Beim Aufrichten
zum Zweck der Auscaltation wird complete linksseitige Hemiplegie bemerkt,
ob mit Theilnahme des Facialis, ist des fetten G-esichts wegen nicht zu
entscheiden. Tiefes Coma und Stertor. Tod am selben Tage Xm. 4 Chr.
Section. Eechte Lunge diu-chweg adhärent, die beiden oberen Lajjpen
im Zustande rother Hepatisation. Oedem und Blutüberfüllung der linken
Lunge. Herz voluminös, mit Fett bedeckt. Am freien Rande und der
Vorhofsfläche der ^Mitralis kleine, frische Vegetationen, Herzohr frei.
Arterien der Hirnbasis stark atheromatös, aber überall durchgängig, linke
Hemisphäre ohne Herderkrankung, in der rechten Hemisphäre ein sehr um-
schriebener, runder, gelblicher Erweichungsherd von 7 mm. Durchmesser,
so klein also, dass er ohne besondere Aufmerksamkeit leicht hätte über-
sehen werden können. Sitz im mittleren und inneren Theile des Linsen-
kerns , die innere Kapsel , Schweifkern und Sehhügel scheinen intact.
Trotz aller Mühe ist in der Nähe des Herdes kein obliterirtes G-efäss zu
entdecken.
Der Erweichungsherd steht hier in keinem directen Zusammenhange
mit der Lähmung, da er augenscheinlich älter als diese ist.
Die jetzt erwähnten übrigens seltenen Fälle bilden einen natür-
lichen Uebergang zu jenen, bei welchen eine oft nur mikroskopisch
nachweisbare Erki-ankmig der feineren Arterien die Ursache der
120 WermcKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
Gehirnerweicliung abgiebt. So verliält es sich mit der syphi-
litischen Gehirn er w'e i c h u n g , welche den Gegenstand der
schon öfter citirten dankenswerthen Monographie He üb n er 's bildet.
Die von diesem Autor so genamite luetische Erkrankung der Gehirn-
arterien ist wie der atheromatöse Process eine Endarteriitis, d. h.
eine Entzündung der Intima, soll aber folgende theils grob sicht-
bare, theils gewebliche Unterscheidungsmerkmale darbieten.
Während der atheromatöse Process zwar auch oft in den Gehirn-
arterien stärker entwickelt ist als in den grösseren Gefässstämmen,
in specie der Aorta , fehlt doch die Erkrankung der letzteren nie
vollständig. Die syphilitische Arterien erkrankung ist dagegen eine aus-
schliessliche Eigenschaft der Gehirngefässe. Der atheromatöse Process
führt oft, der luetische nie zur Geschwürsbildung. Ersterer führt
zu verbreiteter Starrheit der Wandungen und oft erhebhcher Er-
weiterung des Lumens ; wo einzelne stärker veränderte Partien in
das Lumen hervorspringen und dasselbe verengen, kommt es doch
nie zu beträchtlicher Verengung des Lumens über grössere Strecken.
Dies ist dagegen bei der luetischen Arterienerkrankung gewöhnlich
der Fall. Der atheromatöse Process ist gewöhnlich über die Arterien
der Basis ziemlich gleichmässig verbreitet. Von der syphilitischen Er-
krankung werden dagegen die Arterien vorzugsweise fleckweise be-
fallen, und die Erkrankung kann sich auf einen einzigen derartigen
Fleck beschränken. Bei mikroskopischer Untersuchung zeigt sich
der Ausgangspunkt der Erkrankung bei dem atheromatösen Process
zwischen Intima und Media, jedenfalls in den tieferen Schichten der
Intima. Die luetische Erkrankung ist dagegen sowohl in ihren
Anfängen als später ausschliesslich auf die oberflächlichsten , von
der elastischen Haut nach innen gelegenen Schichten beschränkt. Sie
besteht in einer vom Endothel selbst ausgehenden Zellenwucherung,
durch welche die einfache Zellenschicht des Endothels in ein dickes
Lager concentrischer Zellschi eilten verwandelt, das ursprüngliche
Endothel dadurch nach innen gedrängt und so das Lumen fast bis
zum völligen Verschwinden eingeengt werden kann. Eine innerste
zarte, normale Endothellage bleibt stets erhalten. Der Process
endigt entweder in einer bindegewebigen narbigen Umwandlung der
neugebildeten Zellschichten, es kommt dann zu narbiger Retraction
und dadurch weiterer Verengerung bis zu völligem Verschluss.
Oder die neugebildeten Endothelschichten führen zu einer der nor-
malen Schichtung der Arterie ähnlichen Organisation. Zunächst der
innersten Endothelschicht bildet sich eine neue, normal gefaltete,
WerNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 121
elastische Membran, darauf folgt eine Schicht concentrischer Zellen
von derselben Anordnung wie die quergestellten Muskelzellen der
Media, darauf eine Schicht unregelmässig verfilzter, in reichliche
Intercellularsubstanz eingelagerter Zellen von bindegewebigem
Character — analog der Adventitiaschicht. Die alte Elastica,
Media und Adventitia folgen darauf. Die normale Schichtung der Arterie
ist dann doppelt vorhanden, in der Arterie hat sich anscheinend
eine neue Arterie gebildet, ohne dass damit gesagt sein soll, die
concentrische Innenschicht hätte sich wirklich zu glatten Muskelzellen
umgebildet. Dies sind die beiden einzigen Ausgänge der Er-
krankung, welche beide , die letztere allerdings vollkommener , eine
Art Heilungsvorgang darstellen. Niemals kommt es zu käsiger Ent-
artung und Zerfall, wie bei allen übrigen luetischen Processen.
Für die Circulation ist der Ausgang stets ein ungünstiger, indem
der Process, wenn auch an einer Stelle am stärksten entwickelt,
stets über grössere Strecken in der Continuität der Arterie ausge-
dehnt ist und zu einer streckenweisen beträchtlichen Verengerung,
manchmal bis zum Verschluss des betroffenen Gefässes führt. Da
oft verschiedene Gefässe gleichzeitig oder hinter einander von diesem
Vorgang befallen werden, so sind auch für diejenigen Gehirnbezirke,
welche nicht von Endarterien versorgt, normaler Weise also durch
Collateralbahnen entschädigt werden können, die Folgen des Ver-
schlusses verhängnissvoller als bei jeder anderen Art der Gefäss-
erkrankung.
Obwohl der Verlauf dieser specifischen Arterienerkrankung im
Verhältniss zum atheromatösen Process acut zu nennen ist, denn
er kann innerhalb weniger Monate zur vollen Ausbildung kommen,
so ist doch die Verengung der Gefässe eine ganz allmähliche, auch
ihre Obliteration kann nur allmählich zu Stande kommen. Nirgends
können embolische Processe dabei in Frage kommen.
Die syphilitische Arterienerkrankung gehört im Allgemeinen zu
den späten Erscheinungen der Lues. Unter 12 Fällen, welche
Heubner gesammelt hat, betrug für 11 die kürzeste Zeit nach der
ersten Infection 3 Jahre. In 1 Fall betrug sie 4, in 3 Fällen 5 Jahre,
in 1 Falle 12 Jahre, in 1 Falle 20 Jahre, in 3 Fällen ist allgemein von
vielen Jahren des Bestehens constitutioneller Syphilis die Rede. Was
den Sitz der Erkrankung betrifft, so war in 10 unter 23 Fällen die
Affection eine weit ausgebreitete. Wo einzelne Arterien ergriifen waren,
zeigte sich ein beträchtliches Ueberwiegen der vorderen Hirnarterien
gegen die hinteren. 12 mal waren die Carotiden oder ihre Zweige
122 WerniCKE, Lehrbucli der Gehirnkrankheiten.
die hauptsäclilich erkrankten, darunter 2 mal dopj)elseitig, 10 mal
einseitig. Nur 1 mal war die Basilaris hauptsäcklicli afficirt. In
allen Fällen bestanden gleichzeitig anderweitige Symptome llorider
Syphilis und in den meisten auch gummöse Neubildungen des Ge-
hirns oder seiner Häute.
So weit glaubten wir die Angaben des Autors wiedergeben zu
müssen; es geht daraus hervor, dass er es mit einer specifischen,
ausschliesslich der Gehirnsyphihs zukommenden Arterienerkrankung
zu thun zu haben meinte. Bekanntlich hat sich herausgestellt, dass
der beschriebenen Gefässerkrankung eine ganz andere und weitere
Bedeutung zukommt.
C. F r i e d 1 ä n d e r *) hat den Nachweis geführt, dass sie in
derselben Form überall da und in allen Organen auftritt,
wo sich chronisch entzündliche Vorgänge abspielen mid be-
sonders , wo es zur Bildung von Granulationsgewebe kommt,
aber auch in der Umgebung von Tumoren überhaupt , durch
den entzündlichen Reiz veranlasst , den dieselben auf ihre
Umgebung ausüben. Auch die Fälle H e u b n e r s sind meist
Arterien erkrankungen in nächster Nähe gummöser Neubildungen,
und nur sehr wenige Beispiele zeigen eine selbstständige Erkrankung
der Gefässe , deren Existenz nicht geleugnet werden soll. Nach
den Untersuchungen C. Friedländer 's spielt auch im Gehirn die
obliterirende Arteriitis eine bedeutende Rolle , sie ist bei acuter
und chronischer Meningitis vorzufinden, liegt einem Theile
der sogenannten gelben Platten der Hirnoberfläche zu Grunde,
entwickelt sich in der Umgebung von Tumoren jeder Art, mit be-
sonderer Vorliebe aber im Anschluss an tuberculöse und gummöse
Neubildungen.
Von grosser Bedeutung für die Frage der Geliirnerweichung
scheint es mir, dass C. Friedländer keinen solchen Gegensatz,
wie Heubner, zwischen der obliterirenden Arteriitis und dem
atheromatösen Processe statuireu will. Für einen immer noch
grossen Bruchtheil der Fälle von seniler Gehirnerweichung fehlt
bis jetzt der Nachweis der Arterienverstopfung, welche dennoch
vermuthet werden darf, da sie in anderen, ganz analog verlaufenden
Fällen gefunden wird. Lab o r d e hat zwar durchgehends gewisse
*) lieber Arteriitis obliterans. Centralbl. f. d. med. Wissensch. 4. 1876.
Experimentaluntersuchungen über chronische Pneumonie und Lungenschwind-
sucht. Virchow's Arch. 68. Bd.
WerniCKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 12d
Veränderungen, nämlich Verfettung der Capillaren imd feinsten
Gefässe, in solchen Gehirnen constatirt, dieselben erscheinen aber
durchaus unzureichend, den Befund der Erweichung zu erklären
und sind wahrscheinlich für unsere Frage ganz unwesentlich. Hin
und wieder lässt sich dagegen eine Verkalkung der feineren Gehirn-
arterien schon beim Schneiden der Substanz constatiren. Wenn,
wie Friedländer vermuthet, der atheromatöse Process in den
feineren Gehirnarterien häufig den Ausgang in Obliteration des
Gefässes nimmt, was bei der Enge des Lumens ganz natürlich er-
scheint, so ist eine ausreichende Erklärung auch für diese Er-
weichungsfälle gewonnen.
Ausser dem Verschluss des Lumens kann die Erkrankung der
Gefässe beim atheromatösen Processe noch andere Folgen haben.
Durch eine verbreitete Verkalkung der Wandungen gehen die
Arterien ihrer Elasticität verlustig und verwandeln sich in staiTC
Röhren. Die Elasticität ist aber, wie Marej nachgewiesen hat,
ein wesentliches Beförderungsmittel des Blutlaufes. Ahmte M. die
rjthmischen Propulsionen des Herzens in zwei Röhrensystemen, einem
mit elastischen, und einem mit starren Wandungen versehen, nach,
so floss aus dem letzteren ein viel geringeres Flüssigkeitsquantum.
Dem entsprechend wird allerdings bei verbreitetem Atherom der
Gehirnarterien die Ernährung gewisser Gehirnbezirke unzureichend
werden. Auf diese Weise erklären sich, wie Charcot gezeigt
hat, gewisse centrale, lacunäre Erweichungen in den Grenzgebieten
der corticalen und der basalen Arterienverzweigungen. Wir werden
aber auch einem Beispiele begegnen, wo der Erweichungsherd dem
Grenzgebiete der Art. f. S. und Art. corp. call, entspricht und wo
dieselbe Erklärung durchaus zutreffen düi'fte.
Dieselbe Wirkung wie der Arterienverstopfung ist auch der
Thrombose der Hirnvenen eigen, wenn sie sich über ein
grösseres zusammenhängendes Gebiet erstreckt. Dadurch, dass der
Abfluss des Blutes aus den Capillaren in die Venen inhibirt wird,
kommt es zur Stauung in den Capillaren, ein weiterer Zufluss von
arteriellem Blute ist unmöglich, und die Ernährung des Gewebes
leidet in derselben Weise , wie wenn von Anfang an die Zufuhr
des arteriellen Blutes abgeschnitten worden wäre. Derartige Er-
weichungen beobachtet man bei der Thrombose der Hirnsinus in
den seltenen Fällen spontaner Blutgerinnung in denselben , welche
die Folge einer veränderten Blutbeschaifenheit ist: im Puerperium,
bei cachectischen Personen , besonders Krebskranken. Ferner in
124 WERfaCKE, Lehrbuch der Gehimkrankheiten.
Fällen traumatischer Sinustlirombose, wo die Verletzung eines Hirn-
sinus unter Obliteration desselben heilt. Häufiger kommt sie bei
der Phlebitis der Hirnsinus zui- Beobachtung, diese wird in einem
eigenen Abschnitte im Anschluss an die Meningitis noch Besprechung
finden, hier sei nur erwähnt, dass sie am häufigsten als Theil-
erscheinung der Pyaemie, bei der Meningitis und beim Hirnabscess
beobachtet wird.
§.43. Auatomisclier Befund.
Der Erweichungsherd besteht in einer circumscripten , herd-
weisen Consistenzverminderung der Gehirnsubstanz , welche in
frischen Fällen ohne scharfe Abgrenzung in die Umgebung über-
geht, in alten Fällen meist scharf abgegrenzt ist, mid bis zur
breiartig zerfliessenden Beschaffenheit gehen kann. Die Farbe
dieser Erweichung ist je nach den beiden Substanzen des
Gehirns verschieden , in der grauen Substanz variirt sie vom
gelben bis gelbbräunlichen bis tief rothen, in der weissen Substanz
ist sie entweder bläulichweiss oder leicht grau, wie gelatinös oder
selbst mit einem Stich in's gelbe und rosarothe. Wo sich die tief-
rothe Verfärbung der grauen Substanz vorfindet, ist dieselbe nicht
gleichmässig , sondern durch Einlagerung von punktförmigen Blu-
tungen, die bald mehr gleichmässig vertheilt sind, bald zu sub-
miliaren bis miliaren Gruppen confluirt sind, gesprenkelt. Die
zwischen diesen Blutungen, den sogenannten capillaren Apo-
plexien, befindliche graue Substanz hat jedoch selbst einen grau-
röthlichen oder rosarothen Farbenton, und das Ganze gewährt einen
Anblick , sehr ähnlich einem Gemische von grauem und rothen
gleichmässig körnigem Sande. Der gelbliche bis röthliche Farbenton
in der weissen Substanz ist nicht durch eigentliche Blutungen be-
dingt, sondern beruht auf Diffusion von rothem Blutfarbstofi" in die
überall reichlich vorhandene, das Gewebe durchtränkende Flüssig-
keit. Je nach dem Farbenton pflegt man von rother Erweichung,
gelber und weisser Erweichung zu reden. Von diesen Ausdrücken
sollte der der rothen Erweichung wirklich nur gebraucht werden,
wenn der Herd die oben geschilderte Beschaffenheit besitzt und mit
punktförmigen Blutungen durchsetzt ist. Der Ausdruck gelber Er-
weichung ist früher, wo man die Erweichung von dem Gehirnabscess
nicht gehörig unterschied, vielfach in demselben Sinne wie eiterige
Erweichung gebraucht worden, nach unseren jetzigen Anschaumigen
ist dies nicht statthaft, da beide Processe ganz verschiedenartig
WeRNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 12o
sind. Die weisse Erweichimg ist von dem blossen Oedem des
Gehirns wohl zu unterscheiden ; hei dem letzteren ist das Charakte-
ristische die teigige Consistenz der Gehirnsubstanz , bei der Er-
weichung dagegen ist das Gewebe brüchig und wird durch den
leisesten Druck zertrümmert. Dass die verschiedenen Farben des
Erweichmigsherdes keine wesentliche Bedeutung haben, geht daraus
hervor, dass sie sich sämmtlich in einem Herde an den ver-
schiedenen Stellen desselben vorfinden, namentlich ist es gewöhnlich,
dass der Theil eines Herdes, welcher in graue Substanz fällt, den
Befund der rothen Erweichung bietet, die benachbarte weisse Sub-
stanz dagegen eine weisse oder selbst weissbläuliche Erweichung
zeigt.
Die geschilderten Farbennüancen kommen sämmtlich beim
frischen Erweichungsherde vor, mit längerem Bestände erleidet aber
der Herd gewisse Veränderungen, die sich auch in seiner Färbung
ausprägen. Der Befund der rothen Erweichung ist nur den
frischen Erweichungsherden eigenthümlich , die übrigen Färbungen
dagegen kommen auch bei älteren Herden vor. Liegt die rothe
Erweichung mitten im Gehirngewebe, so verändert sie sich allmählich
in einen Brei von bräunlichgelber Farbe, später entsteht daraus eine
mit klarer seröser Flüssigkeit erfüllte , meist glattwandige und
scharf abgesetzte Cyste. Liegt die Erweichung an einer freien
Oberfläche, so kommt es meist nicht zur Ausbildung einer einzigen
grösseren Lücke oder Cyste, vielmehr liefert das hier vorhandene
Bindegewebe oder ependymäre Gewebe das Material zu einer Art
Narbenbildung mit Retraction. An der Oberfläche der Hirn-
windungen ist ausserdem der Ausgang verschieden, je nach dem
Grade der Erweichung oder , was dasselbe ist , der Nekrose. Im
höchsten Grade entsteht hier die gelbe Platte (Plaque jaune),
bei welcher ausser dem Parenchym , d. h. den eigentlich ner-
vösen Gebilden, auch die Zwischensubstanz zu Grunde geht und
jede Spur der Rindenstructur verwischt wird. An Stelle derselben
entsteht allmählich ein zelliges , grobmaschiges Gewebe , dessen
Balkenwerk durch die Pia geliefert wird und nur Detritus und
seröse Flüssigkeit zwischen sich fasst. Auch Verkalkungen sind in
diesen bindegewebigen grobmaschigen Narben ein gewöhnlicher Be-
fund. Wird nur das Parenchym zerstört und die graue gelatinöse
Substanz, in die es eingebettet, in geringerem Maasse betrofi'en, so
bleibt die Configuration der Windungen erhalten , dieselben sind
aber geschrumpft, in allen Dimensionen verkleinert, difius gelblich
126 WerniCKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
verfärbt und von vermehrter, übrigens gleichmässiger Consistenz,
die oft der des Leders sehr nahe steht. Oft sind grosse Strecken
der Manteloberfläche in dieser Weise verändert. Die Pia kann in
diesen. Fällen noch leicht ablösbar sein, bei dem vorher geschilderten
Befunde der sogenannten gelben Platten ist sie dagegen immer mit
der Hirnsubstanz unauflöslich verwachsen und bildet selbst einen
Theil der Narbe. Befindet sich die rothe Erweichung miter dem
Ependjm der Ventrikel , so kommt es ebenfalls zu flächenhafter
narbiger Schrumpfung derselben, die aber oft, wenn sie sich über
einen grösseren Raum vertheilt, wenig auffällig ist. Doch ist die
Consistenz an solchen Stellen deutlich vermehrt. Die ependjmäre
Sclerose , wie sie am vierten Ventrikel bekamit ist , ist wahrschein-
lich in manchen Fällen der Ausgang einer derartigen rothen Er-
weichung.
Im Inneren des Gehirns ist die Bildung einer bindegewebigen
Narbe nur ein seltener Ausgang der Gehirnerweichung, in den bei
weitem meisten Fällen findet die schon erwähnte einfache Höhlen-
bildmig statt. Die Anwesenheit solcher Narben verräth sich durch
die knorpelharte , unter dem Messer knirschende Consistenz des
Gewebes , dessen Farbe nicht auffällig von der normalen abzu-
weichen braucht mid meist nur durch einen leicht gelblichen Ton
ausgezeichnet ist. In ihrem feineren Bau unterscheidet sich eine solche
verhärtete Stelle nicht wesentlich von den sclerotischen Flecken, mid
auch der Name einer partiellen Hirnsclerose wird darauf vielfach
angewandt. Dies geschielit vielleicht mit um so grösserem Rechte,
als besonders solche Erweichungen, die von Anfang an einen
chronischen Verlauf hatten, die Tendenz haben, sclerotische Narben
zu bilden. Es erhellt daraus, dass die Erweichung schliesslich in
eine Verhärtung übergehen kann, und dass die letztere zu den
häufigen Ausgängen der Erweichung gehört.
Fragen wir nach der Bedeutung und dem Entstehungs-
mechanismus der Erweichung, so kann sie zunächst und in ganz
frischen Fällen nur als ein Macerationsprocess aufgefasst werden.
"Wir haben dabei die ihrer Ursache nach bekannte Erweichung in
Folge Arterienverschlusses im Auge. Bekanntlich ist das Gehirn
von einem sehr dichten Netz von Lymphbahnen durchsetzt, welche
die Gehirngefässe bis in ihre capillaren Verzweigungen begleiten,
dieselben mit der sogen. Lymphscheide versehend, und mit der^ in
den Ventrikeln und in den Piamaschen enthaltenen Cerebrospinal-
WerniCKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
127
flüssiffkeit in offener Communication stehen. Collabirt nun mit der
Verscliliesung der Arterien ihr intracerebrales Ausbreitungsgebiet,
so müssen diese Lymphräume sich erweitern und durch Ansaugung
von Cerebrospinalflüssigkeit in ungewöhnlichem Maasse füllen.
Daher ist der nächste Effect der Arterienverstopfung die seröse
Durchtränkung des betroffenen Gehirngebietes. Durch diesen
Vorgang erklärt sich der Umstand, dass frische Erweichungs-
herde oft nicht eine zusammengesunkene Gehirnpartie darstellen,
sondern vielmehr eine Volumensvermehrung zeigen, während
man doch erwarten sollte, das von dem arteriellen Blute abge-
sperrte Gebiet collabirt zu finden. Es ist leicht begreiflich, dass
das abgestorbene, von Arterienblut nicht mehr ernährte, Gewebe
in dem übermässigen Oedem maceriren und seine Consistenz ver-
lieren, dass eine Quellung aller imbibitionsfähigen Bestandtheile ein-
ti-eten wird. Dies zeigt der mikroskopische Befund des frischen
Erweichungsherdes. Das nervöse Parenchym, sowohl Fasern als
Zellen, abnorm brüchig und unter der Präparation leicht zertrümmernd
(daher der in aller Unschuld citirte, häufige Befund „zertrümmerter
Nervenfasern"), die Nervenfasern varicös gequollen, Myelin in
Tropfen, das bindegewebige Gerüst und die Gliakörner ödematös
geschwollen, bei Anwendung von Färbungsmitteln diffuse und ganz
verwaschene Färbung; ausserdem bei rother Erweichung die in
kleineren und grösseren Gruppen zusammenliegenden rotlien Blut-
körperchen. Andere Bestandtheile sind in dem frischen Erweichungs-
herde nicht aufzufinden. Es ist anzunehmen, dass bei diesem Be-
fund noch eine vollständige Restitutio in integrum möglich ist. Erst
nach 36 bis 48 Stunden beginnt eine weitere Veränderung, welche
in der fettigen, regressiven Metamorphose des necrotischeu Ge-
webes besteht.
Wie überall, so bildet sich auch im Gehirn in der Umgebung
des necrotischeu Gewebsstückes ein im Allgemeinen als entzündlich
zu bezeichnender Process aus. Die Blutgefässe erweitern sich und
lassen zahlreiche weisse Blutkörperchen austreten, welche nun in
das necrotische Gewebsstück einwandern, sich mit dem Fett, in
welches Nervenmark und Zellprotoplasma zu zerfallen beginnen, be-
laden und so beladen vermittelst der Lymphbahnen wieder in die
Blutbahn zurückgelangen und die allmähliche Resorption des necro-
tischeu Gewebes vermitteln. Diese mit Fettkörnchen beladenen
weissen Blutzellen sind die sogen. Körnchenzellen, deren Nach-
weis für den Erweichungsherd von mehr als zweitägiger Dauer
128 WerniCKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
characteristisch und stets erforderlich ist (früher G 1 u g e ' sehe Ent-
zündungskugeln, Corps granuleux der französischen Autoren). Die
Grösse dieser Körnchenzellen ist vermöge ihrer Infiltration mit feinen
Fettkörnchen stets etwas erheblicher als die der weissen Blut-
körperchen, ihr Kern kann durch die dichte Ansammlung der stark
lichtbrechenden Fettkörnchen verdeckt sein, ist aber oft noch sicht-
bar, ihr Rand scharf begrenzt. So lange muss man sie als noch
lebensfähige, conti'actile und wanderungsfähige Gebilde betrachten.
Ein Theil dieser eingewanderten Körnchenzellen scheint aber selbst
durch fettige Degeneration zu Grunde zu gehen. Die feinen Fett-
körnchen schmelzen dann zu kleinen Tröpfchen zusammen, die Zelle
schwillt zur doppelten und dreifachen Grösse an, ist von solchen
Fetttröpfchen gleichmässig erfüllt, ihr Kern und schliesslich auch
der glatte Zellrand geht verloren und man trifft dann himber-
förmige Anhäufungen kleiner Fetttröpfchen, welche nun auch aus
einander fallen, theilweise frei liegen bleiben, theils auch zu grösseren,
gelben Fetttropfen sich vereinigen. Ein Theil dieser zerfallenden
anscheinenden Körnchenzellen mag auch den in dem necrotischen Ge-
webe schon vorhandenen Zellformen entstammen : seien es nun G anglien-
oder Gliazellen, oder den Zellen der verschiedenen Gefässhäute oder —
am Ependym der Ventrikel — selbst Epithelzellen. Alle diese
sind der fettigen Degeneration unterworfen und ihr schliessliches
Schicksal ist der Zerfall in freie Fetttrö|)fchen oder Tropfen. Von
ihrer ursprünglich verschiedenen Abstammung mag auch die mannig-
fach verschiedene, oft ganz unregelmässige, Gestalt der Fettkörnchen-
zellen herzuleiten sein. Endlich lassen sich directe Uebergänge
dieser grossen, dem Zerfall nahen Körnchenzellen zu Myelintropfen
namentlich in älteren Herden beobachten.
Durch die auf dem angegebenen Wege vor sich gehende
Resorption wird allmählich das abgestorbene Gewebe vollständig
beseitigt und es bleibt dann eine mit serösem Inhalt gefüllte Cyste
oder auch, besonders bei grösseren Herden, ein zelliges, mit kalk-
milchähnlicher Flüssigkeit erfülltes Gewebe zurück. Eutwickelt
sich an Stelle dessen eine bindegewebige Narbe , so finden sich
stets auch reichliche Corpora amylacea eingelagert.
Es bleibt noch die Frage zu erörtern, in wie weit der Er-
weichungsherd des Gehirns mit den in anderen Organen in Folge von
Absperrung des arteriellen Blutes eintretenden Necrosen zu ver-
gleichen ist oder sich von ihnen unterscheidet. Die Vorgänge,
welche sich hier abspielen, sind uns durch Cohnheim's bahn-
WernicKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 129
brechende Untersuclmngen bekannt geworden. Wir wissen seitdem,
dass in Folge des Verschlusses einer Endarterie in das von ihr
versorgte Capillargebiet eine rückläufige Strömung des Blutes aus
den Venen erfolgt, eine Folge der Druckdifferenz, welche zwischen
dem Verästlungsgebiet des collabirten Gefässes und dem Venen-
system zu Gunsten des letzteren besteht. Anstatt leer zu sein,
werden also die Capillaren in dem betreffenden Gebiete prall gefüllt,
da nun aber nicht das normale arterielle Blut, welches'für die Erhaltung
der Gefässwand erforderlich ist , sondern venöses, dazu ungeeignetes
in ihnen enthalten ist, so erleidet die Gefässwand allmählich gewisse
Veränderungen , in Folge deren sie den Durchtritt der geformten
Bestandtheile des Blutes , der rothen sowohl als der weissen Blut-
körperchen gestattet. Es findet Diapedese statt. Auf diese Weise
kommt eine blutige Infiltration des Gewebes, der blutige Infarct, zu
Stande. Schon Cohnheim hat jedoch bemerkt, dass in gewissen
Organen, zu denen auch das Gehirn gehört, der blutige Infarct ge-
wöhnlich ausbleibt. Die Gründe, welche er für diese Ausnahmen
anführt , wie das Gerinnen des Blutes im Gebiete der abführenden
Venen, Lagerungs Verhältnisse etc., erscheinen gerade für das Gehirn
durchaus nicht zutreffend , im Gegentheil sind es gerade Ver-
stopfungen von Venen, besonders Sinusthrombosen, bei denen fast
regelmässig der blutige Infarct beobachtet wird. Auch eine be-
sondere Festigkeit des Gewebes, wie sie von Weigert*) mit Recht
für andere Organe geltend gemacht worden ist, liegt hier im Gehirn
nicht vor, eine geeignete Erklärung wird daher erst noch zu finden
sein. Der Umstand, dass bei Sinusthrombosen ein blutiger Infarct
entsteht, muss die Aufmerksamkeit auf die eigenthümlichen Circu-
lationsverhältnisse des Gehirns lenken. Es sind hier , wie nirgends
sonst, in das Venensystem grosse, unter einander zusammenhängende
und mit starren Wänden versehene Reservoirs , die Sinus der Dura
mater, eingeschaltet. Sämmtliche Hirnvenen münden in dieselben
ein. Der in ihnen herrschende Druck muss daher bis zur Ein-
mündung in den Sinus sehr rasch abnehmen , die Curve der
Druckabnahme sehr steil sein, ein Umstand, der für das Zustande-
kommen einer Rückströmung entschieden ungünstig ist. Liegt da-
gegen ein pathologischer Process vor, welcher zu einer Zunahme des
Druckes in den Gehirnvenen führt, wie bei Sinusthrombose, so wird
die Rückströmung des Blutes erleichtert und man findet auch
*) lieber pathologische Gerinniingsvorgänge, Virchow's Arch. 79. Bd. 1880.
q
Wernicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. II. '
130 Wernicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
wirklicli den blutigen Infarct vor. Ein anderer Umstand, der liier
vielleicht von Bedeutung ist, ist der, dass der blutige Infarct, wenn
er vorkommt, fast ausschliesslich auf die graue Substanz und be-
sonders die Hirnrinde beschränkt ist. Die oben geschilderte rothe
Erweichung ist als eine Infarcirung geringen Grades aufzufassen.
Dass auch eine Coagulations-Necrose im Gehirn nicht zu Stande
kommt, wie sonst bei den meisten Infarcten der Fall ist, liegt
nach Weigert daran, dass die chemische Constitution der Gehirn -
Substanz für die Gerinnung ungeeignet ist.
Die fettige Degeneration scheint nicht der einzige Ausgang der
Necrose zu sein, welcher bei der Gehirnerweichung eintritt. Sehr oft
sind mitten in einem Erweichungsherde auch verkalkte Partien anzu-
treffen, und je nach der Oertlichkeit findet man verkalkte Ganglien-
zellen mit verkalkten Xervenfasern oder nur letztere.
In seltenen Fällen scheint die verminderte Consistenz des Ge-
hirns den Anlass zu Blutungen in Herdform zu geben. Ein Bei-
spiel derart werden wir weiter unten antreffen.
§. 44. Symptome und Terlauf.
Die Symptome der Gehirnerweichung können für sich allein
nicht betrachtet werden ohne Zusammenhang mit den ursächlichen
Zuständen , aus denen sie hervorgeht. Handelte es sich nur um
die Gehirnerweichung, so wäre die Symptomatologie sehr einfach,
denn die Gehirnerweichung als eine Nekrose , gleichbedeutend mit
dem Ausfall einer bestimmten Menge von Nervensubstanz, würde sich
nur durch die betreffenden Ausfälle der Function äussern können,
man hätte dann das Ideal einer Herderkrankung vor sich.
Die chronische Geliirnerweichung kommt in der That diesem
Ideal sehr nahe, wir werden sie deshalb auch speciell zu betrachten
haben. Die allermeisten Fälle von Gehirn er weiclnmg dagegen ver-
einigen in sich zwei Reihen von Symptomen , die der zu Gininde
liegenden Gefässverschliessung oder überhaupt Circulationsstörung
und der eigentlichen Gehirnerweichung; da die Erweichung auf die
Circulationsstörung folgt , so kann man auch zwei Stadien unter-
scheiden , ein erstes , welches dauert vom Beginn der Gefässver
Schliessung ab bis zum Eintritt der Erweichung , und ein zweites ,
WEENICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiteu. 161
nachdem die definitive Erweichimg sich etablirt hat. Für die
klinische Betrachtung empfiehlt es sich, die Zeit der frischen,
noch reparationsfähigen Erweichung dem ersten Stadium zuzu-
schlagen.
Dazu kommt in der Mehrzahl der Fälle ein Stadium der Pro-
drome, welches dem erst genannten noch voran geht.
I. Das S t a di u m der Prodrome kommt den meisten Er-
weichungen , die auf dem atheromatösen Process und der
obliterirenden Arteriitis beruhen, zu und geht oft viele Jahre
lang dem eigentlichen Anfalle voran. Gewöhnlich besteht keinerlei
continuirliche Erscheinung , sondern in wechselnder Weise und
ganz unregelmässigen Intervallen machen sich Erscheinungen
geltend , die trotz aller Unbestimmtheit deutlich auf das Gehirn
zurückzuführen sind. Meist sind es leichte Anfälle von Schwindel
oder Betäubung, die zwar rasch vorübergehen, aber zu gewissen
Zeiten sich häufen und sehr lästig werden. Begleitet sind dieselben
häufig durch subjective Sensationen, wie Funken sehen, Ohren-
sausen, Paraesthesien einzelner Gliedmaassen u. dergl. m., auch
Kopfschmerz, geringe Uebelkeit und das Gefühl grosser Abge-
schlagenheit und geistiger Verödung können damit einhergehen.
Der Kopfschmerz kann wochenlang continuirlich bestehen, von
massiger Intensität, selten localisirt, und kann dann wieder spurlos
verschwinden. Verhältnissmässig selten kommt es vor , dass nicht
die allgemeinen Erscheinungen , sondern vorübergehende Herd-
erscheinungen anfallsweise als Prodrome auftreten, leichte Facialis-
parese oder Schwäche eines Armes oder Beines, meist zugleich mit
abnormen Sensationen in denselben. Bestehen einigermaassen er-
hebliche Prodrome durch mehrere Jahre liindurch, so macht sich
meist eine bedeutende Abnahme der Intelligenz bemerkbar, eine
Abnahme des Gedächtnisses , Vergesslichkeit , geringere Lebhaftig-
keit der Reaction gegen Eindrücke der Aussenwelt. Alle diese
Erscheinungen kommen schon dem atheromatösen Processe als
solchem zu, mit seinem häufigen Folgezustande, der senilen Gehirn -
atrophie. Aber auch kleine Erweichungen, an Stellen gelegen,
deren Functionsstörung wenig auffällig ist und erst einer besonderen
Untersuchung bedarf, um ermittelt zu werden, können bei der
Section als Ursachen der sogenannten Prodrome vorgefunden
werden. Nur selten sind derartige Prodrome auch bei Kranken zu
beobachten, die in Folge eines Herzfehlers Embolien von Hirnarterien
132
Wernicke, Lehrbuch der Gehirakraiikheiten.
bekommen , oder wo sonst eine der bekannten Quellen für Em-
bolien bestellt.
II. Stadium des Anfalles. Nachdem solche Prodrome
vorangegangen sind, oder auch ohne dieselben, tritt in der Mehrzahl
der Fälle ein apoplectischer Anfall genau von demselben
Verhalten wie bei den Hirnblutungen ein. Wir verweisen deshalb be-
züglich der Schilderung desselben auf den vorhergehenden Ab-
schnitt. Auch die Dauer des Anfalles oder vielmehr der dabei
vorhandenen Bewusstlosigkeit zeigt alle die Verschiedenheiten, wie
bei der Hirnblutung. Bald ist die Bewusstlosigkeit nur momentan,
oder wenigstens von sehr kurzer Dauer , bald von der Dauer
einiger Stunden, bald von Tage langer oder selbst viel längerer
Dauer, ohne dass deshalb eine Wiederherstellung unmöglich wäre.
Darin liegt ein wesentlicher Unterschied gegen die Hirnblutung,
bei welcher die längere Dauer der Bewusstlosigkeit von weit un-
günstigerer Bedeutung ist. Auch in gewissen anderen Beziehungen
weicht das Durchschnittsbild des apoplectischen Insultes bei der
Grehirnerweichung von dem bei der Blutung zu beobachtenden ab.
So ist das Gesicht weniger oft gedunsen und congestionirt , der
Puls zeigt häufig nicht die der Blutung zukommende , wenn auch
nur massige Verlangsamung, die Störungen der Respirationen sind
ausschliesslicher, als dies bei der Hirnblutung der Fall war, auf
die Fälle localer Einwirkung auf die Gebilde der hinteren Schädel-
grube beschränkt. Auch die Secretions-Anomalien der Leber und
Nieren , die sich in der Polyurie , der Melliturie und Albuminurie
äussern, scheinen hier ausschliesslich an die Localität gebunden
vorzukommen. Die aufgezählten Unterschiede reichen dennoch nicht
hin , um den Insult , der bei der Erweichung vorkommt , nur
einigermaassen zu charakterisiren ; sie können nur vor der Ver-
wechselung mit sehr schweren Formen des Insultes bei der Hirn-
blutung schützen , während in der grossen Mehrzahl der Fälle von
Hirnblutung und Hirnerweichung der Insult selbst absolut identisch ist.
Schon diese Uebereinstimmung in der Erscheinungsweise muss
den Gedanken nahe legen, dass auch der Mechanismus des Insultes
bei der Hirnblutung und der Hirnerweichung derselbe sei oder
dass ihm wenigstens dasselbe Princip zu Grunde liege. Bei der
Hirnblutung konnten wir den Insult darauf zurück führen, dass die
elastische Gefässwand, welche normaler Weise die Gehirnsubstanz
von dem bedeutenden , im arteriellen Gefässsystem herrschenden
Blutdrucke schützt, plötzlich an einer Stelle durchbrochen wurde
WerniCKE, Lehrbucli der Glehirnkranklieiten. 166
und dadurch die Möglichkeit gegeben wurde , dass dieser Druck
sich zunächst auf die nähere Umgebung der blutenden Stelle und
dann , wegen der bedeutenden Weichheit des Organes , über einen
grösseren Theil des Gehirnes fortpflanzte. Dieser Vorgang kann
in den meisten Fällen als ein momentaner betrachtet werden , und
damit waren genau die gleichen Bedingungen hergestellt, welche
auch bei dem Thierexperimente zu raschem Verlust des BcAvusst-
seins führen. Offenbar liegen bei der Gehirnerweiclmng die Ver-
hältnisse ganz anders , und es ist an eine derartige Druckwirkung
auf das Gehirn in grösserem Umkreise gar nicht zu denken.
Bei der Embolie, dem einfachsten Falle, von dem wir
bei unserer Betrachtung ausgehen können , kommt der Insult
in dem Moment zu Stande, wo plötzlich das Lumen eines Gefässes
durch einen Embolus verlegt wird. Ein Druck auf das Gehirn
könnte hier höchstens dadurch zu Stande kommen , dass in den
CoUateralgebieten der verstopften Arterie , wie die bekannten Ver-
suche CO. Weber' s darthun, der Seitendruck steigt. Da
jedoch die Drucksteigerung, selbst wenn sie ihrer Grösse nach in
Betracht käme , sicher zum allergrössten Theile von der Gefäss-
wand compensirt wird und nicht die Gehirnsubstanz selbst betrifft,
so wird auf diesem Wege eine nennenswerthe Druckwirkung nicht
erreicht werden. Zu einer richtigen Auffassung des Vorganges
werden wir dagegen gelangen , wenn wir erwägen , dass nach all-
gemein physiologischen Anschauungen nicht die Steigerung des
Druckes das wirksame Princip ist, sondern vielmehr die Druck-
schwankung von einem gewissen Betrage und innerhalb einer ge-
wissen Zeit, wobei es gänzlich irrelevant ist, ob sich diese
Schwankung im positiven oder negativen Sinne geltend macht.
Eine solche Druckschwankung nun, und zwar diesmal im negativen
Sinne, ist offenbar auch beim Eintreten einer Embolie vorhanden.
Indem das peripher von der verstopften Stelle befindliche Gefäss-
gebiet plötzlich collabirt, das in den Capillaren vorhandene Blut aber
in Folge der durch die Gefässcontraction ausgeübten vis a tergo
nach den Venen abfliesst, entstellt plötzlich ein Vacuum in dem
Gewebe , eine negative Druckschwankung , deren physiologische
Wirkung um so bedeutender sein muss , als sie wirklich einen
momentanen, blitzartig auftretenden Eingriff darstellt. Das übrige
in der geschlossenen Schädelkapsel befindliche Gehirn strebt den
leeren Raum, wie eine Flüssigkeit, auszufüllen. Wäre es wirklich
eine Flüssigkeit, so würde es dabei keinen Schaden erleiden, da es
lo4 WerNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankhelteu.
aber in der That ein weiches, äusserst fein differencirtes und leiclit
zu zertrümmerndes Parenchym enthält , so ist mindestens eine ge-
waltige Zerrung, oft die wirkliche Zertrümmerung desselben eine
unausbleibliche Folge. Der Insult wird wesentlich davon abhängen,
über welchen Umfang sich diese Wirkung erstreckt (vergl. S. 52),
oder genauer, wie gross der Bereich einer merklichen Wirkung
ist ; denn der Umstand , dass kleine Embolien olme Insult ertragen
werden , zeigt hinlänglich , dass wir auch hier nicht mit einem ab-
soluten Maassstabe zu messen haben, und dass eine gewisse Ver-
schieblichkeit, sei es der Hemisphären in toto, sei es ihrer Elementar-
theilchen, gestattet ist. So unzweifelhaft also die Wirkung einer
Embolie immer eine weit verbreitete sein muss , so sicher ist es
andererseits, dass der Bereich der merklichen Wirkung oft nur auf
einen engen Bezirk beschränkt bleibt. Häufiger freilich docu-
mentiren die klinischen Erscheinungen unzweideutig, dass der merk-
liche Wirkungsbereich der Embolien sehr umfänglich ist und sogar
über den Binneni'aum einer Hemisphäre hinaus gehen kann. Denn
wie bei der Hirnblutung ist es auch hier nicht imgewöhnlich , dass
eine rechtsseitige Embolie anfänglich das indirecte Herdsymptom
der Aphasie zur Folge hat , ein Beweis , dass selbst die linke
Hemisphäre ein Trauma , freilich geringeren Grades , erlitten hat ;
es verschwindet dann zuerst die Aphasie , während eine indirecte
linksseitige Hemiplegie längere Zeit bestehen bleiben kann. Auch
eine Fernwirkung auf die Organe der hinteren Schädelgrube ist
hin mid wieder, wenn auch minder häufi.g wie bei der Hirnblutung,
unverkennbar und äussert sich in Respirationsstörungen, Singultus,
Incontinenz und vasomotorischen Symptomen verschiedener Art.
Dass gewöhnlich eine ganze Hemisphäre in ihrer Function beein-
trächtigt wird, muss man aus dem fast regelmässigen Auftreten
einer indirecten Hemiplegie schliessen, wovon im nächsten Para-
graphen ausführlich die Rede sein wird.
Die Berechnung des traumatischen Momentes wird bei der
Embolie dadurch vereinfacht , dass die einfachste Annahme eines
momentanen vollständigen Verschlusses der Arterie durch den
Embolus meist auch der Wirklichkeit entsprechen dürfte. Denn
um überhaupt haften zu bleiben, muss der Embolus eine gewisse
im Verhältniss zum Gefässlumen beträchtliche Grösse besitzen;
und soweit sie nicht genügen sollte, das Lumen vollständig zu ver-
legen, erfolgt jedenfalls eine Contraction der Ringmuskulatur, und
der Verschluss wird dadurch vollständig. Sitzt aber der Embolus
WerNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. loO
reitend , so wird mindestens in dem einen der abgehenden Aeste
derselbe Vorgang stattfinden, der andere Ast mag dann für uns
ausser Betracht bleiben. So können wir den Factor der Ge-
schwindigkeit als momentan und in allen Fällen gleich ansehen,
und es bleibt als einziger maassgebender Factor die Masse in Be-
tracht zu ziehen.
An sich wäre es richtig , auch hier wie bei der Bhitung die Ge-
schwindigkeit dem Seitendrucke der Arterie gleich zu setzen. Denn je
grösser derselbe ist, desto rascher entleert sich das embolisirte Grefäss nach
den Capillaren hin und strömt aus diesen nach dem zrxgehörigen Venengebiete
ab. Das Vacuum entsteht also bald rascher, bald langsamer, je nach der
verschiedenen Höhe des Blutdrucks, die in der embolisirten Arterie herrschen
kann, und diese Verschiedenheit ist, wie wir bei Gelegenheit der Hirn-
blutung kennen gelernt haben, zwischen Stammgebiet und Mantelgebiet
nicht unerheblich. Die Zugwirkuug, mit der wir die Embolie vergleichen
müssen — im Gegensatz zur Stosswirkung, die bei der Hirnblutung zur
Geltung kommt, haf also im Gebiete des Hirnstammes unter sonst gleichen
Bedingungen eine grössere Geschwindigkeit als im Mantelgebiet, und dieser
Factor wächst sogar in quadratischer Proportion. Wenn wir ihn dennoch
vernachlässigen, so hat dies seine guten Gründe. Wir müssen nämlich
diese Differenzen als verschwindend klein betrachten gegenüber den Zeit-
unterschieden, die in Wirklichkeit bei der Embolisirung vorkommen mögen;
denn momentan können wir diesen Vorgang nur im allergröbsten Sinne
nennen, in so fern als eine jedenfalls messbare, aber nicht zu lange Zeit
darüber vergeht. Sobald wir dies aber einräumen, müssen wir auch Zeit-
differenzen in dieser Hinsicht anerkennen, und was wollen diesen gegen-
über die doch immerhin kleinen Verschiedenheiten besagen, die je nach
der Höhe des Blutdrucks in der Entleerungsgeschwindigkeit bestehen ? Es
handelt sich jedenfalls um so grobe Verhältnisse, dass selbst die Annahme
einer momentanen und stets gleichen Embolisirungszeit keinen zu grossen
Fehler in sich schliesst.
Als Masse haben wir die Blutmenge zu betrachten, die in dem
nun coUabirenden Arterien- und Capillarbezirke enthalten war, und
für welche nun der Wiederersatz ausbleibt. Sie ist dem Querschnitt
des embolisirten Gefässes und mit gewissen Fehlern — dem
Kubikraum der davon versorgten Gehirnsubstanz einfach proportional.
Dasselbe Proportionsverhältniss besteht demnach für das im Augen-
blick der Embolie zur Geltung kommende traumatische Moment,
dasselbe wird in seiner Höhe ausschliesslich bestimmt durch die
Grösse der von der Embolie betroffenen Gehirnarterie. Jedoch ist
hier des Unterschiedes in- der Wirkung zu gedenken, welcher
i36 WERNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
z^vischen Endarterien und solchen , die durch Anastomosen mit
anderen Gefässgebieten verbunden sind, bestehen muss. Kur bei
Endarterien entspricht die Masse genau dem Verbreittuigsgebiete
des Grefässes. AVo peripher von der Verstopfungsstelle gröbere
Anastomosen vorhanden sind, sind zwei Fälle möglich. Entweder
sind dieselben ausreichend, um das ganze Gebiet mit strömendem
Blute zu versorgen, es findet dann innerhalb desselben nur eine
Verminderung des Blutdruckes statt durch die Verstopfung
der wichtigsten Zuflussquelle. Sind die Anastomosen aber
nicht ausreichend, so Avird zwar das ihnen zunächst gelegene
Gebiet noch mit Blut versorgt, jedoch in grösserer Entfernung
davon sinkt der Blutdruck auf Null, es w4rd also dadurch
einfach der Umfang des unter der Embolie leidenden Geliirn-
gebietes verringert, und die Wirkung kommt der Embolie einer
Endarterie gleich von erheblich geringerem Querschnitt, als der der
wirklich verstopften Arterie ist. In dem ersten Falle kann das
traumatische Moment überhaupt nur gering sein , in dem zweiten
Falle kann es je nach dem Umfange des von den Anastomosen
nicht erreichten Gebietes immerhin noch ein erhebliches sein.
Wie bei der Hirnblutung werden wir auch bei der Embolie
anzunehmen haben, dass das traumatische Moment einen gewissen
höchsten Werth im Bezirke der embolisirten Arterie selbst erreicht,
und dass er von da ab in einem gewissen Umkreise allmählich abnimmt,
bis er auf Null sinkt, womit die Grenze des Bereiches der merklichen
Wirkung gegeben ist. Je grösser der erreichte Maximalwerth des trau-
matischen Momentes ist, desto grösser ist also auch der (merkliche)
Wirkungsbereich des Trauma's , desto eher kommt es auch zur
Bewusstlosigkeit des Insultes. Einen Grenzwerth dafür zu ermitteln,
wie es bei der Hirnblutimg annähernd möglich wari dazu fehlen
uns hier die Anhaltspunkte des Experiments, man ist daher für
seine Bestimmung auf die klinischen Erscheinungen angewiesen.
Diese ergeben aufs unzweideutigste, dass isolirte Embolien kleinerer
Gefässstämmchen bis zum Caliber der grössten durch die Subst.
perf. ant. in den Stamm eintretenden , oder des die B r o c a ' sehe
Windung versorgenden Arterienzweiges gewöhnlich nicht genügen,
um Bewusstlosigkeit und das ausgeprägte Bild des apoplectischen
Insults zu bewirken. Der Anfall besteht dann nur in dem plötz-
lichen Auftreten der betr. Herdsjmptome. Die Embolie der Art.
f. S. selbst bis zu ihrer Bifurcation oder einer ihrer beiden Haupt-
äste hat dagegen stets einen ausgeprägten Insult zur Folge. Wo
Wernickk, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
13t
sich dies nicht bestätigt, kann man darauf rechnen, ganz ausnahms-
weise Verhältnisse vorzufinden, wie z. B. in dem folgenden Falle,
wo der Embolus augenscheinlich nur eine Verengerung, nicht eine
Verstopfung des Arterienlumen' s bewirkt hatte. Für die anderen
Arterien gleichen Calibers, die nur selten der Sitz von Embolien
werden, gilt natürlich dasselbe.
Bull. Fall von vasomotorischer Paralyse. Norsk. Mag. p. 132,
1872, uacli Schmidt's Jahrbüchern, 155. Bd. 20jähr. Frau mit Herzfehler.
Während des Mittagsschlafes trat eine Parese der ganzen linken Körper-
hälfte, am nächsten Tage Kopfschmerz und Erbrechen auf. Es fand sich:
Parese des linken Facialis, besonders Mund, Zixnge nach links, Uvula nach
links, Motilität der linken Extremitäten aufgehoben, Sensibilität abgeschwächt.
Nach localer Blutentziehung verschwand der Kopfschmerz und die Parese des
Gesichtes, an den Extremitäten kehrte die Sensibilität zurück, die Lähmung
blieb unverändert bestehen. Tod plötzlich nach 4\'2 Monaten,
Section. Flüssigkeit namentlich rechts sehr vermehrt. Ein grosser
Theii der rechten Insel nebst der anstossenden vorderen und hinteren Central-
windung so wie ein Theil des Schläfelappens gelblich erweicht, halb fluc-
tuirend , an den Häuten adhärent. Die Erweichung erstreckte sich nach
innen gegen das Corp. striatum hin, auf dem Durchschnitt fanden sich
zwei erweichte Partien über einander, durch einen schmalen Streifen ge-
sunder Hirnsubstanz getrennt. Rechte Art. f. S. permeabel, in ihren
feineren Zweigen frisch geronnenes Blut haltend, jedoch der Hauptstamm
durch ein z. Th. an der Wand haftendes, fadenförmiges, 2 cm langes Ge-
rinnsel verengt. Der plötzliche Tod durch Zerreissung der Chordae
tendineae.
Ein traumatisches Moment, welches hinreicht, den Insult zu er-
zeugen , braucht dennoch keine grob sichtbare Schädigung der
Gehirnsubstanz zurückzulassen , die Wiederherstellung der Circu-
lation genügt in vielen Fällen, um den durch das Trauma gesetzten
Schaden zu repariren. Wahrscheinlich handelt es sich dann immer
um ein verhältnissmässig geringes, dem für den Insult erforderlichen
Grenzwerthe nahe liegendes traumatisches Moment, das vielleicht nur
moleculare Necrose mehr zerstreuter Gewebstheile, die deshalb keinen
Herd bilden, zur Folge hat. So wird der apoplectische Anfall mit
vorübergehender rechtsseitiger Hemiplegie in dem folgenden Beispiele
aufzufassen sehi.
Lucas- Ch ampionnie re. Progres med. 37. 1875. 54 jähr. Frau,
wegen Lisufficienz und Stenose der INIitralis im Hospital, hat einen Anfall
von Bewusstlosigkeit und behält einige Tage lang eine leichte rechtsseitige
Hemiplegie zurück, dieselbe verschwindet aber wieder vollständig. 8 Tage
darauf hat sie Schwindelanwaudlungen und steht auf dem Punkte, wieder
138 Wernicke, Lehrbuph der Geliirnkraakheiten.
das Bewusstsein zu verlieren, kann sich jedoch erhalten. Am 15. Febr.
erwacht sie und hat vollständig die Sprache verloren, an den G-liedmaassen
keine Lähmung. Pt. erscheint etwas stumpfsinnig, aber die Intelligenz
kehrt in den folgenden Tagen fast vollkommen zurück. Kann weder
sprechen, noch schreiben. So bleibt der Zustand etwa 10 Tage, es be-
ginnt eine leichte Besserung in der Sprache, aber vom 7. März ab ver-
schlimmert sich das Allgemeinbefinden, der Puls wird sehr schwach und
sie stirbt am 9. März. Schon einige Zeit vor ihrer Aufnahme iu's
Hospital hatte Pt. einen ersten Anfall von Hemiplegie gehabt , der keine
Spuren zurückgelassen hatte.
S e c t i o n. Oberflächliche, sehr abgegrenzte Erweichung, ninunt den
vorderen Theil der I. linken Stirnwindung ein und auch einen kleinen
Theil der Insel. Keine anderen Läsionen im Gehirn, keine verstopfte
Stelle in den Zweigen der Art. f. S. aufzufinden. Zahlreiche lufarcte in
den Lungen, der Milz, den Meren. Zahlreiche kleine Vegetationen an
den Eändern der Mitralis.
Bei bedeutendem traumatisclien Momente Tvird dagegen
schon das mechanische Trauma, das das Gehirn im Momente des In-
sultes erleidet, ausreichend sein können, eine Erweichung herbei-
zuführen, selbst wenn die Circulation nachher wieder frei werden
sollte. So erklären sich wohl manche unter schwerem Insult ent-
standene Erweichungen grossen Umfanges, bei deren Section die
Arterienstämme durchgängig gefunden wurden. Auch in dem vor-
liegenden Beispiele unzweifelhafter Embolie war ein Embolus nicht
zu ermitteln; man kann dies nicht anders deuten, als dass der
Embolus aus bröcklichem Material bestand und wohl vorübergehend
Verschluss des Gefässes herbeiführte, dann aber unter dem Andränge
der B kitwelle zerbröckelte und in viele kleinere Bestandtheile zerfiel,
von denen die meisten sich als unschädlich erwiesen. Bestand der
Embolus von vorn lierein aus breiigem Material und ist dieses einiger-
maassen reichlich; so lässt es sich auch in den feineren Gefässen
noch nachweisen, wie z, B. in der folgenden, von Prevost und
Cotard herrührenden Beobachtung.
Prevost et Cotard. 1. c. Beob. 3. 70 jähr. Frau, erkrankte im
J. 1864 mit rechtsseitiger Facialislähmung imd fast vollständigem Verlust
der Sprache, ohne das Bewusstsein zu verlieren. Motilität und Sensibilität
der Extremitäten blieben intact. Die Aphasie blieb bestehen, ob auch die
Facialislähmung, wird nicht gesagt. 13. Juni 1865 neuer Anfall mit links-
seitiger Hemiplegie, tiefem Coma und Tod nach 2 Tagen.
Section. Ein alter Herd gelber Erweichung links nimmt ein : den
hintersten Theil der I. (unteren) Stiruwindung , den unteren TheU der
WernicKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. loJ
beiden Centralwindungen, die beiden vorderen Inselvvindungen und den
vorderen Theil des SchUifelappens. Hirnschenkel und Oblongata ohne ab-
steigende Atrophie. Frische, breiige, stellenweis rothe Erweichung fast der
ganzen rechten Hemisphäre (noch keine Körnclienzellen). Im linken Her/-
ohr ein erweichter Thrombus. Atheromatöser Brei in verschiedeneu Ge-
fässen der rechten Hemisphäre.
Der Insult erklärt sich hier ebenfalls durch die grosse Ver-
breitung der Embolie. Finden gleichzeitig auf beiden Seiten
Embolien statt, so wird selbst ein geringeres traumatisches Moment
zur Entstehung des Insultes Anlass geben, weil hinsichtlich des
Bewusstseinsorganes eine Summation der merklichen Wirkungs-
bereiche stattfindet. Herdsymptome können dann ganz fehlen und
ein mehr oder weniger schwerer Insult ist das einzige Zeichen der
Embolie. So wird der folgende Fall verständlich — wenn nicht
dennoch Herdsymptome an ihm übersehen worden sein sollten, was
bei ihrer vorauszusetzenden Doppelseitigkeit besonders leicht ge-
schehen konnte.
Chouppe. Bullet, de la soc. anat. 1870, p. 3(35. 43 jähr. Mann,
wird am 1 7 . Mai aufgenommen und stirbt 1 1 Tage später an Lungen-
schwindsucht. Keine Spur von Lähmung oder Sprachstörung an ihm be-
merkt. 18 Monate vorher hatte er den ganzen Tag an einem Umzüge
gearbeitet und fiel plötzlich auf der Strasse bewusstlos hin, ohne dass er
etwa zuviel getrunken hatte. Seine Freunde brachten ihn in's Hospital
wo er eine Zeit lang — wie lauge, wusste er nicht — bewusstlos blieb.
Als er den Gebrauch seiner Sinne wieder erlangte, hatte er weder Lähmung
eines Gliedes noch Sprachstörung.
S e c t i o n. Arterien der Basis gesund. Oberflächliche corticale Er-
weichung der ersten rechten Schläfewindung und tiefei'gehende des linken
Stirnlappens, speciell des vorderen Theils der unteren linken Stirnwindung.
Phtisis pulmonum.
Was über ein bestimmtes Maass des für den Insult erforder-
lichen Wirkungsbereiches der Embolie und über dessen Abhängig-
keit von dem Maximalwerthe des traumatischen Moments gesagt
wurde, gilt natürlich nur für eine gewisse durchschnittliche C o n s i-
stenz des Grehirns, welche die Bedingung für eine ganz bestimmte
Form der Curve bildet, wodurch die Abnahme des traumatischen
Momentes je nach der Entfernung vom Ausgangspunkte darstellbar
ist. Ist die Consistenz der Hirnmasse grösser, so fällt die Cui've
steiler ab, sie senkt sich um so allmählicher, je weicher die Con-
sistenz ist und sich der einer Flüssigkeit nähert. In ersterem Falle
kommt es schwerer zum Insult, in letzterem leichter als bei der
14Ö WerniCKE, Lehrbuch der Gehinikrankheiteu.
Normalconsistenz. Das ^veiclie kindliclie Geliirn ist deshalb ganz
besonders zum Insult praedisponirt , was auch die Erfalii'ung be-
stätigt; die grössere Consistenz, welche der Gehimsubstauz bei der
senilen Gehirnatrophie eigen ist, erweist sicli dagegen als einen
Schutz gegen den Insult. So ist wahrscheinKch der folgende Fall
Andral's zu erklären, das einzige Beispiel unter den 22 plötzhch
entstandenen Hemiplegien dieses Autors, wo bei umfänghcher Er-
weichung der Insult vermisst wurde. Dass die Wasseransammlung
in den Venti'ikeln der Grund davon gewesen sei, wie ich früher'^)
annahm, scheint mir jetzt nicht mehr haltbar.
Audral 1. c. Beobaelituug 18 der Erweichungen. Eine Frau von
73 Jahren hatte sich einer recht guten Gesundheit erfreut, und nament-
lich niemals über Kopfschmerzen geklagt, als sie auf einmal , ohne das
Bewnsstsein zu verlieren, fühlte, dass das linke Bein unter ihi- versagte,
und fiel. Man hob sie alsobald auf, sie war auf der rechten Seite ge-
lähmt. Zwei Tage darauf ivurde sie in die Pitie aufgenommen und präsen-
tirte sich uns in folgendem Zustande: Beide Grliedmaassen der rechten
Seite waren vollständig gelähmt, Contractur nicht vorhanden, auch nie-
mals Convulsionen oder Streifigkeit nach der Versicherung ihrer Be-
gleiter dagewesen. Die Haut hatte das Gefühl nicht verloren. Die
Kranke sprach nicht und vermochte nicht , welche Anstrengung
sie auch dazu machte , irgend ein verständliches Wort hervorzubringen ;
es wurde uns gesagt, dass sie seit ilirem Falle nicht mehr
gesprochen habe. Der Geist aber erschien nichts desto Aveniger klar;
sie verstand gleich die an sie gerichteten Worte und antwortete darauf
durch Zeichen. Fragte man sie, ob sie irgendwo Schmerzen empfinde, so
wies sie mit der Hand nach der rechten Seite des Gesichts. Die Zunge
wurde zwar leicht ausgestreckt, neigte sich aber etwas nach rechts. Die
Lippen waren nach der linken Seite des Gesichts verzogen. Die Sensi-
bilität war auf beiden Seiten desselben gleich. Das Sehen gut, ebenso
das Hören. Die Pupillen hatten ihre gewöhnliche Weite. Die Zunge
war trocken und roth , der Bauch weich und schmerzlos ; Verstopfung ;
80 Pulsschläge in der Minute: der Puls hart und regelmässig; das
Gesiclit bleich ; die EesjDiration von einem sehr starken Pfeifen begleitet,
das besonders beim Einathmen hörbar war. Athemzüge waren 28
in der Minute. Alter Husten. Es wurde ein Aderlass gemacht. Das
Blut hatte keine Speckhaut. Am andern Morgen keine Veränderung, nur
der Puls war frequenter geworden und zählte 116 Schläge in der Minute ;
eben so die Eesj)iration beschleunigter und zwar 36 Athemzüge in
'^) Wernicke, Erkrankung der inneren Kapsel. Breslau 1875.
VVerNICKE, Lehrbuch der Gc*hirnkr;nikheiten.
141
gleicher Zeit. Es wurde ein zweiter Aclerlass gemacht. Der Blutklumpen
war diesmal mit einer vollkommen ausgebildeten, 3 Linien dicken Speek-
haut bedeckt. Li den beiden folgenden Tagen markirten sich vorzüglich die
Symptome des Vollseins der Lungen. Die Respiration gerieth mehr und
mehr in Unordnung; obschou nur 26 Athemzüge in der Minute gezählt
wurden, zeigte sie sich wieder darauf beschleunigter (44 Athemzüge) und der
Puls frequenter (152 Schläge). Die Kranke verschied 8 Uhr Abends in
einem asphyctischen Zustande.
Section. Auf der lechten Seite und ganz nahe an der grossen
lucisura interlobularis war ein fibröser Körper von dem Umfange einer
Haselnuss auf der Dura mater gleichsam wie eingepflanzt. Die grossen
Venen zwischen den Windungen strotzten von Blut. Die Pia mater war
injicirt ; die Windungen unter ihnen nicht. Im Ganzen liess sich nichts
Krankes entdecken, als im linken gestreiften Körper, welcher seine normale
Consistenz verloren hatte. Die Erweichung fing 3 oder 4 Linien von
der Oberfläche an und nahm fast den ganzen Körper ein; es war in der
That nur seine oberflächliche Schicht, welche davon verschont geblieben
erschien. Sie bestand aus einem Breie, der noch die gewöhnliche Farbe
des gestreiften Körpers erkennen und die graue und weisse Substanz von
einander unterscheiden liess, letztere war nur etwas weniger rein. Einige
Gefässe durchliefen isolirt die erweichte Masse, welche übrigens keine Spur
von Lijection oder Bluterguss zeigte. Die nächste Umgebung war ganz
gesund; der Sehhügel durchaus unverletzt; die Krankheit hatte sich also
lediglich auf den gestreiften Körper beschränkt. Eine ziemlicb beträcht-
liche Menge Serum befand sich in den Ventrikeln , so dass man durch
ihre obere Wand Fluctuation fühlen konnte.
Epileptischer Insult. Statt der gewöhnliclien Form des
Insultes wird bei der Embolie niclit selten ein epileptischer Anfall
oder auch eine Serie von sich häufenden epileptischen Anfällen,
der sogen. Status epilepticus, beobachtet. Die Bedingungen, die
dazu führen, sind noch grossentheils unbekannt, wahrscheinlich spielt
dabei die Erregbarkeit des Individuums eine grosse Rolle ; jedenfalls
sind sie ganz andere, als die für den Insult maassgebeuden , und
ermöglichen , dass schon die Embolie einer kleinen Arterie des
Mantelgebietes als kräftiger Reiz (vgl. Th. I, S. 239) auf die Hirn-
rinde wirkt und einen regulären epileptischen Anfall auslöst. Bei
der Beurtheilung der Herderscheinungen ist dann auch die nach
kräftigen Entladungen zui'ückbleibende motorische Erschöpfung in
Betracht zu ziehen. Hallucinationen, Angstzustände u. dergl. mehr
sind bisweilen Vorläufer oder Folgezustände des epileptischen
Insultes; man pflegt sie auf verbreitetere Capillareihbolien der
Hirnrinde zu beziehen.
142 Weri^iCKE, Lehrbuch der Gehirukrankheiteu.
Grreenhow. Lancet 1872, Vol. I. Erweichung des linken Vorder-
lappeus, beide Artt. f. S. verstopft. Klappenvegetationen. 2 7 jähr. Frau.
Ein epileptischer Aufall bei der Entbindung hinterlässt rechtsseitige
Hemiplegie und Aphasie. 2 Monate später ein neuer epileptischer Anfall,
gefolgt von linksseitiger Hemiplegie, Tod in 3 — 4 Tagen,
Co CO. II Morgagni VHI. p. 389. 1866. Wiederholte Hirnembolie
bei einem 18 jähr. Mädchen. Es bestand pericarditisches Exsudat. Eines
Abends plötzlich Anfall heftigster Angst mit Hallucinationen , gehemmte
Sprache , Gesichtsverdunklung , Bewusstlosigkeit und klonische Krämpfe.
Nach 36 Stunden die Grehirnersch einungen (lange Bewusstlosigkeit) völlig
wieder verschwunden. Nach 10 Tagen wieder Sopor, am folgenden Morgen
ohne Bewusstsein, Erbrechen. Dann Besserung. Systolisches Blasegeräusch
am Herzen hörbar. Es entwickelte sich Blödsinn.
Bisher ist nur von dem einfachen Falle der Embolie die Rede
gewesen. Bei der Thrombose der Gehirngefässe, welche, wie
man gewöhnlich annimmt, den meisten Fällen von Gehirnerweichung
beim atheromatösen Process zu Grunde liegt, sind die Verhältnisse
complicirter, indem die Schnelligkeit des Gefässverschlusses sehr
variiren kann. Nach den klinischen Erscheinungen zu schliessen,
müsste auch hierbei eine rasche Unterbrechung des Blutstromes
sehr häufig sein, denn das acute Einsetzen der Erweichungen mit
Insult ist auch hier das Häufigere. Wir haben indessen schon
oben darauf hingewiesen, dass man es in diesen Fällen meist mit
Embolien zu thun haben düi'fte , die ihren Ausgang von
atheromatösen Geschwüren an den Arterien der Hirnbasis nehmen.
Schon L a b o r d e hat diese Auffassung vertreten , und in der
That ist es ganz undenkbar , dass die acuten Erscheinimgen
des Insultes durch einen so langsam ablaufenden Process wie
den der Thrombose zu Stande kommen sollten. Nur ein
schubweises Anwachsen der Symptome , wie es bei der senilen
Gehirn-Erweichung nicht selten ist , ist dabei verständlich,
indem die fortgesetzte Thrombose naturgemäss durch die Ver-
legung der Einmündungen seitlich abgehender Gefässäste eine
Art von Stationen erhält. Ein Insult ist aber unter solchen Um-
ständen nur denkbar , wenn vorangegangene Verstopfung anderer
benachbarter Gefässstämme dazu geführt hat, dass umfangreiche
Geliirngebiete bezüglich ihrer Blutversorgung allein auf das bisher
frei gebliebene Gefäss angewiesen sind; jede Verengerung seines
Lumens kann dann ein Sinken des Blutdrucks unter das zur
Function unerlässliche Maass bewirken, und ist das Gehirngebiet
WerNICKE, Lehrbuch der Gehirukrankheiten.
143
gross genug, so tritt damit Bewusstlosigkeit ein. Derartige aus-
nahmsweise Verhältnisse sind auch in dem folgenden Beispiele vor-
handen, wo darüber, dass eine fortgesetzte Thrombose den Insult
verschuldete, kein Zweifel bestehen kann.
Prevost und Cotard. 1. c. Beob. 6. 86jähr. Frau. Vor
6 Monaten ein plötzlicher Anfall von rechtsseitiger Hemiplegie und abso-
luter Sprachlosigkeit. Nur am Bein ist etwas Besserung eingetreten, das
Uebrige unverändert, sie scheint zu verstehen, kann die Zunge nicht hervor-
streckeu. Sensibilität am rechten Arme etwas abgestumpft. Neuer
apoplectischer Anfall mit Resolution aller Grlieder, tiefem Coma. Tod
nach 4 Tagen.
Section. Links, nach aussen vom Corpus striatum, Avelches eine
kleine Lücke enthält, eine längliche Höhle mit graugelblichen Wänden, die
durch zellige Stränge verbunden sind, von vorn nach hinten 3 — 4 cm
ausgedehnt. Die benachbarten Windungen normal. Absteigende Degene-
ration des linken Hirnschenkels und der Pyramide. Weisse Erweichung
frischen Datums eines grossen Theils der rechten Hemisphäre, auf fort-
gesetzter Thrombose der rechten Carotis beruhend. Der Thrombus
setzte sich von der Theilungsstelle der Carotis communis bis durch das
Felsenbein in die Carotis cerebralis fort und endigte, sich zuspitzend, im
Niveau des Ursprungs der Art. f. S. Die Art. corp. call, rechts 4 — 5 cm.
lang obliterirt. Die Art. f. S. und cerebri posterior enthalten keine Ge-
rinnsel, sind aber verengert und an einigen Stellen selbst obliterirt durch
atheromat. Prosse.
Bei atheromatösem Processe sind Befunde der Art an den
grossen Gefässstäramen verhältnissmässig selten, dagegen kommen
sie nach Heubner*) bei der luetischen Gehirnerweichung ziemlich
häufig zur Beobachtung. Die obliterirende Arteriitis, welche der-
selben zu Grunde hegt, praedisponirt au sich, wie die Thrombose,
nur zu einem schubweisen Anwachsen der Symptome; sind aber
mehrere Hauptstämme schon obliterirt, so genügt ein gewisses
Maass der Verengerung des Lumen's in den übrig bleibenden, um
ein weit verbreitetes Sinken des Blutdrucks unter das absolut er-
forderliche Niveau herbeizuführen, und so erklären sich, wie schon
Heubner ausgeführt hat, die intercurrent im Verlaufe dieser
Krankheit auftretenden Insulte, ebenso wie ihre lange Dauer, nach-
dem sie eingetreten sind. Die Bedingungen für den Insult liegen
also hier ganz ähnlich, wie in gewissen selteneren Fällen von fort-
gesetzter Thrombose.
*) 1. c.
144 Wrrnicke, Lehrbuch der Geliirnkrankheiten.
Gewöhnlich ist der erste Anfall sowohl bei der senilen Gehirner-
weichung durch Thrombose, als bei der luetischen Erkrankung-
ganz anders beschaffen und besteht in dem mehr oder weniger plötz-
lichen Auftreten von Herdsymptomen ohne alle oder nur mit unbe-
deutenden Allgemeinerscheinungen. Nicht selten werden sie beim
Erwachen aus dem Schlafe bemerkt. Sehr characteristisch ist z. B.
der Anfall in dem folgendem Beispiele aus meiner Beobachtung.
Auch der darauf folgende Fall von B r o a d b e n t ist zweifellos als
luetische Erweichung aufzufassen.
Ein 2 7 jähr. Gutsbesitzer, früher immer gesund, vor mehreren Jahren
iuficirt und antisyphilitisch behandelt, erkrankt Anfang d. J. 1878 an
einem Recidiv, welches mit Zerfall einer alten Narbe begann und bald zu
einem Rupiaansschlag führte. Mercurielle Behandlung bis zum Schwinden
der Symptome. Vor 4 Wochen macht ihm sein Arzt einen freundschaft-
lichen Besiich und bemerkt dabei, dass Pt. 2 mal hinter einander aus der
aufgestützten rechten Hand die Cigarette fallen lässt. Aufmerksam gemacht,
schlenkert Pt. die Hand in der Luft hin und her und klagt über ein Ge-
fühl von Erstarrung, das wohl von einem längeren Ritt bei Regen, von
dem er eben zurückkam, herrühren müsse. Beide schenken nun dem
Vorfall keine weitere Beachtung. Am nächsten Morgen fühlt sich Pt.
etwas unwohl, setzt sich aber zum gewohnten Frühstück. Plötzlich sehen
seine Angehörigen ihn wanken, während er zugleich unverständliche Laute
ausstösst. Es stellt sich heraus, dass er nicht sprechen kann. Während
nun zum Arzt geschickt Avird, setzt Pt. mit gutem Appetit das begonnene
Frühstück fort. Der Arzt triflft ihn mit schwerverständlicher , lallender
Sprache und Parese des rechten Facialis und des rechten Armes. Er lässt ihn zu
Bett bringen, die Sprachstörung bessert sich im Laufe des Tages noch
erheblich. Dann wird es wieder schlimmer, und nach 2 Tagen ist der
rechte Arm und Facialis vollkommen gelähmt, während das Bein im Bett noch
frei beweglich scheint, und Pt. kann kein Wort mehr sprechen , während
er Alles versteht und die Intelligenz unbeeinträchtigt ist. Mit der Aphasie
besteht zuerst Agraphie und Alexie, die sich aber in Zeit einer Woche
bessern.
Broadbent. Lancet I. 1874. 2. 4. 6—8. Beob. 41. 30 jähr.
Frau, mit einem syphilitischen Manne verheirathet, hatte 4 Mal abortirt. Sie
erkrankt mit Zuckungen in den Fingern der linktn Hand, Parese und
Anaesthesie des linken Armes und linkss. Facialisparese. Erbrechen, Kopf-
schmerzen und Anfälle von Convulsionen wiederholten sich, auch das Bein
wurde gelähmt und der Tod erfolgte nach längerer Intelligeuzstörung und
26 stündigen Krämpfen im 9. Monate nach der Erkrankung.
Sectio n. Atheromatöse Flecke an den Hirnarterien., hinter der
F. S. in den geschrumpften Windungen 2 nussgrosse Erweichungsherde.
WerNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. '■^'^
Kleine Einsenkimgeu mit Erweiclmngsherden auch an der Oberfläche der
Streifen- und Sehhügel, besonders rechts.
Diese Herderscheinmigen können vorübergehender Natur sein,
ebenso wie die unter Insult eingetretenen, wenn die Gefässver-
stopfung nicht zur Erweichung führt, sondern die Circulation vermittelst
vorhandener, vielleicht schon vorher stärker in Anspruch genommener
Anastomosen sich A^äeder herstellt. Der Zeitraum, der hierbei ver-
streicht, beträgt bald nur wenige Stunden, bald einige Tage.
Zwischen dem ausgeprägten Insult und dem gänzlichen Fehlen
aller Allgemeinerscheinungen mitten inne stehen die Betäubungsan-
fälle (etourdissements der frz. Aut.) verschiedenen Grades, von
denen die leichteren ohne alle Herdsymptome ablaufen können, die
schwereren gewöhnlich hemiplegische Erscheinungen zur Folge
haben. Das häufigere Vorkommen solcher Betäubungen, erst
leichteren, dann schwereren Grades, bis einmal mit oder ohne förm-
lichen Insult sich dauernde Herdsymptome etabliren, ist für die
senile Gehirnerweichung die Regel und macht aus ihr, zusammen
mit der schon geschilderten Abnahme der Intelligepiz, ein klinisches
Bild, das für den einigermaassen Sachverständigen unverkennbar
ist. Das folgende Beispiel giebt davon eine Vorstellung.
Pitres. Gaz. med. 42. 1876. 66jähi-. Mann, fettleibig und dem
Alcohol ergeben, klagte seit mehreren Wochen über Kopfschmerz, plötz-
liche Schwindel- und kleine Betäubuugsanfälle, welche einige Momente
andauerten und spontan vergingen, auch" Erbrechen ohne bekannte Ursache
kam vor. Vor 3 Monaten hatte er plötzlich einen viel stärkeren Be-
täubungsanfall, er wäre fast hingestürzt, verlor aber doch nicht völlig das
Bewusstsein. Gleich darauf bemerkte er , dass seine rechten Extremitäten
merklich schwächer waren als die linken, und eine gewisse Schwierigkeit
der Articulation. Diese Hemiplegie verlor sich innerhalb 14 Tagen voll-
ständig. Am 3. November hatte er einen neuen, sehr starken Be-
täubungsaufall mit Lichterscheinungen und Ohrensausen und sofortiger
linksseitiger Hemiplegie. 7. November folgender Status: Rückenlage
ohne Kopf- und Augenablenkung , Gesicht geröthet, die linke Hälfte mit
dicken Schweisstropfeu bedeckt. Sensorium , Sprache frei , Zunge ohne
Abweichung, nur augedeutete, beim Sprechen nicht bemerkbare linksseitige
Facialisparese. Contractur der linken Extremitäten in Flexionsstellung,
Cremasterreflex links aufgehoben. Linke Hand merklich wärmer als die rechte,
Algesie der linken Extremitäten etwas herabgesetzt. Willkürliche Be-
wegungen links unmöglich, rechts erhalten. Pt. sieht mit beiden Augen
gleich gut, das Gehör ist ziemlich gut erhalten, doch bestehen subjective
Weruicke, Lehrbucli der Gehirukraukheiteu. II. JO
146 Wernickle, Lehrbuch der Gehirnkraiikheiten.
Geräusche, (Vögel und Trommeln in den Ohren). Resp. sehr beschleunigt,
54, am Thorax besonders hinten ijfeifende und subcrepitirende Eassel-
geräusche, Herztöne rein, P. 110. T. 37,2. 8. November. Contractur
des Armes weniger starr, Gesicht sehr roth, ohne Schweiss. Pt. scheint
Alles zu Acrstchen, aber spricht schwer, seine Antworten sind unverständ-
lich; genöthigt stammelt er einige schlecht articulirte Worte und fängt
zu weinen an. Linke Gesichtshälfte heut paretisch, Zunge wird leicht und
gerade hervorgestreckt. T. 37. 9. November. Contractur fast ver-
schwunden , nur an der Hand noch sehr deutlich , Bein in Extension,
Pt. scheint nicht mehr zu begreifen, was um ihn vorgeht. Urin 1021,
ohne Zucker, mit leichter Eiweisstrübung. 11. November. Linke
Extremitäten ganz schlaff. Gesicht mit Schweiss bedeckt, T. 40. Tod
3 Uhr Nachmittags.
Section. Arterien der Basis atheromatös und stellenweise stark
verengt. Oblongata und Kleinhirn gesund, im Centrum des Pons rechts
von der Mittellinie eine kleine Lücke vom Umfang eines Hanfkorns ohne
umgebende Vascularisation. Pia der linken Hemisphäre etwas verdickt und
getrübt, nirgends adhärent, Art. f. S. und ihre Verzweigungen a. d.
Convexität zeigen hin und wieder atheromatöse Inseln, von normalen Strecken
geschieden. Windungen allgemein verschmälert. Am vorderen und äusseren
Theil des Linsenkerns ein kleiner , flacher, 1 cm langer, zelliger Herd,
genau zwischen äusserer Kapsel und Linsenkern. Rechts sind Stamm
und Aeste der Art. f. S. stärker atheromatös, Pia überall sonst leicht ab-
iciiziehen, aber in der oberen Scheitelgegend adhärent. Am oberen Ende
der Centralfurche ein sagittal gestellter Ern'eichungsherd , 5 cm lang,
1 12 cm breit, von der Form eines 3 seifigen Priema's mit nach oben ge-
richteter Basis und etwa 2 cm in die Tiefe des Centrum ovale reichender
brechender Kante. Sein Sitz entspricht genau der Grenze der Gefäss-
gebiete der Art. f. S. und Art. corp. callosi. Von Windungen sind zer-
stört: das hintere Drittel der oberen Stirnwindung, das obere Viertel der
vorderen Centralwindung, das obere Fünftel der hinteren Centralwindung,
der Fuss des oberen Scheitelläppchcus. Die erweichte Gehirn-Substanz ist
gelblich, zerfliesslich, keine Hyperämie in der Umgebung. Stammganglien
intact. Die übrigen Orgaue ohne erheblichen Befund.
In der Besprechung wird das Fehlen der Facialis- und Zungeu-
lähmung hervorgehoben. Bezüglich der Localität des Herdes vergleiche
man unsere Erörterung auf S. 123.
Der Insult selbst ist in der Mehrzahl der Fälle von kürzerer
Dauer als bei der Hirnblutuno- die Restitution in kürzerer Zeit
eine vollständige; bei ausgedehnten Erweichungen ist jedoch wie
in jeder anderen Richtung so auch bezüglich der Dauer der Insult
der Hirnerweichung eben so scliwer wie der der Hirnblutung.
WerNICKE, Lelirbuch der Geliinikraiikheiten.
147
T e m p e r a t n r V e r h ä 1 1 n i s s e. Die folgenden Angaben sind
Bourneville*) entlehnt und beziehen sich auf die mit Insult
eintretende Erweichung. Eine Periode des initialen Sinkens fehlt
hier meist, wenn vorhanden, ist sie wenig ausgesprochen. Dagegen
kommt oft schon kurze Zeit nach dem Anfall ein schnelles Steigen
der Temperatur zu 39 — 40 ^ vor, ohne dass dadurch die ungünstige
Prognose, wie bei der Hirnblutung, bedingt wird, vielmehr kann
die T. wieder herabgehen und unregelmässige Schwankungen der
T. sich daran anschliessen. In ungünstigen Fällen folgt eine
Periode des Steigens gewöhnlich auf eine ziemlich lange stationäre
Periode. Das Steigen selbst soll nicht so rapide und nur selten
bis zu der Höhe wie bei der Blutung vor sich gehen. Nach
Hut in**) verhält sich die Temperatur bei der Erweichung von
der der Hirnblutung nicht wesenthch verschieden. Eins seiner
Beispiele soll wegen der beobachteten Herderscheinungen in §. 46
ausführlicher mitgetheilt werden.
Bezüglich der trophischen Störungen gilt Alles, was
auf S. 55 — 57 von der Hirnblutung bemerkt ist, auch von der Hirn-
erweichung.
III. Das chronische Stadium der Gehirnerweichung ist
dasjenige, welches allein ausschliesslich von der anatomisch nach-
weisbaren Erweichung als solcher abhängig ist, im besonderen
Gegensatz zum Stadium des Anfalles, welcher in der augenblick-
lichen, mehr oder weniger verbreiteten Functionsstörung bestand,
ganz gleich, ob dieselbe reparabel war oder nicht. Der Anfall
macht sich in diesem Stadium nur dadurch noch geltend, dass die
von ihm bedingten Allgemeinerscheinungen und indirecten Herd-
symptonie allmählich abklingen. Bezüglich der indirecten Hemi-
plegie ist hier unserer Darstellung auf S. 53 — ^55 nichts hinzuzufügen.
Die Vorstellung von einem Durchschnittsbilde der Hemiplegie,
welche, wie dort entwickelt, bei allen Autoren wiederkehrt, ist
nicht minder als der Hirnblutung der acut einsetzenden Erweichung
entlehnt. Ueljer die Rückbildung derselben ist hier nicht mehr
bekannt wie bei der Hirnblutuna-. Das chronische Stadium zerfällt
•*) 1. c.
**) De la temperature dans riiemorrhagie cerebrale et le ramollissement.
Th. de Paris 1877,
10*
-1^48 WernicKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
demgemäss in allen den Fällen, welche apoplectiscli einsetzten,
wieder in zwei Stadien, ein erstes, welches die Symptome der Er-
weichung plus Residuen des Insultes zeigt, und ein darauf folgendes,
welches nur die Symptome der Erweichung aufweist. Hat kein
Insult stattgefunden, so fällt diese Vermischung der Symptome der
Erweichung mit denen der Vorgänge, die dazu fährten, fort, und
man hat von Anfang an das reine Bild der Erweichung, das
chronische Stadium nimmt dann gleichzeitig mit dem Anfall seinen
Anfang.
Die Zeit, in welcher sich die Necrose durch anatomische Ver-
änderungen Terräth, ist nach den vorliegenden Erfahrungen frühestens
36 Stunden nach dem Gefässverschluss, oft aber viel später, denn
in manchen Beispielen sind selbst 4 — 5 Tage nach der Embolie die
entsprechenden Veränderungen nicht aufzufinden gewesen. Es ist
freilich möglich, dass diese Fälle auch ganz anders aufgefasst
werden müssen . und dass es einen Grad der Versorgung mit
arteriellem Blute giebt, welcher zwar die Necrose nicht zur Aus-
bildung kommen lässt, aber doch nicht hinreicht, um die Function
des nervösen Parenchyms zu unterhalten. So erklären sich viel-
leicht manche Fälle , wo Herderscheinungen einige Zeit vor dem
Tode bestanden haben, olme dass bei der Section ein Herd ge-
funden wmxle, der sie erklären konnte. Solche Fälle dürfen um
so wenio-er überraschen, als sie die Reo-el bilden . wenn der Tod
in den ersten 24 — 36 Stunden nach dem Anfalle erfolgt. Nach
Analogie anderer Organe wird besonders dann die Mortification
nicht einti'eten, wenn das Gebiet der betroffenen Endarterie nur
klein ist; es ti'eten dann capillare Anastomosen in Wirksamkeit
mid das Gewebe bleibt erhalten, ohne dass damit eine Restitution
seiner Function nothwendig einhergehen muss.
Xocli eine andere Folgerung geht aus unserer bisherigen Be-
trachtung hervor. Sie besteht darin, dass Herdsymptome , die erst
kürzere Zeit A'or dem Tode aufgetreten sind, mit dem Befunde aus-
gebildeter Erweichungsherde gar nicht in directen ursächlichen Zu-
sammenhang gebracht werden dürfen. Höchstens ist der Zusammen-
hang auf ein Fortschreiten der Necrose resp. der Functionsstörung
auf die Umgebung des Erweichungsherdes zurückzuführen, oft aber
auch mag überhaupt kein örtlicher Zusammenhang bestehen, und
eine ganz andere Localität, als die der gefundenen Erweichung,
WernicKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 149
bildete den Ausgangspunkt der beobachteten Herderscheinungen
sowohl, als etwaiger Allgemeinerscheinungen. So einfach und ehi-
leuchtend diese Sätze erscheinen dürften, so zahlreich sind die Ver-
stösse dagegen , die man in der casuistischen Literatur antrifft,
und sie sind nicht am wenigsten daran Schuld, dass die meisten
Autoren zu widerspruchsvollen Ergebnissen gelaugten.
Haben Erweichungsherde einen gewissen Umfang, erstrecken
sie sich z. B. über einen ganzen Gehirnlappen oder grössere Theile
desselben, so lässt sich' die dem Erweichungsherde selbst eigen-
thümliche Form der Störung des Allgemeinbefindens beobachten.
Sie besteht in einem je nach der Bedeutung der Erweichung ver-
schieden stark entwickelten Krankheitsgefühle, das sich schwer in
seine einzelnen Klagen zerlegen lässt, aber deshalb nicht minder
characteristisch ist. Zu dem subjectiven Krankheitsgefühl gesellt
sich oft eine entsprechende Abnahme der Kräfte und des Ernäh-
rungszustandes, ein marantischer Zustand, welcher auch die Todes-
ursache der meisten nach längerer Zeit letal endigenden Fälle
von Gehirnerweichung ist.
§. 45. Die clirouisclie Gehirnerweicliuug.
Von dem gewöhnlichen, bis jetzt behandelten Bilde der Gehirn-
erweichung durchaus verschieden ist die chronische progressive
Gehirnerweichung. Bei den älteren Autoren nicht selten anzutreffen,
ist diese Form bei den neueren vollständig in Vergessenheit ge-
kommen, bis auf vereinzelte Beispiele, welche ohne weiteren Commentar
als Merkwürdigkeiten mitgetheilt werden. Es muss nun zwar zu-
gegeben werden, dass sie zu den absolut seltenen Krankheiten ge-
hört; dass ferner manche hierher gerechnete Fälle älterer Autoren
fälschlich als Erweichungen aufgefasst wurden und in Wahrheit
Abscesse oder Tumoren waren. Dennoch bleibt beispielsweise bei
einem so classischen Gewähi'smanne wie Andral eine Reihe nicht
anzutastender Beobachtimgen übrig, es treten dazu vereinzelte neue
Beobachtimgen, und man wird bald frappirt von der Wahrnehmung,
wie viel Uebereinstimmung diese Krankengeschichten in ihren
wesentlichen Zügen haben.
Dazu kommt die principielle Bedeutung einer solchen verhältniss-
raässig reinen , selbstständigen Form der Erweichung, gegenüber
der gewöhnlichen durch die Vorgänge am Gefässapparat mannich-
150 Werxicke. Lehrbncli der Geliinikranklieiten.
facli complicirten Form , und endlich ihre eminente practische
Wichtigkeit für die Diagnose zweier anderer Krankheitsformen, des
Hirntumors und des Hirnabscesses. Damit sind die Gründe dar-
gelegt, aus welchen ich dieser Ba'ankheit ein besonderes Grewicht
beilege. Der Umstand , dass ihre Kenntniss den Neueren ver-
loren gegangen ist, hat nicht am wenigsten dazu beigeti-agen , die
erheblichen Unterschiede, welche dem Durchsclmittsbilde der Hirn-
blutung und Hirnerweichung eigen sind, in der öffentlichen Meinung-
vollständig zu verwischen und der Auffassung Geltung zu verschaffen,
dass die Gehirnerweichung schlechtweg den acuten Herderkrankungen
zuzui-eclmen sei.
Als typische Beispiele können wir die folgenden 5 Fälle be-
trachten.
Anclral 1. c. Beobaelitnug 8 der Erweichungen. Eine Frau von
37 Jahren hatte seit ihrer frühesten Jugend fast fortwährend Durchfall;
die Digestion war seit lange schon leidend ; zu Zeiten hustete sie auch
ein wenig. Als wir sie zum ersten Male sahen, war sie bleich und mager;
im Blutlaufe esistirte keine Störung. Zwei Monate vor ihrer Aufnahme
in's Hospital hatte eine seltsame Erscheinung sich zu zeigen angefangen :
es bewegten sieh nämlich dtr kleine und der Eingfinger, ohne dass die
Kranke es verhindern konnte, mit Gewalt nach der Handfläche , welche
partielle^ Contractur eine Viertel- bis zwei Stunden lang dauerte , worauf
sie verschwand. Die Zufälle kamen im ersten Monate alle drei bis vier
Tage vor und hatten kein anderes Gebirnsymptom in ihrer Begleitung ;
beim Beginn des zweiten fingen sämmtliche Finger an, jedoch in Intervallen,
nach der flachen Hand sich zu krümmen, welche bald selbst mit dem
Vorderarme einen spitzen Winkel bildete und zugleich so verdreht war,
dass ihre flache Seite nicht der vorderen Fläche des Armes correspondirtc,
sondern nach aussen gekehrt war. Als wir die Kranke zii beobachten
anfingen, war diese doppelte Contractur der Finger und der Hand, welche
Anfangs nur vorübergehend gewesen , andauernd geworden. Die Be-
wegungen des Vorderarmes waren bis dahin noch auf keine "Weise ge-
hindert worden, aber bald sahen wir auch ihn sich nach dem Oberarme
beugen, was ebenfalls Anfangs erst vorübergehend geschah, später beständig
blieb. Jetzt ereignete sich aber ein merkwürdiger Fall: je mehr nändich
sich die Contractur des Vorderarmes ausbildete, desto mehr verringerte sich
die der Finger, hörte endlich ganz auf, und wurde gleichzeitig die der
Hand schwächer; jene blieb gegen 14 Tage, nahm dann ihrerseits ab
und machte endlich einer einfachen Lähmung Platz, welche schon seit
langer Zeit die linke untere Extremität getroffen hatte. Während 8 Tagen
Wernicke, Lelirbiach der Geliirnkr.-uiklieiteu. -lol
beobachteten wir nur eine Hemiplegie, ohne dass enie Spur von Contractur
sich zeigte. Darauf erschien diese wiedei", und seitdem wechselten Paralyse
und Contractur im linken Arme fortwährend. Letztere nahm entweder
zugleich oder einzeln die Finger, die Hand oder den Vorderarm ein.
Ausserdem wurde 3 oder 4 Mal auch die Wade nach dem Schenkel gebogen.
Die Sensibilität hatte im Uebrigen in den Giiedmaas.sen nicht gelitten :
es bestand kein Schmerz, keine Cephalalgie, keine Trübung des Bewusst-
seins, die Diarrhöe wurde indessen immer beträchtlicher; es bildete si.h
am Heiligenbeiia ein Brandschorf, und die Kranke starb, ohne dass ein
neues Symptom von Seiten des Grehirns hinzugekommen war.
Sectiou. Das Zellgewebe unter der Arachnoidea mit etwas durch-
sichtigem Serum infiltrirt; 2 Kaffeelöffel voll davon in den Seitenveutrikeln.
Der hintere und mittlere Lappen der rechten Hemisphäre war zu zwei
Dritteln in einen gelblichen Brei verwandelt, in welchem weder ein Gefäss,
noch ein Bluterguss zu entdecken Avar. Die Erweichung nahm ihren
Anfang ungefähr einen Zoll unter den Windungen der convexen Seite,
erstreckte sich bis zum Sehhügel, ohne diesen zu berühren , endete nach
vorn an der Stelle, wo die beiden hintern Drittel des Sohhügels mit dem
vordem zusammeustossen, und reichte nach hinten bis an die Peripherie
des Gehirns. Im Darm tuberculöse Geschwüre.
Andral 1. c. Beobachtung 9 der Erweichungen. Ein alter Schneider
von 63 Jahren war im Hospital mit einem Icterus und Ascites, deren
Ursachen in einem Leberleiden zu liegen schienen, aufgenommen worden.
Er war bereits sehr abgemagert und ging langsam seinem Ende entgegen,
als er eines Tages über eine besondere Schwere und ein Erstarren in
beiden Gliedmaassen der linken Seite klagte. Er vermochte mit der Hand
kaum mehr etAvas zu fassen, und am Fusse schien ihm, nach seinem
eigenen Ausdrucke, beim Gehen fünfzig Pfund zu hängen und ihn an der
Erde festzuhalten. Sonst hatte er weder Kopfschmerz noch Schwindel,
mit einem Worte kein Zeichen einer Gehirncongestion, In den folgenden
G Wochen verloren diese Gliedmaassen immer mehr die Fälligkeit sich zu
bewegen, bis endlich die Hemiplegie vollkommen war. Zwei Monate Avaren
ungefähr, seitdem sich die ersten Zeichen der Lähmung gezeigt hatten,
A'erflossen, als die Zunge trocken Avurde, Durchfall sich einstellte und der
Kranke bald unterlag. Es fanden sich Ijis zum Tode keine Aveiteren
Symptome von Seiten des Gehirns liinzu, als eine Eingenommenheit des
Kopfes, sowie die Zunge anfing tr<M'ken y.n werden. Contractur hatte zu
keiner Zeit stattgefunden.
Section. EtAvas über dem Centrum ovale des Vicussens und fast
gleichAveit von dem vorderen und hinteren Ende enthielt die rechte
Hemisphäre eine crAveichte Stelle, die den Umfang einer gcAvöhnlichen
Nuss hatte. Sie Avar von graulichAveisser Farbe. Die Nervencentra zeigten
152 WernicKE, Lehrblich der Gehirnkranklieiten.
im Uebrigen nichts Abnormes ; die VentriJiel enthielten nur eine mittel-
mässige Quantität von Serum. Leber cirrhotisch.
Birch-Hirschfeld bei Vetter, Deutsch. Arch. f. klin. Med. 22. Bd.
S. 424. öOjäbr. Mann bemerkte nach einem plötzlichen Scbwindelanfall
Schwäche der linken Extremitäten, die schon am nächsten Tage verschwand
und nur leichte Benommenheit des Kopfes zurückliess. Bald danach G-e-
fühl des Abgestorbenseias in den Fingerspitzen der linken Hand, ver-
breitete sich in den nächsten Monaten erst auf den Vorderarm und
schliesslich auf den Oberarm, ohne dass objectiv eine Störung der Haut-
sensibilität oder der Motilität zu bemerken war. Eine Badekur in Teplitz
bewirkte vorübergehende Besserung, dann aber traten dieselben Beschwerden
wieder auf und nahmen so zu, dass etwa 8 Monate nach dem Anfalle der
Kranke behauptete, der linke Arm sei eine so schwere , ihn zu Boden
ziehende Last, dass er nicht im Staude sei, länger als einige Minuten zu
gehen. Er ging daher nur ungern und indem er den linken Arm mit
dem rechten unterstützte. Auch jetzt war keine objective Störung nach-
zuweisen, und psychisch war nur auffallend, dass der Pt. sich ausschliess-
lich mit seinem Leiden beschäftigte. Bei der augenscheinlich erhaltenen
Beweglichkeit des Armes wurde Hypochondrie angenommen. Galvanische
Behandlung und eine zweite Badekur in Teplitz (im 2. Sommer der Krank-
heit) blieben erfolglos. „Der Kranke war nur schwer zum Gehen zu be-
wegen, er stützte sich dann fest mit der linken Seite auf den Arm seines
Begleiters und behauptete, nach wenigen Minuten der Euhe bedürftig zu
sein, da es ihn am linken Arm und der Schulter so sehr niederziehe."
Im darauf folgenden Winter erstreckte sich dieses Gefühl einer ungeheuren
Last auch auf die linke Brust und das linke Bein. Die Motilität war
auch jetzt ungestört. Dagegen ergab eine genauere Prüfung eine leichte
Abstumpfung des Drucksinnes der Haut (mit Zirkelspitzen und Gewichten
geprüft) bis über den Ellenbogen des linken Armes. Es wurde nun zum
ersten Male auch das Muskelgefühl geprüft: Pt. hatte von der Lage des
linken Armes keine deutliche Vorstellung und konnte mit demselben selbst
grobe Gewichts - Differenzen (1 und IV2 Pfd. z. B.) nicht wahrnehmen.
Pt. behauptete nun nicht mehr gehen zu können und blieb bettlägerig.
Nun wurde Schlaf und Stuhlgang gestört, eine allgemeine Abmagerung
machte sich bemerklich, die Kräfte verfielen und der Tod erfolgte an
hypostatischer Pneumonie über 2 Jahre nach Beginn der Erscheinungen.
S e c t i o u. Ueber Apfel grosser Erweichungsherd im rechten
Centrum ovale, bis unmittelbar unter die Pia reichend, nimmt die ganze
Einde des oberen Scheitelläppchens und der oberen Hälfte des unteren
Scheitelläppchens ein und erstreckt sich zum Theil in Einde und Mark
der hinteren Centralwindung. Massiger atheromatöser Process an den Arterien
der Basis.
Wernicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 153
Andral 1. c. Beobachtung 15 der Erweichungen. Eine Frau von
71 Jahren hatte ein Jahr ungefähr, bevor sie in die Pitie aufgenommen
worden war, starke Schmerzen in den beiden linken Gliedmaassen empfunden.
Sie waren Anfangs nur vorübergehend gewesen und unter der Form von
Stichen gekommen, die die vordere Seite des Armes und die hintere Seite
des Beines durchfuhren. Waren sie sehr stark, so erschienen auch manch-
mal kleine convulsivische Zuckungen in den Fingern, und besonders im
Zeigefinger. Zuweilen krümmte sich der Daumen plötzlich nach der flachen
Hand, aber nur, wenn jene Schmerzen eben gewesen waren oder noch an-
dauerten. Diese Contractur blieb indess niemals länger als 10 oder 12
Minuten. Früher hatte die Kranke nie ähnliche Schmerzen gehabt: ihre
Anfälle kamen nun immer öfter, blieben endlich für beständig, verloren
aber ihre anfängliche Intensität, und die Kranke empfand zuletzt, be-
sonders in der oberen Extremität, nichts mehr als ein fortwährendes Ge-
fühl von Kribbeln. So blieb der Zustand gegen 5 Monate. Hierauf
merkte sie, dass sie sich nicht mehr so gut auf ihr linkes Bein verlassen
konnte : es erschien ihr wie taub und schleppte ein wenig beim Gehen nach.
Auch der linke Arm wurde gleichzeitig schwächer : sie vermochte irgend
einen nur etwas schweren Gegenstand weder zu fassen noch zu tragen.
Diese Lähmung nahm allmälig zu und in einem Zeitraum von 6 Wochen
war sie so vollständig wie möglich. Aber merkwürdig genug ! Seitdem die
Muskeln der Kraft beraubt waren, eine Bewegung zu machen, stellten
sich in ihnen wieder jene Schmerzen ein, die den Anfang der Krankheit be-
zeichnet hatten, und zeigten ihre anfängliche Heftigkeit , so dass sie zu-
weilen die Kranke zu Thränen brachten. In diesem Zustande kam sie zu
uns. Wir fanden sie mager und bleich; die Augen tief liegend. Die
Züge waren gezogen und kündigten alte Leiden an. Alle 3 oder 4 Tage
zogen grosse Schmerzen durch die Gliedmaassen der linken Seite , welche
die Kranke mit Feuerzügen verglich. Die Sensibilität der Haut war
dessen ungeachtet in jenen viel abgestumpfter als auf der rechten Seite.
Bewegen konnte sie sie gar nicht : von Contractur war keine Spur vor-
handen. Der rechte Mundwinkel war nach oben verzogen ; die ausge-
streckte Zunge wich nach links ab. Das Sehen war auf beiden Seiten
gleich, eben so der Geruch und das Gehör. Die Sensibilität der Haut
auf der linken Seite des Gesichts schien etwas abgestumpfter als auf der
rechten zu sein, und wenn man die Kranke veranlasste, die Backen aufzu-
blasen, so vermochte sie es nur auf der rechten Seite. Kopfsehmerz be-
hauptete sie niemals gehabt zu haben. Die Verstandeskräfte hatten nicht
gelitten. Sie verdaute gut, ass aber wenig ; Stuhlgänge waren selten ; der Puls
zählte 66 Schläge in der Minute, war regelmässig und ziemlich hart. Sie
erzählte uns, dass sie von ihi'em 19. bis 23. Jahre von sehr heftigem
Herzklopfen gequält worden sei und Atlinnnigsbeschwerdeu dabei gehabt
154 WerniCKE, Lelirbnch der Gehirnkrankheiteii.
habe , welche Zufälle alsdann gänzlich verschwunden seien. Nachdem
diese Frau einen Monat ungefähr bei uns gewesen war , ohne eine
bemerkenswerthe Veränderung in ihrem Zustande gezeigt zu haben,
verlor sie gänzlich den Appetit ; die Zunge wurde darauf roth und
trocken, und die Kräfte schwanden reissend schnell. Ein grosser Brand-
schorf bildete sich am Heiligenbein, und die Kranke starb : sie hatte bis
an ihr Ende eine gewisse Klarheit des Geistes behalten. In den
3 letzten Wochen hatte sich in den unteren Extremitäten_^Oedem einge-
funden.
Section. In gleicher Ebene und nach aussen vom Sehhügel und
dem gestreiften Körper in der rechten Hemisphäre existirte eine bedeutende
Erweichung der Gehirnsubstanz. Sie reichte fast bis an die Basis des
Gehirns, erstreckte sich nach vorn bis in die Gegend, in welcher die vier
vorderen Fünftel des gestreiften Körpers mit seinem hinteren Fünftel zu-
sammentreten, und hatte ihre hintere Grenze fast an dem Ende der Hemi-
sphäre. Injection zeigte sich in ihr_ nicht ; an einigen Stellen war sie
graulich-weiss, an anderen gelblich gefärbt. Das Dreipfeiler-Gewölbe und
das Septum lucidum waren breiig. Die beiden Seitenventrikel enthielten viel
Serum, so dass sie von demselben ausgedehnt wurden. Die grossen Ge-
hirnarterien waren verknöchert.
Andral 1. c. Beobachtung IßJ^der Erweichungen. Eine Frau von
19 Jahren fing an, ungefähr 7 Monate vor ihrer Aufnahme in der Pitie,
einen dumpfen Schmerz in der rechten Schläfe zu empfinden, der von Zeit
zu Zeit heftiger, alsdann allgemeiner wurde und eine grosse Erschlaffung
in seiner Begleitung hatte. Oft verbreitete er sich , wenn er stärker
wurde, über den Nacken, stieg auf der linken Seite des Halses hinab und
ergriff endlich den ganzen linken Arm ; zuweilen war er nicht blos auf
diese Theile begrenzt, sondern fand sich auch im linken Beine ein. Diese
Schmerzen hatten nicht immer denselben Character, manchmal waren sie
wie Nadelstiche ; zuweilen schienen sie wie von einer sehr grossen Wärme
herzurühren ; ein andermal glichen sie dem Gefühl , das man hat, wenn
man einen Nervenast stösst; öfter endlich bestanden sie nur in einer
ausserordentlichen Ermüdung, so dass Bewegungen von den Gliedmaassen nur
mit Mühe gemacht werden konnten. Zuweilen verursachte man ihr auch
Schmerzen, wenn die Muskeln etwas gedrückt wurden; und damit alle
möglichen Störungen der Sensibilität sich bei dieser Frau einfanden, kam
es auch vor, dass die Haut selbst in den Gliedern der linken Seite
schmerzhaft wurde, so dass die geringste Berührung oder gar Druck oder
Reiben ihr unerträglich waren, Diess waren lange Zeit die einzigen Er-
scheinungen, welche an dieser Frau beobachtet wurden; es kam indess
auch eine Zeit, in welcher Störungen der Motilität sich einstellten.
Während nämlich die Schmerzen exacerbirten , zeigten sich anfänglich in
WerniCKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 155
den linken Gliedmaassen, besonders in der oberen, convulsivische Zuckungen,
zuerst schwach nur und selten ; bald darauf krümmten sich die Finger
nach der Handfläche, diese nach dem Vorderarm, und der wiederum
nach dem Oberarme, so dass sie einen sehr spitzen Winkel mitsammen
bildeten. J3as Bein folgte auch bald und zeigte eine Contractur. Seit
der Zeit nahmen die Schmerzen an Heftigkeit zu. In diesem Zu-
stande befand sie sich , als wir sie zu beobachten Gelegenheit
hatten. Sie empfand die grausamsten Schmerzen in den beiden Glied-
maassen, und die Contractur hatte den höchsten Grad erreicht. Der
Kopfschmerz bestand noch, aber nicht so heftig, wie früher. Der Geist
war durchaus klar. Die Sinnesfunctionen hatten keine Störungen erlitten.
Der Puls war nicht frequent, aber auch nicht besonders langsam. Es
wurde ein Haarseil im Nacken gezogen und die Glieder mit einer
Opium-Salbe Abends und Morgens eingerieben. Dieser Zustand blieb
15 — 20 Tage ohne Veränderung, worauf sich diese, wie folgt, einstellte:
Diese Cephalalgie bestand nur noch als eine unangenehme Em23fiudung
auf der ganzen linken Seite des Kopfes. Aus den Gliedmaassen waren
die Schmerzen gewichen ; ihre Haut bedeutend unempfindlich geworden,
und die Finger und Zehen hatten fortwährend das Gefühl von Erstarrung
und Kälte. Die Contractur war verschwunden, dafür aber eine voll-
kommene Lähmung eingetreten, die sieh auf die linke Seite des Gesichts
erstreckte, weshalb der rechte Mundwinkel stark nach oben verzogen Avar.
Die Bewegungen der Zunge waren gehörig, aber die Sprache hatte etwas
gelitten. Der Geist blieb fortwährend klar. So war der Zustand der
Kranken, als eine acute Pleuropneumonie hinzukam, welcher sie unterlag.
Sectio n. Die Meningen gesund; etwas klares Serum in den Ven-
trikeln. Der ganze vordere Lappen der rechten Hemisphäre war in einen
graulichen Brei verwandelt in dem man eine Menge weisslicher Klumpen
schwimmen sah , die in einer Flüssigkeit, welche trüben Molken ähnlich
war, gleichsam hingen. Der gestreifte Körper und der vordere Theil des
Sehhügels nahm an dieser Veränderung Theil, w^elche nur die Windungen
der convexen Seite, sowie der Basis verschont hatten. Diese waren wie
abgeplattet und fluctuirend. Das übrige Gehirn erwies sich gesund.
Die vorstehenden Krankengeschichten lassen sich Avie folgt
resumiren. In dem ersten Fall handelt es sich mn eine 37 jährige,
schlecht genährte Frau, bei welcher erst vorübergehend, später jedoch
dauernd eine Contractur erst einzelner Finger, dann " der ganzen
Hand und schliesslich des ganzen linken Armes sich einstellte und
dann in schlaffe Lähmung überging. Ebenso allmählich entwickelt
sich eine einfache Lähmung des linken Beines. Li dem ganzen
weiteren Verlaufe wechselten einfache Lähnmng und Contractur des
156 WerNICKE, Lehrbiicli der Gehirnkrankheiten.
Armes mit einander ab, am gelähmten Beine trat eine Contraetnr
nur ganz vorübergehend auf. Nach etwa viermonatHchem Verlauf
erfolgt der Tod. ohne dass jemals eine Störung des Bewusstseins
oder andere als die geschilderten Herdsjmptome eingetreten wären,
nur unter weiterem Verfall der Kräfte. Aehnlich verhält sich der
zweite Fall, dessen Dauer wenig über zwei Monate beträgt. Auch
hier stellte sich innerhalb dieser Zeit eine linksseitige Hemiplegie
ein, ohne dass andere Gehirnerscheinungen bemerkt wui'den. Nur
fallen hier gewisse Paraesthesien im Beginn der Erscheinungen auf,
die als Reizerscheinungen sensibler Fasern gedeutet werden müssen.
Genau dieselben Klagen werden in dem dritten , aus der Neuzeit
stammenden Falle angegegeben, und als ihr Substrat stellt sich
bei genauerer Untersuchung ein gewisser Grad von Anaesthesie
heraus, während die grobe Motilität ang'eblich bis zum Ende unge-
schädigt blieb. Die Verlaufsdauer beträgt hier über zwei Jahre,
und in dieser ganzen Zeit scheint eine Progression der Erscheinungen
stattgefunden zu haben, trotzdem dieselben lange Zeit ungewöhn-
lich beschränkt blieben. Allen drei Beobachtungen ist also das Fehlen
aller Allgemeinerscheinungen, die gleichmässige langsame Progression
der Herdsjmptome gemeinsam; die Herdsymptome beginnen mit
Reizerscheinungen desselben Nervengebietes, dessen Leitung später
unterbrochen wird; sie sind ausschhesslich motorisch in dem ersten
Falle, betheiligen ausserdem auch die Sensibilität in dem zweiten und
dritten Falle. Genau dasselbe zeitbche Verhalten in dem Ablauf
der Herdsjmptome und dasselbe Fehlen aller Allgemeinerscheinungen
zeigt der vierte Fall, doch spielen bei demselben die Störungen
der Sensibilität eine grössere Rolle, erst in der Form ausschliess-
licher Reizerscheinungen, später der Anaesthesie mit intercurrenten
Reizerscheinungen. In dem fünften Falle dominiren die Störungen
der Sensibilität von Anfang an, es folgt später Anaesthesie und
Lähmung, der Verlauf beträgt acht Monate. In allen übrigen Be-
ziehungen den vorhergehenden sehr ähnlich, weicht diese Beobach-
tung *) dadurch von ihnen ab, dass die Allgemeinerscheinungen nicht
vollständig fehlten, sondern besonders im Beginn der Krankheit ein
*) Sehr auffällig ist hier die Angabe, dass der in der rechten Schläfe
sitzende Kopfschmerz sich über den Nacken verbreitet und auf der linken Seite
des Halses herabsteigt um den linken Arm zu ergreifen. Dieses Verhalten ent-
spricht viel mehr einem linksseitigen Kopfschmerz. Unwillkürlich erinnern wir
WerniCKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 15<
Kopfschmerz von erheblicher Intensität bestand; bis auf diesen blieb
jedoch auch hier jede Allgemeinerscheinung aus.
Wenn es nach diesen Fällen scheinen könnte, als ob stets die
Herdsymptome zuerst als Reizung und dann erst in der Form der
Lähmung sich geltend machten , so trifft dies doch durcliaus nicht
immer zu, es können auch alle Reizerscheinungen dabei fehlen.
Constant und ausnahmslos ist nm^ der langsame, gleichmässig pro-
gressive und fast ausschliesslich aus einer Summation von Herd-
symptomen bestehende Verlauf. Dennoch ist es zweifellos für die
Auffassung des Processes nicht ohne Belang, dass die Reizerschei-
nungen dabei eine solche Rolle spielen, während sie bei der ge-
wöhnlichen Hirnerweichung ganz in den Hintergrund treten. Dieser
Umstand stimmt am meisten mit der Vorstelkmg, die wir uns von
einem entzündlichen Processe machen, wo ganz gewöhnlich eine
Reizung des Gewebes seinem Untergange vorhergeht.
Der 8itz dieser Erweichung ist vorwiegend das Marklager der
Hemisphären, ihre Ausdehnung oft sehr beträchtlich. Das schritt-
weise Anwachsen der Herdsymptome entspricht genau dem Vor-
dringen der Zerstörung, welche man sich als stets scharf abgegrenzt
vorzustellen hat, so dass auf dem engsten Räume ganz abgestorbenes
und vollständig gesmides Gehirngewebe aneinander stossen. So
müssen auch die verschiedenen, zum Theil höchst eigen thümlichen
Formen, in denen sich die Reizzustände der sensiblen Fasern geltend
machen, als eine Affection von einander verschiedener Bahnen ge-
deutet werden, indem bald mehr solche getroffen wurden , welche
das Gemeingefühl vermitteln , bald mehr solche , welche vom Zu-
stande der Musculatur u. drgl. m. Kunde geben. Das Gefühl einer
ungeheuren Last kann wohl auf keine andere Weise gedeutet
werden, es ist der offenbare Gegensatz zu der häufiger vorkommenden
Empfindung , als ob die betr. Extremität gar nicht vorhanden
wäre.
Vergleicht man eine grössere Zahl hierher gehöriger Fälle, so
ergiebt sich, dass meistens deutlich zwei Stadien zu unterscheiden sind,
ein erstes der Progression, durch langsame Zunahme der Herd-
symptome gekennzeichnet. Es kann verschieden lange, selbst über
Jahresfrist dauern und führt endlich zu vollständiger Hemiplegie.
uns dabei der Erfahrung, wie ungemein häufig in den Krankengeschichten eine
Verwechselung der Körperseiten anzutreffen ist.
158 WerniCKE, Lehrbuch der Gehirnkankheiten.
In dem zweiten Stadium des Stillstandes lässt sich keine weitere
Zunahme der Herderscheinmigen constatiren, und kommt es zum
letalen Ausgange, so ist derselbe gewöhnlich nicht Folge der Ge-
hirnerkrankung an sich, sondern intercurrenter Erkrankungen anderer
Organe, oder des Decubitus, oder solcher Organerkrankungen, die
schon vor dem Gehirnleiden bestanden und an sich zum Tode
fuhren. Der Process ist also nur bis zu einem gewissen Punkte
progressiv und nicht malign in dem Sinne der meisten Neubil-
dungen, die erst mit dem Tode des Individuums zu wachsen auf-
hören.
Als chronische Erweichung , die schliesslich durch Blutung
complicirt wird, ist der folgende Fall von Dutrait aufzufassen.
Diitrait. Lyon med. 45. 1875. 6 4 jähr. Mann, klagt seit IV2
Monat über Abnahme der Kräfte und Anfälle von Dyspnoe. Herz und
Lungen frei, stumpfsinniger Gesichtsausdruck, Abschwächung der Intelligenz
und der Sensibilität, Langsamkeit der Bewegungen, G-ang unsicher, Sprache
häsitirend. Oedem der Malleolen, Albuminurie. 3. Mai. Wegen der
Gefrässigkeit des Pt. wird auf Zucker untersucht und in der That sehr
starker Gehalt daran gefunden. 20. Mai. Intelligenz verschlechtert sich.
Die Eesi5. wird anfallsweise sehr geräuschvoll; dabei tumultuarische Be-
wegungen des Herzens und der Thoraxwände , ohne sonstige abnorme
Geräusche. 22. Juni. Weitere Verschlimmerung, Pt. verlangt seine
Entlassung. 2. August wird er anscheinend hemiplegisch wieder einge-
bracht. Complete Facialislähmung, stammelnde, unverständliche Sprache,
stertoröse Eesp. ; leichte Cyanose. Man constatirt jedoch, dass die Sensi-
bilität (d. h. Algesie) zwar abgeschwächt, aber beiderseits erhalten ist,
auf sehr lautes Anrufen erfolgen auch willkürliche Bewegungen ohne
Incoordination. Dieser Zustand dauert seit etwa 8 Tagen. Nach einer
Besserung von 8 — 10 Stunden werden die Störungen der Circulation und
Respiration wieder viel heftiger, oft folgen sich 5 oder 6 schnelle Athem-
züge und dann sehr langsame oder eine Respirationspause. Tod am 4.
August früh.
Section. Lungen, Herz, Nieren ohne Veränderung. Ein ziemlich
umfangreiches Blutgerinnsel im 4. Ventrikel communicirt durch eine ge-
zackte Oetfnung mit einer grossen, unter dem Boden des 4. Ventrikels
befindlichen Höhle. Dieselbe ist unregelmässig, mehr nach rechts hin
ausgedehnt und hat in ihren grössten Durchmessern eine Länge von 2 cm,
Breite von 2 cm und Tiefe von 1 cm.
Von dem typischen Bilde der chronischen Gehirnerweichung
zu der acuten, aber ohne Insult einsetzenden mid noch mehr zu der
WERNICKB. Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. löJ
senilen, etappenweise vor seh reitenden Form bestellt eine Reihe von
Uebergängen. So giebt es Fälle, die sonst durchaus der chronischen
.Erweichung gleichen, aber in so abgekürztem Verlaufe, dass der
Name dafür nicht mehr zu rechtfertigen wäre. Zwei Beispiele
dafür sind die folgenden Beobachtungen von Andral undPitres.
Der Fall von Dreyfus dagegen ist unverkennbar eine Zwischen-
form zu der senilen Gehirnerweichung.
Andral 1. e. Beobachtung 6 der Erweichungen. Eine Frau von
78 Jahren wurde in die Pitie in dem Zustande eines sehr bedeutenden
Marasmus aufgenommen. Sie hatte eine starke Diarrhöe und hustete seit
langer Zeit. Sie antwortete vollkommen richtig auf die an sie gerichteten
Fragen, konnte aber weder mit dem linken Arme, noch mit dem Beine
derselben Seite eine Bewegung ausführen. Der Vorderarm war beständig
nach dem Oberarme gebogen, und die Hand, welche wie verdreht war und
sich in einer starken Flexion befand, bildete mit der vorderen Seite des
Vorderarmes einen spitzen Winkel. Das Bein war gänzlich gelähmt,
zeigte aber keine Spur von Contractur. Sie erzählte uns, dass sie vierzehn
Tage vor ihrer Aufnahme in's Hospital erstaunt gewesen wäre, als sie
den Ringfinger und den kleinen Finger plötzlich sich beugen gesehen habe,
ohne dass ihr möglich gewesen wäre, sie wieder auszustrecken. In den
beiden folgenden Tagen hatte sich nichts verändert, darauf bog sich die
ganze linke Hand mit Heftigkeit nach dem Vorderarm, und bald darauf
dieser nach dem Oberarm ; gleichzeitig fing das linke Bein an, wie erstarrt
und schwerer als das andere zu werden und wurde endlich vollkommen ge-
lähmt, ohne dass sich eine Contractur eingefunden hatte. Die Kranke
gab hinlänglich gut Auskunft über ihren Zustand: sie versicherte uns, dass
sie nie ihr Bewusstsein verloren, dass sie nie Kopfschmerzen gehabt und
in den gelähmten Griiedmaassen nicht mehr Schmerzen als wie in allen
anderen Theilen des Körpers empfunden habe. Im Uebrigen hatte sie alle
Symptome von Lungenschwindsucht, und wir fanden bei ihr in der Spitze
der rechten Lunge eine grosse Höhle, was bei so vorgerücktem Alter ein
merkwürdiger Fall ist. Der Puls war beständig frequent, was aber von
dem Lungenleiden lediglich herrühren konnte. Diese Frau blieb im
Hospitale gegen zwanzig Tage, während welcher Zeit wir sie allmählich ver-
kommen sahen , ohne dass sich eine heue Erscheinung von Seiten des
Nervensystems dazu fand. Den 22. Juli 1832 4 Uhr Morgens starb sie.
Section. Auf der vorderen Seite zeigte das Grehirn nichts Bemerkenswerthes ;
die Meningen waren gleich und ohne seröse Infiltration ; ziemlich zahl-
reiche Pacchionische Drüschen befanden sich längs der grossen Incisura
interlobularis. Die Windungen waren gesund , aber etwas unter ihnen,
wo der vordere und mittlere Lappen der rechten Hemisphäre sich ver-
160 Wernicke, Lehrbuch der Gehirukrankheiten.
einigen, zeigte sich eine bedeutend grosse Erweichung der Gehirnsubstanz,
welche keine lujection erkennen liess, sondern viehnehr ihrer Consistenz
und Farbe nach einer starken Amylum -Auflösung in "Wasser ähnlich sah.
Die sie umgebende Masse war gesund , namentlich zeigte sie keine
stärkere Tnjection als gewöhnlich. Die Ventrikel enthielten nur wenig
Serum.
Pitres. G-az. med. 40. 1876. 6 6 jähr. Frau, bisher gesund, fühlte
am 22. November, während sie in der Wirthschaft thätig war, ein schmerz-
haftes G-efühl von Taubheit der rechten Extremitäten , konnte ihre Arbeit
fortsetzen, aber im Laufe des Tages nahm die Taubheit zu und es kam
dazu eine gewisse Schwierigkeit. die Worte zu articulireu. Am
folgenden Tage wurden diese Symptome allmählich ausgesprochener, und
am 25. November hatte sich das Taubheitsgefühl in eine vollständige
rechtsseitige Hemiplegie, und die erschwerte Aussprache in eine absolute
Unmöglichkeit zu sprechen verwandelt, ohne dass jemals das Bewusstsein
verloren gegangen war. Status vom 27. November. Totale rechtsseitige
Hemiplegie mit motorischer Aphasie, die rechten Extremitäten wärmer,
Algesie erhalten, Pt. kann die Zunge nicht vorstrecken, Resp. 24, P. 96,
sehr klein, hin und wieder unregelmässig. Abends T. vaginae 38,2, reich-
liche Diarrhöe, Zunge trocken, rissig. 28. November. Tv. 38,5,
Resp. 48, P. kaum fühlbar, Reflex auf Kitzeln der Fusssohle erloschen.
Abends Tv. 38,6, beginnender Decubitus an der rechten Hinterbacke.
29. November. Tv. 38,0, Resp. 44, Abends Tv. 38,8. 30. November.
Diarrhöe hat abgenommen, Decubitus verbreitet sich niclit. Urin ohne
Zucker und Eiweiss, Herzschlag unregelmässig, P. 96, Resp. 48, Tv. 38,7.
1. December. Tracheairasseln, Resp. 44, P. sehr unregelmässig.
Decubitus au der rechten Ferse. T. 38,1, Abends 38,5. 2. December.
Resp. 48, T. 38,2—38,7. 3. December. P. 88, Resp. 44, T.
38,1 — 38,2. Leichte Flexionscontractiu* der Finger. Zunge andauernd
trocken, fuligiuös. 4. December. Status Idem , Resp. 60, P. 96,
T. 37,9 — 37,8. Tod am Morgen des 5. December, 13 Tage nach
Beginn der Erscheinungen. Die Kranke verstand, was mau zu ihr sprach,
konnte nur die Silben aie, oh, mon dien hervorbringen.
Section. Arterien der Basis atheromatös, aber überall durchgängig.
Windungen allgemein verschmälert. Auf der Angularwindung und dem oberen
Scheitelläppchen Hnks 2 kleine gelbe Platten von 4 mm Durchmesser.
Ausserdem eine weisse Erweichung im Mark des Scheitellappens, deren
Grenzen durch das Mikroskop bestimmt werden müssen. Sie reicht nach
vorn bis in die Markleiste der Broca'schen Windung, hat im Scheitel-
lappen einen grössteu Durchmesser von 3 — 4 cm und endigt spitz 2 cm
hinter dem hinteren Ende des Thalamus opticus. Das übi-ige Gehirn
gesund.
Wernicke, Lehrbuch der Gehirnkraukheiten. 161
Dreyfiis. Progres med. 53. 1876. ßljälir. Frau, wird am 1.5. Juli
aufgenommen, klagt seit einigen Monaten, besonders aber seit den letzten
vier Wochen über intermittirenden Kopfschmerz in der rechten Stirngegend.
Seit einigen Tagen lebhafte Schmerzen in der rechten Schulter, Schwäche
und Gefühl von Steifigkeit des rechten Ellenbogens , Fingerbewegungen
erscbwert. Vorübergehend auch die Sprache erschwert. 17. Juli.
Schmerzen in der rechten Schulter unter dem Acromion bestehen fort,
Bewegungen des Gelenks nicht schmerzhaft. Musculatur des rechten
Armes schlaflf und etwas atrophisch, leichte Flexionscontractur des Cubital-
gelenks. Pt. kann zwar Schulter und Arm, aber nicht das Handgelenk
und die Finger bewegen. Paraesthesien im Ober- und Vorderarm, leichte
Herabsetzung der Sensibilität (== Algesie) an den Fingerspitzen und der
Hohlhand. Die rechte Hand wärmer als die linke, Bein und Gesicht frei
bis auf sehr leichte Ablenkung der Zungenspitze nach links. Sprache etwas
langsam, sonst gut, Intelligenz erheblich beeinträchtigt. Das Gedächtniss
hat seit einem Monat gelitten, Ko]5fschmerz gering. Status idem bis zum
23. Juli, wo plötzlich Unwohlsein und Schwindelanfälle eintreten.
24. Juli. Leichtes Oedem an den Fingern der rechten Hand, Schmerzen
im Cubitalgelenk und den Fingern, Contractur des ersteren ausgesprochener.
25. Juli. Im Plaudern begriffen wird Pt. plötzlich aphasisch, kann
einige Mmuten lang kein Wort hervorbringen. In der Nacht darauf leb-
hafter Kopfschmerz, unwillkürliche Bewegungen im rechten Bein 26. Juli.
Zunge weicht stärker ab, beim Aufstehen knickt das rechte Bein zu-
sammen, Paraesthesien im rechten Fusse. Anfall von Sprachlosigkeit von
der Dauer einiger Minuten. Es wird Schiefheit des Mundes bemerkt.
28. Juli. Sprache unverständlich, rechter Mundwinkel steht tiefer, aus-
gesprochene Parese und Sensibilitätsstörung des rechten Beins. Temperatur-
erhöhung rechts durch Thermometer nachweisbar. 1. August. Die
Schwäche der Intelligenz nimmt fortwährend zu, Verziehung des Gesichts
deutlicher, Sprache etwas besser. Vollständige Anaesthesie des rechten
Armes, rechtes Bein leicht ödematös. Anorexie, secess. involunt. Bis zum
10. August: Lähmung des rechten Beines wird besser, Pt. kann etwas
gehen. Sprache gut, Appetit besser. 19. August. Pt. bricht beim
Aufstehen zusammen, kann das Bein nicht mehr heben. Grosse Schwäche.
Pt. spricht nicht. Diarrhoe. 24. August. Fast vollständige Anaesthesie
und schlaffe Lähmung der rechten Gliedmaassen, deutliche Facialislähmung
und Herabsetzung der Sensibilität in der rechten Gesichtshälfte. Oedem
an den rechten Extremitäten. Vollkommen sprachlos, theilnahmlos und
somnolent, kommt Pt. allmählich sehr herunter und stirbt am 17. Sep-
tember.
Section. Basilaris und Carotiden enger als normal, atheromatös, die
übrigen Gefässstämme normal bis auf die linke Art. f. S., welche sehr
Wernicke, Lekrbuch der Gehirnkranklieiten. IL -^i
1.62 Wernicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
atheromatös und zu dreiviertel obliterirt ist. Ein grosser Erweichungsherd
umfasst links den hinteren Theil der beiden unteren Stirnwindungen , die
ganze vordere Centralwindung und in geringerem Maasse den vorderen
Theil der hinteren Centralwindung, sie erstreckt sich in einer Ausdehnung
von 2 — 3 cm auch auf die erste Sehläfewindung. Das zu den erkrankten
Windungen gehörige Marklager ist mit erweicht. Hirnstamm und rechte
Hemisphäre intact. Hypostatische Pneumonie der rechten Lunge.
Erst während des Druckes ist mir der Ausgang eines Falles*)
bekannt geworden, der nach mehrmonatlicher, anscheinend vergeb-
licher Behandlung weggeblieben war und durch die allmähliche
Summation von Herderscheinungen bei fast vollständigem Fehlen
sonstiger Krankheitssymptome ein typisches Bild der chronischen
Erweichung schien. Dieser Mann war sonst vollkommen gesund,
hatte nie Syphilis gehabt und zeigte nur während der Behandlung
eine geringe Abnahme seiner Ernährung, wohl in Folge grosser
Dosen von Jodkalium. Intelligenz, Gedächtniss, Sprache etc.
zeigten nie eine Spur von Störung, nur seine Stimmung war eine
gedrückte, ich sah ihn einige Male weinen und die Fassung ver-
lieren, als es statt besser immer schlimmer wurde. Ganz vorüber-
gehend trat Kopfschmerz und einmal Erbrechen auf, ich vermuthe
aber, dass eine intensive catarrhalische Angina darauf Einfluss
hatte. Etwa 3 Monate dauerte die Progression, dann blieb der
Zustand etwa 1 Monat lang ziemlich miverändert, aber der Puls
war unregelmässig und machte mich besorgt, ich war darauf gefasst,
dass plötzlich einmal der Tod eintreten könnte. Statt dessen trat,
wie ich nachträglich erfuhr, eine Besserung und im Laufe von 2
Monaten vollständige Heilung ein. Der Ablauf des Krankheitspro-
cesscs erforderte demnach im Ganzen 6 Monate. Dass ein Aus-
gang in Heilung bei dieser Krankheit überhaupt eintreten könnte,
hielt ich bis dahin nach meiner Kenntniss der Fälle für unmöglich.
Etwas Analoges ist nur von der syphilitischen Gehirnerweichung
in Folge obliterirender Arteriitis bekannt, wo ebenfalls das Jod-
kalium von ausgezeichneter Wirkung ist.
Ein 41 jähriger, bisher gesunder G-lasermeister bemerkte seit etwa
5 Wochen ein Taubheitsgefühl der linken Hand und eine Ungeschicklich-
keit der Bewegungen derselben, die allmählich immer mehr zunahmen.
Am 11. April, wo ich ihn zuerst sah, folgender Status: Ungestörtes
Allgemeinbefinden, Pt. fühlt sich gesund bis auf die Gebrauchsunfähigkeit
^) Vorgestellt in der Sitzung der Berl. med. Gesellsch. vom 18. Mai 1881.
WerniCKE. Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. ibo
der linken Hand. Die grobe Beweglichkeit des linken Armes ist er-
halten, Pt. kann ihn erheben, im Ellenbogengelenke beugen und strecken,
auch noch ziemlich kräftig die Hand drücken , doch ist der Händedruck
rechts viel stärker. Alle übrigen Bewegungen geschehen mit grosser
Kraft. Eine deutliche Störung tritt nur bei den feineren Bewegungen
hervor, die Opposition des Daumens gegen jeden einzelnen Finger gelingt
mit Anstrengung nur unvollkommen, langsam und schwerfällig. Pt. klagt,
dass er nichts mehr mit der Hand anfassen und sein Geschäft nicht be-
treiben könne. Beim An- und Auskleiden kann er die linke Hand gar
nicht verwerthen, weder aufknöpfen noch zuknöpfen, er muss sich dabei
helfen lassen. Mit der rechten Hand geschehen alle diese Bewegungen
vollständig geschickt. Die nähere Untersuchung ergiebt ausserdem einen
vollständigen Verlust des Tastvermögens mit der linken Hand , Pt. kann
bei geschlossenen Augen keinen ihm in die Hand gelegten Gegenstand er-
kennen und fühlt kaum, dass er etwas darin hat. Passive Bewegungen
der Finger werden von ihm nicht wahrgenommen. Stärkere Berührungen
fühlt Pt., weiss aber nicht, welcher Finger berührt worden ist, leichtere
Berührungen bemerkt er nicht. Die Schmerzempfindlichkeit ist er-
halten. Die Störung des Hautgefühls erstreckt sich bis über den
Ellenbogen aufwärts. Die Hand fühlt sich kühler an und scheint leicht
ödematös. Subjectiv besteht Taubheitsgefühl, die Finger erscheinen dem
Patienten steif und schwer beweglich. Zunge und Facialis , sowie das
linke Bein sind intact, doch hat Pt. das Gefühl, als ob das linke Bein
ebenfalls schwerfälliger würde. Kemerlei Allgemeinerscheinungen, Augen-
hintergrund normal, bei Prüfung des excentrischen Sehens in den linken
Gesichtsfeldhälften jedes Auges erfolgen sehr präcise Angaben. Pt. er-
hielt Kalium jodatum, rasch steigend bis zu 6 Gr. täglich. Trotzdem ge-
wannen die Herdsymptome allmählich an Ausdehnung. Am 10. Mai hatte
Pt. 100 Gr. Jodkalium verbraucht. Puls 112, regelmässig, Allgemeinbe-
finden ungetrübt, doch verfolgt Pt. mit grosser Sorge das Fortschreiten
der Lähmung. Zunge, Gesichtsfeld etc. sind auch jetzt noch absolut
frei ; Arm und Bein sind paretisch und die linke Wangenpartie etwas ver-
strichen. In der Schulter, die etwas herabhängt, hat Pt. ein Gefühl
von Spannung , doch sind die Bewegungen frei , im Uebrigen hat die
grobe Kraft aller Bewegungen abgenommen, die Hand kann nur mühsam
zur Faust geschlossen werden, die Unbehülflichkeit derselben hat noch
weiter zugenommen. Die Schmerzempfindlichkeit ist an den Fingern stark
herabgesetzt, in geringerem Maasse am ganzen Vorderarm und Oberarm.
Das Gehen ist sehr gestört, der Fuss knickt sehr leicht um, Pt. kann des-
wegen auch keinen Stiefel mehr anziehen. In Bettlage wird das Bein
kräftig erhoben, auch im Kniegelenk erfolgen die Bewegungen kräftig, da-
gegen im Fussgelenk mit verhältnissmässig geringer Kraft. Zehen-
bewegungen erfolgen langsam. Die Lagevorstellungen bei passiven Be-
ll*
164 WerniCKE. Lehrbuch der Gehinikrankheiten.
wegungen der Zehen erhalten, auch Stiche werden kamer richtig angegeben. Be-
rührungsempfindlichkeit in der Weise herabgesetzt, dass leichte Berührungen
gar nicht bemerkt, stärkere wohl wahrgenommen aber falsch localisirt
werden. Pt. kann harte und weiche , runde und eckige Körper , die
an die linke Fusssohle gepresst werden, nicht durch das Gefühl erkennen,
wohl aber rechts. Subjectiv klagt Pt. ebenfalls über vermindertes Ge-
fühl des linken Fusses und führt darauf seine Gehstörung zurück. Am
20. Mai klagt Pt. zum ersten Mal über Kopfschmerz, der den ganzen
Kopf und besonders die rechte Stirngegend einnimmt. Das Bein ist ent-
schieden schlechter. Zwei Blutegel an die rechte Schläfe entsprechend der
Haargrenze, Abführpillen. Zunächst kein Erfolg, der Kopfschmerz hält
bis Zürn Abend des 21. an, die Nacht war schlaflos. Seitdem fi-ei. Am
22. Mai wird Angina faucium coustatirt, Pt. klagt über Uebelkeit, hat
des Morgens einmal erbrochen, Puls 132. Die Sensibilitätsstörung erstreckt
sich über die linke Rumpf hälfte , ausserdem besteht Taubheitsgefühl der
linken Gesichtshälfte, leichte Berührungen werden über der linken AVange
und in der Umgegend des linken Ohrs nicht wahrgenommen. Die Schwäche
der Extremitäten hat zugenommen. Gang noch ohne Unterstützung, jedoch nur
mit Mühe und bei grosser Vorsicht möglich. Jodkalium wird ausgesetzt, es
sind im Ganzen 162 Gr. verbraucht. Mit Nachlass der Angina folgte
anscheinend etwas Besserung, namentlich erschienen dem Pt. die Extremi-
täten besser beweglich. 30. Mai. Pt. hat wieder den ganzen Tag
über rechtsseitigen Kopfschmerz , sonst keine Allgemeinerscheinungen.
1. Juni. Extremitäten wieder schlechter. 8. Juni. Status idem. Puls
unregelmässig, abwechselnd verlangsamt und wieder rascher , wobei die
Periode der Verlangsamung küi'zer dauert, in toto 60 — 70. 29. Juni.
Das Bein erscheint etwas besser. Ord : Einreibungen mit flüchtigem Liniment,
Tinct. uuc. vomic. Pt. entzog sich nun der weiteren Behandlung, und ich
sah ihn erst Mitte Oct ob er, und zu meiner Ueben-aschuug, vollständig her-
gestellt wieder. An der linken Hand Hess sich weder eine Sensibilitätsstörung,
noch eine Störung der Bewegungsvorstellungen, Tastvorstelluugen und Lage-
vorstellungen nachweisen, Pt. hatte die volle Gebrauchsfähigkeit derselben
wiedererlangt. Das Bein zeigte weder beim Gange eine Störung, noch
erschien es dem Pt. schwerfälliger, er konnte wie früher auf Gerüste
steigen und fühlte sich vollständig sicher. Im Gesichte nur noch Spuren
von Asymmetrie. Diese Restitution soll angeblich im Laufe der nächsten
acht Wochen allmählich eingetreten sein und dasBein eher besser geworden
sein als der Arm. Eine IntelHgenzstörung war niemals zu bemerken. Der
Puls regelmässig, nur etwas beschleumgt.
§. 46. Die HerdsjTuptome der Greliirnerweicliimg.
Wie bei der Hii-nblutung liaben wir aiich bei der Geliirner-
weichung' directe und indirecte Herdsjmptome zu unterscheiden.
WerNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 16o
Dazu kommen, der Erweichimg ausschliesslicli eigentliümlicli , die
passageren Herdsymptome.
Die i n d i r e c t e n Herdsymptome bestehen meist in Hemiplegie,
begleitet von mehr oder weniger vollständiger Hemianaesthesie. Was
in dieser Beziehung von dem Durclisclmittsbilde der Hemiplegie ge-
sagt worden ist, das in den Anschauungen der Autoren immer
wiederkehrt, und über die Bedeutung, welche man der Gruppirung
der Symptome bei ihrer Rückbildung beizulegen hat, gilt Alles auch
für die acut einsetzende Gehirnerweichung in demselben Maasse, wie
für die Hirnblutung. Noch ausschliesslicher als für die Hirnblutung
scheint bei der Gehii-nerweichung das Symptom der indirecten
Hemiplegie an den Insult gebunden und ohne denselben nm' an
Localitäten vorzukommen, wo, wie beim Pons und der Oblongata,
die motorische Faserung schon durch ein locales Trauma von sehi'
beschränkter Ausdeluiung getroffen werden kann. Der Ort, welcher
bei der Hirnblutung von der allgemeinen Regel, dass der Insult
die indirecte Hemiplegie begleitet, am ehesten eine Ausnahme
machte, der Sehhügel, ist für sich allein verhältnissmässig selten
Sitz der Erweichung und Ausgangspunkt der indirecten Hemiplegie.
Ohne Insult plötzlich einsetzende Herdsymptome werden bei
der Erweichung ziemlich häufig beobachtet, meist in Form von
Monoplegien oder gleichwerthigen Theiler scheinungen der Hemiplegie
und Hemianaesthesie, wie hemiopischeuDefecten. In diesem Falle kann
das Herdsymptom dennoch indirect verm-sacht sein, wenn der Er-
weichungsherd in nächster Nähe des functionsgestörten Gehirnbe-
zirkes liegt. So ist z. B. der auf S. 137 berichtete Fall von
Lucas- Championniere aufzufassen, wo sich nicht die Broca'sche
Windung selbst, sondern ihre nächste Nachbarschaft zerstört zeigte
und auch schon ein Beginn der Restitution bemerkt worden war.
Eine ganz andere Bedeutung kommt den passageren Herd-
symptomen zu. Sie beruhen, wie in den vorhergehenden Para-
graphen ausführlich entwickelt worden ist, auf Embohe oder
Tlu'ombose solcher Gefässgebiete, deren anastomotische Verbindungen
mit benachbarten Gefässen den Ausgleich der Circulationsstörung
ermöglichen. Wir sahen, dass dieser Fall sich fast nur im Mantel-
gebiete ereignen konnte. Ein Beispiel der Ai't geben die beiden
Anfälle von Hemiplegie, welche in dem kurz vorher citirten Falle
auf S. 137 zu beobachten waren, ohne dass eine palpable Gelürn-
läsion für ihre Erklärung aufgefunden wurde. Ebenso häufig als
166 ^YEIlNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
die Hemiplegie werden passagere Herdsytnptome von umscliri ebenerem
Cliaracter beobachtet, sie kommen z. B. als sogenannte Prodrome
bei seniler und luetischer Gehümerweichung vor. Das Verhältniss
der passageren Herdsymptome zum Insult und den Allgemeinerschei-
nungen überhaupt ist genau dasselbe, wie das aller anderen Herd-
svmptome. Sie treten bald mit, bald ohne Insult ein, und im
ersteren Falle verräth sich der höhere Grad des Trauma's, das im
Augenblicke der Gefässverstopfung eingewirkt hat, durch grössere
Extensität und längere Dauer der Herdsjanptome. Mit Insult ein-
getretene passagere Herdsymptome nehmen deshalb meist die Form
der Hemiplegie an. Was ihre Dauer betrifft, so wird es zweck-
mässig sein, den Begriff der passageren Hemiplegie auf solche Fälle
zu beschränken, wo die volle oder annähernd vollständige Restitution
innerhalb der nächsten 8 Tage stattgefunden hat. Bei längerem
Bestände der Symptome pflegt ein entsprechender Herd nicht zu
fehlen, wenn selbst der Mechanismus ilu^er Entstehung genau der-
selbe war wie bei passagerer Hemiplegie. Trotz Wiederherstellung
der Circulation kann es nämlich, wie auf S. 138 ausgeführt wurde,
zur Herdnecrose kommen. Die passagere Hemiplegie kann sowohl direct
als indirect sein, letzteres allerdings nur in den Fällen, die mit
Insult eingeti-eten sind. Die Bedeutung der indirecten Hemiplegie
kann demnach^ sehr verschieden sein; denn ist sie zugleich eine
passagere, so bleibt überhaupt eine palpable Läsion der Gehim-
substanz aus, man wird weder erwarten können, eine solche bei der
Section zu finden, noch werden Herderscheinungen zurückbleiben^
die dem Ausfall anderer Gehirubezirke entsprechen, also beispiels-
weise hemiopische Defecte u. dgl. m. War die Hemiplegie dagegen
eine indirecte in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes, so geht zwar
die Hemiplegie in der Regel zurück, es bleiben aber die anderen
unvermeidlichen Symptome des Erweichungsherdes je nach der
Localität bestehen.
Tritt man mit dieser Unterscheidung, deren Nothwendigkeit aus
dem Inhalt des §. 44 klar hervorgeht, an die Casuistik heran, so
stellt sich heraus, dass fast alle kurz dauernden Hemiplegien, welche
ohne Insult vorkommen, nicht indirecte sind, sondern zu den
passageren in dem oben bezeichneten Sinne gehören. Diese Fälle
also müssen in Abrechnmig gebracht werden, und geschieht dies,
so stellt sich heraus, dass die Beziehungen des Insultes zur indirecten
Hemiplegie bei der Erweichung noch viel intimere sind als bei der
Wernicke, Lehibucli der Gehirnkraiikheiten. lo<
Hirnblutung. Indessen ist dieses Abhängigkeitsverhältniss ein ziem-
lich einseitiges, indem zwar die indirecte Hemiplegie fast stets von
Insult begleitet wird, der Insult aber imd starke Betäubungsanfälle
ohne Hemiplegie und sogar ohne alle Herdsjmptome sich ereignen
können. Die besonderen Umstände , die dieses Verhalten ermög-
lichen, sind z. Th. oben auf S. 139 schon berührt worden, wo ein
Beispiel doppelseitiger Erweichung beigebracht wm^de, häufiger wird
die Embolie atheromatösen Breies von einer gewissen Verbreitung,
aber nicht genügender Massenhaftigkeit um die Circulation zu unter-
brechen, als Ursache zu betrachten sein. Bei der Hirnblutung be-
stehen solche besondere Bedingungen nicht, der Insult ohne Hemi-
plegie war deshalb ein äusserst seltenes mid nur durch wenige
Beispiele zu stützendes Vorkommniss. Bei den Erweichungen ist
dasselbe verhältnissmässig häufig, besonders in den leichteren
Graden des Insultes, den Ohnmachts- und Betäubungsanfällen , es
wird aber meist den sogenannten. Prodromen der Gehirnerweichung
zugerechnet.
Betrefi's der directen Herdsjmptome erinnern wir den
Leser an unsere Bemerkungen auf S. 61 und 62, welche auch auf
die Casuistik der Erweichungen zutreffen.
Von den Hirnblutungen wurde vorwiegend der Stammlappen
befallen und vergleichsweise selten der Hirnmantel. Bei den Er-
weichungen scheint dagegen keine Region besonders bevorzugt.
Da aber der Umfang des Hirnmantels jederseits das Vielfache des
Stammgebietes beträgt, so kommen absolut viel häufiger die Er-
weichungen des Hirnmantels ziir Beobachtung. Die folgende
Casuistik kann diesem Häufigkeitsverhältniss natürlich nicht Rech-
nung tragen, da ihr Umfang sonst in's Ungemessene gewachsen
wäre und es nur nothwendig schien , die Hauptlocalitäten an der
Hand practischer Beispiele durchzugehen.
I. Erweichungen im vorderen Gebiete des Stirnlappens
pflegen vollständig latent zu bleiben, wenn sie sich chronisch oder
ohne AllgemeinerscheinuBgen entwickeln ; der im Folgenden mitge-
theilte Fall von Andral ist hierfür beweisend.
Andral. Beobachtung 1 der Erweichungen. Ein Greis von
81 Jabren wurde in folgendem Zustande in's Hospital aufgenommen: Das
Gesicht bleich und mager ; die Zunge bleich und feucht ; der Leib weich
und schmerzlos; Verstopfung; der Puls zählt 68 Schläge, ist regelmässig
und hart ; die Respiration natürlich. Von Seiten des Gehirns : die Intelligenz
etwas abgestumpft, die Bewegungen vollkommen frei , die Sensibilität un-
168 WerNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
verselirt ; kein KoiDfsehmerz. Wir erfuhren, dass dieser Mann seit mehreren
Monaten keinen Appetit mehr hatte. Die wenigen Speisen, welche er zu
sich nahm, wurden nur mit Mühe verdaut, ohne dass übrigens jemals Er-
brechen stattfand. Die Kräfte waren allmählich geschwunden ; es wurde
jedoch keine Störung in der Muskelthätigkeit bemerkt ; noch Tags vor
seiner Aufnahme hatte er einen Brief geschrieben; jeden Morgen las er
einige Zeit in einem G-ebetbuche. Während der nächstfolgenden vierzehn
bis zwanzig Tage im Hospital sahen wir ihn immer schwächer werden.
Leichte Bouillon machte alle seine Nahrung aus. Es bildete sich am
Kreuzbein ein breiter Brandschorf aus ; der Puls nahm an Frequenz zu ;
die Zunge wurde roth und trocken, bedeckte sich alsdann, sowie die Zähne
und Lippen, mit einem russigen Ueberzuge und der Kranke starb , ohne
dass sich bis zum letzten Augenblick von Seiten der Intelligenz, der Be-
wegung und der Sensibilität etwas Anderes, als jene wachsende Schwäche
des adynamischen Zustandes gezeigt hatte.
Section. Die Arachnoidea auf der convexen Seite der Gehirn-
hemisphäre wurde durch eine kleine Quantität Serum aufgehoben, von dem
sich auch zwei oder drei Kaifeelöffel voll in den Seitenventrikeln befand.
Die Grehirnsubstanz zeigte nichts Besonderes, bis dass man an die Basis
des vorderen TheUs der linken Hemisphäre kam ; hier fanden wir folgende
ki-ankhafte Veränderung vor : in dem Theile der linken Hemisphäre,
welcher über der Augenhöhle liegt, war die Gehirnmasse, in dem Umfange
von einem Hühnerei , in einen schmutzig weissen Brei verwandelt, in
welchem kein Gefässchen lief, oder auch nur ein Tropfen Blut entdeckt
wurde. Weiterhin nahm das Gehirn allmählich seine normale Consistenz
wieder an und hatte die gewöhnliche Farbe. Alles Uebrige war gesund ;
auch zeigten die Meningen in der Nachbarschaft jener erweichten Stelle
keine krankhafte Veränderung. Hypertrophie des linken Herzeus.
Decubitus am Sacrum.
Bei acutem Einsetzen kann der Insult fehlen und dennoch
indirecte Herdsymptome vorhanden sein , indem sich das Trauma
auf die benachbarte sogen, motorische Region erstreckt; es ent-
stehen dann Monoplegien oder, bei linksseitigem Sitze , motorische
Aphasie, die sich spätestens im Laufe einiger Wochen wieder ver-
lieren. So sind die Fälle von Dieulafoy und Frey aufzufassen.
Zu dem letzteren ist noch zu bemerken, dass er eins der wenigen
gewährleisteten Beispiele von Monoplegien mit intacter Sensibilität
ist. Die Erklärung dieses Verhaltens ist auf S. 324 des I. Bandes
gegeben worden.
Dieulafoy. Gaz. des höp. 1867, p. 229. 44jähr. Mann,
an Bright'scher Nephritis leidend, bemerkt plötzlich, dass er die
WerniCKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 16"
Sprache verloren hatte , ohne dass andere Gehirnerscheinuugen vorauf-
gingen oder folgten. Er verstand Alles , hatte volle Intelligenz,
konnte aber nur einige einsylbige Wörter wie bien und non hervorbringen.
Es bestand auch Agrapliie. Die rechten Extremitäten ohne Störung der
Motilität und Sensibilität. Im Gesicht war eine leichte Parese des rechten
unteren Facialisgebietes bemerkbar. In 8 Tagen konnte er schon einige
Wörter und vor Ablauf von 6 Wochen fast Alles wieder sprechen. Tod
3 Wochen später in Folge des Nierenleidens.
S e c t i 0 n. Im linken Vorderlappen 2 cystisch veränderte Herde, durch leicht
graue Verfärbung von der weissen Substanz sich abhebend. Der eine,
erbsengross, lag rechts von dem zweiten, der den dreifachen Umfang hatte.
Sie grenzten an die untere Stirn windung , deren graue Substanz aber
blieb verschont. Das ganze übrige Gehirn gesund.
Frey, Casuistischer Beitrag zur Lehre von der Hirnfaserung. Arch.
f. Psych. VI. p. 327. 42jähr. Mann, wurde eines Abends von heftigem
Stirnkopfschmerz befallen und bemerkte am nächsten Morgen Parese des
linken Armes, die nach einigen Tagen wieder schwand. Nach 4 Wochen
stellte sich wieder plötzlich heftiger Koiafschmerz in der rechten Stirn-
gegend ein, diesmal von Benommenheit und Ohnmachtsgefühl begleitet,
jedoch ohne Verlust des Bewusstseins und von kurzer Dauer. 3 Stunden
nach dem Anfall wird eine bedeutende Parese des linken Armes constatirt,
welche sich in Verlangsamung und Schwäche, bei erhaltener Ausführbarkeit
aller Bewegungen der linken oberen Extremität ausspricht. Zunge weicht
nach links ab, Schiefheit des Mundes gerade nur angedeutet, Sensibilität
überall, auch am linken Arm, vollkommen erhalten, Albuminurie, Sprache
etwas unbehilflich. Nach 4 Tagen zeigen Facialis, Zunge, Sprache nichts
Auffallendes mehr. Die Parese des Armes hat sich bedeutend gebessert
und nach weiteren 10 Tagen ist sie fast vollständig ausgeglichen. Tod
2 Tage später an einem Gesichtserysipel.
Sectio n. Im Marklager der rechten Hemisphäre ein Erweichungs-
herd von 12 mm Länge, 8 mm Breite und 3 — 4 mm Höhe, auf dem
Horizontalschnitt entsprechend der unteren Fläche des Balkens sichtbar.
Aus den Zeichnungen ist ersichtlich, dass er das Centrum ovale an der
Stelle, wo die Markleisten der beiden unteren Stirnwindungen zusammen-
treffen, einnimmt und im Bereiche des hinteren Drittels dieser Windungen
liegt. Ausserdem chronische Nephritis.
II. Innerhalb der sogen, motorischen Region des Hirn-
mantels ist Hemiplegie die Folge jeder ausgedehnteren Erweichung;
und zwar eine langsam anwachsende , aus Monoplegien sich
summirende hei chronischem Verlaufe des Processes , wovon in
§. 45 hinreichende Beispiele gegeben sind; bei acut einsetzender
Erweichung dagegen eine plötzliche, gewölmlich unter Insult auf-
1^0. WeRNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
tretende Hemiplegie. Dieselbe ist zwar direct bedingt, kann sich
aber dennoch zum Theil oder vollständig ausgleichen, je nachdem
ein grösseres oder geringeres Rindengebiet verschont geblieben ist.
Die Ausgleichung geschieht dann immer nur langsam auf dem
S. 107 schon angedeuteten Wege. Dass dabei nicht der
geringste Defect zurückzubleiben braucht, scheint der erste der im
Folgenden mitzutheilenden Fälle aus Berg er 's Beobachtung zu
beweisen.
La quer 1. c. Beob. 6, 62 jähr. Frau, erlitt am 7. Juli 1876
einen Schlaganfall ; sie stürzte plötzlich bewusstlos nieder und zeigte eine
linksseitige Hemiplegie. Arm und Bein waren vollständig gelähmt, ob
auch eine Deviation des Mundes vorhanden war, weiss Pt. nicht anzu-
geben. Die Sprache war einige Tage lang undeutlich und lallend, und
die Zunge erschien der Pt. schwer beweglich. Nach 3 wöchentlicher Be-
handlung besserte sich die Beweglichkeit des Armes , etwas später auch
das Bein. Nach 1 Jahre war die Hemiplegie vollständig zurückgegangen.
Jan. 1878 entwickelte, sich ein Drüsencarcinom. Es wurde nun Motilität
und Sensibilität eingehend geprüft und ein völlig normales Verhalten der-
selben constatirt.
Sectio n. Juni 1878. Die Pia mater, im Ganzen ohne Ver-
änderungen, leicht abziehbar, haftet über der rechten hinteren Central-
windung in deren unterem Dritttheil, den beiden unteren Dritteln der
vorderen Centralwiudung, sowie dem anstossendeu Uebergange in die untere
und mittlere Stirnwinduug fester an. Beim Abziehen derselben über den
beti-effenden Partien bleiben die oberflächlichsten Rindenschichten an der
Pia haften und legen eine leicht gelbbraun gefärbte, im Ganzen fetzig er-
scheinende, beim Aufgiessen von Wasser mit zahlreichen flottirenden Ge-
websfetzen versehene Erweiehungsfläche blos. Die entsprechenden Win-
dungen der linken Hemisphaere sind völlig intact, ebenso zeigen sich beim
Durchschneiden der betroffenen Partien die tieferen Rindenschichten
makroscopisch völlig normal, ebenso das ganze Marklager. Auch die
Ins ehvin düngen rechterseits völlig intact.
Während hier nach einem Jahre die Hemiplegie ganz ge-
schwunden war, zeigt der zweite Fall von etwas ausgedehnterer
und tiefer gehender Läsion in demselben Zeiträume gar keine Besse-
rung, und doch war auch hier ein grosses Gebiet der sogen, moto-
rischen Zone erhalten geblieben. In beiden Beobachtungen bestand
überdies ein ausgeprägter Insult als Zeichen eines nicht nur local
wirkenden Trauma's. Aber der anatomische Befund gewährt uns
Anhaltspunkte, die ein Verständniss dieses Unterschiedes eröffnen.
In dem zweiten Falle ging die Erweichung tiefer und bewirkte eine
Wernicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 171
Leitungsunterbrecliung, in deren Folge sich absteigende Degeneration
der Pyramidenbalin entwickelte, ein hoher Grad localen Trauma's
wird hier den „Fuss des Stabkranzes" (s. S. 25 des I. Th.) be-
troffen haben. In dem ersten Falle dagegen muss das locale
Trauma verhältnissmässig gering gewesen sein, da eine secundäre
Degeneration nicht gefunden wurde und an der Sorgfalt der Section
nicht zu zweifeln ist.
Prevost und Cotard 1. c. Beob. 15 von Vulpian. 26 jähr.
Frau. Vor 1 Jahre plötzlich mit Verlust des Bewusstseins au links-
seitiger Hemiplegie erkrankt. Bei der Aufnahme vollständige Lähmung
der linken Seite mit Atrophie und Herabsetzung der Sensibilität und leichter
Contractur des Armes. Herzfehler, Tod an Dysenterie.
Section. Gelbe Platte mit Depression nn der Oberfläche der rechten
Hemisphäre, betrifft den vorderen Theil der vorderen Centralwindung , das
hintere Drittel der drei Stirnwindungen, den äusseren Theil der Insel.
Auf die graue Substanz beschränkt . nur im Niveau des hinteren Theils
der n. Stirnwindung und eines Theils der oberen Stirnwindung ist auch
die Marksubstanz in einiger Tiefe ergriffen. Corp. striatum normal.
Absteigende Atrophie des rechten Hirnschenkels und des linken Seiten-
stranges.
Der folgende Fall illustrirt das klinische Bild in frischeren
Fällen ausgedehnter Erweichung.
Ballet. Recherches anatomiques et cliniques sur le faisceau
sensitif etc. Paris, 1881. Beob. 51. 8 3 jähr. Frau, früher nie gelähmt.
Am 30. September wird bemerkt, dass sie schwankt, am Abend fällt
sie vollständig hin und hat seit der Zeit nicht mehr gesprochen. Status
am 2. 0 et ob er. Intelligenz sehr gestört, Pt. sitzt mit geöffneten Augen,
mit der rechten Hand automatisch beschäftigt. Neigung, sich nach rechts
zu drehen, Abweichung der Augen und des Kopfes nach rechts. Totale
schlaffe linksseitige Hemiplegie, nur das Bein etwas beweglich. An der
ganzen linken Körperhälfte werden Schmerzeindrücke, Kälte und Wärme
nicht gefühlt. 6. October etwas weniger somnolent, Lähmung unver-
ändert, Schmerzeindrücke im Gesicht und am Arm werden wahrgenommen,
aber stumpfer und schlecht localisirt. 7. October. Pt. spricht, ant-
wortet aber nicht auf Fragen. Kitzeln der Fusssohle bleibt links erfolglos.
17. October. Motilität und Intelligenz unverändert. Sensibilität
links noch deutlich herabgesetzt. Tod am 26. October.
Section. Ein grosser Erweichungsherd rechts nimmt die unteren
U der hinteren Centralwindung, das ganze untere Scheitelläppchen , das
hintere Drittel der Schläfenwindungen, die hinteren Partieen der Insel ein
172 Werke CKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
und erstreckt sich fast bis an den unteren Rand der Hemispliäre, oline
auf den Hinterhauptslappen überzugreifen. Das darunter liegende Mark-
lager in bedeutender Tiefe ebenfalls erweicht. Die Erweichung reicht nicht
bis an den hinteren Abschnitt der inneren Kapsel heran i\nd beginnt erst
ungefähr zwei cm hinter dem „carrefour .
Den vorstellenden Beobaclitimgen linksseitiger Hemiplegie
schliesst sicli ein frisclier Fall rechtsseitiger Hemiplegie an, der in
zweifacher Hinsicht Interesse bietet. Die Art des Einsetzens näm-
lich ist recht characteristisch für die senile Erweichung. Dann
finden wir hier eine motorische Aphasie, die gewöhnliche Begleit-
erscheinung der rechtsseitigen Hemiplegie. Es hat fast den An-
schein, als ob dieses Herdsjmptom von allen indirecten Herd-
symptomen am leichtesten, bei vergleichsweise geringerem Trauma
als die übrigen, zu Stande käme; denn auch die Erfahrung, dass
bei rechtsseitigen Herden zeitweilig Aphasie als isolirtes indirectes
Herdsjmptom von Seiten der linken Hemisphäre dem Anfalle folgen
kann, lässt sich nicht gut anders verstehen.
Prevost und Cotard 1. c. Beob. 20. v. Vulpian. 88 jähr. Frau,
an häufigen Betäubuugsanfällen leidend , klagte seit 3 Wochen über
Paraesthesien des rechten Armes, erki-ankt unter Erbrechen und grosser
Schwäche, seitdem sprachlos und rechs vollständig gelähmt. Sensibilität
(= Algesie) erhalten, Intelligenz abgestumpft. Reflexe am Beine nur
gering, am Arme fehlend. Die Lähmimg bleibt unverändert, an einem
Tage konnte sie einige Worte aussprechen. Tod in 9 Tagen.
Section. Links 3 Erweichungsherde: l) La der Nachbarschaft der
Centralfurche, ziemlich oberflächlich, jedoch bis in die weisse Substanz
reichend. 2) Ln seitlichen Theile des Hinterhauptlappens, ausgedehnter,
bis zum Hinterhorn des Seitenventrikels reichend. 3) Rothe Erweichung
in der Dicke eines halben Centimeters an der Oberfläche des linken Corpus
striatum (also Schweif kern).
Während oben darauf hingewiesen wurde, dass der Insult bei
doppelseitigen Erweichungsherden besonders leicht zu Stande käme,
lernen wii' im Folgenden ein Beispiel kennen, wo ti'otzdem der In-
sult ausblieb, wie es ja sonst häufig zu geschehen pflegt, wenn
ausgeprägte Vorboten wie die hier beobachteten der definitiven Er-
weichung voraufgehen. Die Herdsjnnptome zeigen eine eigenthüm-
liche Combination, nämlich motorische Aphasie und linksseitige
Hemiplegie; davon vergeht die erstere, ein Phänomen der nächsten
Nachbarschaft, sehr bald, die Hemiplegie dagegen erweist sich als
WerNIUKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. llo
durchaus direct, durch Unterbrechung des Stabkranzes verursacht.
Der Fall ist zugleich ein Beispiel sogenannter „Rindenepilepsie"
(vgl. Th. L §. 21).
Lepinc 1. c. Beob. 2. 44 jähr. Frau, wurde August 1862 nach
kleinen Vorboten, Paracsthesien der linken Extremitäten, Schwindelanfällen,
plötzlich ohne Insult si^rachlos vind linksseitig gelähmt. Die Sjirache kam
sehr bald zurück, die Lähmung blieb bestehen. Nach 3 Mon. Anfälle
von Convulsionen des gelähmten linken Armes, etwa alle 14 Tage wieder-
kehrend. Juli 63. Sprache und Intelligenz sehr gut. Schlaffe Lähmung
der linken Extremitäten und des Gresichts , Sensibilität intact , Temperatur-
unterschied von 2 zwischen beiden Händen. Rechtsseitiger Kopfschmerz.
Den Anfällen ging eine Aura voran, bestehend in Parästhesien des linken
Armes. Theils vollständig, theils unvollständig , begannen sie stets mit
Erhebung des sonst gelähmten linken Armes. Exitus October 64.
Section Plaque jaune, nur klein, im hinteren Drittel der II. Stirnfurche,
rechts, nimmt auf dem Schnitte die ganze Basis der II. Stirnwinduug ein und
erstreckt sich quer durch den Stabkranz bis zum Seitenventrikel, wo das
Ependym im Bereich einer Mandel gelb verfärbt ist. Ganglien frei. In
der linken Hemisphäre der ganze Linseukern erweicht, innere und äussere
Kapsel intact.
Der Erweichungsherd an der hinteren Inselwindung , welcher
im nächsten Falle als Ursache der frischen Erscheinungen gefunden
wurde, ist nicht etwa die schuldige Localität, sondern zufällig die
einzige, die bis zur Erweichung gelangte, während eine verbreitetere
Grefässverstopfung vorgelegen haben muss. Denn der neue Anfall
bewirkt eine ähnliche Summation doppelseitiger Herdsymptome, wie
wir weiter unten noch an einer Reihe von Beispielen kennen lernen
werden, wir finden somit die Zeichen einer rechtsseitigen Hemiparese,
wenn auch die Hand bewegt werden konnte. So erklären sieh die
im weitesten Sinne bulbären Symptome. Trotzdem hat die moto-
rische Aphasie dieses Falles ein besonderes Interesse, wenn man
sie mit Erfahrungen, die weiter unten Erwähnung finden werden,
zusammenhält. Die hier gefundene Localität muss in der That der
motorischen Sprachbahn besonders nahe liegen, so dass eine indirecte
Aphasie von hier aus sehr leicht resultirt.
Voisin. Gaz. des höp. Jan, 25. 1868, 58jähr. Frau, seit
4 Jahren linksseitig hemiplegisch in Folge von Erweichung des rechten
Streifenhügels. 10. October. Anfall von Betäubimg und sofortiger
Unmöglichkeit zu gehen, mit allgemeinem Uebelbefinden, Röthe des Gesichts,
174 Wernicke, Lehrbuch der Gehirnkrankbeiteii.
Benommenheit, Erschwerung der Respiration und vollständiger Aphasie.
11. October. Bei der Visite in Rückenlage, die Augen halb offen,
das linke weniger geöffnet, ist bei Bewusstsein, denn sie zeigt die Zunge,
dies geschieht langsam, ohne Abweichung , Verziehung des Mundes nach
rechts, etwas Steifigkeit der Kiefer, öfter Zähneknirschen. Ist benommen,
bedient sich der rechten Hand, um Gesten zu machen. Tod am 15. Octbr.
unter Lungenerscheinuugen.
Section. Ausser der alten Erweichung rechts ist links auf der
hinteren Inselwindung eine Rindenerweichung von 8 — 10 mm Durchmesser.
Arterien atheromatös.
Die folgende Beobachtung von Andral ist hierfür beweisend.
Die Aphasie ist hier unzweifelhaft directes Herdsymptom und be-
ruht auf Unterbrechung der motorischen Sprachbahn; die letztere
muss deshalb durch den Ort der Erweichung in der linken Hemi-
sphäre hindurchführen. Was die Ortsbezeichnung betrifft, so ist so-
viel klar, dass der Fuss des Stabkranzes und zwar ein sehr weit
zurück liegender Theil desselben betroffen war. Bezüglich des Herds
in der rechten Hemisphäre fehlen Anhaltspunkte für die Ent-
stehungszeit, er konnte latent bleiben, wenn er sich langsam ent-
wickelte.
Andral 1. c. Beobachtung 17 der Erweichungen. Eine Frau von
80 Jahren hatte vor 3 Jahren, als sie in der Pitie aufgenommen wurde,
auf einmal die Sprache verloren. Ihre Verwandten versicherten uns,
niemals habe ein Verlust des Bewusstseins stattgefunden ; niemals
sei bei ihr irgend eine Störung in der Bewegung oder in der
Sensibilität bemerkt worden, sie habe namentlich immer gehen können.
Als wir sie zu beobachten anfingen , fand bei ihr eine absolute Unmög-
lichkeit statt, irgend ein Wort hervorzubringen, indessen bewiesen ihre
Physiognomie und ihre Zeichen, dass sie vollkommen verstand, was ihr ge-
sagt wurde. Das Stummsein hing übrigens nicht von einer Lähmung der
Zunge ab, denn diese konnte sie nach allen Richtungen hin bewegen und
mit Leichtigkeit ausstrecken, sobald man sie darum bat. Nach Allem
schien der Geist ungetrübt zu sein. Die Bewegungen der 4 Gliedmaassen
wurden frei und leicht ausgeführt, und die Sensibilität ihrer Haut war
nicht im Geringsten geschwächt. Fragte man sie, ob sie Kopfschmerzen
habe, oder gehabt habe, so verneinte sie es durch Zeichen. Die Sinnes-
functionen waren in normalem Zustande. Ausserdem hatte die Kranke alle Symp-
tome eines Herzleidens ; die unteren Extremitäten waren ödematös geschwollen.
Die Zunge trocken und vollkommene Appetitlosigkeit vorhanden. Verstopfung.
Ihre Kräfte sanken nach und nach immer mehr. Ein ßrandschorf bildete sich am
Wehnicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 17ö
Heiligenbein ; das Athemholen wurde immer mübsamer ; es entstand Luft-
röhrenröcheln und dauerte acht Tage hindurch. Während dieser ganzen
Zeit blieb ihr Geist vcrhältnissmüssig klar, und vermochte sie mit allen
4 Gliedmaassen Bewegungen zu machen. Die Bronchien wurden indess
immer voller und die Kranke fand also darin ihren Tod.
Section. Die Dura mater war mit dem Schädelgewölbe mehr undfesterals
gewöhnlich verwachsen, selbst aber gesund. Die Pia mater auf der con-
vexen Seite der Hemisphären war mit etwas Serum infiltrirt. Einige
Pacchionische Drüschen lagen zerstreut an der grossen Incisura inter-
lobularis. Die Windungen beider Hemisphären hatten ihre normale
Consistenz und waren bleich. Das Innere der Hemisphären wurde, wie
folgt, gefunden : 1 ) In der linken Hemisjjhäre. In der Ebene und nach aussen vom
hintern Ende des gestreiften Körpers existirte ganz an seiner Spitze eine
Erweichung der Gehirnmasse : sie war von der Grösse einer Bohne und
hatte eine schmutzgraue Farbe, so dass sie so ziemlich einer starken
Amylum-Auflösung in Wasser ähnlich sah. Gefässe befanden sich nicht
in ihr; die sie umgebende Maasse war gesund, ebenso die übrigen Partien der
Hemisphäre. 2) In der rechten Hemisphäre : Gerade da, wo die beiden Hälften,
die vordere und hintere, der Hemisphäre zusammentreffen, gleich weit von
ihrem äusseren und inneren Rande, bei der Vereinigung der beiden oberen
Drittel mit dem unteren, über dem Centrum ovale Vieussenii befand sich
eine Erweichung, welche, was Form, Farbe und Grösse anlangt, der andern
ähnlich war. Die Gehirnsubstanz in ihrer Umgebung erschien gesund,
sowie die übrigen Partien der Hemisphäre. Die Seitenventrikel waren
mit einem Esslöffel voll klaren Serums angefüllt. Das Corpus callosum,
Septum lucidum und das Dreipfeiler-Gewölbe hatten ihre normale Consistenz.
Kleine seröse Cysten waren in grosser Anzahl auf dem Plexus choroideus
zerstreut. Eine von ihnen enthielt eine weisse, undurchsichtige, käseartige
Masse. Man konnte sonst nichts Abnormes in dem Gehirne entdecken, und
namentlich waren die Ammons-Höi-ner durchaus gesund, deren Erkrankung
von einigen Schriftstellern die Fehler und der Verlust der Sprache zuge-
schrieben werden. Hydropericardium , Hydrothorax , Verknöcherungen an
den Aortenklappen, Lungenapo^jlexie.
Im Stabkranz der sogen, motorischen Region sind die Leitungs-
bahnen der Motilität mid der Sensibihtät von einander getrennt,
und ihre Oerthchkeit lässt sich im Allgemeinen dahin bestimmen,
dass die erstere mehr vorn, die letztere mehr hinten liegen muss.
Im Centrum ovale wird z. Th. dieselbe Anordnung bestehen,
während schon in den Markleisten eine Vermischung beider Faser-
arten beginnen wird. Der folgende Fall zeigt uns nun als Folge
einer Rindenerweiclmng im unteren Scheitelläppchen eine merk-
176 WernicKE. Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
würdige Gruppirung indirecter Herdsymptome, die doch auf die
nächste Naclibarschaft zu beziehen ist, weil sie ohne Insult einge-
treten sind : eine Leitungsstörung der Bahn für das Hautgefühl
der rechten Körperhälfte zusammen mit motorischer Aphasie. Wir
werden nicht fehl gehen, wenn wir darin eine Uebereinstimmung
mit dem vorhergehenden Falle erblicken. Uebrigens kommen wir
weiter unten auf dieselbe Frage zurück.
Cornil. Gaz. med. 1864, p. 534. 31 jähr. Mann, verliert nach
1 4 tägiger unbestimmter Krankheit plötzlich die Sprache , ohne bewusstlos
zu werden. Rechtsseitige Anaesthesie der Haut, complet, bei erhaltenem
Muskelgefühl; bedient sich zweckmässig der rechten Extremitäten, keine
Lähmung. Versteht Alles, antwortet durch unarticulirte Worte, lesen und
schreiben kann er nicht. 3 — 4 Tage nachher schon merkliche Besserung.
Bis zum Tode, etwa 5 Wochen nach Beginn der Sprachstörung soweit ge-
bessert, dass nur ein leichtes Stottern und Abstumjjfung des Gefühls im
Bereich einer Narbe am rechten Vorderarm zurückblieb. Tod an
Phtisis.
Section. Die einzige Veränderung des Gehirns ist eine Rinden-
erweichung von 12 mm im Quadrat (cm wohl irrthümlich) im unteren
linken Scheitellappen: la deixxieme des circonvolut. du lobe post. gauche
qui nait de la circonv. post. du sillon de Rolande presente une plaque ....
Den Scliluss dieser Beispiele mag eine Beobachtung bilden, bei
welcher die Hemiplegie nicht vollständig war, indem die Zunge und
der Facialis von Anfang an verschont blieben. Der Sensibilität wurde
wohl keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt.
Pitres 1. c. Beob. 34 nach Oulmont. 63jähr. Frau, seit 41
Jahl-en epileptisch, mit sehr geschwächter Intelligenz und an häufigem
Koj)fschmerz leidend, stirbt nach 4 ^/2 monatlichem Bestehen einer links-
seitigen Hemiplegie, bei welcher Facialis und Zunge von Anfang an ver-
schont geblieben sind.
Section. Gelbe Erweichung unter dem mittleren Theil der rechten Central-
furche in der weissen Substanz, von der Rinde dui-ch eine 2 mm dicke
Markschicht getrennt. Der Herd ist eiförmig mit sagittaler Axe , 2 cm
lang und 1 cm breit. Ausserdem im innersten Gliede des Linsenkernes
rechts ein erbsengrosser, runder, fibröser Tumor und in der weissen Sub-
stanz beider Hemisphären und in der Brücke zahlreiche kleine ,
stecknadelkopfgrosse Lücken. Hirnventrikel erweitert. Windungen sehr
atrophisch.
WerNICKE, Lehrbuch der Gehirnkraukheiteii. 1' •
m. Erweichungen des Schläfelappens bedingen gewöhn-
lich indirecte Hemiplegie und bei linksseitigem Sitze zugleich
Aphasie, sobald ein apoplectischer Anfall ihr Einsetzen bezeichnet.
Die „Sclerose" im folgenden Falle ist augenscheinlich der Ausgang
einer acut entstandenen Erweichung.
Chvostek. Wiener med. Wochenschrift 37 — 39. 1871. 43jähr.
Mann, erkrankt vor 16 Jahren an Typhus, der 4 Wochen dauerte. Pt.
fing schon an das Bett zu verlassen, als er von neuem erki-ankte. Er
bekam heftigen Kopfschmerz und sei schon am 2. Tage bewusstlos ge-
worden und habe heftig phantasirt. Als er nach 14 Tagen wieder das
Bewusstsein erlangte, bestand eine linksseitige Hemiparese. Nach 2 Jahren
begann in den paretischen Gliedmaassen, zuerst im Arm, allmählich zu-
nehmendes Zittern, das bis zum Tode, der an Phtise erfolgte, anhielt.
Section. An der Basis des rechten Schläfelappens bemerkt man
etwas nach aussen vom gyrus hippocampi eine seichte Depression, die sich,
vom Haken angefangen, nach rückwärts bis fast zum Ende des Schläfe-
lappens hinzieht; derselben entsprechend sind die Hirnhäute leicht verdickt
und die Eindensubstanz dünn und in's Blassgelbliche verfärbt. Das
rechte Ammonshorn mit dem Subiculum etc. bedeutend verschmälert, diese
Gebilde sind sämmtlich ziemlich hart, zähe, in's Blassgelbliche verfärbt.
Der Insult kann durch einen epileptischen Anfall ersetzt werden
und dennoch indirecte Hemiplegie die Folge sein, wie die beiden
nächsten Beobachtungen zeigen.
Lewkowitsch. Jahrb. f. Kinderheilk. 1878, nach Nothnagel I.e.
9 jähr. Knabe, fiel rücklings auf's Eis, 12 St. darauf heftige Kopfschmerzen
und Bewusstlosigkeit, dann 2 Tage Wohlbefinden , dann wieder dieselben
Erscheinungen: am 5. Tage Krämpfe in der rechten Hand bei erhaltenem Be-
wusstsein, darauf rechtsseitige Hemiplegie mit Aphasie. Letztere verging
in 8 Tagen, die Hemiplegie in 4 Wochen ; hin und wieder traten noch
zuckende Bewegungen im rechten Arme auf. Im Lauf der nächsten Monate
schwanden sämmtliche Hirnerscheinungen, nur der Kopf blieb gegen Klopfen
empfindlich. '^U Jahr nach dem Fall plötzlicher Tod.
Section. Frische Blutung in den Pons als Todesursache. Das
Gehii-n sonst gesund bis auf einen 5 cm im Durchmesser haltenden
Erweichungsherd, welcher die Hirnrinde im mittleren und unteren linken
Schläfelappen einnahm und bis auf die weisse Substanz reichte.
Prevost und Cotard 1. c. Beob. 10. GO jähr. Frau, mit Uterus-
krebs behaftet, bekommt einen epileptiformen Anfall und ist nach dem-
selben sprachlos und linksseitig vollkommen gelähmt. Erst einen Tag
Wernicke, Lehrbuch der Gehirnki'ankheiten. 11. 12
178 Wernicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
später kommen Sprache und Intelligenz zurück. Die Lähmung bleibt un-
verändert, die Sensibilität erhalten. Tod nach 14 Tagen.
Sectiou. Rechts am Grunde der F. S. eine oberflächliche, jedoch
ziemlich tiefgehende Erweichung im oberen Theil des Schläfelappens.
Insel selbst gesund. Links ein symmetrischer, jedoch kleinerer Herd. In
der rechten Art f. S. etwas vor ihrer Bifurcation ein 6 — 7 mm langes,
weissgelbliches, nicht adhärentes Gerinnsel, welches Fortsätze, gebildet
durch frische Gerinnsel, in die Aeste entsendet. Mikroskopisch besteht es
aus Fibrin, weissen Blutkörperchen und einer grossen Menge Fettgraniilationen.
Die übrigen Gehirnarterien, Aorta, Herz gesund.
Die directen Herdsymptome des Schläfelappens, bestehend in
sensorischer Aphasie bei linksseitigem Sitz oder in Taubheit des
gekreuzten Ohres, welche in der ersten Zeit nach dem apoplec-
tischen Anfalle nach Analogie der anderen halbseitigen Störungen
zu erwarten ist (man vgl. S. 55), sind in den meisten Fällen über-
sehen worden. In einigen seltenen Fällen findet man aber Angaben,
welche sich ohne Zwang als Symptome sensorischer Aphasie deuten
lassen. Dabei ist zu beachten, dass die sensorische Aphasie, wenn
die Erweichung mit Insult eingetreten ist, zunächst in dem Bilde
einer totalen Aphasie enthalten ist (vgl. Th. I. S. 206), indem die
motorische Aphasie wie die Hemiplegie als indirectes Herdsymptom
dazutritt; weiterhin kann die motorische Aphasie verschwinden und
eine sensorische von dem gewöhnlichen Verhalten zurückbleiben.
In den beiden folgenden Fällen sind Andeutungen von sensorischer
Aphasie nicht zu verkennen.
Prevost und Cotard 1. c. Beob. 19, von Vulpian. 6 7 jähr.
Frau, an Schwindelanfällen (etourdissement's), bisweilen von vorübergehendem
Verlust des Bewustseins begleitet , leidend. In den letzten Tagen öfter
unruhig und verwirrt. Apoplectischer Anfall. Es besteht unvollständige
rechtsseitige Hemiplegie , Mund nach links verzogen. Sensibilität abge-
stumpft , Intelligenz geschwunden : die Kranke antwortet nicht , wenn
man sie etwas fragt. Sie wird allmählich schwächer und stirbt nach
7 Tagen.
S e c t i 0 n. Oberflächliche , theils gelbe , theils mit punktförmigen
Blutungen durchsetzte Erweichung der I. Schläfewindung (circonvolut.
post. de la scissure de Sylvius) der rechten Seite. Pia daselbst adhäreut,
keine anderen Gehii-nveränderuugen.
In einer Anmerkung helsst es , dass man sich wahrscheinlich betrefl's
der Seite der Erweichung oder der Hemiplegie getäuscht habe.
WekNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 179
Troisier. Gaz, med. 2. 1874. 7 6 jähr. Frau, vorher gesund,
fiel am 28. October Vormittags plötzlich auf der Strasse hin; ob sie das
Bewusstsein dabei verloren hat, ist nicht zu erfahren. Sie wurde aufge-
hoben und auf einer Trage in's Hospital gebracht. Am folgenden Tage
folgender Status: Vollständige rechtsseitige Hemiplegie mit Spuren von
Contractur und Abstumjofung der Schmerzempfindlichkeit, Reflexe auch beim
Kitzeln der Fusssohle herabgesetzt. Es besteht weder Stupor noch Stertor,
aber die Intelligenz ist sicher etwas geringer. Die Kranke hat eine er-
staunte Miene, sieht sich nach rechts und links um, gähnt oft. Sie lässt
sich nicht untersuchen und bildet sich ein, dass man ihr etwas thun will,
stösst mit der linken Hand die sich Nahenden zurück und fängt zu
schreien an. Von Zeit zu Zeit, besonders wenn man sie ermuntert und
sie auf Fragen antworten soll, spricht sie unverständliche Laute aus,
etwa : mamama, mamama. Sichtlich bemüht sie sich, zu antworten. Da
sie die Zunge zeigen soll, öffnet sie den Mund , streckt aber die Zunge
nicht vor, man kann sie auch nicht dazu bringen. Puls regelmässig, 82,
Radiales etwas hart. 30. October. Sprache imverändert. Die Hemi-
plegie ist ganz schlaff. 1. November. Urinretention. Die Pt. isst
etwas, schlingt ziemlich leicht, hat heute bei passender G-elegenheit oui,
non und einmal merci gesagt. Die Intelligenz scheint etwas wiederzu-
kehren. Durch Gesten macht sie ihre Wünsche ziemlich gut verständlich.
8. November. Sprache noch immer unverständlich, aber die Laute sind
nicht mehr dieselben, sondern es klingt, als ob sie für jedes Wort einen
besonderen Laut hätte und der Tonfall der Antwort angemessen wäre.
8. November. Urinretention besteht fort. Verstopfung. 9. November.
Appetit geringer, Schlingen erschwert. 11. November. Pt. ist sehr
hinfällig, weigert sieh zu essen. 12. November. Pt. ist sehr- schwach,
isst wenig, antwortet gewöhnlich mama : um sie zum Sprechen zu bringen,
muss man sie wiederholt fragen und antreiben. 24. November be-
ginnender Decubitus. 3. December. Pt. klagt fast fortwährend in
ihre Sprache. 5. December. Die schlaffe Hemiplegie unverändert.
Decubitus nimmt zu. Tod am 12. December.
S 6 c t i 0 n. Arterien der Basis stark atheromatös , das Lumen der
rechten Art. cerebri posterior an einer Stelle bis auf einen schmalen
Canal verengt. Beide Art. f. S. in ihrer ganzen Ausdehnung atheromatös,
ein Zweig der linken Art. f. S. durch ein relativ frisches, schwarzrothes
Gerinnsel verstopft. Pia der linken Hemisjjhäre ein wenig injicirt und
ödematös. Am linken Schläfelappen ist die Pia adhäreut , sonst überall
leicht abzuziehen. Stirnwindungen der linken Seite absolut gesund an
ihrer Oberfläche, die I. (untere) Stirnwindung speciell bietet nicht die ge-
ringste Veränderung, auch auf Querschnitten nicht. Auch die Inselwin-
dungen und die beiden Centralwinduugen absolut gesund. Die Erweichung
12*
180 WerNICKE, Lehrbuch der Gehirukrankheiten.
des Schläfelappens beginnt genau hinter der Insel, ist hier geringer aus-
geprägt, -weiter hinten viel deutlicher und erstreckt sich in der Sagittal-
richtung bis etwa 3 cm von der Hinterhauptsspitze. Nach vorn erreicht
sie nicht ganz das vordere Ende des Schläfelappens. Die Erweichung ist
breiartig, kreidig weiss und erstreckt sich von der Oberfläche der Win-
dungen bis in die Nähe des Ventrikels, sie enthält reichliche Körnchen-
zellen. Streifenhügel und Thalamus opticus ohne Veränderung. Rechte
Hemisphäre intact bis auf eine stecknadelkopfgrosse Lücke im Centrum
des Sehhügels. Querschnitt der Oblongata erscheint normal. In der
linken Arteria pulmonalis ein adhärenter, aber nach dem Herzen zu freier
Thrombus, cystisch erweicht, alte Infarcte in der linken Lunge. In der
Aorta springt eine atheromatöse Kalkplatte frei in das Lumen des Ge-
fässes hervor.
Von V u 1 p i a n und Brown-Sequard wird dieser Fall gegen die
Localisation der Aphasie verwerthet.
Der nächstdem mitziitheilende Fall von Hut in ist der einzige,
in welchem eine starke Herabsetzung des Gehörs an dem gekreuzten
Ohre constatirt worden ist. Der Insult war hier gerade nur an-
gedeutet, und demzufolge sind die beobachteten Herdsymptome
entweder directe oder sie stehen den directen sehr nahe. Aus der
Schilderung des Befundes ergiebt sich, dass der Stab kränz des
Schläfe- und Hinterhauptslappens, sowie des hinteren Gebietes des
Scheitellappens durchbrochen war; durch dieses Gebiet passirt das
sagittale Marklager des Hinterhauptslappens, daher die Einengung
des Gesichtsfeldes auf dem linken Auge, zweifellos eine Hemiopie;
ebenda oder dicht benachbart liegt die halbseitige sensible Bahn
für das Hautgefühl, und in dem angrenzenden Theil der inneren
Kapsel sind auch die Leitungen für den Geschmack und Geruch
enthalten : daher die stark ausgeprägten Störungen der betreflfenden
Sensibilitäten. Bemerkens werth sind ferner die beobachteten Tempe-
raturen, insofern dieselben von denen einer Blutung nicht wesent-
lich differiren.
Hutin. De la temperature dans Themorrhagie cerebrale et le
ramollissement. Th. de Paris 1877. obs. 5.
7 6 jähr. Mann klagte seit etwa 8 Tagen über Taubheitsgefühl und
nicht ordentliche Bewegungsfähigkeit der Beine. 14. Juli liest er an
seinem Bette, da fällt ihm das Buch aus der Hand und er muss sich gegen
das Bett lehnen, um nicht zu fallen; wird zu Bett und auf die Kranken-
station gebracht. ^/2 Stunde darauf folgender Status: Conjugirte Augen-
abweichung und Drehung des Kopfes nach rechts, linksseitige Facialislähmung,
WeRNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. löl
auch im oberen Aste angedeutet, Zunge kann vorgestreckt werden, weicht
nach rechts ab, Parese der linken Extremitäten , am Beine gering, am
Arme ausgesprochen. Schnierzempfindung an der ganzen rechten Körper-
hälfte intact , an der ganzen linken Körperhälfte vollständig erloschen ;
es erfolgen hier jedoch Reflexbewegungen, von denen Pt. kein Bewusstsein
hat. Sehvermögen: Gesichtsfeld der linken Seite sehr eingeengt, bei
geschlossenem rechten Auge unterscheidet Pt. das Licht einer Kerze nur
an zwei oder drei einander sehr nahen Punkten. Gehör: Uhr wird rechts
auf 25 cm, links kaum dicht am Ohre gehört. Geruch: Essig bleibt
links ohne Effect und wird nicht erkannt. Geschmack an der linken
Zungenhälfte erloschen. Der Kranke ist bei Bewusstsein, seine Antworten
sind träge, langsam , schlecht articulirt, der Ausdruck stumpf. Zunge
trocken, fuliginös belegt, lebhafter Durst. Radiales atheromatös. P. 96.
R. 30, Tr. 37,2. Urin sauer, 1015 sp. Gewicht, frei von Zucker und
Albumen. Die T. der rechten Achselhöhle 36,3, der linken 36,7^; bei
wiederholten Messungen in den nächsten 14 Stunden stellt sich immer ein
Unterschied von 0,3 — 0,6 ^ zu Gunsten der linken Seite heraus, Urin bleibt
frei. Vorrübergehend Zittern in der Musculatur des linken Oberschenkels,
Singultus, wiederholtes Gähnen. Gegen Mitternacht wird Pt. aufgeregt,
so dass man seine rechten Extremitäten befestigen muss. 15. Juli.
Somnolenz, die Lähmung der Extremitäten hat zugenommen, die Articulation
ist kaum mehr verständlich. P. 108, R. 36, Tr. 38,5. Abends Tr. 39,2,
etwas Contractur der linken Extremitäten. 16. Juli. P. 112, R. 32,
Tr. 39,4. Abends Tr. 40. Contractur besteht fort. 17. Juli. P. 116,
R. 36, Tr. 40,3. Abends P. 128, R. 44, Tr. 41. Linker Arm voll-
kommen, Bein fast vollkommen gelähmt, Bewusstsein noch erhalten, Pt.
antwortet durch Zeichen. Leichte Dämpfung rechts hinten unten, Aus-
cultation durch Trachealrasseln unmöglich. Tod am selben Abend.
Section, Rothe Oberflächenerweichung mit Adhärenz der Pia, nimmt
rechts die Angularwindung des untern Scheitelläppchens und den an-
grenzenden Theil des Occipitallappens und Schläfelappens in der Aus-
dehnung eines 2 Francstückes ein. Arterien der Basis sehr atheromatös,
zu vermuthende Verstopfung der betr. Zweige der Art. eerebr. poster.
bleibt unermittelt. Auf dem Durchschnitt nimmt der Erweichungsherd die
Marksubstanz des Occipitallappens ein und hat den Umfang eines Tauben-
ei's. Ausserdem ein 2 cm lauger, 1 cm breiter Erweichungsherd in der
weissen Substanz des hinteren Theils der I. (unteren) Stirnwindung, eine
erbsengrosse Erweichung im Mark des unteren Endes der hinteren Central-
windung und eine eben so grosse im Praecuneus und zwar dem unteren
und hinteren Winkel desselben. Stammgauglien , linke Hemisphäre etc.
gesund. An der Basis der rechten Lunge eine taubeneigrosse pneumonische
Infiltration. Aorta sehr atheromatös.
182 Wernicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
Sitzen die Erweichungen des Schläfelappens niclit oberfläch-
lich, sondern im Grunde der Sylvischen Grube, oder erstrecken
sie sich von der Oberfläche genügend weit in die Tiefe, so können
sie die halbseitige motorische Bahn im hinteren Gebiete der
inneren Kapsel erreichen und dauernde Hemiplegie erzeugen; bei
linksseitigem Sitze zugleich mit motorischer Aphasie , wie der auf
S. 116 — 117 berichtete Fall von Prevost undCotard lehrt. In
jenem Falle ist dieselbe Eegion des Stabkranzes des Scheitellappens
in der Erweichung mit enthalten, welche der dauernden Aphasie im
Falle Andral's auf S. 174 zu Grunde lag. Erwägt man, dass
noch kein Fall vorliegt, in welchem von den vorderen Gebieten der
inneren Kapsel motorische Aphasie als directes Herdsymptom aus-
gegangen wäre, so beweisen alle diese Fälle zusammengenommen,
dass die motorische Sprachbahn wirklich den besonderen obenpraesu-
mirten Verlauf innehält. Dass die sensorische Aphasie in der
Beobachtung von Prevost und Cotard nicht erwähnt wird, ob-
wohl die I. Schläfenwindung zerstört war, braucht hier nicht auf
einem Uebersehen zu beruhen, sondern erklärt sich aus der auf
S. 207 — 208 des I. Th. erörterten Eigenthümlichkeit dieses Symp-
toms, dass es sich normaler Weise nach einiger Zeit wieder aus-
gleicht. Ausnahmsweise findet dieser Ausgleich nicht statt, wie in
dem folgenden Falle totaler Aphasie, wo gleichwohl ein dazu ge-
nügender Zeitraum verflossen war. Die Erklärung liegt vermuth-
lich in der Mitleidenschaft des ganzen Gehirnes, die sich klinisch
in einer nachweislichen Abnahme der Intelligenz und anatomisch
in der Atrophie auch der rechten Hemisphäre documentirte.
Wernicke 1. c. Beob. 8. 59 jähr. Frau, erlitt am 6. D ecember 73
einen apoplectisclien Auf all, am 8. December mit rechtsseitiger Hemi-
plegie und Sprachlosigkeit in's Allerheiligen-Hospital aufgenommen, es
wurde Hypertrophie des linken Ventrikels mit Albuminurie constatirt.
März 1878 folgender Status: Vollständige Lähmung der rechten Extremi-
täten. Der rechte Mundwinkel steht tiefer, die Raphe von Nase zur Ober-
lippe ist nach links verzogen, die Falten rechs verstrichen. An den Be-
wegungen betheiligt sich nur die linke Mundpartie. Die Zunge wird sehr
unsicher und zitternd hervorgestreckt, keine Abweichung zu constatiren.
Die Lidspalten sind gleich weit, der Lidschluss auch rechts möglich. Die
rechten Extremitäten sind passiv leicht beweglich, jedoch bei schnellen
Bewegungen schmerzhaft. Puls verlangsamt, 48. Schmerzempfindlichkeit,
soweit sich constatiren lässt, rechts erhalten oder nur wenig abgeschwächt.
Pt. verfügt nur über das eine Wort ja, das sie auf alle Fragen zur
WernicKE. Lehrbuch der Gehirnhrankheiten. 183
Antwort giebt. Will sie sich spontan äussern, so wiederholt sie ja, ja in
infinitum. Sie versteht nichts, was zu ihr gesprochen wird, die einfachsten
Fragen und Aufträge rufen nie eine andere Reaction hervor als das oft
wiederholte Wort ja. Durch Gesten jedoch kann man sich ihr leidlich
verständlich machen ; wenigstens giebt sie die Hand, wenn sie ihr entgegen
gereicht wird, zeigt die Zunge, wenn man ihr auf den Mund deutet oder
es vormacht etc. Alle weiteren Untersuchungen scheitern an ihrem Mangel
an Verständniss, es lässt sich daher auch nicht feststellen, ob auf einer
oder beiden Seiten Taubheit besteht.
Section am 23. Juni. Oedem der Pia und allgemeine Atrophie
der Windungen , abgesehen davon aber die rechte Hemisphäre vollständig
intact. Links lässt sich schon bei Betrachtung der convexen Oberfläche
ein ausgedehnter Herd gelber Erweichung constatiren, der fast den ganzen
1. Urwindungsbogen , also beide Ränder der Fissura Sylvii , einnimmt
und oberhalb dessen die Pia adhärent und getrübt ist. Die einander zu-
gekehrten Flächen der 1. Urwindung sind sowohl unter sich als auch
mit der Aussenwand der Insel fest verklebt, so dass die Blosslegung der
Insel und die Ausschälung des Stammlajjpens nur nach sehr sorgfältiger
Präparation gelingt. Dabei zeigt sich ein Hauptast der Art. f. S. in
seinem ganzen Verlaufe thrombosirt und in einen festen, gelben und sehnen-
artigen Strang verwandelt, in welchen kleinere ebensolche Fäden einmünden.
Vom Lumen des Gefässes ist keine Spur mehr aufzufinden. Die Er-
weichung ist nach vorn von der Centralspalte auf die I. Stirnwindung be-
schränkt, nur das vordere Drittel derselben ist verschont geblieben. Das
Stück der 1. Urwindung, welches die Centralspalte von unten schliesst,
ist mit betroffen, ebenso das untere Verlaufsstück beider Centralwindungen.
Nach hinten von derselben dehnt sich der Process in die Breite aus und
nimmt hier das ganze untere Scheitelläppchen ein. Die Hinterhauptspitze
und die mehr medial gelegenen Theile des Hinterhauptlappens haben ihre nor-
male Consistenz bewahrt, der Schläfelappen ist dagegen grösstentheils er-
weicht, und nur der Gyrus hippocampi zeigt normale Consistenz. Der
Stammlappen ist in allen Dimensionen verkleinert und grösstentheils öde-
matös erweicht
Anders erklärt sicli das Ausbleiben der Rückbildung in dem
folgenden Falle aus Berg er' s Beobachtung, wo eine doppelseitige
AfFection identischer Rindengebiete beider Schläfelappen vorlag.
Eine Besserung machte sich zwar anfangs bemerkbar, sistirte aber
nach einiger Zeit und es blieb bei den schon gemachten Fortschritten
So konnte das Symptom der sensorischen Aphasie in voller Rein-
heit fast ^/2 Jahr lang beobachtet werden. Der Zustand war zwar
plötzlich, aber ohne alle Allgemein ersch einungen aufgetreten; dem
184 WekniCICE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
entsprecliend erwies die Section eine Zerstörung genau derselben
Localität, welche auch in früheren miconiplicirten Fällen erweicht
gefunden worden war, nämlich des oberen (hinteren) Theils
der I. linken Schläfe windung und des vorderen Abhanges der
II. Schläfe Windung. Da die identisch localisirte Veränderung des
rechten Schläfelappens nui' geringfügig war, so wäre höchst wahr-
scheinlich dennoch eine weitere Restitution zu Stande gekommen,
wenn der Kranke lange genug gelebt hätte. Von Interesse sind
bei dieser Krankengeschichte noch zwei weitere Notizen. 2V2 Jahre
vor dem Auftreten der Aphasie hatte der Kranke einen Schlag-
anfall mit linksseitiger Hemiplegie überstanden. Als Substrat des-
selben fand sich eine alte oberflächliche Rinden erweichung des
hinteren Abhanges der hinteren Centralwindung mit Ausnahme ihres
obersten Stückes. Die Hemiplegie war eine indirecte, z. Th. wohl
auch passagere, da schon nach 2 Tagen niu' noch der Arm paretisch
zurückblieb. Diese Monoplegia brachialis bildete sich dann inner-
halb 6 Wochen zurück, aber nicht ohne einen bleibenden Defect
in der Gebrauchsfähigkeit der linken Hand zurückzulassen. Dieser
Defect würde wahrscheinlich nicht zu constatiren gewesen sein,
wenn nicht Pt. bei seiner Beschäftigung eine bestimmte feinere
Manipulation mit der linken Hand nöthig gehabt hätte. Ferner
wird vom Juni 1877 ein Anfall mehrstündiger Bewusstlosigkeit be-
richtet, nach welchem angeblich keine Herdsymptome zu bemerken
waren. Da Pt. an einem Herzfehler litt, also wohl Embolien statt-
gefunden hatten , so trifft auch luer die Erklärung zu , welche
Eingangs dieses Paragraphen für dieses Vorkommniss versucht
worden ist.
Riedel. Zur Lehre von den dyspliatischen Sprachstörungen. Diss.
Breslau 1879. 5 5 jähr. Mann, klagt seit 10 Jahren über Brustbeschwerden.
Am T.Jan. 1875 ein apoplectischer Anfall mit leichter linkss. Heraiparese,
nach Ablauf von 24 Stunden war der Mund wieder gerade geworden, die
Sprache wieder normal und nach 2 Tagen auch das Bein vollständig
restituirt; nur der Arm blieb paretisch. 13. Februar. Nur Parese des
linken Armes bei vollkommen erhaltener Sensibilität, alle Bewegungen aus-
führbar, nur weniger kräftig, Hand und Finger taub und dadurch zu
feineren Hantirungen unfähig. Zeichen der Miti-alstenose, Klagen über Kopf-
schmerz und Schwindel mit Verdunkelung vor den Augen. Nach 14tägiger
electrischer Behandlung erschien Pt. geheilt , doch erlangte die linke Hand
niemals wieder den früheren G-rad von Geschicklichkeit, so dass sie speciell
für seine Beschäftigung als Cigarrenarbeiter nicht mehr recht brauchbar
Wernicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. loO
war und ei* deshalb wiederholt aus seiner Stellung entlassen wurde. Juni
1877 ein Anfall mehrstündiger Bewusstlosigkeit, ohne jedoch irgend welche
paralytischen Symptome darzubieten, auch keine Sprachstörung wurde be-
merkt. Wegen zunehmender Athembeschwerden wurde Pt. Anfang
October 1877 aufgenommen und war bis zum 18. 0 c t o b e r regelmässig
mit leichter Arbeit beschäftigt. Dann soll er nach ganz geringen Vor-
boten in der Nacht vom 13. zum 14. November nach der Aussage
seiner Stubengenossen plötzlich verrückt geworden sein. Diese Verrückt-
heit äusserte sich darin, dass er, zu seinen Nachbarn gewendet, allerlei
absolut unverständliches Zeug sprach, ohne jedoch dabei irgendwie eine
gemüthliche Erregung darzubieten. 14. November folgender Status:
Intacte Motilität und Sensibilität beider Körperhälften, sowie der Sinnes-
organe. Speciell bei eingehender wiederholter Untersuchung keine Störung
des Gehörs nachzuweisen , dagegen sofort auffallend der absolute Verlust
des Verständnisses für das gesprochene Wort, trotz einer durchaus unver-
sehrten Intelligenz und eines normal feinen G-ehörs. Dabei keine Spur
von Behinderung der Articulation. Die Rede floss glatt, von lebhaften
Gesten begleitet, ohne Stocken dahin, aber es war ein Schwall von sinnlos
an einander gereihten Woi-ten mit zuweilen falsch gestellten Sylben oder
Buchstaben. Doch geht aus den ausführlich nachgeschriebenen ProtocoUen
der mit ihm geführten Unterhaltungen hervor, dass er auch ganze Sätze
richtig hervorbringen konnte und meist so viel richtige Ausdrücke, unter-
mischt mit falschen, anwandte, dass man den beabsichtigten Sinn seiner
Antworten leicht errathen konnte. Das Lesen und Schreiben in analoger
Weise gestört. Bekannte Melodien, die ihm vorgesungen oder vorgepfiffen
wurden, schien er nicht zu verstehen. 3. December. Kann besser
lesen, das Verständniss des Gesprochenen unverändert. 12. Januar. Im
Lesen weitere Fortschritte. Auch das Verständniss für die zu ihm ge-
sprochenen Worte besser. 14. Januar, Pt. versteht sofort den Sinn
einiger ihm vorgeschriebenen Sätze. Die weitere Untersuchung ergiebt,
dass der Kranke allmählich eine Reihe von Klangbildern wieder gewonnen
hat, so dass er viele der an ihn mündlich gerichteten Fragen richtig auf-
fasst, wobei er diesen neu erworbenen Wortschatz bei den Antworten
meist richtig anwendet. In den nächsten Wochen machte die bisher er-
reichte Besserung keine wesentlichen Fortschritte ; namentlich solche Fragen,
die dem Pt. neu waren, verstand er absolut nicht. Schreiben und Lesen
gingen für etwa 10 — 15 Min. verhältnissmässig gut von statten, dann trat
Ermüdung ein und er las und schrieb so unsinnig, wie im Beginn seiner
Krankheit. 8. April 78. Seit 14 Tagen Verschlimmerung des Be-
findens und Abnahme der Kräfte. Pt. ist zeitweilig verwirrt und un-
orientirt. Es beginnt Sopor. 11. April. Exitus letalis.
Section. Rechts ist die hintere Fläche der hinteren Central-
windung in eine ockergelbe und spinnwebenartige Masse verwandelt und
186
WeRNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
zwar 1 cm von der Umschlagsstelle der lateralen Fläche des Grosshirns
in die mediane beginnend und bis zur Insel hin sich erstreckend. Weisse
Substanz scheint unversehrt. Nach hinten ist der vordere Theil des oberen
Scheitelläppchens aber nur in geringer Ausdehnung mit zerstört. Ein
ähnlicher, etwas hellerer Herd nimmt die Parallelfurche ein und erstreckt
sich bis an den unteren Eaud des unteren Scheitelläppcheus ; auch er liegt
an der Oberfläche des Gehirns. Ausserdem ist der ganze laterale Theil
der Spitze des Schläfelappens an seiner Oberfläche in eine weiche , hell
strohgelbe Masse verwandelt, welche die Rinde und den benachbarten
Theil der Marksubstanz einnimmt. Auch fast die ganze Insel dieser Seite
in derselben Weise erweicht, und zwar die Rinde und der benachbarte
Theil der ^Marksubstanz. Die grossen Ganglien und die innere Kapsel
vollkommen frei. In den Hirngefässen nirgends sichtbare Embolien.
Links gelbe Erweichung des oberen Theils der 1. Schläfewindung: dabei ist
der vordere Abhang der 2. Schläfewindung und die unterste Grenze der
Angularwindung mit ergriffen. An diese Stelle schliesst sich nun eine
schmale, 1 cm breite, etwa horizontale, normale Zone nach unten an, und
auf diese folgt wiederum eine erweichte graue Partie , die folgende Be-
grenzung hat : Nach hinten hin wird sie von einer Linie begrenzt, die der
fissui-a calcarina etwa parallel läuft und von dieser 3 cm entfernt bleibt.
Auf diese Weise ist der hinterste Theil der Spindelwiudung und Zungen-
windung 3 cm weit frei, dann jedoch kommt eine 7 cm von voi-n
nach hinten messende , 5 cm breite Stelle , an der die Rinde
theils vollkommen verschwanden , theils in eine breiige , graugelbe
Masse oder (im mittleren Theil) in eine derbe Substanz umge-
wandelt- ist. Diese Masse hat den grössten Theil der Spindelwindung
imd der Zungenwindung zerstört. Der gjTus hii^pocampi ist in seinen vorderen
3V2 cm vollkommen frei, ebenso ist der untere Theil der 1. Schläfe-
winduug von der früher erwähnten zerstörten Partie angefangen normal,
von der 2. und 3. Schläfewindung ist ein 2 cm breiter, auf die Win-
dungsrichtung senkrechter Streifen ausgefallen , der unterhalb der vorhin
erwähnten, an die zerstörte Stelle sich anschliessenden normalen Zone ver-
läuft. Nach der Spitze des Schläfelappens hin sind dann die Schläfe-
windungen wieder vollkommen intact. Diese 2 cm breite Zone geht in
den grossen, auf der Zungen- und Spindelwindung gelegenen Erweichungs-
herd als ein keilförmiger Fortsatz unmittelbar über. Unterhalb der zer-
störten Partie ist übrigens auch die weisse Substanz in ihrer ganzen Aus-
dehnung matsch und weich.
IV. Vom O c c i p i t a 1 1 a p p e n aus sind Beispiele indirecter
Hemiplegie nacli acuter Erweichung nicht selten anzutreffen ; so die
folgenden beiden Fälle, wo ein Zweifel, dass die Oertlichkeit richtig
WerniCKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. lo<
beurtlieilt wurde, durch die Angabe des betheiligten Gefässgebiets
ausgesclüossen ist.
Charcot. Archivos de pliysiol. I. 1868 (Note sur la formation
rapide d'une eschare etc.). Beob. 10: Apoplectischer Anfall, linksseitige
Hemiplegie mit vorübergehender Contractur, Tod nach 4 Tagen. Section.
Oberflächliche rothe Erweichung des rechten Occipitallappens mit Throm-
bose des entsprechenden Sinus transversus.
Beob. 22. Linksseitige Hemiplegie. Tod nach 27 Tagen. Rosa-
weisse Erweichung des rechten Hinterhauptslai^pens durch Obliteration
der i-echten Art. cerebr. post.
Gewöhnlich scheint die Hemiplegie sehr rasch zurückzugehen,
rascher als von anderen Ausgangspunkten der indirecten Hemiplegie ;
in dem folgenden Falle aus Biermer's Beobachtung dauerte sie
beispielsweise nui' einige Tage nach dem ersten schwereren Anfalle
und nur einige Stunden nach dem zweiten, wo der Insult sehr rasch
vorüberging. Die Aphasie, welche bei linksseitigen Herden be-
obachtet wird, nimmt gern die Form der Leitungsaphasie an.
E. Walke r. Ueber Verstopfung der Hirnarterien. Inaug. Diss.
Zürich 1872. 34 jähr. Mann, mit alten Symptomen eines Vititim cordis
und frischer Pericarditis. 8. Juni blitzartiger apoplectischer Anfall mit
Coma und rechtsseitiger Hemiplegie. Am nächsten Tage Stupor und Aphasie,
(kann den angefangenen Satz nicht vollenden , findet nicht die rechten
Worte). Der rechte Arm noch etwas schwächer. 13. Juni neue Attaque,
eben so plötzlich wie die erste. Die Bewusstlosigkeit dauert nur 3 Min.,
danach totale Lähmung der rechten Körperseite, Facialis und Zunge betheiligt.
Sprachlos , unbesinnlicher , stupider Zustand. Nach 5 Stunden spricht Pt.
wieder, die Hemiplegie fast völlig verschwunden. 10. Juli mit Aphasie
(Verwechseln der Wörter) entlassen. Tod im folgenden Januar.
Section. Klein nussgrosser Erweichungsherd im linken hintern
Lappen des Grrosshirns. Wände zottig. Eine obliterirte zuführende Arterie
nicht zu finden. Endocarditis und zerfallende Thromben im linken Herzen.
In den beiden Fällen J o f f r o y ' s , die demnächst Erwähnung
verdienen, fehlen alle näheren Angaben und leider auch die über
den Insult, die für uns zu den unumgänglichsten Notizen jeder
Krankengeschichte gehören. Ein ungewöhnliches Interesse erhält
jedoch der erste Fall durch die Mittheilung, dass Charcot den
Ort der Erweichung diagnosticirt und dazu den raschen Rückgang
der Hemiplegie verwerthet hatte. Es war also Charcot bekannt,
dass unter Umständen auch Erkrankungen des Occipitallappens zu
loö Wernicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
Hemiplegie führten ; welche besonderen Umstände dazu nöthig sind,
war ihm aber so wenig bekannt, dass nicht einmal der Erwähnung
werth gefunden wurde, ob ein Insult stattgefunden hatte oder nicht.
Wie stimmt es aber mit dieser Diagnose, wenn derselbe Autor
später*) ausschliesslich der sogen, motorischen Zone die Eigen-
schaft vindicirt, Hemiplegie zu bewirken , und auf das be-
stimmteste versichert: „Toutes les lesions corticales, quelle que
soit leur etendue, siegeant en dehors de cette zone motrice, sont
latentes au point de vue de la motilite, c'est ä dire qu'elles ne
determinent ni paralysies ni convulsions,"
Joffroy. Note sur l'escliare fessiere etc. Arch. generales Jauv.
1876, obs. 2. Der Vf. citirt aus dem Gredächtniss eine Beobachtung, bei
welcher Charcot eine Erweichung im Occipitallappen diagnosticirt hatte.
Keine merkliehen Störungen der Intelligenz , aber was am meisten auffiel,
das war die rapide Besserung der Lähmung der Gliedmaassen. Das
Allgemeinbefinden verschlimmerte sich trotzdem , ein grosser Brandschorf
der Hinterbacke entwickelte sich rasch, und die Kranke starb nach etwa,
12 Tagen. Es bestanden keine recht deutlichen Störungen der Sensibilität.
Bei der Autojjsie fand man im hinteren Lappen des G-ehirns eine Erweichung,
die den Umfang einer kleinen Mandel hatte.
Idem 1. c. obs. 3. Eine Kranke von 39 Jakren wurde in typhösem
Zustande aufgenommen und zeigte einen Handteller grossen malignen Decubitus
an der linken Hinterbacke, Abendtemperatur 40, 3. Tod am folgenden
Tage. Bei der Aufnahme bewegte sie beide Ai-me gleich, aber man erfuhr,
dass sie vor 3 Wochen eine Hemiplegie der linken Seite erlitten hatte.
Die Lähmungserscheinungen besserten sich nach kurzer Zeit, und die Besserung
machte weitere Fortschritte, trotz der Verschlimmerung des Allgemeinbefindens,
die bald eintrat.
Die Section ergab keine Todesm-sache in den Brust- und Bauch-
organen , im G-ehiru eine Erweichung von rundlicher Form vom f mfange
einer kleinen Haselnuss, in der weissen Substanz nahe dem Hinterhorn des
rechten Seitenventrikels, Folge von Arterienverstopfung.
Dass die directen Herdsjmptome des Occipitallappens , die
homonyme Hemiopie oder hemiopische Defecte in allen diesen
Fällen übersehen worden sind, darf bei der Natur dieser Störung,
die gewölmlich nur durch eine besondere Untersuchung festzustellen
ist, nicht besonders verwundern. Desto bemerkenswerther sind ver-
einzelte Beobachtimgen, in denen dieses Symptom von selbst auffiel
^) Eevue mensuelle de med. et de Chirurgie 1877. S, 456.
Wernicke, Lehrbuch der Gehirukrankheiten. 189
und notirt wurde, obwohl eine Voreingenonnnenheit des Beobachters
gewiss nicht bestand; dazu gehört der folgende Fall Lall emand's,
wo zwar eine doppelseitige Erweichung vorliegt, aber die der
rechten Hemisphäre in den Symptomen dominirt. Nach der Be-
schreibung des Sitzes musste das sagittale Marklager des Hinter-
hauptslappens durclibrochen sein. Dass das linke Auge in der
ersten Zeit ganz blind war, ist wohl auf die Doppelseitigkeit der
Läsion zu beziehen. Man vergl. w. u. die einschlägigen Beispiele.
Lallemaud. Eecherches sur l'encephale p. 138, nach Laflforgne
1. c. obs. 16. 70 jähr. Frau, leidet an Kopfschmerzen und im J. 1817
an häufigen Betäubuugsanfällen , fällt selbst eines Tages bewusstlos hin,
kann sich aber bald allein erheben und am nächsten Tage ihrer Be-
schäftigung nachgehen. Anfang November 1818 Klagen über Kopf-
schmerz, Schwere im Kopf, häufige Betäubungen, Paraesthesien der Glieder,
endlich 7. November ein apoplectischer Anfall, nach welchem Pt. be-
merkte, dass sie die Bewegung und das Gefühl an der linken Seite ver-
loren hatte. 9. November. Gesicht gedunsen, am linken Auge Ptosis,
Pupille erweitert und unbeweglich ; Sehkraft verloren , am rechten Auge
gut erhalten, Mund nach rechts verzogen, Zunge weicht nach links ab,
vollkommene Lähmung der Bewegung und des Gefühls der linken Glied-
maassen mit lebhaften lancinirenden Schmerzen in denselben, heftiger Kopf-
schmerz in beiden Schläfen, Sprache leicht, Antworten richtig, Harnent-
leerung willkürlich. 5. Tag. Zunge gerade, wiederkehrende Beweglichkeit
der Extremitäten. 6. Tag. Eückkehr der Sensibilität. 7. Tag. Be-
täubungen, Schwind elanfälle, Somnolenz. 8. Tag. Rückkehr der Schmerzen
in den Schläfen, Steifigkeit des linken Armes. 9. — 10. Tag. Besserung des
Allgemeinbefindens imd der Motilität, Ptosis geschwunden , leichte Rück-
kehr des Sehvei-mögens. 11. Tag. Rechtes Auge roth und geschwollen,
Schmerzen in der Tiefe der Orbita. 12. — 15. Tag. Die bedenklichen
Symptome verschwinden vollständig, Gefühl und Beweglichkeit nehmen
täglich zu, das Sehen ist deutlich. Immer noch lebhafter Kopfschmerz,
besonders in den Schläfen. Die Kranke sieht besonders die
rechts befindlichen Gegenstände, häufige Lichterscheinungen.
17. Tag. Kopfschmei'z intensiv, andauernde Flexionscontractur des linken
Armes. 18. Tag. Tiefes Coma, Prostration, absolute Gefühllosigkeit,
beide Arme in Resolution. 20. Tag. Convulsivische Bewegungen in
beiden immer noch gelähmten Armen. 21. Tag. Die convulsivischen
Bewegungen hören erst 1 Stunde vor dem Tode auf.
Section. Rechte Hemisphäre fast flvictuirend weich, beim Ein-
schneideii findet man die obere Wand des Seitenventrikels beträchtlich er-
weicht, ebenso den Sehhügel und einen Theil des Streifenhügels. Die Er-
190 Wernicke, Lehrbuch der Gehirukrankheiten.
Weichling reicht bis an die untere Partie des Hinterlappens und besteht
aus einem Brei, der etwas weniger weiss ist als die Marksubstanz des ge-
sunden Grehirns. Die linke Hemisphäre allgemein mehr consistent, indessen
in ihrer oberen Partie und am Gewölbe ebenfalls erweicht. Kein Erguss
in die Ventrikel, nirgends eine Blutung in die Substanz.
Der nächste Fall ist von Förster und mir gemeinschaftlich
beobachtet mid a. a. O. theilweise mitgetheilt worden. Ohne eine
Spnr von Allg-emeinerscheinungen stellte sich liier rechtsseitige
Hemiopie mit Leitungsaphasie ein , die Hemiopie war von Dauer,
die Aphasie bildete sich im Zeitraum eines Jahres fast vollkommen
zurück, aber eine ausgeprägte Alexie blieb bestehen. Letzteres
Symptom ist mehrfach*) in derselben Entstehungsweise beobachtet
und von Broadbent**) auch in einem Falle constatirt worden,
in welchem wie hier das Grenzgebiet zwischen unterem Scheitel-
läppchen, Schläfelappen und Occipitallappen an der linken Hemi-
sphäre zerstört war. In unserem Falle war ausserdem ein
grosser Theil des Occipitallappens selbst und seines sagittalen
Marklagers vernichtet. Da erst im letzten Halbjahr neue Anfälle
auftraten, so ist jedenfalls ein Theil der anderen noch ge-
fundenen Zerstörungen frischeren Datums, besonders schien mir der
kleine isolirte Herd im Marke der vorderen Centi-alwindung von
frischerer Beschaffenheit. Von anatomischem Interesse ist das Ver-
halten der secimdären Degeneration. Dieser Umstand und die
oben betonte principielle Bedeutung des Falles mag die Ausführ-
lichkeit der Publication entschuldigen.
Ein 64jälir. Apotheker, bisher stets gesund, bemerkte am
15. März 1874, dass er nicht mehr ordentlich lesen und schreiben
konnte, obwohl er Alles mit deutlichen Umrissen sah. Er consultirte
deshalb am 18. März einen Augenarzt, an demselben Tage trat eine
gewisse , unten näher zu schildernde Sprachstörung ein , ohne dass
sich die leisesten Spuren gestörten Allgemeinbefindens dabei bemerklich
machten. Am 20. März wurde constatirt: Kopf congestionirt bei
ungestörtem Allgemeinbefinden, massige Eigidität der Radiales, Puls kräftig,
von normaler Frequenz, nach 6 — 10 Schlägen aussetzend. Nirgends eine
Lähmung, oder Sensibilitätsstöruug, dagegen exquisite Aphasie mit Agraphie
und Alexie. Er versteht Alles ganz genau, antwortet auch auf Suggestiv-
*) Z. B. von Maguan, Fair et und Forbes Winslow: Eobin,
Troubles oculaires, Paris 1880.
=*=*) Medico-Chirarg. Trancatt. vol. IV. 1872.
WeRNICKE, Lehrbnch der Gehirnkrankheiten. 191
fragen immer richtig. Der Gebrauch aller Gegenstände ist ihm genau
bekannt. Er zeigt auch keine Spur von motorischer Aphasie, denn bcin
Wortschatz ist unbeschränkt. Doch fehlen ihm für viele Gegenstände, die
er bezeichnen will , die Worte ; er müht sich , sie zu finden , wird erreg-t
dabei, und nennt man ihm den Namen, so wiederholt er ihn ohne jeden
Anstoss. Vieles gelingt ihm geläufig , besonders leicht hingeworfene
Redensarten ; dann kommt er an ein Wort des Anstosses , bleibt daran
hängen, müht sich, ärgert sich und fast jedes Wort, das er dann stockend
vorbringt, ist unsinnig; er verbessert sich immer wieder und je mehr er
sich müht, desto schlimmer wird der Zustand. Erräth man den intendirten
Sinn und sagt es ihm, so athmet er auf: Ja, das wollt icb sagen. Andererseits
passirt es ihm, wenn er sich geben lässt, dass ibm ganze Sätze, die in sich
grammatisch richtig sind, herausfahren mit einem ganz anderen Sinne, als
dem gewollten ; dann wird er ebenso ärgerlieh und desavouirt den eben
gesprochenen Satz. Sehr oft fragt er in Bezug auf das eben Gesprochene :
War das richtig? Interessant sind die Beziehungen der Aphasie zur Alexie
und Agraphie. Beide Zustände sind vorhanden, aber in sehr verschiedenem
Grade. Es wird ihm ein gross gedruckter Buchstabe vorgelegt, er soll ihn
benennen. Trotz aller Mühe erkennt er ihn nicht; er sieht sich Hülfe
suchend um, sein Auge fällt auf den mit Goldscbrift gedruckten Titel eines
Buches, er zeigt auf den Titel und sagt: Das erkenne ich, das heisst
Goethe. Dicht daneben steht, ebenso eingebunden, der Schiller; er soll den
Titel lesen , erkennt ihn aber trotz aller Mühe nicht , nur findet er durcb
Vergleichung beider Titel, dass es nicht dasselbe ist wie Goethe. So liest
er auf der Strasse im Vorbeigehen die Schilder, ohne dass er sie besonders
sucht ; wird er aber auf ein bestimmtes Wort, einen bestimmten Buchstaben
gewiesen, so gelingt es ihm nie, ihn zu finden. Unter einer Anzahl ihm
vorgeschriebener Zahlen und Buchstaben findet er den verlangten zwar
langsam, aber immer richtig ; er merkt es auch regelmässig, wenn die ver-
langte Zahl oder der Buchstabe nicht darunter ist. Er erkennt auch jeden
einzelnen Buchstaben dadurch, dass man ihm Buchstaben vorsagt : er lehnt
die übrigen ab und hält sich an den richtigen. Bei den Zahlen hilft er
sich dadurch , dass er die Zahl mit dem Auge fixirt und dabei an den
Fingern abzählt, bis er zu der Zahl gekommen ist, die dem Gesichtsbild
entspricht. Dass keine Sehstörung die Schuld an dem Nichterkennen der
Buchstaben ist, geht erstens daraus hervor, dass er alle anderen Gegen-
stände, Photographien etc. richtig erkennt, sowie aus seiner Angabe, dass
er die Umrisse der Buchstaben deutlich sehe. Die Buchstaben kommen
ihm noch bekannt vor , sie machen ihm durchaus nicht den Eindruck des
Chinesischen oder der Keilschrift, wie es bei völligem Erlöschen der Gesichts-
bilder der Fall sein müsste. Er kann aber auch den directen Beweis davon
liefern , indem es ihm bei einiger Aufmerksamkeit gelingt, die Buchstaben,
192 Wermcke, Lehrbucli der Gehiriikranb]ieiteii.
die er nielit benennen kann, und ganze Wörter nachzuzeichnen. Es besteht
aber Agraphie, er kann Alles nachzeichnen, aber er kann nicht selbstständig
schreiben. Fast kein Buchstabe gelingt ihm. es kommen bei aller Mühe nur
G-rund- und Haarstriche heraus. Einfache Zahlen gelingen ihm besser, aber
selbst die zweistelligen Zahlen sind ihm schon eine zu schwere Aufgabe.
Am 25. März wurde eine homonyme rechtsseitige Hemiopie constatii't mit
folgendem Verhalte der G-esichtsfelder : Das Bemerkenswertheste an den-
selben ist. dass die Grenze zwischen den gut functionii-endeu und den defecten
resjD. sehr stumpfen Partien in beiden CTesichtsfeldern zwar senkrecht, aber
nicht durch den Fisationspunkt hindurch , sondern 3 — 5 rechts von ihm
vorbeigeht. Xach rechts von dieser Grenze lag noch ein 5 — 10 breiter
in verticaler Richtung sich ausdehnender Streif , in welchem zwar die
Empfindung vorhanden, aber deuthch abgestmnpft war. Ferner zeigte sich
das Gesichtsfeld des linken Auges auch an der äusseren Peripherie , also
von links her, um eine 5 — 10° breite Zone eingeengt, während am rechten
eine entsi3rechende Verengerung bei der ersten Untersuchung nicht vorhanden
war. Im Laufe des nächsten Jahi-es "wiu-de der Pt. mehrfach mit dem
Perimeter untersucht. Es fand sich dabei ein Wechsel in der Grösse der
functionirenden Gesichtsfelder. Die stumpfe Zone nach rechts von der
verticalen Grenzlinie fand sich nicht zu aUen Zeiten gleich breit. Ferner
wechselte sehr erheblich die periphere Einengung an der Unken Seite des
linken Gesichtfeldes. 14 Tage nach der ersten Untersuchung erreichte
sie den 40. Parallelkreis und gleichzeitig fand sich zur selben Zeit auch
eine entsprechende Verengerung im rechten Gesichtsfelde (von innen her),
die circa dem 50. Parallelkreise folgte. Späterhin erweiterten sich die
Gesichtsfelder wieder nach links hin. Das Verhalten der Grenzlinie zum
Fisationspuukte blieb jedoch immer ziemlich das nämliche. Xie reichten
die Defecte der rechten Hälften bis an eine durchgezogene Verticale
heran. Während so die Hemiopie im Wesentlichen unverändert blieb,
besserte sich in den nächsten Monaten die Aphasie nicht uner-
heblich, blieb aber dann in massigem Grade bestehen , dagegen verlor
sich allmählich die Agraphie und im März 1875 konnte Pt. wieder
fiiessend schreiben, seine bedeutendste Störung war jetzt die Alexie,
die fast unverändert fort bestand. Ueber das weitere Verhalten fehlen
genaue Xachiichten , nur Hess sich ermitteln , dass späterhin mehr-
fache AnfäUe rehtsseitiger Hemiplegie, die vorwiegend den Arm betheiligten,
auftraten. 20 Monate nach Beginn der Erscheinungen starb der Kranke.
Section. (Weigert.) Gefässe der Basis ungemein starr, von
tiefgelber Farbe, hin und wieder mit trübweissen Verdickungen der Intima.
Im Hauptstamme der linken Art. f. S. sitzt ein kurzer, kaum ^/2 cm
grosser Embolus von röthlicher , nur im Centrum weisslicher Färbung , er
haftet der Arterienwand ziemlich fest an. Chiasma und Tractus optici
"Werxicke, Lehrbuch der Gehirakraukheiteii. IJo
ohne Veränderung. Am linken Hivnscbenkelfixss sind die innersten Fasern
in der Breite von S 3 cm ziemlicli dunkelgrau verfärbt. Im hinteren Theil
der linken Hemisphäre befindet sich eine gelbbraun gefärbte eingesunkene
Partie von der G-rösse eines Markstückes , an welcher die Pia adhärent
ist. Sie fühlt sich in der Mitte auffallend hart, wie kalkig an. Beim
Einschneiden zeigt es sich, dass die harte Stelle eine Art Sequester dar-
stellt, der von einem braunen, sulzigen Gewebe umgeben ist. Xach vorn
schliesst sich an diese braune Stelle eine Partie an, in welcher die weisse
Marksubstanz sich auflFallend hart anfühlt, diese reicht bis in den mittleren
Theil der hinteren Ceutralwindung. Beim Abtrennen des Hirnstammes
vom Hirumantel ergiebt sich einmal eine bedeutende Flüssigkeitsansamm-
lung in den Ventrikeln, ausserdem fühlt sich die äussere Kapsel, nament-
lich in ihrem hinteren Theile, auffallend hart an, schliesst aber daneben
eine unregelmässige, scharf umgrenzte Erweichungshöhle ein. Diese Er-
weichung erstreckt sich nach oben hin bis in das Marklager, welches
das Dach des Seitenventrikels bildet, ihre hintere G-renze liegt imgefähr
in der Transversalebene der hinteren Ceutralwindung und sie erstreckt sich
4 cm weit nach vorn. Die Ansicht des Hirnstammes von oben ergiebt,
dass der linke Streifenhügel eingesunken ist und zwar besonders der Kopf-
theil desselben. Sein Inneres ist in eine grau erweichte sulzige Masse
werwandelt. Auch der Sehhügel der linken Seite ist etwas kleiner als
der der rechten, der Unterschied ist aber sehr gering. Ein Frontalschnitt
wii'd durch die Mitte der grossen G-anglien gelegt und ergiebt, dass der
Linsenkern der linken Seite in ein cavernöses System kleiner Höhlen um-
gewandelt ist, ebenso die weisse Masse an der unteren Fläche desselben,
aber ohne dass die Erweichung bis an die Oberfläche der Inselrinde heran-
geht. Diese letztere erscheint normal. Ebenso die rechte Hemisphäre,
Kleinhirn, Vierhügel, MeduUa oblongata etc.
Zm- genaueren Feststellung derLocalität wurde die linke Hemisphäre und der
Hirnstamm in Chromlösung gehärtet und dann in Frontalscbnitte zerlegt, l) Die
Eindenerweichung fällt mit ihrer Qberfläche etwa zu ^/s in den Occipitallappen,
zu ^3 in den Scheitel- und Schläfelappen. Vom Occipitallappen ist gerade
die Mitte der Convexität zerstört, die erste (mediale) Uebergangswindung und
ihre anscheinende Fortsetzung um den Erweichungsherd herum bis ziun
Ansatz der 11. Schläfewindung an den Occipitallappen intact geblieben. Die
zweite Uebergangswindung und ein angrenzendes Stück der IL Schläfe-
windung, sowie die oberste und hinterste Partie des unteren Scheitel-
läppchens und eine etwa vorhandene Interparietalbrücke sind untergegangen,
doch ist der grössere Theil der Angularwindung noch erhalten. Auch
das obere Scheitelläppchen ist intact. In der Tiefe reicht dieser Herd
bis zum Ependym des Hinterhorns nach innen und hat das sagittale
Marklager des Hinterhaujjtslappens in einer Höhenausdehnung von mindestens
Wernlcke, Lelirbuch der Gebirnkranldieiten. n. 13
194 Wernicke, Lehrbuch der Gehinikrankheiten.
2 cm vollkommen durchbroclien. Das Ependym selbst ist erhalten. 2)
An diesen Herd nach vorn schliesst sich eine Partie an, wo die Contour
der Windungen noch vollkommen erhalten ist, aber sowohl die Windungen,
als das dazu gehörige Marklager von kleinen zerstreuten Erweichungen
fleckig durchsetzt sind. Im Frontalschnitte durch den Hirnmantel be-
schränkt sich diese Veränderung auf die untere Hälfte, ihre Intensität
nimmt allmählich ab, und auf dem Frontalschnitt durch den hinteren Ab-
hang der vorderen Centralwindung ist sie in dem unteren Drittel derselben
nur noch angedeutet und ausschliesslich auf das Mark beschränkt. 3) Da-
von unabhängig ist eine verfärbte und reichliche Körnchenzellen haltende
Partie im „Fuss des Stabkranzes " der vorderen Centralwindung und der
I. Stirnwindung. Sie nimmt auf dem Frontalschnitt etwa das mittlere
Drittel oder etwas weniger von der Trennungslinie des Stabkranzes gegen
den Stamm ein und ist augenscheinlich das obere Ende des Erweichungs-
herdes in der äussern Kajjsel. Die B r o c a ' sehe Windung selbst und ihre
Markleiste ist intact, aber ihr Stabkranzantheil kann theilweise in den
Bereich dieses Herdes fallen. 4) Ein ganz vunschriebener, etwa erbsen-
grosser Erweichungsherd liegt mitten im Marklager der vorderen Central-
windung und zwar der oberen Partie ihres mittleren Drittels, Er endigt
zugespitzt im Niveau der hinteren Centralwindung. 5) Der Herd in der
äusseren Kapsel beschränkt sich auf die vorderen "/s der Längenausdeh-
nung des Linsenkerns. Hinten greift er nur mit einer Zacke in das
3. Glied des Linsenkerus hinein, weiter vorn ergreift er das ganze 3. Glied
und auch die Zeichnung der beiden Innnenglieder wird verwaschen. Der
Schweif kern bleibt fast ganz verschont imd ist nur wegen der Zerstörung
des Linsenkerns eingesunken, der vordere Schenkel der inneren Kapsel
aber wird vollständig durchbrochen. Auch dieser Herd kommt nirgends
in die Nähe des Tractus opticus. 6) Die secundäre Degeneration in der
inneren Kapsel wurde nicht besonders verfolgt, wohl aber die schon
makroskopisch sichtbare Verfärbung des innersten Areals des Hirnschenkel-
fusses. Diese Partie wurde bei Glycerinbehandlung durchsichtig , bei
Carminbehandlung intensiv roth gefärbt, verhielt sich also ungefähr ebenso, wie
die daran stossende graue Substanz der Substantia nigra. Ihre Form ent-
sprach recht gut dem auf Figg. 48 und 49 des I. Th. abgebildeten
Bündel pi, doch schien es umfänglicher als dieses, was um so mehr in
Betracht fiel, als es sich augenscheinlich um einen Schrumpfungsvorgang,
einen sclerotischen Process handelte. Die Untersuchung tieferer Quer-
schnittsebenen bestätigte denn auch die Auffassung, dass die Sclerose mehr
als das Bündel p i umfasste , denn die graue Degeneration trat nun an
zwei verschiedenen Stellen auf. Erstens fehlte in der Haube links das
Bündel pi, und diese Ungleichheit beider Hälften blieb bis zur halben
Brückenhöhe deutlich bemerkbar, also etwa so lange, als überhaupt das
WeRNICKK, Lehrbuch der Gehirukraiikheiteii. 195
Bündel pi gesondert verfolgbar ist. Man vergleiche die Figg. 50 — 55.
Zweitens fiel ausserdem eine ganz bestimmte Querschnittsgruppe der
vorderen Brückenabtheilung aus, sie entsprach in der Ebene der Fig. 53
den vordersten und zugleich mediaist gelegenen Fasern, ungefähr dem
inneren Drittel der beiden vordersten Schichten von Querschnitten der
Längsfaserung, au ihrer Stelle fand sich ein Fleck rothgefärbten Gewebes.
In den Ebenen der Figg. 54 und 55 war ein Solcher Fleck nicht mehr
sichtbar und die Verminderung der Querschnitte anscheinend gleichmässig
über die ganze vordere Brückenabtheilung vertheilt. Am auffallendsten
erschien mir jedoch auch hier die Breiteuausdehnung vermindert. Im
unteren Drittel der Brücke verlor sich jeder Unterschied und in der
Oblongata waren beide Pyramiden vollkommen gleich entwickelt. Ein ge-
ringer Unterschied zu Ungunsten der linken Seite bestand hier in der
Breitenausdehnung der Schleifenschicht (vgl. L der Figg. 63 und 64).
Schliesshch ist noch nachzutragen, dass der Hirnschenkelfuss der linken
Seite auf dem Querschnitt in tote etwas weniger voluminös erschien als
der der rechten Seite.
Auch in dem folgenden Falle wurde das directe Herdsymptom
des Hinterhauptslappens, eine homonyme Hemiopie, durch peri-
metrische Untersuchmig constatirt. Der Erweichungsprocess war
wohl chronisch oder in Etappen vor sich gegangen, die anamnestischen
Anhaltspunkte dafür fehlen. Möghch, dass die Anfälle linksseitiger
Convulsionen der Ausdruck solcher Etappen waren. Abgesehen
davon hat die Beobachtung ein hervoiTagendes Interesse dadurch,
dass sie das Zustandekommen einer vorübergehenden linksseitigen
Hemiplegie mit Anaesthesie in Folge halbseitiger epileptischer An-
fälle illustrirt. Der epileptische Anfall hinterlässt also eine Art
von indirecter Hemiplegie und verhält sich in dieser Beziehung
dem Insult sehr ähnlich. Dass der letztere durch einen epilep-
tischen Anfall der gewöhnlichen Art vertreten werden kann, hatten
wir schon gelegentlich einiger anderen Beispiele erfahren.
C, Westphal. Zur Frage von der Localisation der unilaterale
Convulsionen und Hemianopsie bedingenden Hirnerkrankungen. Charite-
Annalen. Bd. VI. 42 jähr. Mann, hatte i. J. 1846 einen Krampfanfall mit
Zuckungen der linken Körperhälfte und nachfolgender linksseitiger Hemiplegie,
die nach einiger Zeit vorüberging. Seit 8 oder 14 Tagen sind die links-
seitigen Krämpfe wieder aufgetreten. 12. August 1877 aufgenommen,
hatte Anfälle linksseitiger Convulsionen in Serien von Stunden bis Tage
langer Dauer mit erhaltenem Bewusstsein, nur wenige Anfälle mit Ver-
lust desselben und allgemeinen Convulsionen. Nach den Anfällen blieb eine
13*
196 Wernicke. Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
linksseitige Hemiparese sehr verschiedenen Grades, jedocli bis zu voll-
ständiger Hemiplegie gehend, zurück, mit Theilnahme des Facialis und der
Zunge und Unfähigkeit, das linke Auge zu schliessen, bei erhaltenem reflec-
torischem Schluss. Xach einigen Anfällen wurde auch eine Herabsetzung
der Schmerzempfiudlichkeit an der linken Gesichtshälfte und den linken
Extremitäten constatirt. Alle diese Erscheinungen waren vorübergehender
Natur. "Während der Anfälle bestand häufig Unvermögen zu sprechen.
Die Intervalle wechselten von Tage bis Monate langer Dauer. Einige
Male trat vorübergehende psychische Störung auf. Im Juni 1878 wurde
eine totale linksseitige homonyme Hemiopie von dem gewöhnlichen Ver-
halten constatirt und mit dem Perimeter genau bestimmt. In der letzten
Lebenszeit soll eine leichte Contractur des linken Armes bestanden haben.
Tod in einem Krampf anfalle 20. April 1879.
S e c t i o n. Die "Windungen des ganzen hinter der hinteren Central-
windung gelegenen Abschnittes der Convexität der rechten Hemisphäre
vei'schmälert und eingesunken, ihre Configuration erhalten. Auf Horizontal-
schnitten erschien die Marksubstanz im hinteren Theil der Schnittfläche
schon mit blossem Auge deutlieh verändert, sie ist ausserdem von weicherer
Beschaifenheit. Der Erweichnngsherd nimmt das ganze Marklager des
oberen und unteren Scheitelläppchens und des Occipitallappens ein,
enthält zahh-eiche Körnchenzellen. Stammganglien und innere Kapsel
intact, ebenso die auch mikroskopisch untersuchten Tractus optici. Keine
anderweitige Veränderung.
V. Die Erweiclimigen im Gebiete der Stammgaii glien
können latent bleiben, wenn sie sich chronisch oder ohne Allgemein-
erscheinungen entwickeln und auf den Linsen- und Schweifkern oder
die vordere Hälfte des Sehhtigels beschränkt bleiben. Es ist das
dazwischen gelegene Stück der inneren Kapsel , von welcher die
für uns bemerkbaren Symptome ausgehen, und ist sie in die Er-
weichung mit einbegriifen, so werden die Zeichen einer Unter-
brechung der Hemisphärenbahn nicht vermisst , freilich oft und be-
sonders von älteren Autoren nur die allerauffälligsten Störungen,
die Hemiplegie. Ein Beispiel der Art ist der folgende Fall A n d r a 1 ' s,
der überdies das nicht seltene Vorkommniss veranschaulicht, dass
eine Verwechselung der Seiten stattgefunden hat.
Andral 1. c. Beobachtung 7 der Erweichungen. Ein Mann von
53 Jahren war schon seit lange rheumatischen Schmerzen unterworfen,
welche nach und nach fast alle Gliedmaassen ergriffen hatten. Zwei Jahre
vor seiner Aufnahme im Hospitale fing er an, heftiges Herzklopfen zu be-
kommen und über erschwertes Athemholen zu klagen. 'SViv erkannten
leicht, als er bei uns war, das Bestehen eines organischen Herzleidens:
WerniCKIO, Lelirbucli der Geliirnknuiklieiten. 197
im Priicordium nahmen wir starke Herzschläge wahr ; dem Sternum ent-
lang hörte man sehr deutlich ein pfeifendes Geräusch. Der Puls Avar
fi-equent, klein und regelmässig ; von Wassersucht war noch keine Spur.
Es mochten zwanzig Tage so verflossen sein , als der Kranke uns den
rechten Arm zeigte, der stark contrahirt war. Er erzählte, dass er beim
Erwachen erschrocken sei , den Arm nicht mehr ausstrecken zu
können : der Vorderarm war nach dem Oberarm gebogen, und die Finger
so gegen die flache Hand gekrümmt, dass die Nägel einen Eindruck
zurückliessen. Dem Kranken gelang es durch keine Anstrengung, irgend-
wie diese Stellung zu verändern. Der Gedanke an eine Ei-weichung im
Gehirne lag natürlich nahe ; unsere Frage, ob er an Kopfschmerzen leide,
verneinte er, eben so wenig hatte er Schwindel und sein Geist besass voll-
kommene Klarheit. Es wurde ein reichlicher Aderlass veranstaltet und
Vesicatore auf die unteren Extremitäten gelegt. Die Contractur blieb noch
einen Theil des Tages imd verschwand am Abend : wir fanden am anderen
Morgen beide Gliedmaassen der linken (?) Seite durchaus frei von ihr, aber
gelähmt. Diese Lähmung bestand fünfundzwanzig bis dreissig Tage,
während welchen keine Spur von Contractur mehr vorkam, und überhaujDt
kein neuer Zufall von Seiten des Gehirns erschien. Die Krankheit des
Herzens indess verfolgte ihren Lauf: die Gliedmaassen wurden ödematös;
Ascites zeigte sich immer deutlicher, und der Kranke starb plötzlich.
Section. Das Gehirn lieferte nichts Bemerkenswerthes bis zum
Sehhügel und dem gestreiften Körper auf der linken Seite ; diese beiden
Parthien aber waren in einen gelblichen Brei verwandelt , an welcher Er-
weichung die sie umgebende Masse Theil nahm. Das übrige Gehirn zeigte
nichts Krankes. Herzhypertrophie, Aneurysma der aufsteigenden Aorta.
Aber selbst von der inneren Kapsel können gewisse Bezirke
zerstört werden, ohne dass für uns auiFällige Erscheinungen resul-
tiren. Es sind z. Th. Fasermassen von unbekannter Bedeutimg,
z. Th. solche, welche das Analogon der Pyramidenbahn für die
Hirnnerven bilden. Dass Lähmungen des Facialis z. B. nicht
dauernd zu sein pflegen, sondern allmählich durch Intervention der
anderen Hemisphäre ausgeglichen werden, wurde schon im semio-
tischen Abschnitte auf S. 329 des I. Bd. kurz erwähnt. Kommt
die Zerstörung ebenso allmählich zu Stande, wie die Ausgleichung
erfolgt, so braucht eine auffällige Lähmung nie hervorzutreten.
So erklärt sich die Beobachtung Honegger' s , welche nicht etwa,
wie man vielfach meinte, das Localisationsprincip umwirft, sondern
dadurch ein grösseres Literesse hat, dass sie zur genauen Be-
grenzung des Gebietes, das die Pyramidenbalm enthält, verwerthet
werden kann. Eine Abbildung wäre hier freilich förderlicher ge-
lyb WERNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
wesen als die ausführlichste Beschreibung , doch lässt sich so-
viel mit Sicherheit ersehen, dass der von Flechsig angegebene
Verlauf der Pyramidenbahn von dem Herde nicht berührt wurde.
Man vgl. in dieser Beziehung S. 48 des I. Theils. Dagegen waren
die das Knie der inneren Kapsel und die den vorderen Schenkel
derselben passirenden Fasern untergegangen.
H 0 n e g g e r. Ein Beitrag zur cerebralen Localdiagnostik. Dtscli. Arcli.
f. klin. Med., 27. Bd. 1880. 56jähriger Bureaudiener, hatte einmal vor
8 und dann vor 3 Jahren an G-elenkrheumatismus gelitten, seit einigen
Jahren mit Kurzathmigkeit und Herzklopfen behaftet. Vor 3 Monaten
nahmen diese Beschwerden zu , Pt. wurde schliesslich bettlägerig und am
17. Januar 1879 in das Hospital zu Heidelberg aufgenommen. Hier
starb er am 2. Februar unter folgender Diagnose: Endarteriitis chronica,
Hypertrophie des linken Ventrikels, Nephritis chron., haemoptoische Lungen-
infarcte. „Nachträgliche Anfragen bei den Angehörigen des Pt. wurden
auf das Bestimmteste dahin beantwortet, dass Pt. niemals einen Schlaganfall
oder Lähmungen gehabt habe. Hingegen sei er häufig von heftigem Kopf-
schmerz befallen worden."
Section. Die Diagnose wurde bestätigt, ausserdem folgender Grehirn-
befund : Atheromatöser Process an den Arterien der Basis. Seitenventrikel,
besonders der linke , erweitert. Der linke Streifenhügel zeigt ungefähr in
seiner Mitte eine ca. Markstück grosse Depression. Das Ependym ist an
dieser Stelle etwas verdickt, das darunter gelegene Grewebe gelblich gefärbt.
Beim Einschneiden findet sich ein dreieckiger Herd, der sich ziemlich weit
in die Tiefe erstreckt und in seiner Mitte erweicht ist. Sonst nichts Be-
sonderes. Die Untersuchung des in Müllei-'scher Lösung gehärteten Gehirns
ergab : Auf einem Frontalschnitt durch die linke -Hemisphäre , welcher die
hinteren Partien des Glebietes der grossen Ganglien quer durchschneidet,
durch die grösste Dicke des Thalamus geht, liegt ein linsengrosser Erweichungs-
herd im Thalamus nahe seiner inneren Oberfläche, ein ähnlicher, etwas
grösserer im obersten Theile des äusseren Gliedes des Linsenkerns. Weiter
vorn auf einem Schnitte etwa durch die Mitte des Schweifkerns umfasst
die Erweichung den ganzen Querschnitt des Schweifkerns bis dicht unter
das Ependym, den oberen Theil des Linsenkerns und den dazwischen liegenden
Theil der inneren Kapsel ; von zahllosen Körnchenzellen ist die innere Kapsel
auch in ihrem Verlaufe zwischen Thalamus und Linsenkern , ungefähr bis
zur Grenze zwischen innerem und mittlerem Gliede des Linsenkerns, durch-
setzt. Die unterste Partie der inneren Kapsel, die äussere Kapsel und der
Thalamus zeigen keine Veränderungen. Auf einem Querschnitt etwas weiter
vorn makroskopisch dasselbe Bild, „die mikroskopische Betrachtung ergiebt
jedoch, dass die innere Kapsel fast in ihrem ganzen Querschnitt hochgradig
degenerirt ist". Das Centi-um ovale in einer Ausdehnung von ca. 2 cm
Wernicke, Leliibucli der Gehirnkrankheiten. 199
über dem Erweicbungsherde stellenweise ähnlich degenerirt. Rückenmark,
sorgfältig untersucht, zeigt keine Veränderungen.
Die in diesem Falle zerstört gefundene Partie entspricht den
der Pyramidenbahn nach vorn zunächst benachbarten Fasern. Bei
acutem Einsetzen resultirt wirklich von ihrer Betheiligung eine
Facialislähmung ; so fehlte dieselbe nicht in den beiden nun fol-
genden Beobachtungen directer Hemiplegie. Besonders werthvoll
ist dabei die Angabe Nothnagel's, dass die Sensibilität unter-
sucht und intact gefunden wurde.
Nothnagel 1. c. S. 312. 6 8 jähr. Frau, wird am 6. Juli ohne
Insult plötzlich von rechtsseitiger HemijDlegie betroffen. Am 21. Juli be-
steht hochgradige Lähmung des rechten Armes, Beines und Mundfacialis,
die Sensibilität wird genau geprüft und zeigt sich unbetbeiligt. 14. Aug.
Tod an Ileus.
Section. Links im hinteren Theil der inneren Kapsel zwischen
Linsenkern und Sehhügel ein mit rothgelber Masse erfüllter Zerstörungs-
herd, welcher auch auf das 3. und z. Th. das 2. Grlied des Linsenkerns
und ebenso mit einem schmalen Streifen auf den Sehhügel übergreift.
Schweifkern und vorderer Schenkel der inneren Kapsel unversehrt.
Nothnagel 1. c. S. 273. 64jähr. Mann, an chronischer Nephritis
leidend, erlitt Februar 1876 einen apoplectischen Anfall, nach welchem
rechtss. Hemiplegie zurückblieb. 12. Mai folgender Status: Sensorium
frei, vollständige Lähmung des rechten Armes, nur Andeutungen von Be-
weglichkeit des rechten Beines , hochgradige LähoTung der rechten Mund-
und Wangenhälfte. Zunge weicht etwas nach rechts ab, ist nur langsam
und schwerfällig nach allen Richtungen beweglich , Uvula steht gerade,
Schlingen subjectiv erschwert. Sprache sehr undeutlich, besonders die
Zungenlaute erschwert. Augenmuskeln frei , ebenso die Sensibilität für
Nadelstiche und ganz leise Berührungen. Ausserdem vasomotorische Er-
scheinungen : Rechte Lidspalte enger, rechte Pupille stark verengt, von träger
Lichtreaction, abei- auf Atropin zu erweitern. Der rechte Bulbus liegt
tiefer in der Orbita. Ohr und Wange rechts wärmer anzufühlen, im
äusseren Gehörgang eine Temperaturdiflferenz von durchschnittlich 1 ^ C.
Thränen- und Nasensecretion rechts abnorm gesteigert, Ophthalmoskopiseh
rechts die Contouren der Papille verschwommen, leicht graue Färbung der-
selben. Oedem der rechtsseitigen Extremitäten, die sich zugleich wärmer
anfühlen. Weiterhin keine Veränderung. Tod im Juni nach mehr als
4 monatlichem Bestehen der Hemiplegie an den Folgen des Nieren-
leidens.
200 WerNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrnnkheiten.
S e c t i 0 n. Ein Erweichungsherd im linken Linsenkern nimmt den
hinteren Abschnitt desselben fast in ganzer Höhe ein , seine grösste Aus-
dehnung von vorn nach hinten beträgt 2,5 cm. Ausserdem greift die Er-
weichung auf die innere Kapsel über, und zwar ist dieselbe in dem Niveau
des Horizontalschnittes, wo Linsenkern, Schwanzkern, Sehhügel zusammon-
stossen. gänzlich durchbrochen.
Von den beiden vorstehenden Beobachtungen war die letzte
zwar unter apoplectischem Insult eingetreten , aber erst nach
3 Monaten zur Untersuchung gelangt, die meisten Symptome also
wohl direct verursacht. Der folgende Fall beweist, dass unter
Insult auftretende Erweichungen, die die innere Kapsel unberührt
lassen, eine indirecte Hemiplegie zui' Folge haben.
Mayor. Bull, de la soc. anat. Fevr. 1878. 6 5 jähr. Frau, hatte
vor 2 Jahren einen apoplectischen Insult mit rechtsseitiger Hemiplegie und
motorischer AjDhasie. Schon nach 1 Tage fand sich die Sprache wieder,
die Hemiplegie besserte sich ebenfalls so, dass Pt. nach 8 Tagen schon
aufstehen konnte, später verschwand auch jede Spur davon. Der Tod war
die Folge eines Lungenleidens.
S e c t i o n. Im Linsenkern und Seh weif kern links je ein grau
gefärbter alter Erweichungsherd. Nach vorn schneiden die Herde genau
mit den Kernen ab, nach hinten hören beide im gleichen Niveau auf und
zwar ungefähr 2 mm vor dem Thalamus opticus. Die unversehrte, an
den Rändern etwas gezähnte innere Kapsel liegt wie eine Strasse zwischen
den beiden eingesunkenen zelligen Herden.
Das hintere Grebiet der inneren Kapsel mid der dazu gehörige
Fuss des Stabkranzes dienen bekanntlich zur Passage der sensiblen
Hemisphärenbahn ; Erweichungen in etwas tieferen Ebenen setzen
demnach Hemiplegie mit Hemianaesthesie als directe Herdsymptome.
Bei linksseitigem Sitze kann je nach der Ausdehnmig des Herdes
und dem Grade des Trauma's motorische Aphasie dazu kommen,
denn auch die motorische Spraclibahn muss auf dem Wege zum
Hirnschenkel diese Gegend passh'en oder ihr sehr nahe kommen,
wie oben auf S. 182 ausgeführt wurde. Wenn sie verschont bleibt,
tritt gern Leitungsaphasie auf, was auch bei den Erweichungen des
Occipitallappens beobachtet wm'de. Der folgende Fall ans
Biermer's Beobachtung diene als Beispiel.
Walker. Ueber Verstopfung der Hirnarterien. Diss. Zürich
18 72. Beob. 13. 68 jähr. Mann, Potator, erlitt plötzlich bei der Arbeit
einen ohnmachtsähnlichen Aufall, stürzte zu Boden, erhob sich sofort wieder,
um wieder hinzufallen. Er wurde in halb bewusstlosem Zustande aufgehoben,
WernicKE, Lehrbuch dei' Gchinikinnkheiten. ^^01
erholte sieb aber im Bette uaeb einigen Augenblicken zum völligen Bewusst-
sein. Sofort bemerkte man eine apbasiscbe Sj^racbstörung, er verwecbselte
die Worte und sprach verdrehte Wörter, brach mitten im Sprechen jjlötzlicb
ab und konnte nicht weiter. Eechtsseitige Hemiplegie mit Eiuschluss der
Zunge und des Facialis und bedeutender Herabsetzung der Sensibilität.
Sinnesorgane ohne Abnormität. Der Zustand blieb nun mehrere Wochen
vollkommen gleich, Pt. schrieb mit der linken Hand, die Intelligenz schien
vollkommen normal. Nach 3 — 4 Wochen ting Pt. an schlafsüchtig zu
werden, schlief oft und viel, manchmal mit offenen Augen, das Gedächtuiss
nahm ab, die Aphasie verschlimmerte sich, die Aussprache wurde undeutlich.
Er wurde nicht mehr unwillig , wenn er die richtigen Worte nicht fand,
wurde auffallend theilnahmslos und zerfahren , Nachts öfter unruhig , warf
die Gegenstände mit dem gesunden Arme im Zimmer herum , schlug seine
Angehörigen etc. Tod etwa 6 Wochen nach Beginn der Krankheit , an
Pneumonie.
S e c t i 0 n. In der linken Hemisphäre ein uussgrosser Er-
weichungsherd mit grau - röthlichem , emulsivem Inhalt. Er nimmt die
hintere Hälfte des Linsenkerns ein und erstreckt sich noch in die Mark-
substanz des Occipitalhirnes hinein. Nach aussen reicht er bis an die
Inselrinde, welche im hintern Theile erweicht ist. Art. f. S. durch einen
Embolus, aus iVtheromdetritus bestehend, vei stopft. Atheromatöse Geschwüre
in der Aorta , auch Carotiden und Subclaviae atheromatös. Allgemeine
Atrophie der Windungen, Ventrikel erweitert.
Daran schliesst sich ein in mehrfacher Beziehung merkwürdiger
Fall von Müller. Ein erbsengrosser Herd, unter Insult einge-
treten, hinterlässt 8 Tage lang motorische Aphasie und eine motorische
Hemiplegie, die sich allmählich zurückbildet, dagegen dauernde und
sehr ausgeprägte Hemianaesthesie. Es ist also das „carrefour
sensitif" getroffen, und der Herd liegt ihm wirklich sehr nahe, in-
dem die hintere Spitze des Linsenkerns seine Mitte bildet (man
vgl. d. I. Th. S. 256). Die Hemianaesthesie ist eine classische
und lässt an In- und Extensität nichts zu wünschen übrig. Auch
die Untersuchung ist sehr sorgfältig angestellt. Aber leider
stimmt Alles so genau mit der von C h a r c o t entworfenen Schilde-
rung der cerebralen Hemianaesthesie überein, dass man nicht den
Eindruck einer vorurtheilslosen und ungefärbten Darstellung erhält.
Die gekreuzte Amblyopie beruht jedenfalls auf einem Irrthum der
Beobachtung, obwohl die Angaben des Autors über diesen Punkt
nicht minder bestimmt sind wie über alle anderen.
F. Müller. Berl. Klin. Wochenschr. 20. 1878. 61 jähr. Mann,
Gewohnheitstrinker, erlitt vor 8 Wochen einen apoplectischoi Insult, nachdem
^02 WeRNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
einige Tage lang Kopfschmerz und Paraesthesien der rechten oberen Extremität
vorangegangen waren. Nach dem Anfall bestand rechtsseitige Hemiplegie
und 8 Tage lang Sprachlosigkeit , nach 1 4 Tagen soweit gebessert , dass
Pt. das Zimmer verlassen und seinem Geschäfte als Lumpensammler wieder
nachgehen konnte. Eine Schwäche des rechten Fusses und der Hand war
jedoch zurückgeblieben. Am 11. November wegen Kopfschmerz und
Husten aufgenommen, folgender Status : Rechtsseitige Hemiparese im Gesicht
ausgeprägt, an der Zunge und den Extremitäten ebenfalls nachweisbar, aber
verhältnissmässig gering, keine Aphasie, dagegen totale Anaesthesie in allen
Qualitäten der Haut, Schleimhäute und Muskulatur der ganzen rechten
Körperhälfte. Reflexe erfolgen auf Kitzeln vind Kneipen sowohl an der
oberen, als au der unteren Extremität, von der Cornea sind keine Reflexe
auslösbar. „Das rechte Auge ist ausgesprochen amblyopisch , kaum dass
sehr grosse Zeichen noch in schwachen Umrissen gesehen werden, während
das linke vollständig normal und keiue Spur von einer excentrischen Ge-
sichtsfeld-Einschränkung zeigt." Ophtalmoskopisch negativer Befund. Augen-
muskeln frei. Rechte Pupille über mittelweit , weiter als die linke , auf
Lichteinfluss und Atroijin reagirend , obwohl träge. Gehör rechts stark
herabgesetzt, Geruch rechts vollkommen erloschen, links normal, Geschmack
rechts erloschen. 77 Die Sinnesorgane der linken Seite erwiesen sich also
vollständig intact. " Beim Gehen mit geschlossenen Augen keine Spur von
atactischen Störungen. Der alcoholische Tremor ist an der rechten Hand
stärker. Die ganze rechte Stiruhälfte und noch mehr der rechte Arm sind
der Sitz äusserst lebhafter remittirender Schmerzen. Dyspnoe, Herzaction
unregelmässig, physicalische Zeichen der Aorten-Insufficienz. 26. November
Hemiparese fast geschwunden, die Hemianaesthesie gleich intensiv fortbestehend.
29. November Zeichen des Lungeninfarctes, Anasarca. 5. December
exitus.
Section. Massige allgemeine Atrophie des Gehirns, Serum vermehrt.
„An der Spitze des dritten Gliedes des Linseukernes und von da in die
ihr anliegende Markraasse greifend ein erbsengrosser, ins Gelbliche entfärbter,
gelockerter , stellenweise ganz zerfliessender Herd , in dessen der Spitze
des Liusenkerns entsprechender Mitte eine Hanf körn grosse, mit klarem Serum
erfüllte, von flottirenden, bräunlich pigmentirten Bindegewcbsseptis begrenzte
und durchsetzte Lücke." Das übrige Gehirn ohne Veränderung. Aorten-
Insufficienz , Residuen von Eudocarditis , Hypertrophie und Dilatation des
linken Ventrikels, Herzfleisch verfettet, Embolie eines Astes der rechten
Pulmonalis, Infarct des rechten L^nterlapjDens und kleine Infarcte der reihten
Niere. Hydrops universalis.
Absolut zuverlässig ersclieiiit dagegen die folgende Beobacli-
tung von H. Jackson, in welcher die dem „carrefour" anstossende
Partie des Sehhügels und das Pulvinar zerstört ist. Wieviel von
WbrniCKE. Lelirbnch der Geliirnkranklieiten. 20.'j
den beobachteten Herdsymptomen direct, wieviel als indirect zu
deuten ist, lässt sich bei dem ungewöhnlich schweren Insulte nicht
entscheiden. Dass noch indirecte Symptome vorhanden waren, zeigt
das Bestehen einer Hemiparese. Als directes Herdsymptom ist aber
jedenfalls die Hemiopie aufzufassen.
H. Jackson. Lancet. 1874 IL p. 306. 1875 I. p. 722.
65 jähr. Mann, fühlte sich übel und erbrach im Hofe , stieg dann die
Treppe zu seiner Wohnung hinauf, fiel aber nach 3 Stufen bewusstlos
hin. Blieb 2 Wochen bewusstlos, in 3 Wochen sprach er, war aber
6 Wochen lang so krank, dass er Tag und Nacht der Pflege bedurfte.
Keine Albuminurie. Linksseitige Hemiplegie nach Rückkehr des Bewusst-
seins constatirt, vorher in den ersten 1 4 Tagen wurde bemerkt, dass die
linken Extremitäten kalt wie Stein waren. 1 ^/a Jahr später von Jackson
gesehen : Geringe Verziehung des Mundes nach rechts. Die groben Be-
wegungen des linken Armes alle erhalten aber unvollständig, schwach und
langsam. Das Bein mehr gelähmt, das Gehen jedoch möglich. Sehr starke
Herabsetzung der Sensibilität der ganzen linken Körperhälfte mit Einschluss
des Gesichtes, erreicht am Rumpfe nicht ganz die Mittellinie, ^/2 *' davor
stumpfe Empfindung. Schmerzhafte Eindrücke verursachen nur ein unan-
genehmes Gefühl, so einmal Verbrennen mit dem Plätteisen. Die übrigen
Qualitäten nicht untersucht, subjectiv Kältegefühl des linken Beines. Geruch
herabgesetzt, Geschmack jedenfalls nicht merklich herabgesetzt. Kann mit
dem linken Arme verschieden schwere Gewichte nicht unterscheiden.
Linksseitige Hemiopie. Bezüglich des Gehöres versichert die Frau, dass er
weniger gut hört wie vorher. Auf dem rechten Ohre war der Mann seit
35 J. taub.
Section. Graugelbe Erweichung der hinteren Hälfte des rechten
Sehhügels , welche eingesunken schien. Die Erweichung ist im medialen
Theile am beträchtlichsten, hat das Pulvinar ganz zerstört und erreicht
daselbst die Oberfläche. Die vordere Hälfte des Sehhügels, die umgebende
weisse Substanz der Hemisphäre und des Hirnschenkels etc. intact. Ge-
fässe der Basis massig atheromatös, keine Gefässverstopfung.
VI. Bei Erweichungen des Hirns chenkel s ist zwar nicht
immer, aber häufig Oculomotoriuslähmung zugegen. Sie beruht auf
der Läsion der den Hirnschenkel durchsetzenden Wurzelbündel und
brauclit deshalb nicht eine totale zu sein, wie der erste Fall von
Oyon darthut. Die vordersten Wurzelbündel waren hier erhalten,
wie aus den Angaben auf S. 270 des I. Th. hervorgeht. In dem
zweiten Beispiele ist noch die starke Betheiligung des oberen
Facialisastes der gekreuzten Seite hervorzuheben. Dieses Ver-
204 WernICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiteii.
halten ist auf S. 320 des I. Bds. in der Anmerkung besprochen
worden.
Oyon. Gaz. med. 47. 1870. 78jähr. Frau, ist 8 Tage vorher
beim Aixfstehen aus deui Bett hingefallen (Anfall?), ohne dass eine Lähmung
zurückblieb ; seit einiger Zeit leidet sie an Kopfschmerzen der rechten Seite.
Am Tage vor der Aufnahme fiel sie in derselben Weise hin , konnte sich
aber nicht erheben. Am 27. März bei der Aufnahme sehr benommen,
kann über sich nicht Auskunft geben. Linksseitige Hemiplegie leichten
Grades , Pt. kann noch mit der linken Hand leicht drücken und das Bein
über das Bett erheben, leichte Facialisparese der linken Seite. Sie kann,
ohne uuterstüzt zu werden , weder gehen noch sich aufrecht erhalten.
28. März. Die Hemiplegie hat ziagenommen, besonders am Arme, wo nur
geringe Fingerbewegungen noch möglich sind , das Bein kann noch vom
Bett erhoben werden. Sensibilität (wohl = Algesie) auf beiden Seiten intact.
Als neue Erscheinung ist eine rechtsseitige Oculomotoriuslähmung aufgetreten,
nur die Iris ist ausgenommen, die Pupille ist eng und sogar enger als links.
Intelligenz besser. In den folgenden Tagen wird die linkseitige Lähmung
vollständig, Auge unverändert. Tod am 10. April.
Section. Arterien der Basis atheromatös, ohne erhebliche Verengung
ihres Calibers , bis auf die rechte Art. cerebri posterior , welche fast
obliterirt ist. Eother Erweichungsherd in dem an den Sehhügel anstossenden
Theil des rechten Hirnschenkels, anscheinend frischer Entstehung und vom
Umfang einer kleinen, unregelmässig geformten Haseluuss. Das übrige Gehirn
und das Rückenmark ohne Veränderung. Der rechte Oculomotoriusstamm
zeigt z. Th. unveränderte Fasern, ein anderer Theil verhält sich wie nach
experimenteller Durchschneidiiug.
Gubler, 1. c. Beob. 18. v. Luton. 60 jähr. Mann, Musiker, hat vor
6 Monaten einen Anfall linksseitiger Hemiplegie gehabt. Davon fast voll-
ständig hergestellt, so dass er seiner Beschäftigung wieder nachging, erlitt
er am Tage vor der Aufnahme einen zweiten Anfall ohne Verlust des
Bewusstseins. Die ganze linke Körperhälfte ist, jedoch nicht vollkommen,
gelähmt, die Sensibilität nur etwas vermindert. Das linke Auge kann nicht
geschlossen werden, Pupille beweglich. Sehen ungestört. Am rechten Auge
complete Oculomotoriuslähmung, Sehen trübe, Pupille weit und starr. Der
Zustand bleibt, bei zunächst ungetrübtem Allgemeinbefinden, unverändert.
Tod an Pyelonephritis, Folge des Katheterismus, 5 Monate nach der Aufnahme.
Section. Der rechte Hirnschenkel ist abgeplattet und fluctuirt.
Eine weissgraue, breiartige Erweichung nimmt ihn in seiner ganzen Höhe
und Dicke ein und erstreckt sich selbst nach aussen auf den angrenzenden
Theil des Sehhügels , die Begrenzung des Herdes ist keine scharfe. Zwei
andere Erweichungsherde finden sich in der rechten Hemisphäre , der eine
Wernicke, Lehrbuch der Gehiriikraiikheiten. 205
an der Spitze des Unterhorns, der andere am Scheitel des Occipitallappens.
Der rechte Oculomotorius bei seinem Ursprünge atrophisch und um die
Hälfte schmäler, als der linke. Ausserdem subarachnoideales Oedem, etwas
Hydrocephalus internus und bedeutender (60 G-r. Flüssigkeit) Hydrops septi
pellucidi. Atherom der Arterien der Basis.
VII. Bei doppelseitigen Erweicliiingslierden findet in
ähnlicher Weise, wie dies für die Hirnblutungen dargethan wurde,
eine Summirung der Herdsymptome statt. So scheint es mir mehr
als ein Zufall zu sein, dass in dem folgenden Falle eine totale
Blindheit mit dem Befunde doppelseitiger Erweichung der Hinter-
hauptslappen zusammentraf; die Angabe : Trübung der Augenmedien
erklärt diese hochgradige Störung nicht. Die Erscheinungen links-
seitiger Hemiplegie und Contractur, welche dem Tode vorangingen,
sind keinesfalls auf den Herd im rechten Hinterhaiiptslappen zu
beziehen, zumal auch die Schilderung desselben mehr einer alten
Läsion entspricht. Die rechtsseitige Hemiplegie und Aphasie sind
direct verursacht; die sensorische Aphasie ist nach den dürftigen,
wörtlich mitgetheilten Angaben jedenfalls nicht ausgeschlossen.
Cotard. Etüde sur l'atrophie partielle du cerveau. Paris
1868. Beob. 3. 5L^jähr. Frau, seit 3 Jahren blind. Anfang
April 1862 von rechtsseitiger Lähmung und Sprachlosigkeit befallen.
Mitte Juni: „La malade i^arait comprendre ce qu'on lui dit, on peut lui
faire tirer la langue", kann aber kein einziges Wort sprechen. „Lorsque
ses parents venaient la voir, eile paraissait les reconnaitre a la voix , eile
re^Dondait alors ä leurs embrassements ; quand on lui demandait si eile
reconnaissait sa fille, eile faisait entendre un grognement et se mettait ä
pleurer. Quand on l'interrogeait et qu'elle voulait repondre oui, eile
faisait un grognement et souvent un leger signe de tete." Pt. war unreinlich.
Vollständige Blindheit, erweiterte Pupillen, „die Augenmedieu trübe . Zunge
gerade, Mund etwas nacb links verzogen. Rechtsseitige Hemiplegie mit
geringer Contractur und erhaltener Sensibilität. Am 21. September trat
Drehung des Kopfes und der Augen nach rechts, am 1. October Steifigkeit
des linken Ellenbogens, am 15. October beider linken Extremitäten,
Decubitus, am 19. October der Tod ein.
Sectio n. Links zerstört: Die ganze untere Stirnwindung, der
unterste Theil der beiden Ceutralwindungen , die erste Schläfewindung und
Insel. Ausserdem der grösste Theil der Scheitel- und Hinterhauptswindungen
mit Ausnahme der hinteren Centralwindung. Es sind deprimirte plac|ues
jannes, die weisse Substanz darunter ist erweicht, aber nicht bis zum Ventrikel.
Schwanz des Schweif kernes und der ganze Linsenkern zerstört , Thalamus
gesund. Hechts nimmt ein nussgrosser Erweichungsherd das hintere Ende
206 Wernicke, Lehrbuch der Gehinikrankheiten.
des hinteren Lappens ein, nicht bis zum Ventrikel reichend, an der Ober-
fläche gelblich, mit erhaltenen Windungen, im Inneren gräulich. Ganglien
gesund. Hirnscheukel, Pyramide etc. beiderseits ohne merkliche Veränderung.
Atheromatöser Process, sehr stark an Stamm und Aesten der linken Art. f. S.
In der folgenden Beobachtung ist unter dem ganzen hinteren
Lappen der rechten Hemisphäre der Occipitallappen jedenfalls mit-
verstanden, aber ausserdem wohl auch der Scheitellappen, und es
liegt am nächsten, die verschiedenen Anfälle linksseitiger Hemiplegie
darauf zu beziehen. Die Blindheit, welche in Folge eines neuen
apoplectischen Anfalles auftrat , erklärt sich durch die Annahme,
dass eine linksseitige Hemiopie vorher bestanden habe, aber nicht
bemerkt worden und erst durch eine indirect verursachte rechts-
seitige Hemiopie manifest geworden sei. Die Bewegungslosigkeit
kann als doppelte Hemiplegie aufgefasst oder event. auf die Er-
weichung des Kleinhirns (?) bezogen werden.
Marce, 1. c. obs. 15. 5 7 jähr. Mann, wird am 19. September
in Bicetre aufgenommen. Vor 5 Jahren ein apoplectischer Anfall mit
vorübergehendem Sprachverlust und G-edächnissschwäche , nach 14 Tagen
normal. 1 V2 Jahre darauf ein neuer Anfall mit linksseitiger Hemiplegie,
vorübergehend. Später in Intervallen von etwa 1 Jahre noch ein dritter
und vierter Ajifall , immer mit linksseitiger Hemiplegie. Bei Aufnahme
allgemeine Schwäche mit linksseitiger HemijDlegie. Pt. kann noch in ge-
bückter Haltung gehen. Allgemeine Anaesthesie, Gedächtnissschwäche,
kindisches Wesen, Renommirsucht. 14. November in der Xacht Zeichen
von ., Gehirncongestion", Pt. fällt hin und verliert vorübergehend das Be-
wnsstsein, Blindheit, allgemeine Hyperaesthesie , injicirtes Gesicht. Am
nächsten Tage besteht die Blindheit fort, aber der Kranke liegt in Rücken-
lage und kann sich weder erheben , noch eine Bewegung machen. Tiefe
Intelligenzstörung. Tod am Tage darauf.
Section. Meningen verdickt und getrübt. Die Arterien der Basis
haben das Aussehen weisslicher, resistenter Stränge. Linke Art. cerebelli inf.
durch ein fibrinöses Gerinnsel verstopft. Erweichung der ganzen unteren
Partie der linken Kleinhirnhemisphäre. Der ganze hintere Lappen der
rechten Hemisphäre ist durch eine grosse Erweichung, die bis auf die weisse
Substanz dringt, zerstört, Induration dieser weissen Substanz im Niveau des
Centrum ovale. Ein anderer Erweichungsherd in der linken Hemisphäre
am Grunde der Fissura Sylvii. Vielfache Narben in den Streifen - und
Sehhügeln beider Seiten, sowie in den centralen Theilen des Kleinhirns.
Nichts in der Brücke. Allgemeine Atrophie der Windungen.
Die brandige Erweichmag des Pulvinar's beider Sehhügel er-
klärt auch die apoplectisch eingetretene Blindheit in der folgenden
VVehnicke, Lelirbuch der Gehiniki-aiiklieiteii. 207
Beobachtung, die leider in Beziehung auf alle anderen Symptome
sehr unvollständig ist. Die Erweichung beruht hier auf Embolie
brandiger Massen von der Lungengangrän aus.
P e 1 1 z e r. Eigeiitliümlicher Fall von embolischer ErblinduDg. Berl.
Klin. Wochenschr. 47. 1872. ßOjähr. Mann, war vor 7 — 8 Tagen
nnter den Erscheinungen eines Schlaganfalls vollständig erblindet.
Ophtalmoskopisch negativer Befund Pupillen massig myotisch nnd vollkommen
reactionslos auf Licht. Pt. war fortdauernd schwer besinnlich und lebte
noch 2 Wochen. Anderweitige motorische oder sensible Störungen
fehlten, nur war die Sprache häsitirend geworden und das Gedächtniss
beeinträchtigt.
Section. Art. basilaris vollständig durch Thrombasmassen ver-
stopft. Nach den Artt. vertebrales hin löste sich der graugelbe Thrombus
in ein frischeres Blutgerinnsel auf. Sclerosirt waren ausser der Basilaris
die Artt. profunda« cerebri , die Balkenarteric und die Carotiden. Im
hinteren äusseren Drittel der Sehhügel ziemlich symmetrisch je ein gelber
Erweichungsherd, ferner fand sich in beiden Occipitallappen und den seit-
lichen Bezirken der Vierhügel umschriebene beginnende Erweichung. Die
erweichten Stellen hatten einen Brandgeruch, in der Lunge Gangränhöhlen.
Um etwas ziemlich Analoges handelt es sich wohl in der
folgenden Beobachtung. Wenigstens ist die Vermuthung einer
Bacterieninvasion sehr nahe liegend , wenn eine acute Neplrritis
gleichzeitig mit den Erscheinungen doppelseitiger Erweichungsherde
durch einen längeren Frostanfall eingeleitet werden. Die Gehirn-
herde werden ausdi'ücklich als acute rothe Erweichung bezeichnet,
und bekanntlich ist dies der Befund, welcher den Herden bacteri-
tischer Entstelmngsart gewöhnlich entspricht. Uebrigens sind grössere
Herde der Art sehr selten, und es sei deshalb an die Untersuchung
zAveier derartiger Fälle nach puerperaler Infection erinnert , welche
von L a f f t e r *) unter C. F r i e d 1 ä n d e r ' s Leitung ausgeführt wurde.
Was die Herdsjmptome des Falles betrifft, so beruhen sie wieder
auf der Summation halbseitiger Störungen, worauf wiederholt
hingewiesen worden ist.
Jeffrey A. Marston. Edinburgh med. Journ. VIL 1861. S. 256.
33jähr. Mann, mit einer syphilitischen Hautaftection, erkrankt plötzlich in
der Nacht mit einem längeren Frostaufalle. Bei der Aufnahme am folgenden
Tage unvollkommener Trismus mit Contractur der Masseteren und Unbeweg-
lichkeit der Zunge. Pt. konnte nur undeutliche Laute von sich geben, war
aber bei vollem Bewusstsein. Gesicht blass , mit ängstlichem Ausdruck.
Bauchmuskeln gespannt, linker Arm in leichter Contractur, nirgends Anaesthesie
*) Bresl. ärztl. Ztschr. 18. 1880.
208 WerniCKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
oder Hyperaestliesie, P. 90, Harn sauer, stark eiweisslialtig, sp. Gew. 1022.
Stuhlverstopfnng. An den folgenden Tagen Zunahme des Trismus ; die
Muskeln des linken Vorderarmes und bald auch des rechten Armes gespannt,
krampfhaft zuckend und wie bei Chorea sich bewegend ; die unteren
Extremitäten vollkommen frei. Am 4. Tage geringe Ptosis, die bald wieder
verschwand ; der Trismus nahm ab, die Zunge blieb aber völlig unbeweglich ;
Urin stark eiweisshaltig. Am 7. Tage Stocken der Uriuausscheidung, gleich-
zeitig Erscheinungen der Uraemie, mit Röthung der Conjunctiven, Verengerung
der Pupillen, Fieber, Pulsbeschleunigung, profusem Schweiss von vmnösem
Greruche, Bewusstlosigkeit. Tod am 8. Tage ohne Krämpfe.
Section. Hirnsubstanz und Pia stark blutreich, etwas vermehrte
Flüssigkeit in den Ventrikeln. In der Mitte beider Streifenhügel je ein
symmetrisch liegender Herd acuter rother Erweichung von der Ausdehnung
einer Mandel. Nieren vergrössert, mit Hyperaemie und Verdickung der
Corticalsubstanz , im ersten Stadium der acuten Nephritis. Ein massiger
Erguss im rechten Pleurasack. Die übrigen Organe gesund.
Waren es in dem vorstehenden Falle die ungewöhnlichen, der
Erweichung sonst nicht zukommenden Allgemeinerscheinungen, so
sind es in der folgendeii Krankengeschichte die Herdsymptome,
welche dem Verständniss Schwierigkeit bereiten. Ohne wesentliche
Allgemeinerscheinungen tritt plötzlich ein Zustand ein, der sonst
nur bei Affectionen der Medulla oblongata vorkommt, wir haben
es mit einer apoplectiformen Bulbärparalyse zu thun. Eine Zeit
lang wird auch ein Rückgang der Erscheinungen constatirt, später
aber kommt es zu einer allgemeinen Schwäche der Musculatur und
einem marantischen Zustande , der zum Tode führt. Nach dem
Sectionsbetunde können wir nicht bezweifeln, dass die Oblongata
unversehrt und die beobachteten Symptome Ausdruck der um-
schriebenen doppelseitigen Erweichungen waren. Nur die allgemeine
Muskelschwäche des späteren Verlaufes werden wir auf die senile
Atrophie mit Vermehrung der Ventrikelilüssigkeit zu beziehen haben.
Aber zum Verständniss ist die weitere Annahme erforderlich, dass
die Herde einen ganz bestimmten Sitz gehabt haben, denn sowohl
durch ihre Dauer, als durch ihre Umschriebenheit erweisen sich die
beobachteten Herdsymptome als directe oder denselben sehr nahe
stehende, und selbst bei der Annahme einer vermehrten Consistenz
des Gehirns, die, wie wir oben gesehen haben, die örtliche Be-
schränkung des Trauma's begünstigt, kann es sich höchstens um
ein zwar indirectes, aber von der näheren Nachbarschaft ausgehendes
Symptom handeln. Der Herd links kann wohl nur so gedeutet
Wernickk, Lehrbuch der C4ehirDUrankheiten. -^OJ
werden ; vom Kopf des Schweifkerns aus kam die für Zmige und
Facialis bestimmte Faserung in den Bereich eines nicht weit ver-
breiteten, aber local bedeutenden Trauma's. Der Herd rechts kann
bei geeigneter Lage dieselbe Faserung direct betroffen haben.
Wem diese Erklärung gekünstelt erscheint, der möge bedenken,
dass der Fall sonst im Widerspruch mit einer grossen Reihe anderer
Erfahrungen steht und überhaupt keine Erklärung zulässt.
A. Hahn. Ueber Pseudo - Bulbärparalyse. Diss. Breslau 1880.
Ehie 7 7 jähr. Frau, bis dahin gesund, erlitt vor 2 Jahren unter leichten
Schwindelempfindungen aber keinen anderweitigen Erscheinungen einen
vollkommenen Verlust der Sprache, so dass sie angeblich ein ganzes Jahr
lang kein Wort verständlich sprechen konnte und auch späterhin nur sehr
undeutlich und lallend. Anfangs konnte sie die Zunge gar nicht, später
nur mit Mühe bewegen , auch das Schlingen war in der ersten Zeit sehr
gestört, und häufig stellte sich Salivation ein. Sonstige Lähmungserschei-
nungen sollen nicht bestanden haben , nur eine schon vorher vorhandene
Grehörssehwäche auf beiden Ohren soll seitdem zugenommen haben, und in
der letzten Zeit stellte sich auch eine allmälig sich steigernde Schwäche
sämmtlicher Grlieder ein, so dass sie schliesslich bettlägerig wurde. Status
am 20. November 1877: Allgemeine Abmagerung, blasse Gesichtsfarbe,
weinerlicher Ausdruck. Es besteht continuirliches Schwindelgefühl , Sen-
sorium ungestört. Der Mund auffallend in die Breite gezogen , die Unter-
lippe herabhängend, so dass die untere Zahnreihe sichtbar ist, mit ziemlich
reichlich abfliessendem, zähem SpeicheL Der linke Mundwinkel steht dabei
etwas tiefer als der rechte, auch bei willkürlicher Einzelbewegung bleibt
die linksseitige Mundmusculatur etwas zurück. Zuspitzen des Mundes, Aus-
blasen eines Lichtes sind trotz stärkster Willensanstrengung der Kranken
bei den sehr häufig mit ihr angestellten Versuchen stets ganz erfolglos,
im Gegentheil verzieht sich dabei der Mund noch etwas stärker in die
Quere oder macht dabei andere mimische Bewegungen ; Runzeln der Stirn
und willkürlicher Lidschluss gehen auf beiden Seiten gut von statten. Zunge
nicht atrophisch, bietet aber ziemlich lebhafte fibrilläre Zuckungen, ist etwas
nach links gebogen und kann nur sehr langsam und minimal bewegt werden.
Gaumensegel hängt beiderseits , ist aber normal bcAveglich. Sehr schwer
verständliche Sprache, bei den Sprechversuchen tritt starke Salivation und
sehr rasch Ermüdung ein , die Zungen - und Lippenlaute sind am meisten
betroffen. Schlingen, besonders von Flüssigkeiten, erschwert. Extremitäten
sämmtlich schwach , aber keine ausgesprochene Lähmung , Sensibilität der
Haut in allen Qualitäten erhalten, keine anderweitigen Lähmungserscheiuungen.
Gehör beiderseits stark herabgesetzt , Klagen über Ohrensausen , Trübung
und Verdickung an beiden Trommelfellen. Electrische Erregbarkeit der
Wernicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiteu. II. ] 4
210 WerXICKR, Lehrbuch der Gehirukrankheiten.
Zunge und beider Gresielitsliälfteii normal. Die zugänglichen Arterien sclerotisch,
massige Hj-pertrophie des linken Ventrikels. Tod unter Zunahme des
Marasmus am 24. November 1878.
Section. Oedem der Pia, allgemeine Atrophie der Windungen,
Arterien der Basis atheromatös , nirgends obliterirt. Ventrikelflüssigkeit
vermehrt. Auf dem Kopf des linken Schweifkerns finden sich drei kaum
die G-rösse einer halben Linse betragende hellbraune Stelleu , deren eine
leicht narbig retrahirt ist, dieselben sind ganz flach und nur der Oberfläche
angehörig. Die G-lieder des Linsenkerns sind klein, aber deutlich abgegrenzt,
ohne Erweichungsherde , rechts sind die Centralganglien ganz frei. Im
Marklager des rechten Scheitellappens findet sich ein wie ein Zehnpfennigstück
grosser Erweichungsherd, der mit krümlichen, ockergelben Massen angefüllt
ist. Das verlängerte Mark und die Brücke sind ohne Veränderung, nur
sehr schmal, die weisse Substanz deutlieh atrophisch. Bei mikroskopischer
L^utersuchuug zeigen sich keine pathologischen Veränderungen.
Als directe Herdsymptome sind avoIiI die Bulbärersclieinungen
in der folgenden Beobachtung anfziTfassen. Der alte Herd rechts
hatte durch Unterbrechung der sensiblen Bahn zu dauernder links-
seitiger Anaesthesie geführt, die halbseitige Bulbärlähmung war da-
gegen ausgeglichen; die letztere wird erst manifest, als durch den
neuen Erweichungsherd in der linken Hemisphäre eine Summation
der beiderseitigen Herdsyraptome zu Stande kommt. Besonders be-
merkeuswerth ist die totale Lähmung beider motorischen Quintus-
wurzeln und die Hautanaesthesie der rechten Körperhälfte. Die
Allgemeinerscheinungen beim Auftreten der neuen Erweichung waren
nur geringfügig.
Wer nicke. Der aphasische Symplomencomplex. Beob. 5. 78 jähr.
Frau , hat vor 2 Jahren einen Schlaganfall mit linksseitiger Hemiplegie
überstanden und eine Abschwäcliung des Gefühls der linken Körperhälfte
zurückbehalten , auch litt sie seit der Zeit an allgemeiner Chorea. Am
27. Februar aufgenommen; die Chorea Hess etwas nach. 28. März:
Gestern Abend erbrochen, dann die Xacht ruhig verbracht. Heute hat sich
das Erbrechen wiederholt, keine anderen Allgemeiuerscheinungen. Pt. ist voll-
ständig sjDrachlos , bei gutem Bewusstsein, zeigt auf ihi-en Mund, um die
Unmöglichkeit zu sprechen zu bezeichnen. Die Zunge kann herausgestreckt
werden. Sie versteht, was zu ihr gesprochen wird. 29. März. Geringe
Besserung, eine gewisse, allerdings undeutliche Articulation bei ihren Ver-
suchen zu sprechen bemerklich. 30. März. Die Nacht war gut. Heute
früh ohne jeden Laut, kann nicht mehr schlingen. Der Unterkiefer hängt
herunter, die Zunge heraus, der Speichel fliesst aus dem Munde. Kechts-
seitige Hemiplegie auch im Gesicht nachzuweisen. Die Extensoren des rechten
WerNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 211
Beines sind angespannt, es kann nur mit Widerstand gebeugt werden. Der
rechte Arm vorwiegend gelähmt. Schmerzempfindlichkeit allgemein abge-
schwächt , am meisten an der rechten Hand. Der Augenspiegel ergiebt
grauröthlich verfärbte Papillen ohne Stauungserseh einungen. Sie versteht
einfache Aufträge und bedient sich zur Ausführung der linken Hand. Bei
der Einführung der Schlundröhre zur künstlichen Fütterung schreit sie und
wehrt sich, bezeugt aber nachher durch einen Händedruck ihre Dankbarkeit.
Dieser Befund bleibt unverändert bis zum Tode am 10. April.
Sectiou. Windungen allgemein verschmälert. Ein grosser Erweichungs-
herd mit sclerosirter Umgebung nimmt rechts fast die ganze Breite der
Hemisphäre hinter der Centralfarche ein und betheiligt in grösserer Aus-
dehnung die freie Oberfläche der Couvexität. Im Kopfe des rechten Schweif-
kernes an der Ventrikelfläche desselben eine etwa linsengrose alte Cyste
mit serösem Inhalt. Links ebenfalls ein Erweichungsherd, welcher an der
Anastomose zwischen I. und II. Schläfenwinduug im unteren Scheitelläppchen
am meisten an die Oberfläche reicht , daselbst ist die Pia adhärent. Von
da aus reicht der Herd nur wenig in der Tiefe des Marklagers nach hinten,
dagegen erstreckt er sich nach vorn im Marklager bis über die Broca'sche
Stelle hinaus. Diese selbst ist nicht berührt, wohl aber der äussere Theil
des Marklagers, in welches sie sich einsenkt. Auch das Mark der Central-
windungen ist in derselben Weise unterbrochen. In geringer Entfernung
von diesem Herde nach hinten, den Uebergangswindungen entsprechend, ist
das Marklager der Hemisphäre ebenfalls erweicht.
Der Fall von Tiling zeigt ebenfalls eine Summation directev
Herdsjmptome und hat ausserdem als chronische Erweichung ein
ganz besonderes Interesse. Die Lähmung der Augenmuskeln mit
Einscliluss des Orbicularis palpebrarum kann vielleicht so gedeutet
werden, dass sie von der einseitigen Erweichung des linken unteren
Scheitelläppchens abzuleiten war, da das rechte untere Scheitel-
läppchen intact und eine Fernwirkung durch den chronischen Ver-
lauf des Falles ausgeschlossen war; die Einseitigkeit der Lähmung
kam ferner dadurch zum Ausdruck, dass die Bulbi meist nach links
gewandt standen. Man hätte dann ein Analogon zu der Beobach-
tung Davain e's auf S. 76, wo ebenfalls doppelseitige Erscheinungen
durch einen einseitigen Herd bedingt waren.
Tiling. Petersburg, med. Ztschr. 1874. S. 251. Ein verabschiedeter
Soldat wird am 4. Juni aufgenommen. Vor 23 Jahren 5 Monate lang
syphilitisch, seitdem gesund. Vor 3 Wochen plötzlich Schmerz im rechten
Arme, von Lähmung gefolgt. Status : Hirunerven frei, nur die rechte Pupille
etwas weiter, aber reagirend. Rechter Arm in der Schulter gar nicht, im
Ellenbogen wenig activ beweglich , passive Bewegungen frei , Sensibilität
14*
212 WeRNICKE. Lehrbuch der Gehii'iikrankheiten.
gegeu links etwas herabgesetzt. Im Laufe des nächsten jMouats Irrreden
und grundloses Weinen, sowie einige verkehrte Handlungen. 24. August.
Gesichtsausdruck schlaif, Sprache ganz undeutlich, die Bulbi meist nach
links gewandt, können willkürlich nicht nach rechts, nach oben und unten
bewegt werden , unwillkürlich geschieht es bisweilen ; ferner kann er die
Augenlider nicht willkürlich schliessen, blinzelt aber reflectorisch und hat die
Augen im Schlaf geschlossen. Pupillen unverändert. Sinnesnerven functioniren
gut. Sprache undeutlich, Pt. kann auch das rechte Wort oft nicht finden.
G-esichtsfalten rechts etwas verstrichen. Lähmung mit Contractur des rechten
Armes. Unter extremitäten frei, Intelligenz beschränkt, spontaner Stimmungs-
wechsel. Im September wurden auch die G-esichtsmuskeln ergriffen.
Willkürlich konnte der Mund mit Mühe einige Linien weit geöffnet werden,
die Kaumuskeln befanden sich im Contractionszustande und leisteten dem
passiven Oeffnen des Mundes Widerstand. Die Gesichtszüge waren starr^
wie von Schreck hervorgerufen ; verursachte man dem Pt. Schmerz, so verzog
sich das Gesicht langsam zu einem schmerzlichen Ausdrucke , der Mund
öffnete sich weit wie zum Schreien und verharrte in dieser Stellung eine
oder einige Minuten, Avorauf er sich allmählich wieder schloss und die frühere
Ruhe eintrat. Die Sprache war zu dieser Zeit ganz unmöglich , nur
uuarticulirte Laute brachte der Kranke hervor. Pt. konnte nur flüssige
Nahrung beigebracht werden. Vom 19. October an wurde die gleiche
Affection des rechten Beines bemerkt, willkürlich konnte es äusserst wenig,
später gar nicht bewegt werden, unwillkürlich zog sich dasselbe zusammen
und setzte passiven Bewegungen W^iderstand entgegen. Weiterhin Decubitus,
Verfall der Ernährung, Tod an Erschöpfung am 14. Februar. Am
18. December ophtalmoskopisch untersucht mit negativem Befund.
Krämpfe waren nie aufgetreten, ob die linken Extremitäten in den letzten
Wochen betheiligt svurden, nicht festgestellt, da Vf. den Pt. nicht
mehr sah.
Section. An der Innenfläche der Dura entsprechend der linken
Convexität ein dünner, gallertiger, grau-gelber Belag. Pia über dem
Frontalhirn und den Central Windungen verdickt, getrübt und ödematös
beiderseits, in höherem Grade aber links, auf dem übrigen Gehirn dünn
und durchsichtig. Ueber der linken Hemisphäre ist sie mit der Einden-
substanz fest verwachsen. Die linke Hemisphäre fluctuirt in ihrer vorderen
Hälfte. Ein grosser Erweichungsherd, aus gelblich grauem Detritus be-
stehend, nimmt ein: die beiden Centralwin düngen in ihrer ganzen Länge,
das untere Scheitelläppchen, den grössten hinteren Theil der 3 Stirnwin-
dungen, die Insel, an denselben sind keine Windungen mehr bemerklich.
In die Tiefe hinein erstreckt sich die Degeneration fast durch die ganze
zugehörige Marksubstanz, erst einige Linien vor der Ventrikelwandung
tritt normale weisse Substanz auf. Streifenhügel und Linsenkern atrophisch
WernicKE, Lehrbuch der Gehirnkraukheiten. 213
und von dunkelröthlich grauer Farbo, sonst alle Contouron der Ganglien
gut erhalten. In der rechten Hemisphäre findet sich in weit geringerer
Ausdehnung dieselbe Degeneration, betroffen sind die Wurzeln der beiden
unteren Stirnwindungen und der angrenzende Theil der vorderen Central-
winduug, in die Tiefe greift die Erweichung kaum bis zur weissen Substanz.
Yeutrikel nicht erweitert. Das Gehirn sonst ohne Veränderung.
VIII. Erweicliungsherde des P o n s sind verhältnissmässig
seltener als die Blutungen dieser Localität. Es kommt vor, dass
sie sicli, ähnlich wie manche Fälle acuter Myelitis, unter tieberhaften
Allgemeinerscheinungen entwickeln. Der Fall von Kussmaul
A^erdient in dieser Hinsicht Erwähnung. Häufiger setzt die Er-
krankung mit einem Anfalle ein, der bald die gewöhnliche Form
des Insultes trägt, bald nur in heftigem Schwindel besteht. Die
Fälle von Grub 1er und Jude 11 sind Beispiele dafür. Dass auch
die chronische Form der Erweichung hier vorkommt, wurde schon
auf S. 158 durch den Fall Dutrait's belegt. Unter den Herd-
symptomen verdient die gewöhnlich starke Betheiligung der Zunge
hervorgehoben zu werden. Ferner ist auch die bald ein-, bald
doppelseitige Verengerung der Pupille einigermaassen characteristisch.
Im Allgemeinen sind sie circumscripter als bei der Blutung , wie
denn auch der Insult lange nicht so schwer zu sein pflegt, wie bei
der letzteren.
Kussmaul. Die Störungen der Sprache. S. 74. 59 jähr. Mann,
hatte im August 1873 einen leichten Schlaganfall, wonach er 3 Tage
lang links gelähmt war. Gegen den 12. December erkrankte er und
bekam unter stark wechselndem Fieber (Abends 38,0 — 41,5°, Morgens
36,2 — SD*') Hemiplegie der ganzen linken Seite mit Einschluss der Wange,
auch die Empfindung der linken Gliedmaassen war zeitweise herabgesetzt,
die linke Pupille stets enorm verengt, die Zunge frei beweglich, sie wich
nur zuweilen nach links ab. Pt. delirirte viel, gab meist passende Ant-
worten, ohne dass ein Fehler in der Articulation aufgefallen wäre. Tod
am 25. December.
Section. In der rechten oberen Hälfte der Brücke ein etwa kirsch-
kerngrosser, grau und roth gefleckter., mikroskopisch eine Menge von
Körucheukugeln inmitten einer fibrillären Netzwerkes enthaltender Er-
weichungsherd, der, ohne die Mittellinie zu überschreiten, die oberflächliche
und tiefe Querfaserschicht mit den dazwischen liegenden Längsfasern durch-
setzte, Arterien frei.
Gubler 1. c. Beob. 1 von Vaussin. 78 jähr. Mann, erkrankt mit
plötzlichem Insult. Am nächsten Tage folgender Status : Lähmung der
214 WERNICKE, Lehrbuch der Gehinikrankheiten.
linken Extremitäten und des rechten Facialis ohne Seusibilitätsstörung,
Zunge wird frei hervorgestreckt, weicht nicht ab. Verständniss und Arti-
culation sehr beeinträchtigt. Fieber, Delirien, leichte Eigidität des linken
Armes kommen dazu, die Sensibilität erlischt, das gelähmte Bein wird
ödematös, Tod im Coma 33 Tage nach dem Anfall.
Sectiou. Beim Einschneiden des Strat. superf. des Pons kommt
man auf einen Erweichungsherd, der die untere Hälfte der rechten
Seitenhälfte des Pons einnimmt. Seine innere G-renze ist die Raphe,
seine untere Hegt etwas höher als der untere Rand des Pons. Von den
3 Etagen des Pons ist nur die hinterste, der Bindearm, frei geblieben.
Das übrige Gehirn normal. Atherom der Basilaris und der Art. f. S.
Jude 11. Berl. Klin. Wochenschr. 24. 1872. 44 jähr. Frau, wird
am 27. Mai plötzlich schwindlig, verliert aber nicht ganz das Bewusst-
sein; totale rechtsseitige Hemiplegie mit erschwerter Articulation. 4 Tage
darauf ist das rechte Bein nur hochgradig paretisch, der Arm völlig ge-
lähmt, Zunge weicht stark nach rechts ab, ihre Bewegungen unbehilfiich,
die Sprache schwerfällig, die Pupillen stark verengt, reagiren jedoch.
Keine Facialislähmung. Sensibilität erhalten. Keine Andeutung von
Aphasie. Die Lähmungserscheinungen besserten sich allmählich etwas,
blieben aber ausgeprägt. Tod am 1. Januar, 7 Monate nach dem Anfall,
an Gesichtserysipel.
Section. Im vorderen Theile des Pons, 3 Linien vor dem Ab-
gange des linken Facialis, zwei mit kalkmilchartigem Brei gefüllte Cysten.
Dieselben lagen über einander, und zwar befand sich unten eine reichlich
kirschkerngrosse und unmittelbar darüber eine linsengi-osse Cyste , beide mit
zackigen, vielfach zerklüfteten Wandungen. Sie nehmen genau die linke
Hälfte der Brücke ein und schneiden scharf an der Raphe ab ; nach innen
erstreckte sich die grössere Cyste bis in den Anfang des linken Hirn-
schenkels. Das übrige Grehim gesund.
Der Fall von Dar olles verdient eine etwas eingehendere
Bespreclrang. Auf Grund des Sectionsbefundes möchte ich für
folgenden Zusammenhang der Erscheinungen plädiren. Der Anfall
rechtsseitiger Hemiplegie war durch die Blutung in den linken
Arachnoidealraum verschuldet, ebenso die Kopfschmerzen , die ihn
einleiteten, und etwa durch den Druck eines Venen-Varix bedingt
sein konnten. Deutliche Symptome der Ponserweichung treten erst
in den letzten beiden Lebenstagen auf. Die absolute Lähmung der
ganzen Musculatur , die nun . beobachtet wird , beruht auf der
Summation doppelseitiger Defecte. Der Umstand aber, dass die
neuen Erscheinungen hinzutreten, ohne dass das Allgemeinbefinden
wesentlich gestört wird, nicht minder aber die anatomische
WerniCKE, Lehrbuch der Gehirnhrankheiten. 21o
Besclireibmig des Erweiclmngslierdes legen die Vermiitlmng nahe,
dass der Herd latent schon vorher bestand , sich also chronisch
entwickelt hatte und nun erst durch sein Weiterschreiten die ge-
nannten Summationseffecte bewirkte. Dann erscheint auch die
schwere Articulationsstörung bei dem ersten Anfalle nicht mehr
wunderbar. Keinesfalls dürfte es gestattet sein, die Blutung in dem
linken Arachnoidealraum ganz zu ignoriren , wie es beispielsweise
Kussmaul*; mit dem Erfolge gethan hat, einen unlösbaren
Widerspruch zwischen zwei Beobachtungen zu constatiren.
Darolles. Progres med. 44. 1875. 36jähr. Frau, bisher gesund,
wurde vor 8 Tagen von heftigem Hinterkopfschmerz ergriffen , der sie
arbeitsunfähig und schlaflos machte. Vor 2 Tagen plötzlich ein Anfall
sehr starker Betäubung von ^ 4 Stunde Dauer ; nach demselben war die
rechte Körperhälfte gelähmt und die Articulation erschwert. Der Kopf-
schmerz war von da ab verschwunden. 4. März. Vollkommene Lähmung
der rechten Extremitäten und der rechten Wange, Zunge schwer beweglich,
kann nicht hervorgestreckt werden. Mühsame und unvollkommene Articu-
lation bei intacter Intelligenz ; die Pupillen gleichmässig erweitert, reagiren
gut. Sensibilität der Haut und Schleimhäute in allen Qualitäten erhalten,
Sinnesorgane intact. Circulation und ßesjjiration normal , Harn frei von
Zucker und Eiweiss, Stuhl und Urin werden gehalten. 5. März. Rücken-
lage, vollkommene Resolution aller vier Extremitäten. Keine Kopf- und
Augenablenkung. Pt. kann nicht den geringsten Laut von sich geben und
nur durch Augenbewegungen antworten und Auskunft geben. Dank dieser
unvollkommenen Mimik kann man in Erfahrung bringen, dass während der
Nacht kein Verlust des Bewusstseins eingetreten war, dass die Hautsensibilität
erhalten geblieben und der Kopfschmerz nicht wiedergekehrt ist. Zunge
absolut unbeweglich , Oeffnung der Kiefer gescliieht schwierig wegen Con-
tractur der Masseteren. Die Facialislähmung ist jetzt doppelseitig, aber die
Stirn nicht vollständig und der Orbicularis palpebrarum gar nicht gelähmt.
Pupillen gleich, reagiren gut. Keine Licontinenz. P. klein, frequent, regel-
mässig. T. 38,2. Profuse Schweisse. Abends: Masseteren stärker con-
tracturirt, Augenbewegungen frei, Resp. geräuschvoll, frequent, oberflächlich,
aus den Mundwinkeln fliesst weisslicher Schaum , Schlingen unmöglich.
Die Facialislähmung erscheint links ausgesprochener. Linker Arm luid rechtes
Bein in Streckcontractur , die beiden anderen Gliedmaassen nur gelähmt.
Von Zeit zu Zeit, etwa alle 5 Minuten, tetanische Streckungen der ganzen
Musculatur. Linke Pupille etwas weiter als die rechte. Hautsensibilität
und Reflexe erhalten. Profuse Schweisse. P. frequent, klein, regelmässig.
*) Stön^ug-en der Sprache 8. 75.
21(i Werxici-CE, Lehrbuch der Gehirukrnnkheiteu.
T. 37,5. 6. März. Coutractur verschwunden, statt dessen vollkommene
Eesoliition. Respiration stertorös , Bewusstsein erhalten, profuser Schweiss,
kleiner Puls, T. 38,2. Tod 1 Uhr Mittags.
Section. Die linke Hemisphäre zum grossen Theil von einer dünnen
schwärzlichen Blutscliieht bedeckt , die zwischen Dura und Pia im Arach-
uoidealraum liegt ; Quelle derselben ist eine zerrissene , mit schwärzlichem
Gerinnsel verstopfte Vene in der Xähe der Longitudinalfurche. Dura und
Pia unverändert, Arterien der Basis nicht athei'omatös. Die Art. basilaris
enthält in ihrer Mitte ein hartes Knötchen. An dieser Stelle ist die Arterie
vollständig verstopft, wie die Injectiou des unteren Endes beweist, und zwar
durch eine ziemlich feste, ovoide, grauliche Concretion von der Grösse eines
Weintraubenkernes. Sie haftet der inneren Gefässhaut fest au, die Gefäss-
häute selbst erscheinen dabei mit blossem Auge absolut gesund. Auf dem
Querschnitt findet man einen Erweichungsherd von der Grösse einer mittel-
grossen Haselnuss. Derselbe nimmt die rechte Seitenhälfte der Brücke
ein, überschreitet nirgends die Mittellinie. Er ist auf die obere Hälfte
der rechten Brückenseite beschränkt und reicht nach oben und vorn bis
zum Hervortritt des Hirnschenkels , nach aussen bis an den Ursprung des
Brückenai'mes. Die Höhlung ist mit einem weisslichen Brei von milch-
ähnlicher Farbe erfüllt , der unter einem schwachen Wasserstrahl leicht
zerfiiesst. Umgebung gesund. Grosshirn ohne Veränderung, ebenso Klein-
hirn und Oblougata. Herz und grosse Gefässe ohne Veränderung. Linke
Lunge, besonders an der Basis, und linke Niere hyperämisch.
IX. Von den Erweichungen des Kleinhirns wissen wir nicht
mehr als von den Blutungen in dasselbe. Die Allgemeinerschei-
nungen, welche bei acutem Beginn oder acuten Nachschüben den
Anfall constituiren, haben manchmal eine besondere Färbung, so
in dem Falle G i b s o n ' s. Andere Male bedingen sie das gewöhn-
liche Bild eines schweren apoplectischen Insultes, wie in dem Falle
von Landouzy, wo nur das Erbrechen durch die besondere
Localität bedingt sein mag. In der Gruppirung der Herdsymptome
lag hier ein Hinweis auf die liintere Schädelgrube, und zwar auf
<3ie rechte Seiteuhälfte derselben , da eine linksseitige Hemiplegie
mit Einstellung der Augen nach links verbunden war (man vgl.
:S. 353 des I. Bd.). Wie in den meisten Fällen der Art war mehr
als eine Hemiplegie vorhanden. Die Aelmhchkeit solcher Anfälle
mit denen einer Blutung mit Durchbruch in die Ventrikel macht
sich auch in diesem Beispiele geltend, da die Combination mit
Hemicontractur bei der Blutung wohl meist anzutreffen, aber nicht
ohne Ausnahme ist (man vgl. S. 47).
WERNICKE, Lelirbucli der Gehirnkranklieiten. 217
Gib s 0 11. Edinburgh, med. Jouru. Sept. 1870. 30 jähr. Frau, vor
6 Wochen leicht entbunden, stillte ihr Kind, erwacht in der Nacht plötz-
lich mit heftigem Würgen, Erbrechen und ScliAvindelgefühl, ohne Kopfweh,
mit grosser Empfindlichkeit gegen Sinneseindrücke. In den nächsten
10 — 12 Tagen Besserung, dann wiederholte sich derselbe Anfall. Durch
OiDium wurde zwar Beruhigung erzielt, doch versank Pt. in Coma und
starb nach 3ß St. Die Section ergab eine Erweichung der ganzen
rechten Kleinhiriihemisphäre.
Landouzy. Gaz. med. 8. 1873. 52 jähr. Frau, klagt seit 3 — 4
Monaten über Athembeschwerden, hat in dieser Zeit einmal einen Anfall
plötzlicher Bewusstlosigkeit mit galligem Erbrechen, übrigens nur von
kurzer Dauer, und 3 mal rasch vorübergehende Ohumachtsanwandlungen
gehabt. Bei der Aufnahme die Zeichen einer Mitralstenose. Am
2. Februar Morgens klagt sie über Kopfschmerzen. Abends ist sie bei
der Mahlzeit begriffen, als sie plötzlich auf die Kissen zurückfällt und das
Bewusstsein verliert, gleichzeitig erfolgt Erbrechen und Abgang von Stuhl
und Urin. Der Arzt findet sie bewusstlos, in EüekenJage, Kopf und
Augen stark nach links gedreht, die linken Extremitäten in Resolution.
Der rechte Arm wird auf Kneipen etwas bewegt. 3. Februar. Coma
hält an, der Kopf kann ohne Widerstand gerade aus und nach rechts
gedreht werden, die Augen bleiben unverändert stark nach links einge-
stellt. Stertoröse Athmung, beide Wangen werden dabei gleichmässig auf-
geblasen und eingezogen. Am Thorax grobe, bald fühlbare Rasselgeräusche.
Linke Gliedmaassen in Resolution, es erfolgen keine Reflexe. Rechte
Gliedmaassen fallen nicht so schwer zurück, Algesie herabgesetzt, aber er-
halten. Rechte Hand und Finger werden bewegt. T. der Achselhöhle
36,4. Abends T. 38,4, P. 88. Status idem, Kopf ebenfalls nach links
gedreht. 4. Februar. Morgens T. 40,5, P. 88. Die Temperatur
bleibt auf dieser Höhe bis zum Tode, der an demselben Abend erfolgt.
Section. Röthliches fibrinöses Gerinnsel, der Gefässwand ziemlich
adhärent, in der rechten Art. vertebralis. Linke Vertebralis und Basi-
laris frei. Grosshirn iutact. Die rechte Kleinhirnhemisphäre zeigt in der
Mitte ihrer oberen Fläche eine Einsenkung, die Pia daselbst intact. Auf
einem senkrecht zur Oberfläche geführten Schnitte zeigt sich eine zerfliess-
liche Erweichung, welche die obere Hälfte der rechten Kleinhirnheiuisphäre
einnimmt.
Wie in dem vorstehenden Fall so ist auch in dem folgenden
von La 11 em and eine indirecte Hemiplegie zu Stande gekommen.
Lallemand, nach Leveu et Ollivier, 1. c. obs. 07. 55jähr. Mann,
verliert plötzlich das Bewusstsein, am 11. Juli, und bekommt eine rechts-
seitige Hemiplegie. 3 Tage darauf hat er das Bewusstsein wieder erlangt,
218 Wernicke, Leln-buch der Gehirnkranklieiten.
die Sensibilität (== Algesie) ist iutact. Trübung der rechten Cornea,
oberes Augenlid und Augapfel rechts unempfindhch. Der Tod erfolgt
plötzlich 8 Tage nach Beginn der Krankheit.
Section. Das Grosshirn gesund und ebenso die rechte Kleinhirn-
hemisphäre , die weisse Substanz der linken Kleinhirnhemisphäre zu
einem Brei verwandelt.
Bei Abwägung aller Möglichkeiten bleibt es freilich zweifelhaft,
ob die Hemiplegie als Folge des Insultes und im stricten Sinne
als indirecte zu betrachten oder nicht vielmehr als passagere zu
deuten ist. Die Verstopfang der Vertebralis, die gewöhnlich vor-
liegt, kann auch in der betr. Seitenhälfte des Pons und der Oblon-
gata vorübergehend die Blutzufuhr unterbrochen haben. Dasselbe
gilt für die Deutung der oben besprochenen besonderen Allgemein-
erscheinungen. Unzweifelhafter ist die Deutung der Hemiplegie,
wenn sie in einem Falle chronischer Erweichung zur Beobachtmig
kommt; denn bei derselben ist eine geringe Volumsvermehrung
nicht ausgeschlossen, und deshalb bei den engen Raumverhältnissen
der hinteren Schädelgrube eine Druckwirkung auf die darunter
liegende Hemisphärenbahn plausibel. Ich überlasse dem Leser zu
entscheiden, wie weit diese Erwägung auf den folgenden Fall von
Tailhe, der aus dem Jahre 1849 datirt, zutreffen dürfte.
Die Gleichseitigkeit der Hemiplegie ist eventuell durch Fehlen der
Pjramidenkreuzung zu erklären.
Tailhe nach Leven et Ollivier, 1. c. obs. 52. 3 7 jähr. Mann, leidet
an Kopfschmerz der Occipitalgegeud. Kopf zurüekgebogen, die Augen un-
beweglich fixirt, der Gang schwierig, später unmöglich. Hemiplegie der
rechten Seite, convulsivische Bewegungen der Gliedmaassen, Intelligenz und
Sensibilität erhalten. In den letzten Tagen ungleiche Erweiterung der
beiden Pujjillen, intermittirend Schielen des rechten Auges nach oben und
aussen, plötzlicher Tod.
Section. Erweichung der oberen Fläche der rechten Kleinhirn-
hemisphäre, die linke Hemisphäre und der Rest der Centralorgaue gesund.
Ein directes Herdsymptom von Seiten des Kleinhirns ist jeden-
falls die merkwürdige Bewegungsstörung, welche in dem folgenden
Falle beobachtet wurde. Sie unterstützt die Meinung, welche
H. Jackson ausgesprochen hat, dass vom Kiemhirn aus eine
Parese der Musculatur der Wirbelsäule resultiren könne (man
vgl. S. 97).
WerNICKE, Lelirbucli der Gehirnkrankheiten. 21^)
Lyons. Softening of tlie cerebelliun. Dublin quart. Journ, August
1860, p. 21(3. Ein 60 jiihv. bisher gesunder Mann, an massigen Schnapsgenuss
gewöhnt, ging am 2 1 . D e c e m b e r früh 6 Uhr zur Arbeit, spürte erheblichen Kopf-
schmerz und etwas Schwindel nud stärkte sich deshalb durch einige Gläser Brannt-
wein. Um 12 Uhr fühlte er sich unfähig weiter zu arbeiten und machte eine An-
strengung, nach Hause zurückzukommen, fiel aber unterwegs hin, wurde
bewusstlos aufgehoben und in einem Wagen nach Hause gebracht. Gegen
Abend kam er etwas zu sich und sprach murmelnd (muttering). Nach 5
Tagen in's Hospital aufgenommen, war sein Zustand sehr merkwürdig. Er
war unfähig zu stehen und doch nicht gelähmt, mit Ausnahme der linken
Gesichtshälfte, da der Mund nach rechts verzogen war. Zunge ziemlich
schwer hervorgestreckt, wich etwas nach rechts ab. Er konnte mit
Leichtigkeit seine Arme und Beine heben, konnte aber nicht stehen, sondern
nur mit Unterstützung die aufrechte Stellung innehalten. Erhebliche
Muskelkraft der Ai-me und Beine war auffällig. Zu Zeiten unorientirt,
meist somnolent, reagirte aber auf Fragen und nannte seinen Namen auf
seh)- unverständliche Weise, zeigte die Zunge und thät, was man ihm sagte,
P. 80, Pupillen ziemlich eng, Gesichtsausdruck stumpf imd verworren.
Bei Bemühungen, das Bett zu verlassen, um seine Bedürfnisse zu be-
friedigen, fiel er einige Male nach rechts hin und verletzte sich Gesicht
und Nase. Wurde sehr untractabel und musste besonders bewacht werden.
Tod am 30. December.
Section. Ventrikelflüssigkeit sehr wenig vermehrt, Gefässstämme
massig atheromatös. Ein beträchtlicher Theil der linken Kleinhirnhemi-
sphäre zerstört, und zwar war die graue Substanz in eine Art weichen
Brei's (magma) verwandelt, ihre Structur fast ganz unkenntlich, während
die tiefere weisse Substanz nur wenig betroffen war. Als wahrscheinliche
Ursache betrachtet Vf. eine zeitweilige oder vorübergehende Embolie in
den zuführenden Gefässen.
X. Die acuten Erweichungen der Oblongata in Folge Ge-
fässverschlusses fähren leicht zum Tode, ehe es zu abgegrenzten
oder überhaupt deutlich nachweisbaren Herden gekommen ist. So
verhält es sich namentlich bei Verschluss desjenigen Gefäss-
abschnittes , welcher nach D u r e t die ernährenden Arterien
für die Kerne des Vagus und Glossopharjngeus abgiebt, nämlich
des unteren Endstückes und der Theilungsstelle der Art. basilaris.
Die dabei beobachteten und plötzüch einsetzenden Erscheinungen
waren in 5 Fällen, die Hayem*) beschrieben hat: cjTianotisches,
*) Sur la thrombose , par arterite, äu tronc basilaire comme cause de
mort rapide. Arch. de physiol. I. 1868.
220 WernICKE, Lehrbuch der Gehirukrankheiten.
gedunsenes Gesicht, injicirte Augen, stertoröse Respiration, Reso-
lution aller Gliedmaassen und sein- beschleunigter Puls. Die
chronisclie . Form der Erweichung dagegen scheint hier nicht
vorzukommen , an ihre Stelle treten , wie im Rückenmark,
die sclerotischen Processe. Mit Sectionsbefund versehene Be-
obachtungen, welche das Verhalten der Herdsymptome bei Er-
weichungen der Oblongata illustriren, sind deshalb verhältnissmässig
selten, und für die zu erwartende grosse Mannigfaltigkeit in ihrer
Gruppirung fehlen noch die Beläge. Die Allgemeinerscheinungen
des Anfalls sind gewöhnlich nur gering und bestehen in Schwindel,
Erbrechen oder syncopeähnlichon Anwandelungen , oft fehlen sie
vollständig und man beobachtet nur die acut einsetzenden Herd-
symptome ; da aber bei den letzteren ganz regelmässig die in der
Oblongata entspringenden Hirnnerven betheiligt sind , so resultirt
dennoch bald ein sehr schweres Krankheitsbild. Da sich in dem-
selben die gleichen Herdsymptome wie bei der Duchenn e'schen
Krankheit oder progressiven Bulbärparalyse wieder finden, so hat
man dafür den Namen der apopl ectiformen oder acuten Bul-
bärparalyse angewandt. Für die meisten Fälle der Art dürfte
die Construction Duret's zutreffen, der ihnen die Verstopfung der
(gewöhnlich linksseitigen) Art. vertebralis zu Grunde legt; eine
solche wurde z. B. in dem folgenden Falle gefunden.
Proust nach Hallopeau. Des paralysies bulbaires. Paris 1875.
Beob. 32. 68jähr. Frau, erlitt im Januar einen apoplectischen Anfall
mit Hemiplegie, welche sich in 3 Monaten vollständig wieder verlor. Am
29. Mai fühlt sie plötzlich eine Erstarrung der linken Körperhälfte und
bricht zusammen, ohne das Bewusstsein zu verlieren. Sie kann nicht rufen,
weil sie die SiDrache vollständig verloren hat. Am nächsten Tage folgender
Status : Anschein grösster Schwäche , Gesicht leicht nach rechts verzogen,
linksseitige Hemiparese, Orbicularis palp. verschont, PujDillen normal. Haut-
sensibilität der linken Extremitäten eher etwas vermehrt. Complete Aphonie
und Dysphagie bei intacter Intelligenz. Die Zunge weicht nach links ab,
ihre Bewegungen erschwert , Ausspucken unmöglich. Gaumensegel und
Schlundmuskeln vollständig gelähmt, Schleim sammelt sich im Schlünde an,
tracheales Rasseln, Suffocationsanfälle. P. 72, weich, unregelmässig, T. 36,6.
In den nächsten 3 Tagen geringe Besserung, Stimme und Schlingvermögen
kehren etwas zurück. Die Bewegungsstörung des linken Armes ist rein
atactischer Natur. Der Puls wird plötzlich beschleunigt, Schluchzen tritt
auf und der Tod erfolgt am 4. Juni.
Section. Thrombus in der linken Art. vertebralis, ca. 1V2 cm von der
Art. basilaris entfernt. Die Art. cerebelli post. inf. ist in ihrer ganzen
Wernicke, Lehrbiicli der Gehirnkrankheiten. 221
Ausdehnung obliterirt und ihre abgehenden Zweige für die Oblongata
ebenfalls angefüllt. Erweichung am Boden des 4. Ventrikels in der
Gegend der Ursprungskerne des Hypoglossus , Accessorius und Facialis.
Auch in der linken Kleinhirnheniisphäre kleine Erweichungspunkte. Athero-
matöse Geschwüre der Aorta, eine Infarctnarbe in der linken Niere.
Auf Grund einiger analoger Fälle glaubt auch Lichtheim*)
in seiner scliarfsinnigen Auseinandersetzung der Ansicht Duret's
beipflichten zu müssen, nur betont er noch mehr wie dieser die
constante Mitleidenschaft der Extremitäten in Form von Hemiplegie
oder doppelseitiger Lähmungen, welche letzteren er sehr richtig
daraus erklärt, dass die Versorgung der Pyramiden oberhalb und
unterhalb der Kreuzung durch die gleiche Art. spinalis anterior ge-
schieht. Eine ganz andere Auffassung werden demnach Beobach-
tungen wie ■ die folgende von Herard erfahren müssen, wo die
Extremitäten ganz unbetheiligt blieben.
Herard. Union med. 1868. Nr. 35, nach Lichtheim 1. c. Ein
6 8 jähr., bis dahin völlig gesunder Mann erwachte aus dem Schlafe und
findet, dass er das Sprachvermögen verloren hat. Bei seiner Aufnahme
in's Spital findet sich, ausser der fast vollkommenen Unfähigkeit sich ver-
ständlich zu machen, eine Lähmung der Lippen und der Zunge. Es
scheint, als ob der linke Mundwinkel dabei etwas tiefer steht. Die
Speisen fallen ihm aus dem Munde heraus, der Speichel läuft beständig
ab. Die Schlingbewegungen scheinen nicht erheblich gestört gewesen zu
sein, hingegen schien die Action der Stimmbänder gelitten zu haben. Die
Intelligenz war völlig intact. Die Glieder in keiner Weise betroffen. Alle
Symptome besserten sich allmählich, so dass Pt. seine Beschäftigung Avieder
aufnehmen konnte, doch blieb ein Rest der Störung stationär und war
auch 9 Monate nach Beginn der Krankheit nicht rückgängig geworden.
Wir behalten uns vor, darauf zurückzukommen , müssen aber
die von Dur et betonte Möglichkeit der Verstopfung einzelner
kleinerer Gefässgebiete, eventuell der Kernarterien, zulassen. Aber
es brauchen nicht einmal ausschliesslich die Kernarterien betroffen
zu sein, die Erweichung kann vielmehr unter Umständen ein ganz
ähnliches Krankheitsbild erzeugen, ohne auf die Kernregion be-
schränkt zu sein, wenn sie nämlich in dem sogen, motorischen
Felde einer Seitenhälfte etablirt ist. Der folgende Fall Ley den 's.
*) Ueber apoplectiforme Bulbärparalyse etc. Dtsch. Arch. f. klin. Med.
18. Bd.
^^2 WerNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
welclieii der Vf. mit Recht auf eine zwar nicht nachgewiesene
Gefässverstopfimg zurückführt, ist dafür beweisend.
Leydeu, Zwei Fälle von acuter Bulbärjjaralyse. Arcli. f. Psych. 7. Bd.
5 2 jähr. Frau, halte im 22. Lebensjahr acuten Grelenkrheumatismus durch-
gemacht, seit ihrem 46. litt sie an Herzklopfen und Engbrüstigkeit, vor
etwa 6 Wochen wurden wieder einige Gelenke ergriffen, ohne dass Fieber
vorhanden war. 10. Februar des Abends wurde Pt., im Lesen begriffen,
plötzlich von heftigem Schwindel befallen, sank vom Stuhle herab und war
nicht mehr im Staude, sich wieder aufzurichten. Das Bewusstsein blieb
vollständig intact , Pt. erbrach mehrere Male, klagte über intensiven
Kopfschmerz in der rechten Stirnhälfte und im Hinterko]jf. Schlingver-
mögen sehr beeinträchtigt , leichte Sprachstörung. Keine Lähmung der
Extremitäten, jedoch Taubheitsgefühl an denselben und in der rechten G-e-
sichtshälfte. In der Nacht schlaflos, mederholtes Erbrechen, Schlingen
ganz unmöglich. 11. Februar folgender Status : Gesicht leicht cyanotisch,
Puls ziemlich klein, ohne sonstige Veränderung. Seusorium frei , Klagen
über Kopfschmerzen, besonders der rechten Hinterhauptsgegend, Formicationen -
in den Extremitäten, Herzklopfen. Andeutung rechtsseitiger Facialisparese
am Mundwinkel und den Gaumenbögen zu constatiren. Zunge ohne Ab-
weichung, frei beweglich, Articulation schwerer Worte leicht gestört, Stimme
etwas heiser , Schlingen von Flüssigkeiten ganz unmög^lich , Rachen voll
Schleim. Extremitäten frei beweg'ich, ebenso Kopf und Eumpfmuskulatur,
jedoch allgemeines Schwächegefühl. Stehen auf kurze Zeit möglich, keine
Ataxie. Deutliche Dyspnoe mit starker Action der Halsmuskeln, Respiration
unregelmässig. Sphincteren frei. Sensibilität im Gesicht und an den Extre-
mitäten normal, in beidenOberextremitäten bestehen schmerzhafte Formicalionen.
Häufiges Erbrechen, Urin eiweissfrei, spec. Gew. 1020. Ernährung durch
Clystire. 13. Februar. Li den Nächten wenig Schlaf, Heiserkeit hat
zugenommen , Schmerzen im rechten Hypochondrium , Sondeufütterung.
15. Februar. In den letzten beiden Tagen leichte Temperatur Steigerungen
bis 38,8, Puls bis auf 100, Respiration bis auf 28 beschleunigt, hochgradige
Heiserkeit, häufiger Husten. Resp. unregelmässig. L'rin 700, spec. Gew.
1020, frei von Eiweiss und Zucker. 16. Februar. Dyspnoe und Cyanose
nehmen zu. Puls wird unregelmässig, beträgt Abends 120. Resp. 40. T. 38,6.
17. Februar. Klagen über Athemnoth und Herzkloj)fen, Heiserkeit und
Schlinglähmung unverändert. Die paretischen Erscheinungen haben nicht
zugenommen , nur wird zum ersten Male Verengung der linken Pupille
constatirt ; Athmung sehr erschwert. Häufiger, kui-zer Husten mit Auswurf
schleimig-eitriger und leicht blutiger Sputa. LMn 100, spec. Gew. 1030,
kein Zucker, etwas Albumen. 18. Februar. Wenig Schlaf, Nacht unruhig,
mehrmaliges Erbrechen, Zunahme der Dyspnoe und Cyanose. L'rin 100,
spec. Gew. 1020, Albumengehalt hat zugenommen. 19. Februar. An-
WernickE, Lebrljucli der Gehirnkrankheiten. ZZo
haltende Piüsbeschleiuiigung, 128 — 148, Eesp. 32 — 48. Gesicht verfallen,
Sensorium frei , Extremitäten kühl. Pupillenungleichheit hält an , ebenso
die Albuminurie. Grrosse Unruhe, laut hörbares, röchelndes Athmen mit
unregelmässigen Pausen. 20. Februar wiederholte Anfälle äusserster
Athemuoth seit den letzten beiden Tagen, Nachts kein Schlaf, grosse
Unruhe , Sensorium frei , erst gegen Abend etwas Sonnolenz, Tod 2 Uhr
Nachts.
S e c t i 0 n. Gehirn mit Einschluss der Oblongata frisch ohne Veränderung.
Nach der Erhärtung findet man einen ziemlich scharf begrenzten, olivenförmigen
Herd beginnender Erweichung von etwa 3 mm Höhe und etwas geringerer
Breite in der rechten Hälfte der Medulla oblongata. Seine Längsachse ist
auf dem Querschnitt schräg von innen und hinten nach aussen und vorn
gestellt. Das zugespitzte innere und hintere Ende erreicht fast den grauen
Boden nach aussen vom Hypoglossuskern. Die äu:sere vordere Spitze liegt
am vorderen Rande der aufsteigenden Quintuswurzel, lässt aber diese selbst,
sowie die vom Strickkörper entspringenden Bogenbünclel , die vor der auf-
steigenden Quintuswurzel vorbeiziehen, intact. Die gelatinöse Substanz der
Quintuswurzel zum Theil zerstört. Nach der Beschreibung und Abbildung
fällt die Höhe dieses Herdes noch in die obere Hälfte der Olive und
entspricht ziemlich genau der Fig. 64 des I. Th., er nimmt hier
den gi'össten Theil des seitlichen motorischen Feldes hinter der Olive ein
und umfasst das Ursprungsgebiet des Glossopharyngeus und Vagus.
Wenn man solchen Fällen gegenüber das Bedenken erliebt,
dass ein einseitiger Herd doppelseitige Lähmungssjraptome von
Seiten der Bulbärnerven bewirkt habe, so ist einmal an das locale
Trauma zu erinnern, welches sich bei plötzlicher Aufhebung der
Circulation sehr wohl bis auf die andere Seite erstrecken kann,
ohne die Pyramidenbahnen in dem Grade zu schädigen, dass eine
ausgesprochene Lähmung resultirt; eine gewisse allgemeine Schwäche
wird ja in solchen Fällen nie vermisst. Andererseits aber muss
uns eine einseitige Lähmmig vollständig ausreichend erscheinen,
um das Spiel solcher Mechanismen wie der Articulation, Phonation,
Deglutition und Respiration dauernd auf das schwerste zu schädigen.
Denn diese Mechanismen erfordern alle eine doppelseitige , com-
binirte Thätigkeit, und wenn sie bei einseitigen Unterbreclnmgen
der Hemisphärenbahn nur wenig oder gar nicht geschädigt wurden,
so lag dies daran , dass der einseitige Impuls immer noch den
beiderseitigen Kernen übermittelt werden konnte. Sind aber diese
Kerne selbst auf einer Seite ausgeschaltet , so mag zwar eine
Reparatur nicht ausgeschlossen sein, aber gewiss darf sie nicht als
selbstverständlich nach Analogie einseitiger Leitungsunterbrechung
224: WerniCKE, Lehrbuch rler Gehirnkrankheiten.
betrachtet werden. Auch der ungünstige Ausgang ist schon durch
die einseitige Affection vollkommen erklärt.
Der vorstehende Fall Leyden's beansprucht noch ein viel
weiter gehendes Interesse. Abgesehen von gewissen Reizerschei-
nungen, den Paraesthesien im Gebiet des Quintus und der Extre-
mitäten, fehlten in ihm ausgeprägtere Sensibilitätsstörungen. Die-
selben waren dagegen vorhanden und bestanden in dem auffälligen
Bilde einer wechselständigen Empfindungslähmung des Gresichts und_
der Extremitäten in dem folgenden Falle S e n ato r' s. Die Läsion
erstreckte sich hier weiter, bis über den Aussenrand der Oblongata,
und umfasste somit die aufsteigende Quintuswurzel und den Strick-
körper derselben Seite.
Senator. Arch. f. Psych. II. Bd. Apoplectische Bulbärparalyse mit
wechselstäudiger Empfindungslähmuug. 56 jähr. Mauu, erwacht ehaes Morgens
mit Schwindel und Unbehagen, kann nicht sicher stehen und gehen und
hat Xeigung, nach links umzufallen. Gefühl von Kälte in der linken Ge-
sichtshälfte. Beim Versuch , den Pt. aufzurichten, erfolgt Erbrechen , der-
selbe klagt über Sehwindel und Doppelsehen , die Sprache ist erschwert,
auch das Schlucken sehr beschwerlich. P. 120. Ord. Locale Blutent-
ziebung, Eisblase auf den Kopf, Ernährung durch Klystire von Fleischbrühe.
Am 26. Juni, dem 5. Tage der Krankheit, folgender Status: Sensorinm
frei. Pt. klagt über Schlingbeschwerden, Hunger und Athemnoth ohne
objective Dyspnoe. Sclerose der zugänglichen Arterien. P. 132- — 144.
Stehen und Gehen nur mit kräftiger Unterstützung von beiden Seiten möglich
und auch erst seit ein bis zwei Tagen, dabei Neigung, nach links zu fallen.
In Bettlage weder Lähmung noch Ataxie, auch die Bewegungen des Kopfes
sind frei , ebenso Zunge , Facialis , Augenmuskeln etc. Gehör beiderseits
gut. Schlingen unmöglich, Stimme heiser flüsternd mit nasalem Beiklang.
Sensibilität in der linken Gesichtshälfte und auf der ganzen rechten Hälfte
des Rumpfes und den rechten Extremitäten fast vollständig erloschen. Linke
Zungenhälfte, Cornea imd Conjunctiva, sowie die linke Nasenhöhle in die
Anaesthesie eingeschlossen. Ernährung mittelst Schlundsonde , Jodkalium.
In den nächsten Tagen bessert sich die Sprache etwas. Urinmenge nicht
vermehrt, spec. Gew. 1015 — 1020, ohne Eiweiss und Zucker, die Nächte
etwas unruhig. 4. Juli. Anaesthesie unverändert, keine motorische Lähmung,
nur das rechte Bein schleppt ein wenig nach. Nächte unruhig. Livides
Aussehen der rechten Extremitäten ohne Temperaturunterschied. Geschmack
der vorderen Zungenhälfte ohne Störung. Mund und Rachen immer mit
Schleim gefüllt, beständiges Würgen, heiserer Husten. Beim Laryngoscopiren
erscheint die Schliessung der Stimmbänder unvollständig. 6. Juli. Muskel-
gefühl der anaesthetischen Seite erhalten. Sputa übelriechend, am Thorax
WerXTCKE, Lehrbncli fler Gehinikraiildieiten. 220
rechts hinten und unten Dämpfung mit Bronehialathmcn, Urinmenge 1880,
spec. Gew. 1019, weder Eiweiss noch Zucker. Morgens P. 114, T. 38,8,
Abends P. 136, gespannt, T. 39,3. Abnormes Hunger- und Durstgefühl.
8. Juli. Expectoration erschwert, reichlicher Sehleim fliesst aus dem
Munde, Morgens P. 126, Eesp. 30, T. 37,9, Abends P. 132, T. 39,2.
9. Juli. Morgens P. 132, T. 38,6, Abends P. 132, T. 39,8. In der
Nacht tritt plötzlich der Tod ein.
Section. In der linken Art. vertebr. befindet sich ein ganz derbes,
entfärbtes, gelbes Gerinnsel , etwa von der Dicke eines Nervus abducens,
welches an zwei Stellen der ^Yand festsitzt, nämlich l) an der Abgangs-
stelle der Art. spinalis ant. und 2) der Art. cerebelli iuf. post. Dieses
letztere Gefäss ( Art. cerebelli iuf. ) ist stark geschlängelt , blauroth, mit
einem fest anhaftenden, das Lumen ausfüllenden Gerinnsel im Innern, welches
au dem Ursprung aus der Art. vertebr. am meisten entfärbt ist, in seiner
Fortsetzung dagegeu frischere Thrombose darstellt. Das linke Corpus
restiforme und die angrenzende Partie des grauen Bodens vom A-ierten
Ventrikel geschwollen , die Contouren rundlicher als rechts , die
feineren Niveau - Unterschiede verstrichen , auch die Striae acusticae ver-
waschen im Vergleich zu rechts. Im Bereich dieser Auftreibung
ist die Consistenz des Marks deutlich geringer als rechts. Durch Abtasten
lässt sich ungefähr feststellen , dass die Erweichung nach oben nicht bis
zum Durchschnitt des Brückeuarmes reicht, nach iinten noch oberhalb einer
quer durch die Spitze der Calamus scriptorius gezogenen Linie bleibt, nach
innen noch vor der Eaphe endigt und vielleicht bis zum Yaguskeru hiuan-
reicht, oder ihn noch mitbegreift, nach aussen und seitlich scheint sie sich
etwas weiter bis zur Brücke hin zu erstrecken , als innen. Die grösste
Längsausdehnung des Erweichungsherdes beträgt wenig über 1 cm.
Die Pyramiden - und Olivengegend ist für Gesicht und Gefühl auf
beiden Seiten gleich gut erhalten , ebenso erscheint die untere Fläche der
Brücke normal, desgleichen Querschnitte derselben. Am erhärteten Präparate
wurde festgestellt, dass der Herd in seiner grössten Ausdehnung den Strick-
körper , den angrenzenden Theil des Keilstranges und des Seitenstranges,
sowie die aufsteigende Quintuswurzel und einen Theil der Vagusfasern durch-
brochen hat. Die Olive und Nebenolive, die Wurzelfasern des Hypoglossus,
dessen Kern und den hinteren Vaguskern erreicht der Herd an keiner Stelle.
Rückenmark zeigt keine Veränderung. Pneumonie der rechten Lunge ;
Schleimhaut der Trachea und der Bronchien geröthet und geschwollen.
Die erbsengrosse Erweichung in dem folgenden Falle
Dumenil's hatte ungefähr denselben Sitz, Hess jedoch die Ober-
fläche des Strickkörpers frei. In den Symptomen herrscht eben-
falls eine grosse Uebereinstimmung, bis auf den Punkt , dass die
Sensibilitätsstörung nur die Schmerz- und Temperaturempfindung
Wernicke, Lehrbuch der GehinikraukheiteiL EL -i k
22(5 WerNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
betraf, die Berührungen dagegen noch gut wahrgenommen wurden.
Das Muskelgefühl war beide Male erhalten.
Dumenil. De la paraljsie unilaterale du volle du palais. Areh.
generales Avril 1875, obs. 8. 73 jähr. Mann leidet seit 2 Jahren an
intensiven Kopfschmerzen, Ohnmachtsanwandlungen und hat zweimal Anfälle
mit Verlust des Bewusstseins gehabt. Er konnte jedoch noch seiner Be-
schäftigung als Schneider obliegen. Am 5. September 1862 bei der
Arbeit bekommt er Kopfschmerz, will von seinem Tisch heruntersteigen und
fühlt die Beine versagen ; er verliert nicht das Bewusstsein , kann aber
mehrere Stunden nur das Wort adieu sprechen. 6. September kann er
nicht gehen und muss getragen werden, um das Bett zu wechseln : antwortet
gut auf Fragen, beginnt Beschwerden beim Schlingen zu spüren. 7. Sept.
Schlingen unmöglich , Flüssigkeiten fliessen durch Mund und Nase zurück.
8. September. Schlingen unverändert. Vollkommene Analgesie der
ganzen linken Körperhälfte , genau mit der Mittellinie abschneidend , fühlt
von einem tiefen Nadelstich nur die Berührung. Auch die Temperatur-
empfiudung erloschen, selbst leichte Berührung dagegen wird wahrgenommen.
Auf Kitzeln der Fusssohle erfolgen Eeflexe. Händedruck gut und beider-
seits gleich; Pt. hat die Empfindung der angewendeten Kraft. An den
rechten Extremitäten deutliche Ataxie, sowohl bei offenen, als geschlossenen
Augen. Bedürfniss zu Stuhl und Urin wird empfunden. Das Gaumensegel
schlaff und unempfindlich gegen Berührungen , Stimme hat einen Anklang
an's Falset. Sprache nasal, aber gut articulirt. Im Gesicht kein merklicher
Unterschied. Nichts an den Augen. Intelligenz vollkommen. Electrische
Erregbarkeit an den Extremitäten erhalten, die ausgelösten Bewegungen
werden richtig empfunden. Die Empfindlichkeit gegen den Strom ist rechts
sehr lebhaft, links sehr gering. Puls sehr unregelmässig , sehr schwach,
zischendes Geräusch an der Herzspitze nach dem ersten Ton. Urin ohne
Zucker. Pt. kann sich allein aufrecht halten, aber mühsam und schwankend;
kann nicht allein gehen : unterstützt schleudert er das rechte Bein und
setzt es stampfend auf, mit dem linken zwar unsicher, aber nicht excessiv.
Das Gleichgewicht bewahrt er nur, wenn unter beiden Armen gefasst.
13. September. Pt. hält sich etwas besser, kann mit Hilfe eines Stockes
etwas gehen, Gang wie oben. Gesichtsmuskulatur wirkt links etwas stärker,
Zungenspitze weicht etwas nach rechts ab. Gaumensegel unempfindlich
gegen Berührung, hängt schlaft" herab, die rechten Gaumenbögen unbeweg-
lich, die liuken normal reagirend. Bei der Contraction der linken Gaumen-
bögen wird die Uvula nach rechts gedrängt. Singvdtus seit 3 Tagen.
18. September. Die Prüfung der Sensibilität am Kojife ergiebt Folgendes:
Sie ist intact an der linken Hälfte ; sehr stumpf an der rechten Hälfte
mit Ausnahme der Gegend des Maxillaris inferior. Auch die Innenseite der
Mundhöhle und der Lippen rechts gegen Stiche unempfindlich , Berührung
WernicKE, Lelivbnch der Gehirnkrankheiteii. 227
der Conjuiictiva und Nasensclileimhaut rechts nur stumpf wahrgenommen.
Oefteres Nasenbluten , das von Anfang an bestand , erklärt sich durch
Ulcerationen an der rechten Nasenschleimhaut , dieselben verbreiteten sich
auf die Haut der rechten Oberlippe , vernarbten von selbst nach einigen
Monaten. Pt. verliess die Anstalt im März 1863 und konnte mit Hilfe
eines Stockes ziemlich leicht gehen. Die Sensibilitätsstörung der rechten
Gesichts- und linken Körperhälfte, die Lähmung der rechten Gaumenbögen
unverändert. Im Laufe des Sommers besserte sieh der Gang, so dass Pt.
auch ohne Stock sicher gehen konnte. Auch die Lähmung des Gaumens
wurde geringer , aber Gesicht unverändert und auch die Stimme behielt
das Falsettimbre. 18. August. Schwindelanfälle ohne Verlust des Be-
wusstseins, nach 2 Tagen vorüber. Sensibilität wie früher, an den beiden
Gaumenhälften kein Unterschied mehr , Gang wieder unsicherer. Von da
ab blieb Pt. ausser Beobachtung. Tod am 5. Februar 1864 an
Magenkrebs.
Section. Gelbe Rindenerweichung von geringem Umfange an der
Unterfläche des rechten Stirnlappens , an den verschmälerten Olfactorius
grenzend , eine zweite ebenfalls kleine an der unteren Fläche des rechten
Occipitallappens, ein anderer, Taubenei grosser Erweichungsherd ist an der
Convexität der rechten Hemisphäre an der Vereinigung des hinteren Drittels
mit den varderen 2 Dritteln, unmittelbar nach aussen vor der Longitudinal-
spalte. Keine sonstige Veränderung im Grosshirn. Der rechte Trigeminus
in allen 3 Aesten und das Ganglion Gasseri vollständig intact , Stamm-
ganglien und Brücke ebenfalls. Die Oblongata erscheint an der Oberfläche
gesund. Beim Einschneiden des rechten Corpus restiforme constatirt man
in demselben in der Mitte seiner Höhe einen kleinen Erweichungsherd,
der eine Höhle von der Grösse einer kleinen Erbse bildet. Sie ist ziem-
lich scharf lungrenzt, von einer feinen, zelligen Membran ausgekleidet, die
Umgebung in sehr geringer Ausdehnung verändert ; die Veränderung geht
besonders nach aussen und vorn und überschreitet sicher nicht (?) die Breite
des Corpus restiforme. Rückenmark und Wurzeln im frischen Zustande
ohne grob sichtbare Veränderung. Krebs des Pylorus.
Vf. constatirt, dass der Trigeminus seinen trophischen Einfluss aus seinem
Ursprung in der Oblongata und nicht aus dem Ganglion Gasseri schöpft,
und ferner, dass die Beobachtung mit den gangbaren Ansichten über die
Ausgangsorte der cerebralen Hemianaestliesie im Widerspruch steht.
Ich vermiitlie, class Erweichungslierde in diesen seitlichen Ge-
bieten der Oblongata stets auf Veränderungen der Art. cerebelli
inferior posterior oder ihrer Aeste zu beziehen , somit die letzten
3 Fälle als zusammengehörige Beis])iele disser Affection zu be-
trachten sind.
15*
22o WerniCKE, LehrLuch der Geliirnkrankheiten.
Als Beispiel einer diffuseren und entschieden entzünd-
lichen Erweichung der Oblongata möge noch die folgende
Beobachtung Platz finden ; wir nähern uns mit ihr dem Gegenstande
des nächsten Paragraphen.
Leyden. Klinik der Rückeumarks-Krankheiteu II. S. 157. 36jähr.
Prau, wird am 13. Juli aufgenommen. Nach Angabe des Mannes soll
die Pt. bis vor drei Tagen ganz gesund gewesen sein und sich erst am
Tage vor ihrem Eintritt in's Spital gelegt haben. Bei der Aufnahme fiel
zuerst eine Störung der Sprache auf: die Sprache war schwach, lallend,
unverständlich, doch nicht näselnd, auch schien es nicht, dass die Worte fehlten,
vielmehr war nur die Aussprache behindert. — Pt. ist eine kleine, ziem-
lich gut genährte Frau, sehr collabirt, Nase spitz und kühl, Extremitäten
kühl, Puls kaum fühlbar, unregelmässig. Wangen und Lippen deutlich
cyanotisch. Befragt, was ihr fehle, versucht sie zu sprechen, doch bringt
sie unter sichtlicher Anstrengung nur unverständliche, lallende, unarticulirte
Laute hervor : nur soviel wird verständlich, dass sie in der höchsten Angst
ist, zu sterben glaubt und die Gegend des Rachens als Sitz dieser Be-
ängstigungen bezeichnet. Die Respiration ist mühsam, laut hörbar, von
stertorösem Rasseln begleitet , die Pt. hustet öfters, ohne Schleim hervor-
bringen zu können. Zeitweise Respirationspausen. Die Zunge kann nui-
wenig bewegt und nur mühsam und unvollkommen herausgestreckt werden :
sie liegt in der Regel schlaff nach hinten gezogen auf dem Boden der
Mundhöhle. Im Gesicht keine Lähmungserscheinungen, die Arme deutlich
paretisch, der Händedruck sehr schwach, der erhobene Arm fällt , doch
nicht ganz passiv, herab. Die unteren Extremitäten scheinen ganz gelähmt
zu sein, wenigstens giebt die Schwester an, dass zuweilen das rechte Bein
unwillkürlich erhoben und angezogen wurde, und die Pt. dann bat, es ihr
wieder auszustrecken. Auch gab Pt. an, kriebelnde Schmerzen in den
unteren Extremitäten zu haben. Der Urin wurde unwillkürlich in's Bett
gelassen. — Unter Zunahme der Cyanose und der Respirationsbeschwerden
tritt schon am 14. Juli, 3 Uhi- Mittags der Tod ein.
Section. Erweichung der Oblongata. Auf dem Durchschnitt zeigt
sich die Substanz, am stärksten in der Gegend der Pyramiden und Oliven,
von kleineu .capillaren Extravasaten durchsetzt, in deren Umgebung eine
Zone gelbröthlich und grauröthlich verfärbter und erweichter Substanz
sich befindet. Solche kleinen Herde sind in der genannten Höhe sehr
zahlreich vorhanden und nehmen alsbald nach oben und nach unten zu
ab. Im unteren Theile des Pons werden nur wenige kleine Herde ge-
funden, ebenso unterhalb der Oliven nur vereinzelte. Abgestrichene
Massen der erwähnten Substanz lassen zahlreiche Körnchenzelleu erkennen
Nach der Erhärtung zeigt sich ebenso bestimmt die Höhe der Oliven als
Sitz der Erkrankung. Hier ist die Substanz von zahlreichen kleinen.
WeRNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 229
disseminirten, kaum stecknadelknopfgrossen, durch Carmin lebhaft roth ge-
färbten Punkten durchsetzt, sie finden sich links zahlreicher als rechts
und nehmen hauptsächlich die Pyramiden und die unteren Partien der
Eaphe ein; einzelne finden sich in der Substanz der Oliven und ein etwas
grösserer Herd zwischen den Fasern des Vagus und Accessorius. Die rechte
Hälfte ist ähnlich aber weniger afficirt. In der Umgebung dieser Punkte
findet sich noch eine Zone , welche weniger , aber doch abnorm geröthet
erscheint und in welcher die Rogelmässigkeit der Structur verwischt ist,
namentlich zeigt sich die Substanz zwischen Vagus und Accessorius linker-
seits diffus getrübt und verschwommen. Der Pons zeigt nur in seiner
ganz untersten Partie einige kleine rothe Punkte, die Gegend der Pyrainiden-
kreuzung nichts Abnormes mehr. — Die rothen Punkte erwiesen sich bei
mikroskopischer Untersuchung als perivasculäre Blutungen und entzündliche
Erweichungen. Vf. resumirt : der Process ergiebt sich also als eine
disseminirte , von den Gefässen ausgehende , mit capillären Haemorrhagien
einhergehende, entzündliche Erweichung der Med. oblongata.
§. 47. Die acute, hämorrhagische Poliencephalitis snperior.
Die Med. oblongata , als Grenzgebiet zwischen Gehini nnd
Rückenmark, hat auch in pathologischer Beziehung diesen doppelten
Character; denn einestheils haben wir Blutungen und Erweichungen
in derselben kennen gelernt, die durchaus den in dem übrigen
Gehirn vorkommenden gleichen, andererseits zeichnet sie sich vor
letzterem dadurch aus, dass, ähnlich wie im Rückenmark die graue
Substanz der Vorderhörner, auch hier der graue Boden des vierten
Ventrikels und besonders die motorischen Nervenkerne desselben Lieb-
lingssitz selbstständiger Erkrankungsformen wahrscheinlich entzünd-
lichen Ursprungs sind, die nur in der Poliomyelitis ihr Analogon finden.
Sofern diese Analogie zutrifft, kann man von einer Poliencephalitis
reden mit allen Verschiedenheiten des Ablaufes , die auch der
Poliomyelitis eigen sind: also einer chronisch progressiven — der
D uchenne' sehen Krankheit, einer acuten: der sogen, acuten
Bulbärparalyse, und einer subacuten, selteneren Form, die die eben-
falls seltene entsprechende Form der Poliomyelitis ersetzt.
Analoge Erkrankung.-'formen erstrecken sich aber weit über
das Gebiet der Oblons-ata nach aufwärts bis in die graue Substanz
des Mittel- und Zwischenhirns hinein, und hier gehören die befallenen
Nervenkerne ausschliesslich der Augenmuskulatur an. Auch hier
macht sich also der Rückenmarkstypus geltend , und es bewährt
230 WERNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
sich in pathologischer Hinsicht die Homologie des Ursprungs der
motorischen Hirnnerven und der vorderen Rückenmarkswurzeln,
welche schon morphologisch unabweisbar war. Dieses obere
Gebiet der Poliencephalitis erstreckt sich von der Rückwand des
Trichters im dritten Ventrikel bis zum Niveau des Abducenskernes.
Auch hier begegnen wir einer acuten und einer chronischen Form.
Wir werden deshalb zweckmässig je nach der befallenen Localität
eine Poliencephalitis inferior und eine superior zu unterscheiden
haben ; das Grenzgebiet aber zwischen diesen beiden wird ein ziem-
lich flüssiges sein, so dass zu der ausgeprägten Erkrankung des
einen Gebietes liin und wieder Herdsvmptome, die dem anstossenden
benachbarten angehören, Ihnzutreten.
Es ist hier eine kurze Abschweifung auf das Gebiet der
Rückenmarkskrankheiten zum Verständniss erforderhch. Die unter
dem Xamen der Poliomyelitis zusammengefassten Erki-ankungsformen
sind bekanntlich noch mehr klinischer Begriff als Ergebniss
pathologisch anatomischer Beobachtungen, und die acute Form der-
selben war klinisch unter dem Namen der spinalen Kinderlähmung-
lange bekannt, ehe man von der Erkrankrmg der grauen Substanz
dabei etwas wusste. Als es später gelang durch Sectionsbefunde
das pathologisch -anatomische Substrat dieser Krankheit festzu-
stellen, liielt man eine entsprechende Benennung für nöthig
und es wurde dann zuerst von Kussmaul der Name Pohomyelitis
angewandt, derselbe ward aber bald allgemein acceptirt. Diese
Poliomyelitis ist in vielen Fällen wirklich eine Myelitis,
eine entzündhche, herdweise Erweichung des Rückenmarks, wie jede
andere Myelitis, die nur die Eigenthümlichkeit des Sitzes in der
grauen Substanz besonders der Lenden- oder Halsanschwellungeu
vor der gewöhnHchen Myehtis voraus hat. Sie kann daher vorüber-
gehend die Erscheinungen einer gewöhnlichen Myelitis darbieten,
und erst nach diesem Anfangsstadium das typische Bild der auf
die graue Substanz beschränkten Poliomyelitis zmnickbleiben,
während andere Male bei kleinen Herden von vornherein die characte-
ristischen Symptome einer Erki'ankung der grauen Substanz auf-
treten. Diese Symptome werden dadurch bedingt, dass in den
grauen Vorderhörnern die grossen Ganglienzellen liegen, in welche
einerseits die Fasern der Pyramidenbahnen einmünden, aus welchen
andererseits die peripheren Nervenfasern für die Muskulatur der
Extremitäten entspringen. Diese Ganglienzellen gehen zu Grunde ;
WernicKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 231
was man nach einigen Monaten von ihnen noch vorfindet, class sind
verkalkte, in ihrer Form kaum noch Avieder zu erkennende, stark
verkleinerte Crebilde, und auch die Nervenfasern, die sonst so reich-
lich in der Substanz der Vorderhürner anzutreffen sind, findet man
nur in verkalkten Bruchstücken noch vor. Wir verdanken den
Nachweis dieser Veränderungen den Untersuchungen C. Fried-
lände r s , desselben Autors, welcher auch die analogen Befunde in
den Erweichungsherden des Gehirns zuerst gesehen hat. Da diese
Ganglienzellen zu Gruppen vereinigt sind, in denen immer be-
stimmte, beim Gebrauch zusammenwirkende Muskeln vertreten sind,
so kommt bei kleineren Zerstörungen ein ganz umschriebener Aus-
fall bestimmter Muskelgruppeu zur Erscheinung, die Symptome
haben dann das Kennzeichen der Kernerkrankung. Ist die Zer-
störung grösser, so tritt dieser Character der Störung zurück , es
kann dann ein ganzes Bein oder ein Arm betroffen sein, selten
aber ereignet es sich, dass dann nicht wenigstens gewisse Muskel-
gruppen allmählich wieder in Function treten , wo dann der
Character der Kernerkrankmig wieder deutlich hervortritt. Auf
die anderen Kennzeichen, welche der Vernichtung dieser Zellen zu-
kommen, brauchen wir hier nicht näher einzugehen; man kann es
als gesichert betrachten, dass der Untergang einer Zelle auf die
von ihr entspringende vordere Wui'zelfaser und den muskulären
Endaparat denselben Einfluss übt, wie die Durchschneidung der peri-
pheren Nerven, d. h. es erfolgt sofortige Lähmung, auf welche nach
einiger Zeit die Atrophie der davon betroffenen Muskelfasern ein-
tritt. Dieser acuten Poliomyelitis kann man nun eine sabacute
Form gegenüberstellen, in welcher dieselben Localitäten erkranken,
aber die Krankheit erst im Laufe mehrerer Wochen und Monate
die Ausdehnung erreicht, bei welcher sie mm stehen bleibt, oder
zum Tode führt, oder zum Theil wieder rückbildungsfähig ist. Ge-
langen solche Fälle zur Section , so findet man nicht eigentlich
myelitische Herde, sondern nur das Residuum wahrscheinlich mye-
litischer Veränderungen, die sich in der grauen Substanz abgespielt
haben; man findet an den Stellen, wo sonst die Ganglienzellen
liegen, keine solche vor oder niir Rudimente davon und an ihrer
Stelle bald eine Art von sclerosirtem Gewebe , bald reichliche
Spinnenzellen, also bindegewebige Elemente, welche die Rolle des
Unkrauts in den nervösen Centralorganen spielen und dem unterge-
gangenen neiwösen Parenchym auf dem Fusse folgen. Li anderen
262 WeenicKE, Lelirbueli der Gehirnkrankheiten.
ganz chronisch ablaufenden Fällen hat man wohl geglaubt, es mit
einer einfachen primitiven Atrophie der motorischen Zellen zu thun
zu haben, bei der sogen, progressiven Muskelatrophie. Die prin-
cipiellen Abweichungen in den Symptomen, die man hier statuiren
will, erklären sich jedoch bei näherem Zusehen durch den
chronischeren Ablauf des Processes, indem das schrittweise Er-
griffemverden einzelner Zellen nothwendig dazu führen muss , dass
ein Stadium der Lähmung und der Atrophie nicht mehr von ein-
ander unterschieden werden können, sondern beide Vorgänge Hand in
Hand zu gehen scheinen. Es ist deshalb nicht zu verkennen, dass
immer allgemeiner die Tendenz hervortritt, alle diese klinischen
Formen der Kernerkrankung der Poliomyelitis zu subsummiren,
und auch wir halten die klinischen Merkmale aller dieser Formen
für so maassgebend, dass wir uns derselben Ansicht anschliessen.
Wir acceptiren also die Ansicht, dass alle Kernerkrankungen des
Rückenmarkes der Poliomyelitis zugerechnet werden, und halten die
Eintheilung fest , wonach eine acute, eine subacute und eine
chronisch progressive Form derselben zu unterscheiden ist.
Von diesen Formen hat nur die acute ein strictes Analogon
im Gebiete des G ehirns ; denn wie im Rückenmark ein mvelitischer
Herd, so verhält sich genau der acute Erweichungsherd im Gehirn.
Wenn wir daher den klinischen Gesichtspunkt wie bei der Polio-
myelitis, so auch bei den Kernerkrankungen der Oblongata den
Ausschlag geben lassen, so werden der acuten Poliomyelitis die-
jenigen acuten Erweichungsherde derMedulla oblongata entsprechen,
welche vorwiegend oder ausschliesslich die Kernregion derselben be-
fallen, ganz gleich, ob ihnen eine Getäss Verstopfung oder eine ent-
zündliche Infiltration des Gewebes zu Grunde liegt. So könnte
also der erste Fall Leyden's im vorhergehenden Paragraphen
(auf S. 222) ungezwungen der Poliencephalitis zugerechnet werden.
Der Fall He r a r d ' s (auf S. 221) hätte vielleicht, wenn er zur Section
gekommen wäre, einen vollständig gleichen Befund ergeben. Ganz ab-
weichend von den sonst vorkommenden Erweichungen des Gehirns
und entschieden dem Rückenmarkstypus zugehörig verhält sich da-
gegen die entzündliche Infiltration des Gewebes in dem zuletzt
mitgetheilten Leyden' sehen Falle. Beide Vorkommnisse lassen
sich also in der Oblongata mit Beispielen belegen. In den ober-
halb der Oblongata befindlichen Kernen motorischer Hirnnerven
Wernicke, Lelirbuch der Gehinikraiikheiten. 2do
beoLacliteii wir nur diese iiifiltrirte und dabei tiäclienhaft verbreitete
Form der rothen entzündlichen Erweichung.
Dass diesen Erweichungen im Gebiete der Gehirnnervenkerne
eine besondere Stellung zukommt, wird bald ersichtlich, wenn man
sich nach dem Analogen für die chronische Form der Poliomyelitis
im Gehirn umsieht. Es handelt sich hier nicht mehr um eine herd-
weise Erweichung, wie sie in manchen Fällen acuter Poliencepha-
litis zu constatiren war , also nicht um einen chronischen Er-
weichungsherd mit den in §. 45 geschilderten Eigenthümlichkeiten
des Verlaufes mid Befundes, sondern um dieselbe Form chronischer
Entzündung, die man bei chronisch entstehenden Herden im Rücken-
mark vorfindet, d. h. um eine sclerosirende Myelitis, und zwar in
demselben weiten Sinne dieses Wortes, welcher, wie wir sahen,
auch bei der chronischen Poliomyelitis gewöhnlich untergelegt wird.
Man findet hier im Gebiete der Gehirnnerven bald denselben Be-
fund einfachen Zellenschwundes, wie er vom Rückenmark geschildert
wurde, bald ausgeprägte Scleroscn, die wieder einestheils auf die
Kernregion beschränkt voi-kommen können, anderntbeils diese zwar
einschliessen , aber noch auf die Nachbarschaft übergreifen. Die
chronischen Formen der Poliencephalitis werden aus diesem Grunde
erst bei den sclerotischen Processen ihre richtige Stelle finden.
Diese Vorbemerkungen waren nöthig, um den drei folgenden
Krankengeschichten ihre richtige Stellung anzuweisen. Die ausführ-
lichsten Notizen besitze ich über den letzten Fall.
20 jähr. Nähterin, wurde am 5. Decemberl876 einer Schwefelsäure-
vergiftimg wegen in die Charite aufgenommen und am 6. Januar 1877
geheilt entlassen. Ausserhalb der Anstalt will sie sehr bald erbrochen
haben, im Uebrigen aber gesund gewesen sein bis zum S.Februar 1877,
von Avelcher Zeit an sie bettlägerig und auffallend schlafsüchtig wurde,
viel gähnte und beim Gehen taumelte , sobald sie versuchte , das Bett zu
verlassen. Pt. bemerkte ausserdem eine Abnahme des Sehvermögens, zu
welcher spä,ter ein beständiges, überaus lästiges Flimmern und heftige Licht-
scheu, Schwindel und Schwere im Kopfe hinzukamen. Da alle Beschwerden
zunahmen, das Erbrechen fortbestand, Hess sie sich am 11. Februar 1877
in die Charite aufnehmen. Specifische Infection hatte nie stattgefunden.
Am 12. Februar folgender Status: Die sehr bleiche, etwas abgemagerte
Pt. liegt mit halbgeschlossenen Augen. Sie öflFnet die Lidspalte nur auf
etwa 1 cm und kann sie auch bei Beschattung nicht weiter öffnen. Beim
Blick nach oben tritt etwas stärkere Oeffniuig ein. Die rechte Lidspalte
234 Wernicke, Lehrbuch der Gehirukrankheiten,
ist für gewöhnlich und auch beim Blick nach oben etwas enger als die
linke. Der Augenschluss geschieht vollständig, jedoch -wenig energisch,
ohne Faltenbildung, auch reflectorisch durch Berührung des Auges ist kein
festerer Schluss zu erreichen. Beim ruhigen Blicke gerade aus stehen
beide Bulbi ruhig und in leichter Convergenzstellung. Beim Blick nach
aufwärts treten zuckende Bewegungen in gi-ossen Excursionen auf, die Be-
wegung gelingt aber schliesslich ganz ausgieVjig. Beim Blick nach abwärts
ist dasselbe zu beobachten. Die Bewegung beider Augen nach links ist
bedeutend beeinträchtigt. Das linke Auge geht dabei ti-otz sichtlicher
Anstrengung und zuckender Bewegungen nicht bis über die Mittellinie,
das rechte Auge geht etwas weiter nach innen , kann jedoch nur auf
Momente mit dem inneren Cornealrand der Karunkel genähert werden, ge-
wöhnlich erreicht der innere Cornealrand nur die Linie des unteren Thränen-
punktes. Die Bewegungen nach rechts sind in ähnlicher Weise beeinträchtigt,
namentlich kann das rechte Auge ebenfalls nur bis zur Mittellinie gebracht
werden, während das linke besser als das rechte in den inneren Winkel
geht, immerhin aber noch deutlich zurückbleibt. Dasselbe Verhalten tritt
bei Convergenz der Sehaxen (Fixation der Nasenspitze) hervor , indem die
Einwärtswendung links besser gelingt, als rechts. In der Ruhelage ist die
Abweichung der Augenaxen nicht sehr auffällig, obwohl deutliche Convergenz-
stellung vorhanden ist. Die Pupillen, gleich, mittelweit, reagiren träge auf
Licht. Bei Euhelage des Gesichtes steht der rechte Mundwinkel tiefer und
die rechte Wangenhälfte ist etwas verstrichen , während links sowohl die
Nasolabialfalte als die das untere Augenlid begrenzende stark ausgeprägt
ist. Der rechte Mundwinkel ist weniger geöffnet als der linke. Der Aus-
druck ist weinerlich und mürrisch, zugleich apathisch. Beim Lachen, sowie
beim weiten Oeffuen des Mundes bleibt derselbe Unterschied bestehen,
während bei den übrigen willkürlichen Bewegungen kein Unterschied der
Gresichtshälften wahrnehmbar ist. Im Uebrigen ist keine Lähmung nach-
weisbar, jedoch besteht gTOSses Schwächegefühl. Mit Unterstützimg kann
Pt. gehen. Keine Sensibilitätsstörung, kalte Extremitäten. Pt. klagt über
grosse Müdigkeit , ihre Sprache ist ebenfalls müde und wie schlaftrunken.
Im Laufe des Tages wiederholtes Erbrechen. T. 37,0 — 37,4. 13. Febr.
Somnolenz hält an, Pt. stöhnt nur bisweilen auf oder ruft ihren Bräutigam
mit Namen, ist überhaupt unorientirt und scheint nicht zu wissen, wo sie
ist; wenn sie ermuntert ist, z. B. bei den Mahlzeiten, unterhält sie sich
vernünftig mit dem Wartepersonal, unterbricht aber plötzlich das Gespräch,
indem sie über Kreuzschmerzen und Schwere im Kopf klagt. Urin sparsam
gelassen, ist von eigenthümlich öliger Beschaffenheit, enthält Peptone, kein
Eiweiss, keinen Zucker. Kühle Extremitäten. T. 36,4 — 37,2. 14. Febr.
Pt. muss erst erweckt werden, antwortet zwar, bleibt aber unorientirt.
Klagt über Kopfschmerz und Steifigkeit im Nacken. Zeigt sich äusserst
WernicKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 235
ängstlich imcl füi-clilet zu fallen, als sie getragen werden soll. Häufiges
Gähnen und Stöhnen. Antworten erfolgen nur auf wiederholtes Fragen.
Pupillen dui-ch Atropin erweitert. Ophtalmoskopisch doppelseitige Neuritis
optici mit nur massiger Schwellung und vielen streifenförmigen Blutungen.
Abdomen aufgetrieben, stark gespannt und schmerzhaft. T. 37,3 — 37,5.
P. 120, kaum fühlbar. Nachts grosse Unruhe, häufiges Schreien. 15. Febr.
Soporöser Zustand , dabei schmerzhaftes Wimmern , auf Anreden erfolgt
keine Antwort. Tod am Nachmittag.
S e c t i 0 n. Eine Abplattung der Gyri ist nicht vorhanden, die Höhlen
des Gehirns enthalten nur ein paar Tropfen Flüssigkeit , Tela und Plexus
von hellrother Farbe. Auf dem Durchschnitte durch die centralen Ganglien
sieht man, soweit der dritte Ventrikel reicht, in den Wandungen desselben
auf eine Entfernung von etwa 3 — 5 mm eine im Ganzen rosige Färbung
der anstossenden Gehirnmasse , in welcher zahlreiche kleine , punktförmige
Haemorrhagien vorhanden sind. Die Veränderungen sind beiderseits mit.
fast mathematischer Genauigkeit gleich. Sehr schön sieht man sie auf dem
Durchschnitte in der Gegend der mittleren Coramissur, welche gut ausge-
bildet und ebenfalls von Haemorrhagien durchsetzt ist ; in den Vierhügeln
ist von einer ähnlichen Veränderung nichts mehr zu bemerken, ebenso findet
sich nichts in dem kleinen Gehirn. Die Pia an dem verlängerten Mark
hat eine rauchgraue Färbung, in Pons und Med. oblong, sind gröbere
Veränderungen nicht zu bemerken. Im Rückenmark ist keine maki-oskopisch
wahrnehmbare Veränderung voi'handen. Zahlreiche Blutungen in beiden
Retinae. Sonst die Residuen der Schwefelsäurevergiftvmg. Anatomische
Diagnose : Encephalitis haemorrhagica substantiae griseae ventricul. HI.
Haemorrhagiae retinae utriusque. Stenosis pylorica ventriculi; Gastrectasia
intorixatione sulfurica, chronica, ulcerosa. Die nach der Erhärtung ange-
stellte Untersuchung ergab, dass die Blutungen meist die Gefässe einscheideten,
die punktförmigen zeigten einen verschiedenen Umfang und erreichten ver-
einzelt die Grösse eines Stecknadelkopfes. Die kleinen Gefässe und Capillaren
sehr erweitert und prall gefüllt, die Gefässwand ohne auff'allende Veränderungen,
nur hin und wieder schien au den Capillaren eine Schwellung und unge-
wöhnliche Grösse der Endothelzellen vorzuliegen. In der Nähe der Blutungen
überall auch Körnchenzellen. Was die Verbreitung dieser Veränderungen
betrifft, so erstreckten sie sich nirgends auf die dem grauen Boden benach- •
harten Gebilde und Fasermassen. Nur im hinteren Vierhügelganglion der
linken Seite zeigte sich gerade in der Mitte eine isolirte, stecknadelkopf-
grosse Blutung. Nach abwäits reichte dieselbe Veränderung des grauen
Bodens in allmählich abnehmender Intensität bis in die Gegend der Striae
acusticae. Arterien der Basis erscheinen normal.
Ein 3 6 jähr. Schotte, Ciavierlehrer und angeblich Professor, ist starker
Potator und hat namentlich Cognac in grossen Quantitäten getrunken. Er
236 WRR>aCKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
wird als Delirant am 18. Juni 187 7 in die Charite aufgenommen, ver-
bringt die Nacht schlaflos, fortwährend delirirend , jedoch nicht läi*mend.
Am 19. Juni folgender Status: Gut genährter, etwas fettleibiger Mann
ohne Erkrankung innerer Organe, delirirt halblaut vor sich hin, zeigt grosse
motorische Unruhe und sehr starken Tremor, ist über und über mit Schweiss
bedeckt. Aus dem Bett genommen , kann Pt, luir sehr unsicher und mit
Unterstützung gehen, der Gang ist atactisch, von ruckweisen, unzweckmässigen
Bewegungen unterbrochen , dabei breitbeinig und mit steifer Haltung des
Rumpfes. Eine weitere Untersuchung in Bettlage ist wegen der Unruhe
des Kranken nicht möglich, nur wird constatirt, dass Pt. gegen Stiche in
die Fusssohle reagirt. Die Hände werden frei bewegt, ihre Bewegungen
nur durch den Tremor gestört. Die Sprache ebenfalls sehr stark zitternd,
übrigens schwer zu beurtheileu , da Pt. schottisch spricht, nur abgerissene
Laute vor sich liin murmelt und seine Aufmerksamkeit gar nicht zu fesseln
ist. Die Pupillen beide stark verengt, fast bis auf Stecknadelkopfgrösse,
übrigens gleich. Die Augenbeweglichkeit scheint beeinträchtigt, ohne dass
sich etwas Genaueres feststellen lässt, da Pt. nicht fixirt. Hauttemperatur
nicht erhöht. Eesp. beschleunigt, P. ebenfalls beschleunigt, ziemlich klein,
regelmässig. In den nächsten Tagen hielt das Delirium unverändert an,
das Allgemeinbefinden zeigte nichts Beuni-uhigendes. Durch wiederholte
Beobaclitung wurde constatirt, dass Pt. die Augen fast gar nicht bewegte,
sondern nur durch Bewegungen des Kopfes im Stande war, Gegenstände
zu fixiren. Mit Nachlass der motorischen Unruhe trat ein somnolenter Zu-
stand, mit grosser Schwäche verbunden, ein , Pt. war ausser Stande , sich
auf den Beinen zu erhalten. Der Puls, stets sehr weich, Avurde immer
kleiner, beschleunigter und dazu unregelmässig, die Resp. wurde ebenfalls
unregelmässig und Pt. starb nach längerem Sopor am 26. Juni. In der
Zeit der Beruhigung war es möglich , die Augenbeweglichkeit besser zu
prüfen, es zeigte sich, dass die Augen fast vollständig in Mittelstellung
fixirt waren, jedoch bestand keine Ptosis. Die sonst verengten Pupillen
erweiterten sich auf Atropin. Ophthalmoskopisch zeigte sich die Papille
auf beiden Augen deutlich geröthet , aber ohne Schwellung , und auf dem
rechten Auge eine streifenförmige Blutung einem Gefäss entlang.
Section. Am Gehirn derselbe Befund, wie im vorigen Falle. Die
Blutungen gehen nirgends über die punktförmige Beschaffenheit hinaus und
sind auf das centrale Höhlengrau des dritten und vierten Ventrikels sowie
des Aquaeductus beschränkt. Die Gegend des Ganglion habenulae ist
auf beiden Seiten mitbetroffen. Mikroskopisch sind die Veränderungen
ganz gleich denen des vorigen Falles. Basalarterien normal.
33 jähr. Mann, ••A'ird am 10. März 1878 in die Charite aufgenommen,
nachdem am Morgen das Delirium tremens ausgebrochen war. Starker
Schnapstrinker, namentlich seit einigen Monaten. Seit dem letzen Feldzuge
Wernicke. Lehrbuch der Geliirnkrankheiten. ■^^ •
öfter Klagen über Reissen in den Beinen, in einem früheren Feldzuge den
Typhus gehabt, ak junger Mann einmal inficirt. Seit 4 Wochen bisweilen
schlechter Gang. Vor 3 Wochen 8 Tage lang Beschwerden beim Wasser-
lassen. Vor 8 Wochen soll Pt. einmal vom Wagen gefallen sein, vielleicht
auch auf den Kopf, aber ohne alle Folgeerscheinungen. Seit 4 Wochen
manchmal Schwindel und Kopfschmerzen, auch des Morgens Erbrechen, be-
sonders nachdem er viel getrunken hat. In den letzten 2 Tagen hat Pt.
über Doppelsehen geklagt , etwa seit derselben Zeit ist er gelbsüchtig.
Hat nie einen Schlaganfall oder Krämpfe gehabt. Am 11. März folgender
Status : Sehr kräftiges , gut genährtes Individuum mit leicht icterischer
Färbung , in der rechten Inguinalgegend eine alte Bubonennarbe. An der
Uebergangsfalte des Penis ein sehnig glänzender, narbiger Strang, an den
Unterschenkeln einige kreisrunde, scharf abgesetzte, pigmentlose Flecken.
Pt. hat sich seit seiner Aufnahme ganz ivie ein Delirant verhalten , ist
über Ort und Umgebung unorientirt. Jetzt sehr erhebliche motorische
Unruhe, die Hände zupfen fortwährend an der Decke, mit dem Körper wirft
sich Pt. umher und dreht den Kopf, um nicht vorhandene Personen zu
fixiren, er ruft nach Bekannten, hat auch ängstliche Vorstellungen. Bei
seinen lebhaften G-esticulationen tritt starker Tremor hervor. Stimme heiser,
Sprache hastig, sich überstürzend, etwas zitternd, nicht lallend, auch ohne
Anarthie. Gesicht mit Schweiss bedeckt, Respiration sehr beschleunigt, wie
es scheint, in Folge der psychischen Erregung, kein Husten. Gesichtsfarbe
leicht cyanotisch, gedunsenes Aussehen. Die Lippen und Zähne haben
einen borkigen Belag. Der Gang ist taumelnd, ausserdem durch plötzlich
auftretende atactische und Tremorbewegungen gestört. Stehen auf jedem
Beine auf kurze Zeit möglich. Auf Befragen klagt Pt. über Schwäche der
Beine. Gestreckte Haltung des Rumpfes und Kopfes. Zunge etwas trocken,
ohne Bissspuren , wird gerade hervorgestreckt , aber mit starkem Tremor.
Im Gesicht eine Andeutung rechtsseitiger Facialisparese. Pt. ist nicht be-
nommen, durch Fragen kann seine Aufmerksamkeit für Momente gefesselt
werden. P. 110—120, gleichmässig, ziemlich voll, sehr weich, T. 39,3.
Urin frei von Eiweiss und Zucker. Brustorgane normal , Leberdämpfuug
überragt um 2 Querfinger breit den Rippenbogen. Es besteht doppelseitige,
totale Abducenslähmung. Jedes Auge kann nicht über die Mittellinie nach
aussen bewegt werden. Die übrigen Augenbewegujjgen scheinen intact.
Pupillen reagiren beiderseits auf Licht und Convergenz der Sehachsen, sind
mittelweit und ohne Ungleichheit. Auf Nadelstiche erfolgt im Gesicht und
an den Händen prompte Reaction, an den Füssen nur geringfügige. Einen
tiefen Nadelstich in die grosse Zehe rechts nimmt Pt. erst nach einiger
Zeit wahr und klagt dann über sehr starkes Brennen , links bleiben die
meisten Stiche ohne Reaction. Klopfen an den Schädel nicht schmerzhaft,
eben so wenie- Druck auf die Wirbelsäule und Nakenmuskulatur. Abends
■^Oö Wernicke, Lehrbuch der Gehirukrankheiten.
ophtalmoskopisch intensive Eöthnng, jedoch keine Schwellung der Papillen,
die Ränder derselben nicht ganz scharf. Keine Blutungen. Motorische
Unruhe und Schweiss noch gesteigert. G-aug noch unsicherer , gespreizt,
mit steifen Beinen. Neigung zu Nackensteifigkeit. P. 120, T. 39, Resp.
28 — 30. 12. März. In der Nacht hat Pt. still für sich delirirt, gegen
Morgen etwas Beruhigung. Pt. liegt jetzt ruhig mit geschlossenen Augen,
wird aber bei der Untersuchung sofort munter und delirirt nun still vor
sich hin. Keine Jactation mehr. Eesp. 24 — 30, P. 100, regelmässig,
noch sehr weich, T. 38,9. Bisweilen Hustenstösse mit katarrhalischen
Sputis. Auf Klysma mit Essigzusatz ist gestern ein reichlicher, breiiger
Stuhl erfolgt. Nacken wird noch etwas gestreckt gehalten, besonders beim
Aufrichten zur sitzenden Stellung. Druck auf die Processus spinosi der
oberen Brustwirbel- und auf die Nackenmuskulatur bewirkt starkes Verziehen
des G-esichts, dagegen nicht das Streichen der Eückenhaut. Die herabge-
setzte Empfindlichkeit der unteren Extremitäten hat einer Hyperaesthesie
Platz gemacht, dieselbe ist besonders auffallend im Verhältniss zur Be-
nommfcnheit des Kranken und zeigt sich besonders bei Druck auf die
Wadenmuskulatur beiderseits. Augenlähmung unverändert, Zunge zittert
stärker beim Hervorstrecken, Facialis wie gestern. Pupillen durch Atropin
erweitert. Abends T. 38,7. P. 90. 13. März. P. 114. Eesp. 26.
T. 37,9. Pt. hustet weniger, spricht noch immer vor sich hin, delirirt
und ist unorientirt. Zusammenschrecken bei Berührungen. Hyperaesthesie
der Muskeln nicht mehr vorhanden. Pt. kann mit Unterstützung einige
Schritte gehen, obwohl schwankend, geht breitbeinig und steif. Augen und
G-esicht unverändert. Abends P. 100 — 110. T. 87,8. 14. März,
P. 98 — 100. T. 37,8. Puls klein und sehr weich, aber regelmässig. Pt.
hat den grössten Theil der Nacht delirirt, ist aber heut früh weniger be-
nommen als gestern und fängt an, sich zu orientiren. Da Pt. gut fixirt,
werden die Augenbewegungen genauer untersucht. Die Beweglichkeit nach
aussen ist wie früher, nach innen scheint sie heute ebenfalls beeinträchtigt,
nach oben und unten intact. Beim Aufsitzen ziemlich deutliche Nacken-
steifigkeit. Abends P. 100. T. 38,0. Urin frei von Eiweiss und Zucker,
intensiv gefärbt. 15. März. Pt. hat die Nacht über zeitweilig delirirt,
meist w^ar er ruhig. Jetzt liegt Pt. im Sopor, hin und wieder treten
zuckende Bewegungen, bald eines Armes oder Beines , bald des ganzen
Körpers auf. P. sehr klein, weich, regelmässig, ca. 96, war vor etwa Vs
Stunde kaum fühlbar. Resp. ist schnarchend, unregelmässig , und zwar
treten längere Pausen ein, worauf erst schwache , dann tiefer werdende
InsiDirationen folgen. Zum Stokes'schen Athmen fehlt die Eegelmässigkeit
der Aufeinanderfolge. Auf Druck der grossen Zehe erfolgt lebhaftes
Zurückziehen jedes Beines, behn rechten auch Verziehung des G-esichtes.
Bei unerwarteter Berühruno- erfolet immer noch Zusammenschrecken. Der
WerNICKE, Lehrbuch der Gehinikrankheiten. ^oa
Patellarreflex lässt sich links untersuchen und ist nicht vorhanden. Durch
Anrufen ist Pt. zvi ermuntern, sagt dann, es ging ihm gut. Lebhafter
Durst, trockene Lippen, keine erhebliche Sprachstörung. Beim Aufrichten
noch Nackensteifigkeit und Verziehen des Gresichts. Abends F. 100.
T. 38,2. 16. März. P. 96, beginnt etwas unregelmässig zu werden,
Tr. 38,5, Allgemeinbefinden ziemlich unverändert, Pt. delirirt noch zeit-
weilig, ist aber im Ganzen ruhiger, die Schwäche hat zugenommen, Pt.
liegt meist mit halbgeschlossenen Augen, nur das Weisse sichtbar. Häufig
Husten, kein Auswurf. Aus dem Bette herausgenommen, zeigt Pt. eben-
falls grössere Schwäche, knickt nach einigen schwankenden, steifen Schritt-
bewegungen zusammen. Aiif Anrufen hat Pt. für Augenblicke ziemlich gutes
Bewusstsein, ist orientirt und bemüht sich, vorgehaltene Gegenstände zufixiren.
Klagt über grosse Schwäche. Die Augenbeweglichkeit hat noch weiter abge-
nommen, und zwar geschieht jederseits die Bewegung nach innen nur sehr mangel-
haft und unter zuckenden Bewegungen, die Bewegung nach unten bleibt
ebenfalls beträchtlich zurück , die nach oben ist am besten erhalten,
scheint aber auch etwas beschränkt. Ophtamoskopischer Befund : Am
rechten Auge das ausgeprägte Bild dei Neuritis optici. P. intensiv ge-
röthet, vielleicht etwas gescliAvolleu, die Ränder undeutlich. Die Arterien
nicht sichtbar, die Vene sehr gestaut und in allen Zweigen gefüllt. Ein
nach der Macula gerichtetes kleines Gefäss ist in der Nähe von P. von
einer spindelförmigen Blutung eingefasst. Sonst keine Blutungen. Am
linken Auge ist P. nur hyperämisch, die Ränder etwas undeutlich, Arterien
und Vene bis in die feinsten Verzweigungen stark gefüllt. Gegen Mittag
trat der Tod ein.
Section. Pia an der Convexität und Basis gleichmässig transparent,
in ganz geringem Grade ödematös. Dura nicht gespannt , ohne Verände-
rungen, Pia zeigt ebenfalls keine Veränderungen. Die Hemisphären selbst
zeigen nichts Erhebliches, nur an der Rinde leicht geröthet. Keine Ver-
änderungen an der Basis. Nach Abtragung des Daches des 3. Ventrikels
sieht man die Substanz der mittleren Commissur von kleinen pvmktförmigen
Hämorrhagien durchsetzt. Nach Entfernung des Kleinhirns sind die am
meisten grauen Stellen des grauen Bodens ebenfalls mit feinen rothen
Punkten gesprenkelt ; möglicherweise ebenfalls capillare Blutungen enthaltend.
Sonst nichts Auffälliges. Rückenmark ohne Befund. Herz etwas vergrössert,
Wandungen nicht hypertrophisch. Auf der dem Vorhof zugekehrten Seite
der Mitralis mehrere ältere, sehr derbe, knotige Verdickungen. Lungen
beide von bedeutendem Volumen, ödematös, stark bluthaltig. Halsorgane
stark cyanotisch, Schleimhaut des larynx verdickt, an beiden Stimmbändern
oberflächliche Ulcerationen. Milz breit, kuchenförmig , auch im Dicken-
durchmesser etwas vergrössert. Nieren beide stark hyperämisch.
Anatomische Diagnose : Haemorrhagiae punctiformes mnltipl. commis-
240 WERNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
surae mediae, ventriculi tertii et substantiae griseae ventricul. quarti.
Oedema et hyperaemia pulmonum. Endocarditis chronica mitralis.
Hyperplasia lienis. Infiltratio adiposa hepatis , Ulcera ligg. vocal. Die
Untersuchung des gehärteten Präparates ergab genau die gleiche Veränderung,
wie in den beiden schon mitgetheilten Fällen, nur erreichten die Blutungen nirgends
den Umfang eines Stecknadelkopfes. Die nach dem Befunde als entzündlich
zu deutende Veränderung ging nirgends über den grauen Boden des vierten
Ventrikels hinaus , im dritten Ventrikel war sie nicht so ausgesprochen,
wie im vorigen Falle, dagegen erstreckte sie sich noch etwas weiter
nach abwärts in das oberste Grebict des Calamus scriptorius.
Es handelt sich um eine selhstständige. entzündliche, acnte
Keruerkrankung im Gebiete der Augenmuskehierven , die in der
Zeit von 10 — 14 Tagen zum Tode führt. Die Herdsymptome be-
stehen in associirten Augeimmskellähmungen , die rasch entstehen,
fortschreiten und schKesslich zu einer fast totalen Lähmung der
Augenmuskulatui' führen ; doch bleiben selbst dann noch gewisse
Muskeln davon ausgenonmien, wie der Sphincter iridis oder Levator
palpebrarum. Der Gang der Kranken wird taumelnd und zeigt eine
Combination von Steilheit mit Ataxie, die am meisten an die Ataxie der
Alcoholiker erinnert. Die Allgemeinerscheinungen sind sehr auf-
fallender Natur und bestehen in Störungen des Bewusstseins ,
und zwar entweder von Anfang an Somnolenz, oder einem Schluss-
stadium der Somnolenz , das durch ein länger dauerndes der
Agitation eingeleitet wird. Ausserdem war allen 3 Fällen eine
Theilnahme der Sehnerven und zwar entzlmdliche Veränderungen
der Papillen eigenthümlich. Stets waren schwere Schädlichkeiten
dem Ausbruch der Krankheit vorangegangen , das eine Mal eine
Schwefelsäure Vergiftung, die mit Stenose des Pjlorus geheilt war,
in den beiden anderen Fällen ein Alcoholmissbrauch ungewöhnlich
starken Grades. Die Frage, ob in diesen letzteren die Erschei-
nungen des Delirium potatorum als Complication oder als selbst-
ständige, dieser Krankheit zukommende Allgemeinerscheinmig auf-
zufassen sei, kann wohl aufgeworfen, aber nicht entschieden werden,
jedenfalls lag nicht ein gewöhnliches, sondern mindestens ein mit
den Symptomen der Poliencephalitis complicirtes Delirium tremens
vor. Doch mag darauf hingewiesen werden , dass die characte-
ristische Unorientirtheit auch in dem ersten Falle constatirt wurde,
dessen Erscheinungsweise von der des Delirium möglichst weit ent-
fernt war. Nachdem die erste Beobachtimg bei Lebzeiten ganz
WerniCKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 241
unverstanden geblieben war, gelang es mir bei der zweiten und
dritten trotz der Abweichung in den Allgemeinersclieinungen die
Diagnose zu stellen. Daraus folgt wohl die Berechtigung, diese
Fälle als ein besonderes Krankheitsbild hervorzuheben.
Der einzige analoge Fall, den die Literatur sonst noch aufzu-
weisen hat, ist mir erst später bekannt geworden. Die üeberein-
stimmung in den Hauptsymptomen und dem anatomischen Befunde
ist unverkennbar, wenn auch nicht die Kernregion allein betroffen
war wie in unseren Fällen. Der Verlauf von fünfmonatlicher Dauer
entspricht mehr einer subacuten Form der Krankheit.
Gay et. Affection encephalique (encephalite diffuse probable) localisec
aux etages superieurs des ijedoneules cerebraux et aux couches optiques,
ainsi qu'au plaucher du quatrieme veiitricule et aux jaarois laterales du
troisieme. Arch. de phys. 187.5. 28jähr. Mann, wird am 23. November
aufgenommen. Mitte September arbeitete er in einem Maschinenraum, als
plötzlich nicht weit von ihm eine Kesselexplosion erfolgte. Trotzdem die-
selbe grosse Zerstörungen am-ichtete , blieb er vollkommen unverletzt, aber
gerieth sehr ausser sich , schlief nicht und war ungemein aufgeregt. Drei
Tage konnte er noch arbeiten, dann aber bemerkte er, dass er nicht mehr
ordentlich lesen und schreiben konnte. Seitdem verblieb er in einem Zu-
stande allgemeiner Schwäche , Abgeschlagenheit und Apathie , wozu nach
einiger Zeit beständige Schlafsucht hinzutrat. Bei der Aufnahme antwortet
er mit absolut freier Intelligenz, aber langsam und muss ermuntert werden.
Die Gesichtszüge sind maskenartig verstrichen, der Orbicularis oris und
palpebrarum an ihre Knochenunterlage angepresst , es besteht doppelseitige
Ptosis, und die Lidspalten sind zu I i geschlossen. Trotz der auffälligen
Atonie ist keine eigentliche Facialislähmung vorhanden , alle Bewegungen
können ausgeführt werden, aber das Sprechen beispielsweise geschieht wie
isolirt, ohne Theilnahme der übrigen Physiognomie. Es besteht eine allge-
meine gleichmässige Schwäche der gesammten Muskulatur, die so weit geht,
dass Pt. nicht im Stande ist, sich aufrecht zu erhalten oder mit der Hand
fest zu drücken. Beide Oculomotorii sind in allen Aesten fast vollkommen
gelähmt , nur die Pupillen und die Accommodation verhalten sich normal..
Das Sehvermögen ist gut. Die Specialsinne überhaupt, sowie alle Qualitäten
der Hautsensibilität normal. Pt. ist so schlafsüchtig, dass er während der
Untersuchung, beim Essen etc. einschläft und nur durch kräftiges Kutteln
munter zu ei'halten ist. Bis zum 18. December nimmt die Schwäche
noch zu , sie wird rechts mehr ausgeprägt. Die Schlafsucht dauert fürt.
5. Januar. Ophtalmoskopisch kein entschiedener Befund, P. vielleicht
etwas geröthet, und zwar links ausgespi'ochener. 8. Januar. Vollständige
Wernicke, Lehrbuch der Gehirnki-ankheiten. II. 16
24:2 WeRNICKE, Lehrbiicli der Gehirnkranklieiten.
recbtsseitige Hemij)legie mit etwas herabgesetzter Sensibilität, hält bis zum
18. Januar an, an diesem Tage seheint sie verschwunden, gleichzeitig
hat statt der Apathie eine grosse Eri'egtheit Platz gegriffen, Pt. klagt über
Schmerzen im rechten Beine , der Gesichtsausdruck ist etwas lebendiger.
Abends etwas Fieber, zum ersten Male etwas Tracheairasseln. Der nächste
Tag ist sehr gut, am 20. Januar wieder tiefste Schlafsucht. Wechselndes
Verhalten bis zum T.Februar, wo festgestellt wird, dass die Sensibilität
rechts etwas stumpfer, sonst normal ist, dass die Specialsinne fungiren, die
Intelligenz normal ist, sobald man den Pt. ermuntert hat. Die linke Pu^^ille
ist erweitert. S.Februar. Ophtalmoskopisch unverändert. 10. Februar.
Schwäche und Abmagerung nehmen zu, Incontinenz der Blase stellt sich
ein. Am 15. Februar wird beginnender Decubitus constatirt , am
17. Februar erfolgt der Tod. Die Temperatur schwankte im letzten
Monate zwischen 37,4 und 38,5 , die Erhebung trat beim Erwachen ein.
Der nach dem Tode aus der Blase entnommene Urin enthielt weder Eiweiss,
noch Zucker, es trat aber unter Zusatz alkalischer Kupferlösung ein schwarzer
Niederschlag ein, dessen Natur sich nicht bestimmen liess.
Section. Das centrale Höhlengrau des 3. und 4. Ventrikels dicht
durchsetzt von capillaren Apoplexien. Die Veränderung beginnt vorn
an der vorderen Commissur, bekleidet die Innenwände beider Sehhügel,
nimmt die Taenien des Thalamus , die Zirbeldrüse , Trichter und Tuber
cinereum , sowie die enorm entwickelte mittlere Commissur ein , ferner die
Umgebung des Aquaeductus Sjlvii und den grauen Boden des 4. Ventrikels
bis zur Spitze des Calamus scriptorius. Ausser den punktförmigen Blutungen
erkennt man an der Abbildung eine allgemeine gelb-gi-aue Verfärbung und
eine auffallende Injection der feinen Gefässe. Auf einem Frontalschnitte
der Hirnschenkelgegend, dicht vor dem PonSj ist nach dem Text die untere
Etage — des Fusses — gesund geblieben, nach der Abbildung ist sie links
zum grossen Theil mit ergriffen , im Uobrigen nimmt die vom Vf. als ent-
zündlich aufgefasste Veränderung den ganzen Querschnitt der Haube mit
Eiuschluss des linken Bindearmes ein. Beide Sehhügel sind in ihrer ganzen
Ausdehnung, aber in unregelmässiger Weise ergriffen, so dass zwischen ver-
änderten Partien auch normale sich befinden, links scheint die Veränderung
bedeutender und auch auf die Wand des Seiteuventrikels ausgedehnt.
Mikroskopische Schnitte von der Innenfläche des rechten Sehhügels am frischen
Präparate bestätigten die Auffassung eines entzündlichen Processes. Die
Gefässe wurden sorgfältig untersucht und zeigten keine Veränderung.
§. 48. Diagnose, Prognose, Therapie der Hirneriveiclinng.
J. Diagnose. Für die acut einsetzenden, von Insult be-
gleiteten Fälle von Greliirnerweichung ist zimäclist die Diagnose des
Insultes gegenüber den anderen Zuständen, welche damit verwechselt
WeRNICKE, Lehrlnu'li der Geliirnkrankheiteu. ^-J-''^
i;\-erden können, zu maclieii. Es gelten dafür die in §. 41 gegebenen
Anhaltspunkte. Für dieselben Fälle ist dann weiter die DifFerential-
diagnose zwischen Hirnblutung und Hirnerweicliung erforderlich,
wobei ebenfalls die schon früher entwickelten Gesichtspunkte maass-
2:ebend sind. Ausserdem fällt hier noch besonders das Alter ins
Grewicht, indem ein apoplectischer Anfall bei Jugendlieben Individuen
fast immer als Eweichung zu deuten ist. Von denselben Erwägungen
wird man sich leiten lassen, wenn es sieb um Fälle acut einsetzender
Herderscheinungen bei vorheriger voller Gesundheit handelt.
Nähere Anhaltspunkte für die Diagnose findet man in dem be-
kannten Verhalten der einzelnen bestimmten Formen der Gehirn-
erweichung. Bei der senilen Gehirnerweichung pflegen die ge-
schilderten Prodrome fast nie zu fehlen, ein schwererer i^nfall, der
nach denselben eintritt, wird in Folge dessen leicht richtig zu deuten
sein. Im weiteren Verlauf ist dieser Form ein etappenweises Vor-
schreiten, eine Abwechselung von zeitweiliger Besserung, stationärem
Verhalten, intercurrenten Anfällen von Betäubung oder wirklichem
Insult eigen. Auch die geringeren Grade der Demenz sind in dieser
Combination zu verwerthen. Die syphilitische Gehirnerweichung
theilt die geschilderten Eigenthümliclikeiten in Bezug auf Prodrome
und Verlauf, während -sie dadm'ch, dass sie meist bei jüngeren
Individuen auftritt, sowie durch das bekannte aetiologische Moment
besondere Kennzeichen erhält. Die chronische Gehirnerweichung
kann mit dem Gehirnabscess und dem Gehirntmnor verwechselt
werden. Hauptsächlich unterscheidet sie sich von diesen beiden
durch das Fehlen oder die Geringfügigkeit der Allgemeinerscheinungen,
welche diesen beiden Krankheiten zukommen mid in den betreffenden
Abschnitten noch näher geschildert werden sollen.
Für die Diagnose des Sitzes der Erweiclmngen ist zu
entscheiden, ob die vorhandenen Herdsjmptome directe oder
in dir e et e sind, worüber besonders die Allgemeinerscheinungen
Aufschluss geben. Fehlten dieselben oder waren nur sehr gering,
so hat man es mit directen Herdsymptomen oder solchen, die ihnen
sehr nahe stehen, zu tliun. Waren dagegen die Allgemeinerschei-
nungen erheblich, so hegt die Wahrscheinlichkeit vor, dass ein Theil
der beobachteten Herdsymptome indirect zu Stande kam. Bei der
chronischen Gehirnerweichung bewährt sich diese Regel insofern,
als ihre Symptome sämmtlich direct verursachte sind. Dies ist
übrigens die einzige Form der Erkrankung, in welcher die Täuschung,
16*
244 Werxicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
class gar nicht eine palpable Enveicliung vorliegt, vollständig aus-
geschlossen ist; in allen übrigen Fällen -wird man das Vorkommen
passagerer Herdsjmptome in Beti'acht ziehen müssen. Diese
als solche richtig zu beurtheilen , ist besonders schwierig und man
kann sie höchstens vermuthen auf Grund der Erfahrung, dass sie
besonders gewisse Formen der Erweichung, der senilen und syphi-
litischen z. B., eigen sind. Für ihre Unterscheidung von den indirecten
Herdsjmptomen wird ins Gewicht fallen, dass die letzteren bei einiger
Extensität gewöhnlich unter Insult einzutreten pflegen. Wenn die
Herdsymptome nicht sehr rasch verschwinden und innerhalb der
ersten acht Tage keine erhebliche Besserung erfolgt ist, wird man
ebenfalls ausschliessen können, dass es sich um passagere Herd-
symptome handelt.
In der Verwerthung der directen Herdsymptome werden wir
wie bei der Hirnblutung durch die im ersten Theile auseinander-
gesetzten Verhältnisse der anatomischen Anordnung geleitet; etwaige
Localzeichen im Sinne der auf Seite 341 des ersten Bandes gegebenen
Andeutungen werden liier nutzbar zu machen sein.
Ist der Sitz des Herdes diagnosticirt , so kann er, wo andere
Anhaltspunkte fehlen, zur Entscheidung der Frage beitragen, ob
eine Blutung oder eine Erweichung vorliegt'. Im Gebiete des Hirn-
raantels sind Erweichungen vielfach häufiger als Blutungen. Von
den Gebilden des Hirnstammes wird der Sehhügel selten isolirt von
Erweichungen, dagegen häufig von Blutungen betroffen. Im Pons
sind die Blutungen häufiger, ein Herd in der Oblongata dagegen
ist fast mit Sicherheit als Erweichimg aufzufassen, da Blutungen hier
äusserst selten vorkommen und überlebt werden.
Die Diagnose der haemorrhagischen Poliencephalitis superior
wird nur bei genauer Kenntniss zweier anderer Krankheiten, der
Meningitis und des Hirntumors, mit einiger Sicherheit gestellt werden
können.
II. Prognose. Der Insult, mit welchem die Erweichung
einsetzt, bringt im Allgemeinen geringere Gefahren für das Leben
mit sich, als der der Hirnblutung. Wie schon hervorgehoben, kann
er auch von längerer Dauer sein , ohne das Leben zu gefährden.
Häufig wird jedoch, ganz abgesehen von einem Insult, die Erweichung
durch ihre Localität für das Leben gefährlich, und zwar in den Fällen,
wo das Kleinhirn, der Pons oder die Oblongata betroffen ist. War der
WerniCKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 245-
Insult so bedeutend, dass sich eine Fernwivkung auf die Oblongata
in der Beimischung von Eiweiss und Zucker zum Urin oder schweren
vasomotorischen Erscheinungen kundgiebt, so ist ebenfalls das Leben
unmittelbar bedroht. Abgesehen von diesen Fällen können selbst sehr
ausgedehnte Erweichungen lange Zeit ertragen werden, wenn nicht
ungünstige Complicationen dazu treten. Zu diesen gehören der
maligne Decubitus und die Gelenkentzündungen auf der gelähmten
Seite, welche schon im vorhergehenden Abschnitte behandelt worden
sind. In jedem Stadium der Erweichung kann sich der ungünstige
Ausgang durch ein ph'itzliches , rasches Ansteigen der Temperatur
ankündigen.
Die Prognose der Herdsymptome richtet sich danach, ob
sie direct oder indirect entstanden oder gar als passagere aufzu-
fassen sind. Für die Ausgleichung der directen Herdsymptome
giebt es nur die auf S. 107 des vorhergehenden Abschnittes ent-
wickelten Möglichkeiten.
in. Die Therapie der Hirnerweichung findet in den soge-
nannten Prodromen einen wirksamen Angriffspunkt. Die Betäubungs-
oder Schwindelanfälle mit beschränkten und auch der Intensität nach
nur angedeuteten Herdsymptomen, welche im ersten Stadium der
senilen Gehirnerweichung vorkommen, pflegen auf wiederholte locale
Blutentziehungen am Kopfe zu weichen, L a b o r de *) in seinem werth-
vollen Buche hat darauf besonders aufmerksam gemacht; man kann sich
zu diesem Zwecke der Blutegel oder der Application von Schröpf köpfen
an den Nacken bedienen. Liegt ein ausgeprägter Insult vor, so er-
scheinen locale Blutentziehungen am Kopfe jedenfalls rationell, da
sie die Circulation im Schädelraume günstig beeinflussen können.
Aus demselben Gesichtspunkte wird man Excitantien geben können,
wenn keine Contraindication vorliegt. Den Ausschlag wii'd auch
bei der Behandlung das Urtheil geben, welches man sich über den
speciellen Fall auf Grund des bekannten aetiologischen Momentes
gebildet hat. Liegt ein Herzfehler vor, so ist die äusserste Kühe
indicirt, um das Loslösen neuer Emboli zu verhüten. Bei syphili-
tischer Gehirnerweichung ist das Jodkalium in grossen Dosen mög-
lichst zeitig anzuwenden. Man verschreibt zu diesem Zwecke am
besten eine Lösung von 12 auf 180, wovon also jeder Esslöffel
einen Gramm enthält, und lässt dann jeden EsslöfFel in einem halben.
*) Le ramollissement et la congestion du cerveaii. Paris 1866.
246 Werxicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
Glase Ziickerwasser nehmen, da die Magenschleimhaut die concentrirte,
Lösung nicht gut verträgt. Die Behandlung der Herdsymptome
hat sich nach denselben Grundsätzen zu richten, die für die Herd-
sjmptome bei der Hirnblutung maassgebend waren.
§.49. Anhang über die Gefässversorgimg des Gehirns.
Erst in neuerer Zeit haben zwei Autoren unabhängig von ein-
ander sich mit dieser Frage beschäftigt, Heubner*) und Dur et**).
Beide Autoren stimmen darin überein , dass sie zwei scharf ge-
schiedene Categorien der in die Hirnsubstanz eintretenden Gefässe
annehmen, je nachdem sie für den Hirnstamm oder für den Hirn-
raantel bestimmt sind.
Die Arterien des Hirnstammes entspringen dh'ect, rechtwinklig
abbiegend, von den grossen Gefässstämmen der Hirnbasis , treten
sofort in die Himsubstanz ein und verästeln sich in dieser, ohne
Communicationen mit anderen benachbarten Gefässen einzugehen.
Sie sind also Gefässe 4. Ranges, vom Herzen ab gereclmet, und
Endarterien im Cohnheim'schen Sinne. Xach Heubner ist es
ihre Eigenthümlichkeit, dass sie aus den Anfangsstücken der grossen
Hirnarterien, soweit sie über weisse Substanz hinlaufen, ihren Ur-
sprung nehmen. ,,, ,
I. Aus der kurzen Gabel, welche:. -tob,: den Anfangsstücken
der Art. f. S. einerseits, der Art. corp. call, andererseits (bis zur
Communicans ant.) gebildet wird, stammen nur die Gefässe für die
vordere Hälfte des Hirnstammes, mid zwar ergiebt sich aus den
Heubner 'sehen Injectionen, dass der dem Ram. comm. ant.
nähere Theil der Art. corp. call, die Gefässe abgiebt, welche
1) den Kopf des Seh we if kern s versorgen, dass von dem Winkel
der Gabel die Gefässe für den 2) vorderen Schenkel der
inneren Kapsel, das innerste und mittlere Glied des
Einsenke ms abgehen, von dem mehr lateralen Stück der Art.
f. S. 3) das äussere Glied des Einsenkerns, der Mittel-
theil des Schweifkerns, die ausser e Kapsel versorgt wird.
n. Die Anfangsstücke der hinteren Grossliirnarterien versorgen
die Ganglien der Hirnschenkelhaube. Und zwar scheint die Art.
choroidea und der Ramus commun. post. mehr die vordere, die
*) 1. c.
**) 1. c. Man Tg-l. auch Charcot Leqons etc.
WküNUKE. Lelnlmcli iler Geliinikraukheiteu. ^4<
Art. cer. post. mehr die hinteren Theile der Haubenganglien zu
versorgen. Hier bestehen jedoch Communicationen zwischen den
erwähnten Hauptstänimen. Die einmal in die Gehirnsubstanz ge-
druno-enen abo'ehenden Aeste sind aber wieder Endarterien.
Ganz in derselben Weise werden auch Cliiasma , Hirnnerven,
Pons und Oblongata durch direct ohne Vei-mittelung von Pianetzen
eindringende Seitenzweige der grossen Hauptstämme versorgt.
Ausführlicher sind die Angaben Duret's über die Arterien
des Hirnstamraes. Er unterscheidet folgende: 1) Unconstante Aeste
der Art. corp. call. Sie versorgen nur den Kopf des Schweif-
kerns und machen sehr circurascripte Läsionen, die aber des-
wegen gefährlich sind, weil leicht Durchbruch in den Ventrikel
stattfindet. 2) Von der Art. foss. S. abgehend: a. die artt. striees
internes, gelangen iu das 1. und 2. Glied des Linsenkernes und
die innere Kapsel ; b. die artt. striees externes, deshalb so genannt,
weil sie erst an die Aussenseite des 3. Gliedes des Linsenkernes
gelangen, aber dann bald in die graue Substanz desselben eintreten
und in derselben aufsteigen. Sie zerfallen in ein vorderes Gebiet,
Artt. lenticulo-striees, und ein hinteres Gebiet — Artt. lenticulo-
optiques. Eine Art. lenticulo-striee ist durch ihr Caliber besonders
ausgezeichnet, steigt im 3. Glied des Linsenkerns zum oberen Theil
der inneren Kapsel auf und gelangt in den Schweifkern ; in dem-
selben verläuft sie sehr weit nach vorn. Sie ist die gewöhnliche
Ursache der Hämorrhagien. Die artt. lenticulo - optiques passiren
das hinterste Gebiet der inneren Kapsel und gelangen in die
vorderen äusseren Partien des Sehhügels. Die lenticulo-optiques
sind zugleich optiques anterieures. 3) Die Art. cer. post. versorgt
ausser dem Thal, opticus die Vierhügel und die Haubenregion des
Hirnschenkels. Für den Thal. opt. giebt sie ab: a. eine Art.
optique posterieure interne für die innere Fläche , giebt kleinere,
aber wegen des Durchbruchs gefährliche Hämorrhagien ; b. die
Art. optique post. externe, passirt, ehe sie in den hinteren Theil
des Sehhügels gelangt, erst einen Theil des Hirnschenkels und zieht
diesen bei Blutungen mit hinein.
Die für den Hirn mantel bestimmten Arterien verästeln sich erst
zu secundären und tertiären Zweigen innerhalb der Pia , und erst
von dem so entstandenen Netzwerke treten die ernährenden Ge-
fässe senkrecht in die Hirnsubstanz ein. Auch die Bezirke der
verschiedenen grösseren Arterien communiciren durch Millimeter weite
^48 WERNICKE, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten.
Gefässe — nacliHeubner — sie sind von einander isolirt, also für
sich injicirbar, nach Dur et. Nach der ersteren Anschauung wird
bei Injection eines Gefässes erst das gesanimte Netzwerk der Pia
imd dann erst die grösseren Widerstand bietenden feinen Gefässe
für die Hirnsubstanz selbst injicirt, nach der anderen wird das
eigene Gebiet vollständig, das andere gar nicht oder nur spurweise
injicirt. Duret unterscheidet die Aeste, Verästelungen und Ver-
zweigungen, alle diese stehen in keiner Coramunication mit einander.
Sie liegen in der Pia. Von der inneren Wand dieser Membran
gehen dann zweierlei Gefässe für die Hirnsubstanz ab : lange oder
medulläre und kurze oder corticale. Erstere, 12 oder 15 an der
Zahl auf dem. Durchschnitt einer Windung, dringen vertical 3 — 4 cm
in die Tiefe, bis nahe den Enden der basalen Gefässe vor — ohne mit
ihnen zu communiciren. In diesem schlecht ernährten neutralen
Gebiete entwickeln sich gewisse senile, centrale, lacünäre Er-
weichungen. Die kurzen sind femer und versorgen nur die Rinde
und das angrenzende Mark. Von ihnen geht ein feines arterielles
Maschenwerk aus, das sich in der Rinde verbreitet und besonders
dicht in der Schicht der Nervenzellen angeordnet ist. Durch Ver-
stopfung einer Verzweigung leiden sowohl Rinde wie Mark, es ent-
stellt eine oberflächliche Erweichung, d. h. ein Kegel, die Basis
der Rinde zugekehrt , fällt aus. Die Oberfläche eines solchen
Kegels ist die plaque ja une, wobei die weisse Substanz höchstens
gelblich verfärbt ist.
Zwischen den grösseren Stämmen besteht auch nach Duret
zwar ein Zusammenhang, aber nur durch die feinen Verästelungen
langer oder kurzer Gehirngefässe ; meist füllt man durch Injection
nur die Peripherie eines benachbarten Gefässbezirks. Aus diesem
Umstände erklärt es sich nach Duret, dass öfter nur die centralen
Partien eines solchen Bezirks erAveichen , während die peripheren
von dem Nachbarbezirk aus gefüllt werden. Die Fälle, welche
Heubner anführt, sind nach Charcot nur Ausnahmen.
Die Art. foss. S. theilt sich in 4 — -5 Hauptäste, welche,
nachdem sie an der Insel aufgestiegen sind, an die Convexität ge-
langen. Der erste ist die äussere untere Frontalarterie: sie ver-
sorgt die I. (untere) Stirnwindung und zwar besonders in ihrem
hinteren Theile. Deswegen kommen isolirte Erweichungen der
B r o c a ' sehen Stelle vor , welche nur Aphasie machen. «
Der 2. Ast ist die vordere Centralarterie. Der 3. Ast ist die
Wernicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. 249
hintere Centralarterie. Der 4. Ast versorgt das untere Scheitel-
läppchen und die obere Partie der ersten Schläfewindung , der
5. Ast den grössten noch übrigen Theil der I. und der II. Schläfe-
windung.
Die Art. cerebr. ant. oder corp. call, viel seltener als
die Art. f. S. der Sitz von Aifectionen, theilt sich in 3 Hauptäste.
Der erste versorgt die beiden restirenden Windungen an der
Unterfläche des Stirnlappens , der zweite Gjrus fornicatus und
Balken , III. mid II. Stirnwindung und das obere Ende der
vorderen Centralwindung , der dritte den Praecaneus.
Die Art. cerebr. post. ist seltener als die Art. f. S., aber viel
häufiger als die vorige der Sitz A'on Thrombosen und Embolien.
Sie theilt sich in 3 secundäre Aeste. Der erste versorgt nur den
Haken des Gryr. hippocampi, der zweite den grössten Theil des Grjr.
hippocampi, die Spindel- und den angrenzenden Theil der IL Schläfe-
windung, der dritte das Zungenläppchen, den Zwickel und den
eigentlichen Occipitallappen.
Eine frühere, dankenswerthe Arbeit Duret's""^) giebt uns
ferner Aufschlüsse über die Circulation von Pons und Oblongata.
Am ganzen Hirnisthmus lassen sich drei verschiedene Systeme von
eintretenden Arterien unterscheiden, die medianen, die radiculären
und die übrigen.
I. Die medianen Arterien entspringen mit einemDurchmesser von
V4 — ^le mm aus folgenden grösseren Gefässstämmen : der Art. basilaris
in ihrer ganzen Länge, ihrer obern und untern Bifurcationsstelle
und der Art. spinalis anterior. Sie steigen innerhalb der Raphe
senkrecht und in ziemlich regelmässigen Abständen bis in die Nähe
des grauen Bodens in die Höhe und versorgen mit ihren Endästen
die Nervenkerne und das Ependym des 4. Ventrikels , indem sie
feine Capillarnetze für die einzelnen Nervenkerne bilden. Unter
einander haben sie keine grob sichtbaren Anastomosen , sind also
Endarterien. Für pathologische Fälle kommen die Ursprungsver-
hältnisse der Art. spinalis anterior in Betracht. Sie ist nämlich
bald nur auf einer Seite vorhanden, bald doppelt, bald entsteht
sie zwar durch je einen Ast aus jeder Vertebralis, diese vereinigen
sich aber sogleich zu einem einzigen Stamme. Wenn nur eine
■) Snr 1h distribntion des arteres uourricieres du bulbe rachidien. Arcli .
de physiol. V 1873.
17
^öO Wernicke, Lehrbvich der Gehirnkrankheiten.
vorlianden ist, so entspringt sie am häufigsten aus der linken
Vertebralis , sind zwei vorlianden , so sind sie gewölmlich durch
eine starke Anastomose verbunden und nur die linke liegt in der
Mittelfurche und dient den medianen Arterien zum Ursprung.
Die linke Vertebralis ist gewöhnlich weiter als die rechte, sie ent-
springt ferner von der linken Subclavia, wo dieselbe noch vertical
ist, während die rechte aus dem horizontal verlaufenden Abschnitte
der rechten Subclavia entsteht, sie ist also auch dadurch den Embolien
vom linken Herzen aus zugänglicher.
II. Die Artt. radiculares. An jede Nervenwurzel tritt eine
Arterie von etwa ^Is — ^U mm Durchmesser, die direct aus einem
der grösseren Gefässstämme entspringt , und theilt sich in
einen absteigenden und einen aufsteigenden Ast, von denen der
letztere bis zum Ursprungskerne des Nerven gelangt und in das-
selbe Capillarnetz mündet, das auch von den medianen Arterien
aus versorgt wurde. Jeder Nervenkern hat demnach zwei verschiedene
Bezugsquellen für seine Ernährung, die bei weitem wichtigere ist
indessen die mediane Arterie.
III. Die übrigen Theile des Pons und der Oblongata werden im
Allgemeinen von den je benachbarten grösseren Gefässen versorgt.
Ein bestimmt abgegrenztes Verbreitungsgebiet hat hier nur die
Art. cerebelli inferior. Dieselbe versorgt die Seitentheile der
Oblongata und speciell den unteren Kleinhirnschenkel und lässt
jederseits eine Art. spinalis posterior aus sich entstehen, die zur
Ernährung der neu angebildeten Hinterstränge bestimmt ist. Die
Art. spinalis posterior bleibt in einiger Entfernung von der ]\Iittel-
linie, giebt aber nach einwärts hintere Medianarterien ab, welche
in den Sulcus posterior eintreten und bis zum Centralcanal ge-
langen. Die Spinalis posterior kann von der Vertebralis selbst
entspringen.
Jede Art. cerebelli inferior theilt sich in 3 Endäste, einen
medialen für den Wurm, der mit dem entsprechenden der anderen
Seite anastomosirt, und zwei seitliche. DaA^on versorgt der eine
den inneren Rand, der andere die untere Fläche der Kleinhirn-
hemisphäre. Eine wichtige Varietät der Art. cerebelli inferior ist,
dass sie ausnahmsweise von der Art. basilaris statt von der verte-
Wernicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten. ^51
bralis entspringen und dann einen gemeinschaftlichen Stamm mit
der Art. cerebelli media bilden kann.
Die 3 Artt. cerebelli, die superior, media und inferior, haben
unter einander zahlreiche Anastomosen an der Oberfläche des
kleinen Gehirnes, sie communiciren ausserdem mit der Art. cerebri
posterior.
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